mini|Der Herrschaftsbereich um die Lagune von Venedig um 840 mini|hochkant|Das angebliche Wappen des Dogen „Obeligerio Belinzier“. Mehrere patrizische Familien führten sich auf den Dogen, bzw. seine Familie zurück, darunter die Calbo, Querini und Canal.Andrea Da Mosto: I Dogi di Venezia, Venedig 1939, Nachdruck: Mailand 2003, S. 5. Bei den Wappen frühmittelalterlicher Dogen handelt es sich um bloße Rückprojektionen neuzeitlicher Familienwappen. Die Heraldik setzte erst im 3. Viertel des 12. Jahrhunderts ein. Später wurden auch Wappen an die frühen Dogen vergeben, die nie ein Wappen geführt hatten („fanta-araldica“); dies diente dazu, die Familien dieser Epoche mit möglichst frühen Dogen in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu setzen, was ihnen Ansehen sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss verschaffte. Es wurden also die Wappen der sehr viel späteren Nachfahren dieser Dogen, vor allem seit dem 17. Jahrhundert, auf die angeblichen oder tatsächlichen Mitglieder der (angeblich) seit 697 in Venedig herrschenden Familien zurückprojiziert.„Il presupposto di continuità genealogica su cui si basava la trasmissione del potere in area veneziana ha portato come conseguenza la già accennata attribuzione ai dogi più antichi di stemmi coerenti con quelli realmente usati dai loro discendenti.“ (Maurizio Carlo Alberto Gorra: Sugli stemmi di alcune famiglie di Dogi prearaldici, in: Notiziario dell’associazione nobiliare regionale veneta. Rivista di studi storici, n. s. 8 (2016) 35–68, hier: S. 41). Obelerio Antenoreo († um 829) war nach der venezianischen Tradition, wie die staatlich kontrollierte Geschichtsschreibung der Republik Venedig genannt wurde, der 9. Doge von Venedig. Er war zunächst Tribun von Metamaucum – oft fälschlicherweise mit Malamocco gleichgesetzt – und regierte von 804 bis 810 als Doge die Orte der Lagune von dort aus. In den Quellen erscheint er als Willeri (Fränkische Reichsannalen), auch als Belenger, vor allem aber als Obelerius oder Obelierius. Er war der letzte Doge, der in Metamaucum residierte, alle seine Nachfolger amtierten hingegen vom Dogenpalast aus, im historischen Zentrum Venedigs gelegen.
Obelerius war ein Vertreter einer Anlehnung an das Frankenreich, obwohl der Dukat Venedig zum Byzantinischen Reich gehörte. 804 gelang es ihm, seinen byzanz-freundlichen Vorgänger Iohannes Galbaius nebst seinem Sohn Mauritius (II.) zu stürzen und zur Flucht ins Exil zu zwingen. Die Volksversammlung erhob seine beiden Brüder Beatus und Valentinus zu Mitdogen, sodass von drei Dogen die Rede ist.
805 besuchte er Karl den Großen auf einem Hoftag und vermählte sich dort mit einer fränkischen Frau, deren Name nicht überliefert ist. Konstantinopel, das mit Karl im Streit um die Kaiserfrage lag (Zweikaiserproblem), unterstrich mit drei Flotten-Interventionen seinen Anspruch auf die Lagune von Venedig. Im Zuge der Auseinandersetzungen griff Pippin, einer von Karls Söhnen, Venedig mit einem Reiterheer an. Er konnte alle festen, ufernahen Plätze erobern, doch scheiterte sein Heer nach venezianischer Überlieferung beim Überqueren einer Brücke, mit deren Hilfe er Rialto erobern wollte. Obelerius und Beatus verpflichteten sich womöglich zu einer Tributleistung an König Pippin, der jedoch 810 starb. So gewann Byzanz, das zum letzten Mal seine Flotte in die Lagune steuerte, letztlich die Oberhand. Obelerius und seine Brüder wurden gestürzt.
Rialto wurde infolge dieser Ereignisse 811 zum Sitz des neuen Dogen Agnello Particiaco, des Nachfolgers der drei Brüder. Möglicherweise ging die Initiative aber auch von Beatus aus. Vielleicht erfolgte diese endgültige Verlegung der Residenz, weil Rialto seit Pippin als sicherer galt, womöglich aber auch, weil Obelerius in Metamaucum noch immer eine Machtbasis hatte. Ein Versuch, von dort aus die Macht zurückzugewinnen, scheiterte um 829. Obelerius wurde hingerichtet, Metamaucum niedergebrannt.
Name In der zeitlich nächsten Quelle, den fränkischen Reichsannalen, heißt der Doge Willeri, in Martino da Canales Les Estoires de Venise aus dem 13. Jahrhundert Belenger, sein Bruder Beat.Alberto Limentani (Hrsg.): Martin da Canal, Les estoires de Venise, cronaca veneziana in lingua francese dalle origini al 1275, L. S. Olschki, Florenz 1972 (Digitalisat, hrsg. v. Francesca Gambino im Repertorio Informatizzato Antica Letteratura Franco-Italiana). Obelerius, wie er in den ältesten venezianischen Quellen ab etwa 1000 heißt, wird später auch Hobeliero genannt.
Der sehr viel jüngere Beiname Antenoreo sollte ihn wohl spätestens seit dem 14. Jahrhundert auf den trojanischen König Antenor zurückführen, den legendären Gründer Paduas, das wiederum als Mutterstadt Venedigs gesehen wurde. So heißt es 1362 in der Cronica di Venexia ausdrücklich über die Brüder Obelerio und Beato: „i quali tuti doi funno prenomadi Antenori, im per quelo che propriamente erano discexi li soi antixi del re Antenor hedifficador de Pathavia“, also sinngemäß ‚die alle beide Antenori genannt wurden, weil sie wohl Nachkommen des Königs Antenor waren, des Erbauers von Padua‘ (f. 14 v–15r).Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini - 1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 20. Diese Deutungskette, mit der man sich auf einen der weisesten Trojaner zurückführen konnte, setzte sich durch. Einer der älteren Belege für eine breite Rezeption im deutschsprachigen Raum ist Donato Giannotti, dessen Werke Res publica Venetum, publiziert 1557,Donato Giannotti: Res publica Venetum. Der grossen Commun / der Statt Venedig / ursprung / erbauwung und aufnennung. Ihrer Herrschafft / erweiterung / Regiment / Ordnung unnd Rüstung / Auch einkommens / unnd aufgehens. Unnd wie Sy sich undereinander von irem anfang biß auf dise unser zeit / unzertailt / inn ainigkeit / erhalten haben / unnd noch erhalten. Aus Italienischer sprach verteutscht, Neuburg 1557 (Digitalisat). und Respublica. Das ist: Warhaffte eigentliche und kurtze Beschreibung der herrlichen und weltberümpten Statt Venedig, erschienen 1574,Donato Giannotti: Respublica. Das ist: Warhaffte eigentliche und kurtze Beschreibung der herrlichen und weltberümpten Statt Venedig, Frankfurt am Main 1574, Register (Digitalisat). aus dem Italienischen übersetzt worden waren. Diese Vorstellung einer trojanischen Abstammung hatte lange Bestand. 1702 erschien der Doge als „Obelerius Antenorius“ bei Heinrich Ludwig Gude: Staat der Republique Venedig und Ragusa, 1702.Heinrich Ludwig Gude: Staat der Republique Venedig und Ragusa, Aenger, o. O., 1702, S. 113 (Digitalisat), ebenso wie 1741, verlegt bei Heinsius.Johann Samuel Heinsius der Ältere (Verleger): Genealogisch-historische Nachrichten von den vornehmsten Begebenheiten, welche sich an den europäischen Höfen zugetragen, Theil XXI, Leipzig 1741, S. 31, dort als „Obelerius Antenori“.
Leben und Herrschaft mini|Fränkische Eroberungen zwischen 768 und 816; venezianisches Territorium Nach einer überaus unzuverlässigen Redaktion des Chronicon Altinate aus dem frühen 13. Jahrhundert soll Obelerius der Sohn eines gewissen Egilio oder Eneagilio gewesen sein.Roberto Cessi (Hrsg.): Origo civitatum Italiae seu Venetiarum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense), Rom 1933, S. 132, 155. Möglicherweise liegt hier eine Verwechslung mit dem in der Chronik des Dogen Andrea Dandolo erwähnten Eneaglius vor, dem Vater von Obeliebatus, der als erster Bischof von Olivolo gilt.
Die Herrschaft des Dogen war aufs engste mit den großräumigen politischen Spannungen verknüpft, die als Zweikaiserproblem bekannt sind.Die Darstellung folgt derjenigen von Marco Pozza im Dizionario biografico, Bd. 79 (online). Mit der Kaiserkrönung Karls I., des Königs der Franken, im Jahr 800, hatte das Kaiserreich der Römer neben dem Kaiser in Konstantinopel einen weiteren Kaiser. Diese später als Byzantiner bezeichneten Herrscher sahen sich jedoch als einzig legitime Nachfolger der römischen Kaiser. Daher kam es zu Auseinandersetzungen, die sich bis zum Frieden von Aachen im Jahr 812 hinzogen.
Auf der lokalen Ebene versuchten die beiden Großmächte im Laufe dieses zwölfjährigen Konfliktes Einfluss zu nehmen, während sich in der Lagune entsprechende politische Fraktionen entwickelten, die pro-byzantinisch oder pro-fränkisch agierten. Erstere fanden vor allem in Heracleia Anhänger, der alten, auf dem Festland gelegenen Hauptstadt des Dukats, während letztere Unterstützung durch eine entsprechende Gruppe in Metamaucum fanden, das am Ostrand der Lagune von Venedig lag und wohin sich seit wenigen Jahrzehnten der dortige Herrschaftskern verlagert hatte. Während dieser Auseinandersetzungen war es im Jahr 802 zur Ermordung des Patriarchen von Grado durch den Sohn und Mitdogen Mauritius (II.) auf Befehl seines Vaters Johannes gekommen. Entgegen deren Hoffnungen war damit der Konflikt keineswegs beendet, sondern der Nachfolger des Patriarchen, Fortunatus II., sann auf Rache. Er erhielt vom Frankenkaiser auf einem Tag in Salz zunächst einmal Immunitäten für seine Kirche.
Aber nicht nur zwischen Metamaucum und Grado kam es zum Konflikt, sondern auch zwischen Heracleia und Iesolo. Die Gegner des Dogen Mauritius, seines Sohnes Johannes und seines Enkels Mauritius (II.), die allesamt mitregierten, sammelten ihre Kräfte in Treviso auf fränkischem Gebiet. Dort erhoben sie nach dem Sturz der drei Dogen – Vater, Sohn und Enkel –, die ins Exil gingen, im Jahr 804 einen Tribunen von Metamaucum namens Obelerius zu ihrem Führer. Dieser wurde zum Dogen gewählt. Der neue Doge ging ‚kühn nach Venedig‘, wie Johannes Diaconus vermerkt.„Tunc hisdem Obelierius audacter Veneciam intravit“ (Johannes Diaconus, ed. Berto, ii, 24). Mit dieser Machtübernahme hätten die Tribunen noch einmal erwiesen, welch wichtige Rolle sie für die Existenz der Gemeinde gehabt und wie viel Macht sie noch immer innegehabt hätten.Nicola Bergamo: Venezia bizantina, Helvetia editrice, Spinea 2018, S. 104.
Obelerius erhob seinerseits Verwandte zu Mitregenten, allerdings nicht, wie sein Vorgänger, aus seiner Nachkommenschaft, sondern er ließ zunächst seinen Bruder Beatus wählen, der wiederum, wenn auch vielleicht nur nach außen, gemäßigt byzanzfreundlich auftrat. Nach einer fälschlicherweise dem Chronisten Enrico Dandolo – nicht zu verwechseln mit dem Dogen Enrico Dandolo – zugewiesenen Chronik aus dem späten 14. Jahrhundert war Obelerio wegen seiner tyrannischen Art verhasst, während sich sein Bruder wegen seiner Güte großer Beliebtheit erfreute.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini – 1362, Centro di Studi Medievali e Rinascimentali «Emmanuele Antonio Cicogna», Venedig 2010, S. 20 f.
Die beiden Brüder zwangen Heracleia zur Unterwerfung, und ihre Oberhäupter wurden genauso als Geiseln zur dauerhaften Anwesenheit in Metamaucum veranlasst, wie diejenigen von Iesolo. Patriarch Fortunatus nahm zwar seinen Sitz in Grado wieder ein, doch musste er wegen der Gegnerschaft des Obelerius Monate warten, bevor er die Lagune betreten durfte. Dies, obwohl die beiden Männer ähnliche politische Interessen vertraten, wurde auch so gedeutet, dass Obelerius es nur nicht gewagt habe, dem offenen Frankenfreund die Rückkehr in die Lagune zu gestatten.