Die Finnland-Intervention deutscher Truppen (März bis Dezember 1918) entschied den Finnischen Bürgerkrieg zugunsten der konservativ-gegenrevolutionären Weißen Armee. Darüber hinaus verfolgte die deutsche Führung mit dem Vorstoß das Ziel, Finnland dauerhaft aus dem russischen Einflussbereich zu lösen und stattdessen fest in den nach dem Frieden von Brest-Litowsk durch das Deutsche Reich dominierten Ostseeraum zu integrieren. Die Anwesenheit deutscher Truppen sicherte im Oktober 1918 die Wahl des Prinzen Friedrich Karl von Hessen-Kassel-Rumpenheim zum finnischen König. Der Abtransport der deutschen Ostsee-Division im Dezember 1918 zog die Abdankung Friedrich Karls und den Sturz der deutschfreundlichen Regierung Svinhufvud nach sich. Damit setzten sich zuletzt jene politischen Kräfte in Finnland durch, die eine Anbindung an Großbritannien und Frankreich bzw. die Neutralität des jungen Staates befürworteten. mini|Offiziere der Ostsee-Division in Finnland

Hintergrund Das Großfürstentum Finnland, dessen politischer und wirtschaftlicher SonderstatusSiehe dazu sehr ausführlich Julius Bachem (Hrsg.): Staatslexikon. Vierter Band (Patentrecht bis Staatsprüfungen). 3. neubearbeitete und 4. Auflage. Freiburg i. B. 1911, Sp. 812–820. innerhalb des Russischen Reiches seit der Jahrhundertwende wiederholt infrage gestellt worden war, zog bereits unmittelbar nach Kriegsbeginn die Aufmerksamkeit der deutschen Politik auf sich. Die finnischen Autonomiebestrebungen und der bereits vorhandene deutsche Einfluss in Finnland – seit 1905 dominierten Importe aus Deutschland den finnischen AußenhandelManfred Menger: Die Finnlandpolitik des deutschen Imperialismus 1917–1918. Berlin 1974, S. 19. 1908 kamen 40,2 % der finnischen Einfuhren aus Deutschland, während 10,5 % der Ausfuhren ebendorthin gingen. Siehe Bachem, Staatslexikon, Sp. 819. – schienen einen vielversprechenden Ansatzpunkt für die Desintegration des Zarenreiches im Allgemeinen und die Schwächung der russischen Position im Ostseeraum im Besonderen zu bieten. Am 6. August 1914 wies Reichskanzler Bethmann Hollweg den deutschen Gesandten in Stockholm an, Kontakte mit einflussreichen Finnen aufzunehmen und auf sie im Sinne einer „Zurückwerfung des russischen Despotismus auf Moskau“Zitiert nach: Menger: Finnlandpolitik. S. 17. einzuwirken. Allerdings blieb diesen und den nachfolgenden ähnlichen Bemühungen bis zu der durch die russischen Revolutionen des Jahres 1917 eintretenden völligen Neuordnung der Verhältnisse ein wirklicher Durchbruch versagt. Das lag nicht zuletzt an der trotz wiederholter Bitten der finnischen Kontaktpersonen aufrechterhaltenen deutschen Weigerung, sich öffentlich und verbindlich für die Unabhängigkeit Finnlands auszusprechen. Die Reichsleitung lehnte dies ab, da sie lange auf einen Sonderfrieden mit Russland spekulierte.Menger: Finnlandpolitik. S. 33. Folglich blieb die Mehrheit der finnischen Führungsschicht gegenüber den deutschen Initiativen reserviert, zumal sie es für unwahrscheinlich hielt, dass Deutschland Russland den Frieden würde diktieren können. Sie setzte auf die Westmächte, von denen sie in der finnischen Frage eine mäßigende Einwirkung auf den russischen Bundesgenossen erwartete.Menger: Finnlandpolitik. S. 49. Die starke Sozialdemokratische Partei Finnlands (SDP), in der der linke Flügel dominierte, setzte ihre Hoffnungen auf eine Revolution in Russland und ließ sich nicht auf die – auch über Vertreter der SPD unternommenen – deutschen Annäherungsversuche ein.Menger: Finnlandpolitik. S. 53 f.

Zu bedingungslosen Parteigängern der deutschen Interessen in Finnland wurden lediglich die Anhänger der 1904/1905 entstandenen radikal nationalistischen und antisozialistischen Aktivisten-Bewegung.Menger: Finnlandpolitik. S. 40 ff. Diese Strömung unterhielt in Berlin eine von dem finnischen Anwalt Friedrich Wetterhoff diplomatieglobal.de geleitete Finnländische Kanzlei (seit Ende 1916 Finnländisches Büro).Menger: Finnlandpolitik. S. 44. Aus diesem Kreis heraus wurde schon im Herbst 1914 gegenüber deutschen Vertretern ein „Fürstentum Finnland“ mit einem Hohenzollern-Prinzen an der Spitze ins Gespräch gebracht.Menger: Finnlandpolitik. S. 42. Einzelne Aktivisten verhandelten auch mit dem Herzog Adolf Friedrich zu Mecklenburg über eine Thronkandidatur. Bis zum Herbst 1917 blieb diese Strömung allerdings ein Außenseiter des politischen Spektrums in Finnland. Weitreichende Konsequenzen hatte lediglich die maßgeblich von den Aktivisten betriebene Rekrutierung von Freiwilligen (insgesamt 1.886 Mann) für die militärische Ausbildung in Deutschland, der die deutschen Stellen am 26. Januar 1915 zugestimmt hattenMenger: Finnlandpolitik. S. 46. (vgl. Königlich-Preußisches Jägerbataillon Nr. 27). Die Aktivisten waren zwar überzeugt, dass eine Unabhängigkeit Finnlands nur durch einen bewaffneten Aufstand zu erreichen war, waren sich aber auch darüber klar, dass ein solcher ohne Unterstützung durch deutsche (oder schwedische) Truppen völlig aussichtslos war. Folgerichtig wiesen sie die regelmäßig wiederholten deutschen Aufforderungen zu einem selbständigen finnischen Losschlagen zurück.Menger: Finnlandpolitik. S. 41, 54 (Fußnote 74). Im Übrigen betätigten sich einzelne Aktivisten als deutsche Agenten, klärten militärische Bewegungen auf, zerstörten russisches Kriegsmaterial oder verhalfen deutschen Kriegsgefangenen zur Flucht nach Schweden.Menger: Finnlandpolitik. S. 48 f.

Erst nach der russischen Februarrevolution unternahm die deutsche Führung erste konkrete Schritte, um eine militärische Intervention in Finnland vorzubereiten. Das Jägerbataillon Nr. 27 wurde seit Ende März 1917 in Libau verladefertig gehalten, in Danzig ließ die OHL die komplette Ausrüstung für eine finnische Armee von 100.000 Mann – Rangabzeichen mit dem finnischen Löwen und finnische Kokarden inklusive – bereitlegen.Menger: Finnlandpolitik. S. 55. Gleichzeitig wurde von deutschen Vertrauensleuten in Finnland eine offiziöse Erklärung verbreitet, in der es erstmals hieß, es sei „deutsches Interesse, dass Finnland womöglich in den Besitz der vollen Selbständigkeit gelangt.“Zitiert nach: Menger: Finnlandpolitik. S. 55. Die deutschen Hoffnungen auf eine antirussische Erhebung in Finnland und eine damit einhergehende „Einladung“ deutscher Truppen wurden jedoch erneut enttäuscht.Menger: Finnlandpolitik. S. 56. Die revolutionäre Krise im Zarenreich lockerte zwar den Zugriff der Zentrale auf die nichtrussischen Randregionen, führte aber insbesondere im Falle Finnlands zugleich dazu, dass dem finnischen Bürgertum und den Großgrundbesitzern angesichts des parallelen Aufschwungs der finnischen Arbeiterbewegung (die Mitgliederzahl der SDP stieg 1917 auf über 100.000 – in einem Land mit weniger als 3 Millionen Einwohnern) noch weniger als zuvor der Sinn nach einer Schwächung der bestehenden staatlichen Strukturen stand. Im Gegensatz zur SDP drangen die bürgerlichen Parteien im finnischen Landtag nun sogar darauf, die im Juli einseitig beschlossene neue Autonomieregelung mit der russischen Provisorischen Regierung abzustimmen. Eine völlige Unabhängigkeit lehnten sie jetzt entschieden ab, da dies den von der Sozialdemokratie beherrschten Landtag zur alleinigen politischen Autorität in Finnland gemacht hätte.Menger: Finnlandpolitik. S. 61 f. Diese Zusammenhänge wurden von den deutschen Verantwortlichen nicht erkannt, weshalb sie ihren finnischen Kontaktleuten wiederholt deren vermeintliche „Schlappheit“ vorhielten.

Die im August durch die Provisorische Regierung verfügte Auflösung des Landtages und die anschließenden Neuwahlen am 2. Oktober 1917 – bei denen die SDP ihre Mehrheit gegen die im Zeichen der „roten Gefahr“ zusammengeschlossenen bürgerlichen und Agrarier-Parteien einbüßte – waren wesentlich durch bürgerliche finnische Politiker angeregt worden.Menger: Finnlandpolitik. S. 62. Die neue Parlamentsmehrheit verständigte sich mit der Provisorischen Regierung auf einen Verbleib Finnlands unter russischer Oberhoheit. Der Sturz dieser Regierung (vgl. Oktoberrevolution) führte allerdings erneut einen dramatischen Perspektivenwechsel herbei und brachte den deutschen Einfluss, der zu diesem Zeitpunkt nahezu ausgeschaltet schien, wieder ins Spiel. Die neue, am 26. November 1917 vom Landtag gewählte Regierung unter Pehr Evind Svinhufvud – einem erklärten Parteigänger Deutschlands – nahm sofort Kurs auf die völlige Lostrennung von Russland und eine enge Anlehnung an Deutschland. Der sowjetrussische Rat der Volkskommissare akzeptierte am 31. Dezember 1917 die am 6. Dezember beschlossene Unabhängigkeitserklärung Finnlands.Menger: Finnlandpolitik. S. 90. Die in der Folge durch die Svinhufvud-Regierung bewusst herbeigeführte Eskalation der innerfinnischen Konflikte und der daraus resultierende Bürgerkrieg öffneten schließlich den deutschen Truppen den Weg nach Finnland.

Verlauf

Politische und militärische Vorbereitung Bereits am 12. November 1917 ging dem Auswärtigen Amt ein Memorandum finnischer bürgerlicher Politiker zu, das als Aufforderung zur Intervention zu verstehen war. Darin hieß es unter anderem:

Diese Vorstöße wurden bis Ende November mehrfach schriftlich und mündlich sowohl im Auswärtigen Amt als auch bei der OHL wiederholt. Die deutschen Vertreter drängten bei diesen Gesprächen aus innen- und außenpolitischen Gründen darauf, dass von finnischer Seite durch Regierung und Landtag öffentlich um eine deutsche Intervention gebeten werde.Menger: Finnlandpolitik. S. 75 f. Ohne dass dies erfolgt wäre, brachte ein deutsches Unterseeboot Ende November ein Vorkommando des Jägerbataillons sowie Ausrüstungsgegenstände, Waffen und Funkgeräte an die finnische Südküste.Menger: Finnlandpolitik. S. 77.

Nachdem im Januar 1918 ganz Südfinnland an die revolutionären Kräfte gefallen war, wollte die OHL, die die unmittelbar bevorstehende Rückkehr des Landes in den russischen Einflussbereich befürchtete, sofort einen größeren Truppenverband in die Region entsenden. Dies erklärte der Admiralstab aufgrund der klimatischen Verhältnisse und der noch nicht aufgeklärten bzw. geräumten Minenfelder in der nördlichen Ostsee allerdings für unmöglich.Menger: Finnlandpolitik. S. 112. Der am 13. Februar 1918 in Bad Homburg vor der Höhe tagende Kronrat beschloss, unabhängig von der weiteren Entwicklung des Verhältnisses zu Sowjetrussland – die Verhandlungen in Brest-Litowsk waren am 10. Februar abgebrochen worden – in jedem Falle Ende März (laut Admiral von Holtzendorff der frühestmögliche Termin) in Finnland zu intervenieren. Die nach Vaasa ausgewichene weißfinnische Rumpfregierung wurde aufgefordert, deutschen Stellen eine Erklärung zu übergeben, in welcher „unter Berufung auf die herrschende Anarchie und dauernde Gefährdung von Leben und Eigentum unsere Intervention zur Herstellung der Ordnung“Zitiert nach: Menger: Finnlandpolitik. S. 113. erbeten werden sollte. Bereits am 14. Februar legte der finnische Vertreter in Berlin, Edvard Hjelt, das gewünschte Dokument „im Namen des finnischen Volkes und Staates“ vor.Menger: Finnlandpolitik. S. 115. Am 21. Februar wurde in einem ersten öffentlichen Schritt von der Sowjetregierung ultimativ der sofortige Abzug aller noch in Finnland verbliebenen russischen Truppen verlangt.Menger: Finnlandpolitik. S. 108.

Zusätzlich beschleunigt wurden die deutschen Vorbereitungen durch die am 14. Februar erfolgende überraschende Landung schwedischer Truppen auf den Åland-Inseln. Auf deutscher Seite wurde vermutet, dass die Entente-Mächte Schweden zu diesem Schritt ermuntert hätten.Menger: Finnlandpolitik. S. 127. Man entschied daher drei Tage später, vor dem Einschreiten auf dem finnischen Festland auch diese strategisch wichtige Inselgruppe zu besetzen.Menger: Finnlandpolitik. S. 129. Für die Abwicklung des Gesamtunternehmens wurde am 25. Februar die Aufstellung der etwa 11.000 Mann starken, direkt der OHL unterstehenden sogenannten Ostsee-Division befohlen. Hierfür wurden großenteils ausgewählte Eliteverbände herangezogen.Menger: Finnlandpolitik. S. 130, 189.