Nachts, wenn der Teufel kam (alternativ Nachts wenn der Teufel kam) ist ein in Schwarzweiß gedrehter deutscher Kriminalfilm von Robert Siodmak aus dem Jahr 1957. Das Drehbuch orientiert sich an einer Artikelserie von Will Berthold über den angeblichen Serienmörder Bruno Lüdke, der im Film von Mario Adorf verkörpert wird. Die weiteren Hauptrollen sind mit Claus Holm und Hannes Messemer sowie Peter Carsten, Karl Lange, Werner Peters und Annemarie Düringer besetzt.
Der Film war mit der Absicht gedreht worden, Machenschaften in der Zeit des Nationalsozialismus offenzulegen. Allerdings war Lüdke, der im Film als Serienmörder dargestellt wurde, in der Realität unschuldig und sogar in mehrfacher Hinsicht Opfer des Nationalsozialismus. Später distanzierte sich der Darsteller Lüdkes, Mario Adorf, vom Film.
Handlung Deutschland befindet sich im Kriegsjahr 1944. Der Parteifunktionär Willi Keun ehrt eine Sportgruppe des Bundes Deutscher Mädel. Keun führt die Veranstaltung sehr oberflächlich durch und besucht danach seine Geliebte Lucy, die in einer Hafenkneipe bedient. Sie hatte kurz zuvor den Hilfsarbeiter Bruno Lüdke bedient. Dieser fällt auf, weil er unbändig isst und Lucy mit dem Entkorken von Flaschen mit nur einem Finger zu beeindrucken versucht.
Als Keun sich Lucy von hinten nähert, um ihr an den Busen zu fassen, kratzt sie ihm die Hände blutig in der Annahme, es handele sich um ihren Chef. Keun und Lucy verabreden sich für den Abend in Lucys Wohnung. Dort wird im Gespräch zwischen Keun und Lucy deutlich, wie wenig beide von den Schlagworten der NS-Ideologie noch überzeugt sind. Keun betrinkt sich und redet sich halbherzig heraus, nicht an der Front kämpfen zu können, weil er sich als Kind den linken Daumen an einer Kreissäge abgeschnitten habe. Lucy gesteht, rationierte Lebensmittel in einem unauffälligen Kinderwagen unter der Treppe im Hausflur zu horten. Sie macht sich auf den Weg, eingemachte Schattenmorellen zu holen.
Im dunklen Flur lauert ihr Lüdke auf und erwürgt sie. Er schleift die Leiche in den Flur ihrer Wohnung. Als die Bewohner des Hauses wegen eines Luftschutzalarmes durch den Hausflur flüchten, entdeckt der Luftschutzwart Lucys Leiche. Der betrunkene Keun gerät in Verdacht, die Tat begangen zu haben, auch weil seine Hände Kratzspuren aufweisen. Ein Pflichtverteidiger, der Keun gemeinsam mit Kriminalkommissar Axel Kersten in der Zelle aufsucht, zeigt nur wenig Engagement, ihn angemessen zu verteidigen, auch da er offensichtlich davon überzeugt ist, dass Keun die Tat begangen hat. Kersten hingegen äußert gegenüber Keun, dass er ihn für unschuldig halte.
Kriminalkommissar Kersten, der wegen einer Granatsplitterverletzung kriegsuntauglich ist, widmet dem Fall seine besondere Aufmerksamkeit. Besondere Umstände weisen darauf hin, dass der Mörder äußerst kräftig sein muss. Der Kommissar ermittelt zügig, dass es weitere Verbrechen mit ähnlichem Tathergang gibt. Kersten glaubt, dass die Tat von einem Serienmörder verübt worden ist, der bereits seit elf Jahren sein Unwesen treibt.
Die Vorstellung, dass der Täter jemand sein könnte, der nach der nationalsozialistischen Rassentheorie als minderwertig gilt, gefällt SS-Gruppenführer Rossdorf. Er sucht ein öffentlich abschreckendes Beispiel für die Richtigkeit dieser Rassenlehre. Ein solches Beispiel soll sein Anliegen untermauern, ein Gesetz zur Eugenik zu lancieren. Kersten steht dem ablehnend gegenüber und verweist auf seiner Ansicht nach „geeignetere“ Beamte, die Rossdorfs Anliegen verwirklichen könnten. Rossdorf ignoriert Kerstens ablehnende Haltung, ermutigt ihn, den Mörder zu finden, und sichert ihm jede Unterstützung zu.
Nach langwierigen Ermittlungen kann Kommissar Kersten den unzurechnungsfähigen Lüdke tatsächlich überführen. Dieser gesteht zahlreiche weitere Morde an Frauen, die er zu seinem Zeitvertreib umgebracht habe. Doch SS-Gruppenführer Rossdorf zeigt sich, nach einem Besuch bei Adolf Hitler, gegenüber dem Kommissar von einer ganz anderen Seite: Der „Führer“ sei zu dem Entschluss gekommen, den Fall Lüdke nicht wie geplant propagandistisch zu nutzen. Ganz im Gegenteil sollen die Taten und die Existenz des Mörders verheimlicht werden, da es im Dritten Reich nicht möglich sein dürfe, dass ein debiler Massenmörder, der weder ein Jude noch ein Ausländer ist, jahrelang unentdeckt und ungestraft hat morden können.
So wird Keun doch noch als Täter verurteilt und „auf der Flucht erschossen“, Lüdke hingegen ohne Gerichtsverfahren umgebracht. Kommissar Kersten, der gegen dieses Vorgehen protestiert und die Wahrheit ans Licht bringen will, wird degradiert und als Soldat an die Front geschickt. Am Bahnhof verabschiedet sich Kersten von der Kriminalassistentin Helga Hornung, die ihm mehr als nur eine liebe Freundin geworden ist. Sie bittet ihn, gesund und vor allem bald zurückzukommen. Major Thomas Wollenberg, ein entfernter Verwandter Helgas, passt sie am Bahnhof ab und teilt ihr mit, dass die Gestapo bereits in ihrer Wohnung auf sie warte. Sie solle ohne viel Aufhebens in seinen wartenden Wagen steigen, dann sei man am Nachmittag schon in Stockholm.
Produktion
Produktionsnotizen, Dreharbeiten Der Film wurde von der Produktionsfirma KG Divina GmbH & Co. hergestellt. Die Firma gehörte Ilse Kubaschewski, die zugleich Inhaberin der Gloria-Film GmbH & Co. Filmverleih KG war. Die Drehzeit erstreckte sich über den Zeitraum Juni bis Juli 1957. Die Außenaufnahmen entstanden im Raum Baldham, in München und Berlin-West, die Atelieraufnahmen im Divina-Studio Baldham. Für die Filmbauten waren Rolf Zehetbauer und Gottfried Will verantwortlich.
Hintergrund Das Drehbuch beruht auf der 1956 erschienenen gleichnamigen Artikelserie in der Münchner Illustrierten von Will Berthold über den angeblichen Serienmörder Bruno Lüdke. Mario Adorf hatte darüber hinaus Teile der historischen Polizeiakten zur Verfügung, die ihm aus der DDR zugespielt worden waren. Der Wahrheitsgehalt der Drehbuchvorlage wurde nicht weiter hinterfragt. Regisseur Siodmak ging es nach eigener Aussage darum, aus dem Stoff „einen wirklichen Anti-Nazi-Film zu machen“.Axel Dossmann, Susanne Regener: Schauen Sie mal böse! In: TAZ. 8./9. September 2007. (axel-dossmann.de, PDF; 1,5 MB, abgerufen am 17. April 2019)
Robert Siodmak führte in seiner Autobiografie explizit aus, dass von all seinen nach Verlassen der USA gedrehten Filmen ihn nur Nachts, wenn der Teufel kam und die Gerhart-Hauptmann-Verfilmung Die Ratten mit Stolz erfüllt hätten. In seinen Memoiren Zwischen Berlin und Hollywood schrieb Siodmak: „Ich hatte Mario Adorf in den Kammerspielen gesehen. ‚Die Caine war ihr Schicksal‘ wurde aufgeführt. Mario Adorf hatte kein Wort zu sprechen. Er saß auf der rechten Bühnenseite als Stenograph und tippte auf einer stummen Schreibmaschine den Verlauf des Prozesses mit. Das machte er mit einer solchen Aufmerksamkeit und Intensität, daß er mir – und wahrscheinlich nicht nur mir allein – auffiel und ich mich bereits damals entschloß, ihn eines Tages zu besetzen.“ Siodmak engagierte Adorf sodann vom Fleck weg für „die Rolle des naiv-brutalen Massenmörders Bruno Lüdke“. Meinolf Zurhorst und Heiko R. Blum führten dazu in der Biografie der Heyne-Filmbibliothek Mario Adorf – Seine Filme – sein Leben aus, das sei „ein Glücksfall für Adorf, für Siodmak und für den Münchener Gloria-Filmverleih“ gewesen, „denn der junge Schauspieler“ habe „ein besonderes Gespür für die Realität“ gehabt. „Vor Drehbeginn“ habe Adorf sich „über einen Packen von Akten und Dokumenten“ hergemacht und versucht, „die historische Figur des Bruno Lüdke zu erfassen, sie zu etwas ganz Persönlichem zu machen“.Heyne-Filmbibliothek 32/176 Meinolf Zurhorst, Heiko R. Blum: Mario Adorf. Seine Filme – sein Leben. Wilhelm Heyne Verlag, München 1992, S. 11, 12, 22, 23, 42.
Für Adorf blieb die Erinnerung an den Film immer „mit einem Wermutstropfen“ verbunden, da „eine der entscheidenden Szenen des Films der Verleihschere zum Opfer fiel: die eigentliche Schlüsselszene, die die Verbrechen des kranken Mörders Bruno mit dem großangelegten Vernichtungsprogramm des Nationalsozialismus konfrontiert“. In einem Interview betonte Adorf, dieser Film sei „wichtig“ für ihn gewesen. Später bereute Adorf seine Rolle, weil er an einem „Propagandawerk“ mitgewirkt hatte, das aus einem Opfer der nationalsozialistischen Justiz ein Monstrum gemacht hatte. Am 28. August 2021 legte er zusammen mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier Blumen an dem Lüdke gewidmeten Stolperstein in Berlin-Köpenick nieder.https://web.de/magazine/unterhaltung/filme-serien-kino/rolle-mario-adorf-spaeter-zutiefst-bereute-42103722 (abgerufen am 11. April 2026).
Veröffentlichung, Erfolg Die Uraufführung des Films fand am 19. September 1957 in Essen (Capitol, Alhambra) statt.Robert Siodmak, Hans C. Blumenberg (Hrsg.): Zwischen Berlin und Hollywood. Erinnerungen eines großen Filmregisseurs. Herbig, München 1980, ISBN 3-8004-0892-9, S. 232–235.
Die in Ost-Berlin wohnenden Schwestern Bruno Lüdkes beantragten im Februar 1958 eine Einstweilige Verfügung gegen den Spielfilm. Das Hamburger Oberlandesgericht entschied jedoch, Lüdke habe sich durch seine Geständnisse als Person der Zeitgeschichte etabliert, die keines Schutzes bedürfe.Axel Dossmann, Susanne Regener: Schauen Sie mal böse! In: TAZ. 8./9. September 2007. (axel-dossmann.de, PDF; 1,5 MB, abgerufen am 17. April 2019)
Veröffentlicht wurde der Film zudem 1958 in Schweden und Finnland, 1959 in den Vereinigten Staaten, Frankreich und Argentinien sowie 1960 in Dänemark und 2008 in Spanien. Zu sehen war er außerdem in Brasilien, Norwegen, Polen, Jugoslawien, Griechenland und in Italien. Die englischen Titel lauten: The Devil Came at Night und The Devil Strikes at Night.
Der Film erschien mehrfach auf DVD, so bei Studiocanal im Mai 2003, sowie innerhalb der „Zweitausendeins Edition Deutscher Film“Nachts, wenn der Teufel kam Abb. DVD-Hülle Zweitausendeins Edition „Der deutsche Film 2/1957“ (im Bild: Margaret Jahnen, Mario Adorf) und Ende September 2017 bei Alive innerhalb der Reihe „Juwelen der Filmgeschichte“.Nachts wenn der Teufel kam Abb. DVD-Hülle Filmjuwelen (im Bild: Mario Adorf, Claus Holm, Peter Carsten)
Nachts, wenn der Teufel kam erhielt positive Kritiken und viele Auszeichnungen. Nach Verleihung des Bundesfilmpreises wurde der Film zu einem Publikumserfolg in kleineren Kinosälen. Die Rolle des Bruno Lüdke verhalf Mario Adorf zum Durchbruch, legte ihn aber zugleich jahrelang als „Schurken“-Darsteller fest.
Im deutschen Fernsehen wurde der Film erstmals am 17. August 1970 im Abendprogramm des ZDF ausgestrahlt.Nachts, wenn der Teufel kam. In: Der Spiegel. Nr. 34, 17. August 1970. (spiegel.de)
Rezeption
Kritiken Die zeitgenössischen Kritiken überschlugen sich, der Film bedeutet den Durchbruch für Mario Adorf als Schauspieler, zehn Bundesfilmpreise dokumentieren den Erfolg der Verfilmung, einer davon für den Debütanten Adorf. Das deutsche Publikum allerdings reagierte „zunächst eher zögerlich“: „Bei der Premiere in einem riesigen Essener Kino waren die Stars fast unter sich.“ […] „Erst nach der offiziellen Anerkennung, nach der Verleihung der Bundesfilmpreise, ändert sich das Verhalten des Publikums. Der Film wird doch noch zum Erfolg.“
Die Filmzeitschrift Cinema lobte: „Unverhohlene Abrechnung mit der Nazizeit.“