Die Weinraute oder Gartenraute (Ruta graveolens), kurz auch Raute genannt, ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Rauten (Ruta) innerhalb der Familie der Rautengewächse (Rutaceae). Sie zählt zu den Gewürzpflanzen sowie zu den traditionellen pflanzlichen Heilmitteln und wird manchmal als Zierpflanze angebaut.
Wortherkunft Der Pflanzenname „Raute“ (kurz für Weinraute), über mittelhochdeutsch rūte entlehnt von lateinisch ruta bzw. (wie bei Dioskurides, der die Raute [oder die Gelbe Wiesenraute]) in seiner Materia medica (auch als peganon bezeichnete) griechisch rute (Weinraute), ist möglicherweise abgeleitet von indogermanisch srū- (‚sauer‘, ‚herb‘) im Zusammenhang mit dem bittersüßen Aroma der Pflanze. Der botanische Artname „graveolens“ ist zusammengesetzt aus lateinisch gravis (‚stark‘) und olere (‚riechen‘) in Bezug auf den stark aromatischen Duft der Weinraute.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 16, 20, 24, Anm. 41, und S. 112.
Beschreibung mini|links|Laubblatt mini|Einzelblüte mini|Blüten mini|Kapselfrüchte und Samen Vegetative Merkmale Die Weinraute ist ein Halbstrauch mit am Grunde schwach verholzenden unteren Zweigen, der Wuchshöhen von meist 30 bis 50, selten bis zu 100 Zentimetern erreicht.
Die fein geteilten Laubblätter sind zwei- bis dreifach fiederschnittig und die Blattzipfel sind spatelförmig mit stumpfem oder mit kleinem Spitzchen. Die Laubblätter sind durch Ölzellen durchscheinend punktiert. Sie fallen durch ihre blaugrüne Farbe auf, die auf „Bereifung“ mit einer Wachsschicht beruht.
Generative Merkmale Die Blütezeit reicht von Juni bis August oder November. Der reichblütige trugdoldige Blütenstand ist ein rispiges Pleiochasium. Die fast geruchlosen Blüten sind zwittrig. Die seitlichen Blüten sind vierzählig und die endständigen fünfzählig. Blütenachse bildet ein ringförmiges Polster. Die Kronblätter sind bei einer Länge von 7 bis 10 Millimetern löffelartig und etwas gezähnt. Die Blütenkrone ist grünlich-gelb, mattgelb bis gelb.
Die bei einem Durchmesser von etwa 1 Zentimeter kugelförmigen Kapselfrüchte sind vier- bis fünffächrig.
Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 72 oder 81.
Ökologie Alle Pflanzenteile der Rauten-Arten besitzen zahlreiche Öldrüsen, die ätherische Öle enthaltenKarl-Heinz Kubeczka: Die ätherischen Öle verschiedener Ruta-Arten. In: Herba hung. Band 10, Nr. 2–3, 1971, S. 109–118. und den sehr intensiven Geruch der Pflanze hervorrufen. Die etwas derben Laubblätter schmecken leicht bitter, im durchscheinenden Licht kann man ihre Öldrüsen gut erkennen.
Blütenökologisch handelt es sich bei den streng vormännlichen Blüten um „Nektar führende Scheibenblumen“. Der Nektar ist offen zugänglich, er hat einen Zuckergehalt von 55 % und wird von einem gut sichtbaren Diskus abgeschieden. Die Weinraute ist eine Pollenblume, deren Staubblätter auffällige autonome Bewegungen ausführen, sie nehmen der Reihe nach eine Stellung ein, wo sich später die Narben befinden, das soll offenbar ihre Schaufunktion unterstützen. Bestäuber sind vor allem Zweiflügler und Hautflügler. Auch spontane Selbstbestäubung ist möglich.
Die Kapselfrüchte fungieren als Austrocknungsstreuer.
mini|Natürliches Verbreitungsgebiet
Vorkommen Das natürliche Verbreitungsgebiet der Weinraute ist Südeuropa, der östliche Mittelmeerraum, die Balkanhalbinsel und die Krim. In Mitteleuropa ist sie meist nur unbeständig verwildert im Weinbaugebiet; auf der südlichen Schwäbischen Alb ist sie örtlich wohl eingebürgert. Als kultivierte Pflanze ist die Weinraute in England (wie in Deutschland und der Schweiz) seit dem Mittelalter bekannt.M. Taylor, C. Hill: Hardy plants introduced to Britain by 1799. 2. Auflage. Cranborne Garden Centre, Cranborne Dorset ohne Jahr, S. 70.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 159 f. Am Gebirgsfuß der Alpen ist sie beständig eingebürgert.
Die Weinraute gedeiht am besten auf trockenen, locker steinigen, stickstoff- und kalkreichen Lehmböden. Sie besiedelt Garrigue, Felsband- und ähnliche Pflanzengesellschaften an trockenheißen Standorten. Sie besiedelt in Mitteleuropa sommerwarme und im Winter frostgeschützte Lagen.
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 1+ (trocken), Lichtzahl L = 4 (hell), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 4+ (warm-kollin), Nährstoffzahl N = 3 (mäßig nährstoffarm bis mäßig nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 4 (subkontinental).
Ausbreitung Nach Neuengland gelangte die Pflanze wohl schon vor 1669 durch europäische Siedler,Charles Pickering: Chronological history of plants. Boston 1879, S. 271 und 969. nach Mexiko mit den Konquistadoren. Auch in den Libros del judio de Sotuta (ein im 18. und 19. Jahrhundert entstandenes, auch auf älteren Quellen beruhendes Manuskript über die Medizin der Maya-Zivilisation)Ralph L. Roys: The ethno-botany of the Maya. New Orleans / Los Angeles 1931 (= The Tulane University of Louisiana Middle American Research Series Band 2). wird die Raute erwähnt.
Inhaltsstoffe Bei der Raute waren bis 1998 über 200 Inhaltsstoffe identifiziert worden.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 25 f. Seit den 1960er Jahren wurden die Wirkstoffe der Weinraute näher untersuchtIstván Novák, Géza Buzás, Emil Minker, Mátyás Koltai, Kálmán Szendrei: Untersuchungen der Wirkstoffe der Ruta graveolens. I–IV. In: Planta medica. Band 13, Nr. 2, 1965, S. 226–233, Band 14, Nr. 1, 1966, S. 57–61, Nr. 1, 1966, S. 151–156, Band 15, Nr. 2, 1967, S. 132–139. und isoliert.István Novák, Géza Buzás, Emil Minker, Mátyás Koltai, Kálmán Szendrei: Die Isolierung einiger Wirkstoffe aus Ruta graveolens L. In: O. Hanc, J. Hubik (Hrsg.): „Scientiae pharmaceuticae I.“ Proceedings of the 25th Congress of Pharmaceutical Sciences […] 1965. London 1965, S. 331–336.István Novák, Géza Buzás, Emil Minker, Mátyás Koltai, Kálmán Szendrei: Isolation of some effective substance from the herb of Ruta graveolens L. In: Acta pharmaceutica Hungarica. Band 37, Nr. 3, 1967, S. 131–142. Die Hauptinhaltsstoffe der Raute, welche auch die seit der Antike beschriebenen medizinischen Wirkungen erklären,István Novák, Géza Buzás, Emil Minker, Mátyás Koltai, Kálmán Szendrei: Beiträge zur Kenntnis der Wirkstoffe von Ruta graveolens L. In: Pharmazie. Band 20, Nr. 11, 1965, S. 738.István Novák, Géza Buzás, Emil Minker, Mátyás Koltai, Kálmán Szendrei: Untersuchungen der Wirkstoffe der Ruta graveolens I. In: Planta medica. Band 13, Nr. 2, 1965, S. 226–233. lassen sich in vier GruppenChristina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 61 f. einteilen:
Ätherisches Öl Weinrautenblätter liefern ein in lysigenen Ölbehältern lokalisiertes, überwiegend 2-oxygenierte Alkanderivate enthaltendes Blattöl und enthalten ein ätherisches Öl (0,2 bis 0,7 Prozent)Ernst Steinegger, Rudolf Hänsel: Lehrbuch der Pharmakognosie und Phytopharmazie. 4. Auflage. Berlin/Heidelberg/New York 1988, S. 702. mit dem auch 90 Prozent des FruchtölsChristina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 23. ausmachenden Hauptbestandteil 2-Undecanon (Methylnonylketon), einem aliphatischen Keton, das den Geruch dominiert und deshalb auch Rautenketon genannt wird. Weitere Bestandteile sind homologe Ketone (2-Nonanon, 2-Decanon) sowie deren Carbinole und Carbinolacetate, 1,8-Cineol, Limonen und verschiedene Ester (2-Nonylacetat, 2-Undecylacetat, auch Propionate und Isobutyrate). Die Wurzelöle der Raute enthalten vor allem Kohlenwasserstoffe terpenoiden Ursprungs (vor allem Geijeren und Pregeijeren).Karl-Heinz Kubeczka: Pregeijeren, Hauptkomponente des ätherischen Wurzelöls von Ruta graveolens. In: Phytochemistry. Band 13, Nr. 9, 1974, S. 2017 f.Vgl. auch Karl-Heinz Kubeczka: Vergleichende Untersuchungen zur Biogenese flüchtiger Produkte des Sekundärstoffwechsels, I.: Untersuchungen an Ruta graveolens L. In: Flora, Abt. A. Band 158, Nr. 5, 1967, S. 519–544.
Furanocumarine Typisch für Rutaceen ist die zu den BenzopyronenN. B. Piller: Variatins in acid and neutral protease activity of rats with thermal oedema together with the influence of various benzopyrones. In: Arzneimittel-Forschung. Band 21, Nr. 1, 1977, S. 1069–1073. gezählte Stoffgruppe der Cumarine.Alexander I. Gray: Structural diversity and distribution of coumarines and chromones in the Rutales. In: Peter G. Waterman, Michael F. Grundon (Hrsg.): Chemistry and chemical taxonomy of the Rutales. London / New York 1983 (= Annu. Proc. Phytochem. Soc. Eur. Band 22), S. 97–146.Alexander I. Gray, Peter G. Waterman: Coumarins in the Rutaceae. In: Phytochemistry. Band 17, Nr. 5, 1978, S. 845–864. Als Hauptcumarin wurde von Schneider und Müller das Glykosid „Rutarin“ (C20H24O10) angesehen.G. Schneider, H. Müller: Das Hauptcumarin der Weinraute. In: Pharmazie. Band 21, 1966, S. 707 f.G. Schneider, H. Müller: Über das Furocumaringlukosid „Rutarin“ aus der Weinraute. In: Arch. Pharm. Band 300, Nr. 11, 1967, S. 913–916. In der Weinraute ist die Cumaringruppe mit 30 Einzelsubstanzen und zum Teil im ätherischen Öl zu finden.Christina Becela-Deller: Ruta graveolens L. Eine Heilpflanze in kunst- und kulturhistorischer Bedeutung. 1998, S. 21. An der Blattoberfläche lagert die Weinraute verschiedene Furanocumarine vom Psoralentyp ab, die je nach Art und Dosis photosensibilisierende bzw. phototoxische Eigenschaften besitzen. Diese können in Zusammenhang mit Sonnenlicht (UVA-Strahlung) nach Berührung (des frischen Rautenkrauts) zu einer PhotodermatitisBernice Knowlton, Phyllis Ockert: Dermatitis caused by Rue. In: The Herbarist. Band 16, 1950, S. 32.N. S. Heskel, R. B. Amon, F. J. Storrs, C. R. White: Phytophotodermatitis due to rue. In: Contact Dermatitis. Band 9, Nr. 4, 1983, S. 278–280.G. H. N. Towers, Z. Abramowski: UV-mediated genotoxicity of furanoquinoline and of certain tryptophan-derived alkaloids. In: Lloydia. Band 46, Nr. 4, 1983, S. 576–581. führen, die sich durch Rötung der Haut und Bläschenbildung mit anschließender bräunlicher Pigmentierung äußert. Typische Furanocumarine der Ruta graveolens sind Bergapten, Isoimperatorin, Psoralen und Xanthotoxin.
Der für die Art Ruta chalepensis charakteristische Inhaltsstoff Chalepensin (ebenfalls, wie 1967 gezeigt werden konnte, ein FuranocumarinR. M. Brooker, J. N. Eble, N. A. Starkovsky: Chalepensin, chalepin and chalepin acetate, three novel furocoumarins from Ruta chalepensis. In: Lloydia Band 30, 1967, S. 73.) wurde auch für alle Pflanzenteile von Ruta graveolens (vor allem in der Wurzel) beschrieben.Rainer Klosa, Alfred Zänglein: Ruta graveolens – Die Gartenraute. Portrait einer Arzneipflanze. 1987, S. 206.
Chinolin-Alkaloide