mini|Siegel der Gewehrmanufaktur Potsdam mini|Teil des Hauptgebäudes der ehemaligen Gewehrfabrik Potsdam; bauliche Situation 2013

Die Königliche Preußische Gewehrfabrique war die älteste Gewehrmanufaktur Preußens und wurde 1722 von Friedrich Wilhelm I., dem „Soldatenkönig“, gegründet. Er finanzierte den Bau und die technische Ausstattung der Werkstätten und ließ Wohnhäuser und Kirchen für die katholischen Arbeiter errichten.Friedrich Nicolai: Beschreibung der Königlichen Residenzstädte Berlin und Potsdam, 1789, Band 3, S. 1022, 1024

Die Gewehrfabrik stellte entsprechend der damaligen Wortbedeutung „Gewehr“ neben Handfeuerwaffen auch Hieb- und Stichwaffen her. Hauptabnehmer war die Preußische Armee. Bis 1850 lag die Fertigung im Rahmen eines Pachtvertrages in privater Hand. Danach wurde der Betrieb vom Staat übernommen und der Standort Potsdam aufgegeben. Das Werk Spandau bildete den Grundstock der dortigen Rüstungsindustrie.

Die fast 200-jährige Geschichte der Gewehrfabrik endete 1919 nach dem Ersten Weltkrieg gemäß den Beschränkungen des Versailler Vertrages. Die Gewehrfabrik wurde mit zwölf anderen Heeres- und Marinewerkstätten Bestandteil der neu geschaffenen Deutsche Werke AG,Meyers Lexikon, Bibliographisches Institut, Leipzig 1925, Spalten 682/683 deren Betriebe nun für den zivilen Bedarf produzierten und firmierte fortan unter dem Namen Deutsche Industriewerke.

Vorgeschichte Als 1713 Friedrich Wilhelm I. den Thron bestieg, war Preußen ein wirtschaftlich und militärisch schwacher Staat, der nur wenige Waffenfabriken besaß: Kanonen-Gießerei in Berlin, Kanonenkugel-Gießerei in Zehdenick, Klingenschmiede in Hagen. Die von seinem Großvater, dem Großen Kurfürsten, im Rahmen der merkantilistischen Ordnung eingeleiteten Maßnahmen zur Belebung von Handel und Gewerbe, die vom Nachfolger vernachlässigt worden waren, setzte er in verstärktem Maße auch im Bereich der Waffenproduktion fort. Auch hier sollte durch Autarkie das „Geld im Lande gehalten werden“.

Planung und Gründung Die Anregung zur Gründung der Gewehrmanufaktur kam von Gottfried Adolph Daum,Friedrich Lenz, Otto Unholtz: Die Geschichte des Bankhauses Gebrüder Schickler, S. 350 der gemeinsam mit seinem Partner David Splitgerber das Handelshaus Splitgerber & Daum führte, dessen Schwerpunkt jahrzehntelang das Geschäft mit militärischer Ausrüstung und Artillerie-Munition war. Die Verhandlungen im Auftrag des Königs führte Oberst Christian Nicolaus von Linger, der sich später auch Verdienste um die Königliche Pulverfabrik und das Zeughaus erwarb. Nachdem Gottfried Daum sein Projekt „Wie Seiner Königl. Majestät neue Gewehrfabrique in Dero Lande kan estabiliret […] und gut Gewehr verfertiget werden […]“ vorgetragen hatte, kam vom König die Bestätigung mit Allerhöchster Resolution vom 31. März 1722, die die Grundlage der Zusammenarbeit bilden sollte. Den Arbeitern sicherte er darin Privilegien zu (freie Religionsausübung, Erlaubnis des Branntweinkonsums auf dem Fabrikgelände, Freistellung vom Kantonreglement). Den Unternehmern wurden ebenfalls Sonderrechte eingeräumt, auf die sie sich im Ernstfall jedoch nicht berufen konnten (siehe Abschnitt Ungewöhnliches Pachtverhältnis).

Als Standort bot sich die militärisch gesicherte königliche Residenzstadt Potsdam an, die zur Grundherrschaft der Hohenzollern gehörte und Garnisonsstadt geworden war.

Die Produktion wurde aufgeteilt. Für alle groben Arbeiten wie Schmieden, Bohren, Hämmern und Schleifen fand man ein Areal außerhalb der Stadt Spandau, das ebenfalls dem König gehörte. Für den Transport der Gewehrteile konnte der Wasserweg der Havel benutzt werden. In Potsdam waren Endfertigung, Qualitätskontrolle, Verwaltung und Direktion. Die Gewehrfabrik mit ihrem Immediatstatus gehörte zum militärischen Bereich und unterstand direkt dem Königlichen Hof- und Kammergericht.H. C. P. Schmidt: Geschichte und Topographie der Königl. Preußischen Residenzstadt Potsdam, Verlag Ferdinand Riegel, Potsdam 1825, S. 124, 194

Die zur Umsetzung des Vorhabens nötigen Fachleute, die es in Preußen nicht gab, wurden von Gottfried Daum hauptsächlich in Lüttich, einem damaligen Zentrum der Waffenproduktion, angeworben. Nach Fertigstellung der Werkstätten und der Wohnhäuser konnten Splitgerber & Daum dann die Gewehrfabrik 1722 pachten und Gottfried Daum übernahm die Leitung. Einige Meister wurden dem König auch von der Essener Gewehrfabrik überlassen.J. D. F. Rumpf: Die Preußische Monarchie, Verlag J. W. Boicke 1825, S. 192

Standort Potsdam mini|Potsdam um 1785

Die Gewehrfabrik entstand auf einem Grundstück östlich des Entwässerungsgrabens in der Nähe seines Einlaufes in die Havel. Zeitgleich mit dem Bau der Fabrik ließ der König diesen Graben als Transportweg, zum Potsdamer Stadtkanal, ausbauen und die ungepflasterte Straße An der Gewehrfabrik (heute: Hoffbauerstraße) anlegen. Die Pflasterung erfolgte 40 Jahre später.

Der Grundstein zur Fabrik – bestehend aus zweigeschossigen Einzelgebäuden – wurde bereits am 26. März 1722 gelegt.Bernhard R. Kroener: Potsdam – Staat, Armee, Residenz in der preußisch-deutschen Militärgeschichte. Propyläen Verlag, Berlin 1993, S. 253. Der König ergänzte die Anlage mit der von ihm gestifteten kleinen Kirche für die angeworbenen katholischen Arbeiter.

Nachdem im selben Jahr der Vorgängerbau der Garnisonkirche fertiggeworden war, begannen gegenüber auf der anderen Seite des Stadtkanals die Arbeiten am Großen Militärwaisenhaus, das auch Nachwuchs für die Gewehrfabrik hervorbringen sollte. Sämtliche Gebäude in dieser Zeit entstanden in FachwerkbauweiseHeinrich Ludwig Manger: Baugeschichte von Potsdam, Friedrich Nicolai, Berlin–Stettin 1789, Bd. 1, S. 18 auf unsicherem Baugrund.

mini|Ehemaliges Direktionsgebäude der Gewehrfabrik von Johann Gottfried Büring; etwa 1910

Die ersten Schäden zeigten sich an der Garnisonkirche, die daraufhin abgerissen und ab 1730 durch den bekannten Neubau von Philipp Gerlach ersetzt wurde. Nach und nach mussten auch die anderen Gebäude erneuert werden. Die Gewehrfabrik erhielt in den Jahren 1776–1780 ein viergeschossiges massives Hauptgebäude nach Plänen von Georg Christian Unger.Friedrich Lenz, Otto Unholtz: Die Geschichte des Bankhauses Gebrüder Schickler, S. 140 Im Anschluss daran erfolgte die weitere Blockrandbebauung des großen Grundstücks, wobei die Fachwerkbauten auf dem Hof noch einige Zeit weiter genutzt wurden.Heinrich Ludwig Manger: Baugeschichte von Potsdam, Friedrich Nicolai, Berlin–Stettin 1789, Bd. 2, S. 444 Von 1771 bis 1778 wurde das Militärwaisenhaus nach dem Entwurf von Carl von Gontard neu erbaut.Heinrich Ludwig Manger: Baugeschichte von Potsdam, Friedrich Nicolai, Berlin–Stettin 1789, Bd. 2, S. 359, 360, 400 Ein Direktionsgebäude für die Gewehrfabrik von Johann Gottfried Büring war 1755 auf dem Eckgrundstück Breitestraße/An der Gewehrfabrik entstanden. Das heute nicht mehr vorhandene Haus enthielt Dienstwohnungen für den Königlichen Kommissar und den Direktor der Gewehrfabrik.Heinrich Ludwig Manger: Baugeschichte von Potsdam, Friedrich Nicolai, Berlin–Stettin 1789, Bd. 1, S. 200 Langjähriger Direktor mit 45 Dienstjahren (1740–1785) war Johann Friedrich Rücker, dessen Grab auf dem Bornstedter Friedhof erhalten ist.

Die Waffenproduktion in Potsdam endete 1850, wodurch die Stadt ihre größte Manufaktur verlor. Die preußische Rüstungsindustrie konzentrierte sich in Spandau. Die Gewehrfabrik in Potsdam wurde zur Kaserne umgebaut und gehörte zum Gebäudekomplex für das 1. Garde-Regiment zu Fuß. Der heute noch erhaltene Teil des Hauptgebäudes der Fabrik (Hoffbauerstraße / Ecke Henning-von-Tresckow-Straße) steht unter Denkmalschutz und wird vom Ministerium für Infrastruktur und Landwirtschaft des Landes Brandenburg genutzt (Stand: 2013).

Standort Spandau mini|Spandau um 1812 mini|Industriekomplex Spandau-Stresow 1869 mit Gewehrfabrik, Geschützgießerei, Pulverfabrik, Munitionsfabrik, Artillerie-Werkstatt

Das Gelände auf der Gemarkung „Plan“ (später: „Gewehrplan und Pulverfabrik“) befand sich in Sichtweite östlich der Zitadelle Spandau und wurde später in die erweiterte Festung Spandau einbezogen. Auch in Spandau waren die ersten Gebäude – sowohl Wohnhäuser der Arbeiter als auch die Werkstätten – einfache Fachwerkbauten. Die hier errichtete kleine Fachwerkkirche für die aus Lüttich angeworbenen katholischen Gewehrbauer war die erste neu entstandene katholische Kirche in Preußen nach der Reformation; wegen des Anwachsens der Gemeinde wurde sie 1847/48 durch die noch heute existierenden größere St. Marien am Behnitz ersetzt. In Spandau standen die wasserkraftbetriebenen Hammer- und Bohrwerke zur Eisenbearbeitung. 1726 richtete Gottfried Daum ein Lager für die in Zehdenick gegossenen Kanonenkugeln ein.Friedrich Lenz, Otto Unholtz: Die Geschichte des Bankhauses Gebrüder Schickler. S. 31.

Im Jahr 1755 finanzierte der König eine neue Bohrmühle und ein neues Eisenmagazin. Für die notwendige Instandhaltung an den Fabrikgebäuden wollte er jedoch „nicht einen Groschen“ hergeben, weil sie allein den Unternehmern zugutekämen.Friedrich Lenz, Otto Unholtz: Die Geschichte des Bankhauses Gebrüder Schickler. S. 140. In den Jahren 1775–1777 wurden von ihm schließlich umfangreiche Instandsetzungsarbeiten an Werkstätten und Wohnhäusern in Auftrag gegeben.

Mit dem Umzug des Königlichen Feuerwerkslaboratoriums von Berlin in die Zitadelle Spandau (1817) und der Verlegung der Königlichen Pulverfabrik aus der Jungfernheide bei Berlin nach Spandau (1834) waren zu der bereits etablierten Gewehrfabrik zwei weitere Betriebe der Rüstungsindustrie hier angesiedelt. Es folgten 1855 Neubauten für die Geschützgießerei und 1869/70 die Artillerie-Werkstatt mit einem neuen Hammer- und Walzwerk. In diesen beiden militärischen Fabriken erzeugten Mitarbeiter unter anderem Lafetten, Protzen und Munitionswagen auf Maschinen der Firma Seutker. Zudem entstanden Granaten und Geschütze aus Bronze. Zwischen 1868 und 1887 kamen noch eine neue Bohrwerkstatt und eine Geschossdreherei hinzu.Königlich-Preußische Artillerie-Werkstätte und Geschütz-Gießerei zu Spandau. Detaillierte Darstellung der Arbeitsschritte in der Munitionsfabrik und Geschützgießerei; Deutsche Bauzeitung 1887, Nr. 82, S. 491.

Die Gewehr-Prüfungskommission nahm ihre Arbeit 1877 in Spandau auf.Meyers Konversations-Lexikon. Bibliographisches Institut, Leipzig und Wien 1895, Bd. 7, S. 512.

Ungewöhnliches Pachtverhältnis Ausgangslage Grundlage war die Königliche Resolution vom 31. März 1722 – eine einseitige Willenserklärung Friedrich Wilhelms I. zugunsten der Unternehmer, denen er die Gewehrmanufaktur verdankte. Als Anerkennung übertrug er ihnen die Fabrik unentgeltlich zur „ewigen Nutzung“.Friedrich Lenz, Otto Unholtz: Die Geschichte des Bankhauses Gebrüder Schickler, S. 352

Das Wohlwollen kam auch darin zum Ausdruck, dass den Unternehmern gestattet war, die für den Export benötigten Waffen den Königlichen Zeughäusern zu entnehmen. Ihnen war damit prompte Lieferung möglich, unabhängig von der laufenden Produktion. Die Auffüllung der Arsenale in natura durfte in mehreren Jahresschritten erfolgen.Friedrich Lenz, Otto Unholtz: Die Geschichte des Bankhauses Gebrüder Schickler, S. 176 Im Gegenzug mussten die Unternehmer im Laufe der Zeit Abstriche bei anderen Privilegien und autokratische Einmischungen in Produktion und Verwaltung hinnehmen.

Eingriffe der Krone