Das Kosmodrom Jiuquan (), auch bekannt als „20. Basis der chinesischen Volksbefreiungsarmee für Erprobung und Ausbildung“ (), kurz „Basis 20“ (), ist der älteste und größte Weltraumbahnhof der Volksrepublik China. Er liegt in einer abgelegenen und dünn besiedelten Region in der Wüste Gobi ca. 200 km nordöstlich der Stadt Jiuquan im Ejin-Banner des Alxa-Bundes der Autonomen Region Innere Mongolei, etwa 1600 km von Peking entfernt.

Namensgebung Die etwas irreführende Bezeichnung des Kosmodroms hat historische Gründe. Das Ejin-Banner gehörte seit 1928 zur Provinz Ningxia.谭其骧(主编): 简明中国历史地图集. 中国地图出版社,北京 1996 (第二次印刷), Karte 71–72. Die Nordwest-Armee eroberte das Gebiet 1948 von der Kuomintang, danach kam das Banner zum Provinzbezirk (专区, Pinyin Zhuānqū) Jiuquan. Als im Juli 1969 ein Teil des Alxa-Bundes zur Inneren Mongolei kam, verblieb das Ejin-Banner zunächst bei Jiuquan in der Provinz Gansu. Erst bei der Verwaltungsreform am 1. Juli 1979 kam das Banner zur Inneren Mongolei. Das Kosmodrom liegt eigentlich auf dem Gebiet der Großgemeinde Dongfeng (东风镇, d. h. „Ostwind“), aber, obwohl sich mit der Satellitentechnik der Grund für Geheimhaltung erübrigt hat, ist der fest eingebürgerte Name geblieben.Noch 2007 wurde in einer zusammen mit dem 2. Artillerie-Korps gedrehten Fernsehserie zur Frühzeit der Basis der Name des Flusses Heihe in "Yinma He" geändert, der sich 4000 km weiter östlich in der Provinz Jilin befindet:

Ballistische Raketen Zu verdanken hat China des Kosmodrom Jiuquan letztendlich Joseph McCarthy. Der Raketenwissenschaftler Qian Xuesen, Professor am California Institute of Technology, war am 26. April 1951 wegen Kommunismus-Verdacht in Pasadena unter Hausarrest gestellt worden und konnte erst im September 1955 durch Vermittlung von Zhou Enlai nach China ausreisen. Am 6. August 1956 eröffnete Verteidigungsminister Peng Dehuai im Drei-Ehrentore-Gebäude in der Vorderen Jingshan-Straße 20, Peking, das sogenannte „Fünfte Büro“ (第五局, Pinyin Dìwǔ Jú) unter der Leitung von Zhong Fuxiang (钟夫翔, 1911–1992), mit Qian Xuesen als Chefingenieur. Am 8. Oktober 1956 wurde in Peking das „5. Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums“ (国防部第五研究院, Pinyin Guófángbù Dìwǔ Yánjiūyuàn) gegründet, das im März 1957 das Personal des Fünften Büros übernahm. Qian Xuesen wurde Leiter des Instituts, das sich mit der Entwicklung der chinesischen Atombombe befasste.

Für die ersten chinesischen Atombomben waren leistungsfähige Trägerraketen nötig. Qian Xuesen war 1936 einer der Mitbegründer des Jet Propulsion Laboratory gewesen und hatte als Experte 1945, noch in Deutschland, Wernher von Braun betreffs der Heeresversuchsanstalt Peenemünde verhört. Von daher hatte er eine ziemlich genaue Vorstellung, was für die Entwicklung einer solchen Langstreckenrakete nötig war. Im Laufe des Sommers 1957 erarbeiteten er und seine Kollegen vom 5. Forschungsinstitut einen „Entwurf eines Planes für den Bau eines Raketenschießplatzes mit Versuchsgelände“ (关于建设导弹靶场和试验场的规划;草案), den sie der Zentralen Militärkommission zur Begutachtung vorlegten. Die ZMK unter der Leitung von Mao Zedong beschloss den Plan umzusetzen.

Am 5. September 1957 wurde die „Kommission für die Vorbereitung des Baus eines Schießplatzes“ (靶场筹建委员会, Pinyin Bǎchǎng Chóujiàn Wěiyuánhuì) gegründet, mit Generalleutnant Qiu Chuangcheng (邱创成, 1912–1982, Politkommissar der Artillerie) als Vorsitzendem und Generalmajor Zhang Tingfa (张廷发, 1912–2010, Luftwaffe), Generalmajor Chen Wenbiao (陈文彪, 1910–1962, stellvertretender Leiter des Zeugamts beim Generalstab) sowie Generalmajor Liu Bingyan (刘秉彦, 1915–1998, 5. Forschungsinstitut) als seinen Stellvertretern. Am 25. September 1957, wurde auf Anweisung von Verteidigungsminister Peng Dehuai ein „Schießplatz-Vorbereitungs-Büro“ (靶场筹备处, Pinyin Bǎchǎng Chóubèichù) eingerichtet, das die interne Bezeichnung „Einheit 0029“ (0029部队, Pinyin 0029 Bùdùi) erhielt. Generalmajor Zhang Yixiang (张贻祥, 1909–1999), Kommandeur des Schieß- und Waffenerprobungsplatzes Baicheng, sollte der Leiter des Büros werden, unterstützt von Großoberst (大校) Lü Lin (吕琳, 1914–2009), Politkommissar bei der 21. Raketenartillerie-Division der Chinesischen Volksfreiwilligenarmee in Nordkorea. Noch bevor Zhang Yixiang Ende 1957 in Peking eintraf, begann man mit den konkreten Planungen.

Am 24. April 1957 hatte Vizepremier Nie Rongzhen darauf hingewiesen, dass man für die Entwicklung der Raketentechnologie Hilfe von außerhalb benötigen würde. Am 7. September 1957 reiste unter seiner Leitung eine Delegation mit neun Experten für Industrie und Luftfahrt, darunter Qian Xuesen, in die Sowjetunion und verhandelte dort über Fragen des Technologietransfers. Am 15. Oktober 1957 unterzeichneten Vizepremier Nie und Michail Georgijewitsch Perwuchin, stellvertretender Vorsitzender des Ministerrats der UdSSR, das „Übereinkommen zwischen der Chinesischen Regierung und der Regierung der Sowjetunion über die Herstellung neuartiger Waffen und militärischer Ausrüstung sowie den Aufbau einer umfassenden Atomindustrie in China“. Auf der Basis dieses Übereinkommens traf am 30. Dezember 1957 eine Gruppe sowjetischer Experten unter der Leitung von Generalmajor Lev Mikhailovich Gaidukov (1911–1999) in Peking ein, um China beim Aufbau des Raketenversuchsgeländes zu unterstützen.Mark Wade:

In dem Übereinkommen vom 15. Oktober 1957 war festgelegt, dass China und die Sowjetunion den Ort für das Versuchsgelände gemeinsam bestimmen sollten. Der Standort sollte außerhalb der 1000 km Reichweite der MGM-1 Matador-Marschflugkörper mit W5-Nuklearsprengköpfen sein, die von den USA im Mai 1957 auf der taiwanesischen Luftwaffenbasis Tainan stationiert wurden.Stephen Uhalley Jr.: A History of the Chinese Communist Party. Hoover Institution Press, Stanford 1988, S. 116. Damit schied der gesamte Bereich zwischen Kanton und Shanghai von vornherein aus. Das Schießplatz-Vorbereitungs-Büro traf eine Vorauswahl von möglichen Standorten in der Inneren Mongolei. Nach Neujahr 1958 überflog Büroleiter Zhang Yixiang zusammen mit den sowjetischen Experten die vorgesehenen Gebiete von Hailar und Solon bis Ulanhad und Eren Hot.

Die genannten Orte lagen im Osten der Inneren Mongolei, in Reichweite von Generalmajor Zhangs altem Standort Baicheng, und waren verkehrstechnisch gut erschlossen. Aus Sicherheitsgründen entschied man sich dann jedoch dafür, den Raketenschießplatz im dünn besiedelten Westen der Region einzurichten. Eine Militärbasis für mehrere tausend Menschen konnte man aufgrund des Bedarfs and Trink-, Brauch- und Löschwasser nicht mitten in die Wüste Gobi setzen. Im Gebiet des Ejin-Banners, am Unterlauf des Heihe, fand man jedoch einen Ort, der einerseits abgelegen war, andererseits aber über den Grenzübergang Shivee Khuren und die Mongolei von der Sowjetunion aus relativ günstig erreicht und mit technischer Ausrüstung beliefert werden konnte.

mini|Sun Jixian, von 1958 bis 1962 Kommandant des Kosmodroms Im März 1958 wurde der Führungsstab des 20. Korps der Chinesischen Volksfreiwilligenarmee zusammen mit der Politischen Abteilung und einem Teil der Mannschaften unter größtmöglicher Geheimhaltung aus Nordkorea zurückbeordert; der stellvertretende Korpskommandeur Sun Jixian (孙继先, 1911–1990) war bereits im Oktober 1957 nach China zurückgekehrt. Am 27. März 1958 wurde in Peking offiziell die „Chinesische Mehrzweck-Versuchs-Basis für Raketen; Schießplatz“ (中国导弹综合试验基地; 靶场) gegründet, die dort stationierte Einheit unter dem Kommando von Generalleutnant Sun Jixian erhielt den Namen „20. Korps der chinesischen Volksbefreiungsarmee“ (中国人民解放军第二十兵团, Pinyin Zhōnggúo Rénmín Jiěfàngjūn Dì Èrshí Bīngtuán), d. h. die halblegale Schattenarmee aus dem Koreakrieg wurde in die regulären Streitkräfte der Volksrepublik China überführt. Am 20. Oktober 1958, ein halbes Jahr nach dem Beginn der Bauarbeiten am 11. April 1958, erhielt das Versuchsgelände in der Wüste Gobi die Bezeichnung „20. Ausbildungsbasis der chinesischen Volksbefreiungsarmee“ (中国人民解放军第二十训练基地, Pinyin Zhōnggúo Rénmín Jiěfàngjūn Dì Èrshí Xùnliàn Jīdì). Der Name „20. Korps“ wurde seitdem nicht mehr verwendet, während die umgangssprachliche Bezeichnung „Basis 20“ bis heute gebräuchlich ist.

Unter sowjetischer Anleitung ging der Ausbau des Raketentestgeländes gut voran. Man orientierte sich an den Anlagen und der Technik am Testgelände Kapustin Jar sowie dem Kosmodrom Baikonur, von wo die Sowjetunion am 21. August 1957 die weltweit erste Interkontinentalrakete gestartet hatte. Im November 1958 beauftragte Kommandant Sun Jixian das VBA-Filmstudio (八一电影制片厂, Pinyin Bāyī Diànyǐng Zhìpiànchǎng), aus Soldaten der Basis und örtlichen Abiturienten einen Trupp zu bilden, der den Baufortschritt dokumentieren sollte.

Der sowjetische Ministerpräsident Nikita Sergejewitsch Chruschtschow und Verteidigungsminister Malinowski waren am 31. Juli 1958 zu einem geheimen Besuch in Peking, um eine weitergehende militärische Zusammenarbeit zu besprechen. Dabei kam es zu einem schweren Streit mit Mao Zedong, der dies als einen Angriff auf die chinesische Souveränität wertete. Chruschtschow kehrte kommentarlos nach Moskau zurück und verkündete am 20. Juni 1959, dass sich die Sowjetunion von dem Technologietransfer-Übereinkommen von 1957 zurückziehen würde, angeblich weil sie mit Großbritannien und den USA über ein Atomteststoppabkommen verhandeln würde. Am 16. Juli 1960 setzte Chruschtschow die Volksrepublik China in Kenntnis, dass sämtliche sowjetischen Experten zurückberufen werden würden. Bis Ende August 1960 hatten alle 1390 Männer und Frauen das Land verlassen.Stephen Uhalley Jr.: A History of the Chinese Communist Party. Hoover Institution Press, Stanford 1988, S. 120 und 124–127.

mini|hochkant|Dongfeng 1 Zu diesem Zeitpunkt war Qian Xuesen mit seinen Arbeiten an der ersten chinesischen Rakete, eine Kopie der sowjetischen R-2-Kurzstreckenrakete, schon weit fortgeschritten. Die R-2 basierte ihrerseits auf der deutschen V2 und so war er mit dem Konstruktionsprinzip vertraut. Am 5. November 1960 startete die 17,68 m hohe Rakete, die bei einem Startgewicht von 20,4 t eine Nutzlast von 1,3 t bis zu 590 km weit tragen konnte, in Anwesenheit von Vizepremier Nie Rongzhen und Qian Xuesen von der Basis 20. Enthält Filmaufnahmen vom Start. Am 12. September 1964 wurde der Kurzstreckenrakete nachträglich der Name „Ostwind 1“ bzw. „Dongfeng 1“ gegeben.Mark Wade:

Bis Januar 1962 war das Kosmodrom der Volksbefreiungsarmee unterstellt, danach direkt dem 5. Forschungsinstitut des Verteidigungsministeriums. Generalleutnant Sun Jixian wurde zum stellvertretenden Leiter des Instituts befördert. Zu seinem Nachfolger als Standortkommandant wurde sein bisheriger Stellvertreter Generalmajor Li Fuze (李福泽, 1914–1996) ernannt. Gut zwei Jahre später ging dann die Verantwortung für das Kosmodrom an die „Kommission der chinesischen Volksbefreiungsarmee für Wissenschaft und Technik in der Landesverteidigung“ über, die am 16. Oktober 1958 aus der „Kommission für Luftfahrtindustrie beim Verteidigungsministerium“ hervorgegangen war und, wie ihre Vorgängerorganisation, unter dem Vorsitz von Vizepremier Nie Rongzhen stand, der seit dem 15. Februar 1958 alle Aktivitäten mit Bezug zu Raketen und Kernwaffen koordinierte.«聂荣臻传》编写组: 聂荣臻传. 当代中国出版社, 北京 1994, S. 432.