mini|300px|Tagga-Bucht (estn. Tagalaht) auf Saaremaa (Ösel), Ort der deutschen Landungen Unternehmen Albion war eine amphibische Landungsunternehmung des Deutschen Reiches im Rahmen des Ersten Weltkrieges, die gemeinsam von Heer und Marine im September und Oktober 1917 zur Besetzung der baltischen Inseln Saaremaa (Ösel), Hiiumaa (Dagö) und Muhu (Moon) durchgeführt wurde. Die drei Inseln waren Teil des Russischen Reiches und beherrschten strategisch die mittlere und nördliche Ostsee.

Vorgeschichte

Der Seekrieg in der Ostsee war bislang eher unspektakulär verlaufen. Die kaiserlich russische Marine befand sich unmittelbar vor Kriegsausbruch noch im ersten Stadium eines Neuaufbaus, nachdem das Zarenreich im verlorenen Russisch-Japanischen Krieg fast seine gesamte Ostsee- und Pazifikflotte eingebüßt hatte. Die wenigen verbliebenen Einheiten waren meist klein oder veraltet, die russischen Streitkräfte in der Ostsee damit sehr schwach. Zudem war auch die Defensivstellung des Finnischen Meerbusen zum Schutz der Hauptstadt St. Petersburg, die Seefestung Imperator Peter der Große, nur in Teilen fertiggestellt. Ihr äußerster westlicher Verteidigungsgürtel bezog die baltischen Inseln und die Aland-Inseln mit ein. Die deutsche Kaiserliche Marine schien dagegen aus dem Vollen schöpfen zu können, jedoch lag der strategische Schwerpunkt der Operationen ganz klar in der Nordsee, wo die Übermacht der britischen Royal Navy drohte. Deshalb standen dem Oberbefehlshaber der Ostseestreitkräfte (OdO) Großadmiral Prinz Heinrich von Preußen nur relativ wenige und meist veraltete Einheiten zur Verfügung, in der Hauptsache ältere Linienschiffe, Panzerkreuzer und Kleine Kreuzer sowie Torpedoboote. Die beiderseitige Schwäche sowie die Unmöglichkeit der Seefahrt während des Eisgangs der Wintermonate bestimmte die Strategie, beide Seiten unternahmen nur kurze Vorstöße ins gegnerische Gebiet, und Gefechte zwischen sich zufällig begegnenden Kampfgruppen endeten meist unentschieden. Die Russen erbeuteten bereits zu Kriegsbeginn das Codebuch der deutschen Seestreitkräfte, was sowohl ihnen als auch den Briten die Entschlüsselung deutscher Funksprüche gestattete. Die Russen insbesondere nutzten ihre im letzten Krieg erworbene Erfahrung mit Seeminen und durchsetzten die flache Ostsee mit ausgedehnten Minenfeldern. Die Deutschen hatten sich ebenfalls für den Minenkrieg eingerichtet und taten es ihnen nach, so dass die Ostsee ein ausnehmend gefährliches Gewässer wurde. Beide Seiten versuchten sich auch in U-Boot-Hinterhalten.

Entscheidenden Einfluss auf die Seekriegsführung hatte die Lage an Land. Die Deutschen rückten im Verlauf des Krieges unaufhaltsam entlang der Ostseeküste vor und eroberten nach und nach die russischen Flottenstützpunkte im Baltikum, so dass der Aktionsradius der russischen Schiffe immer weiter schrumpfte. Bald schon konzentrierten sich die Gefechte auf den Rigaer Meerbusen, wo die Deutschen versuchten, ihre angreifenden Truppen von See her zu unterstützen und zu versorgen. Die Russen trachteten danach, dies zu verhindern, und konzentrierten ihre Flotte in diesem Gebiet. Starken Rückhalt empfingen sie dabei auch von ihren Basen im Finnischen Meerbusen, Hangö, Helsinki, Reval und Kronstadt.

Die Inseln Die drei baltischen Inseln gehörten seit dem Großen Nordischen Krieg zu Russland und waren dem Gouvernement Livland zugeordnet. Das Land ist flach und mit Wäldern und Mooren durchsetzt, unterbrochen von zahlreichen Lichtungen und Rodungen, auf denen Einzelhöfe, nicht weniger als 131 Herrenhäuser des deutschbaltischen Adels und kleine Dörfer liegen. Die mit Abstand größte Siedlung war bereits damals Arensburg, wo auch die Verwaltung ihren Sitz hatte. Der größte Teil der 50.000 bis 60.000 Personen zählenden Bevölkerung, die ihr Auskommen meist als Bauern und Fischer bestritten, bestand aus Esten, Verwaltung, Oberschicht und Intelligenzija dagegen fast ausschließlich aus Deutsch-Balten und einigen Russen. Während des Verlaufs der Unternehmung verhielt sich die Bevölkerung abwartend und ergriff für keine Seite Partei.

Planung Im Sommer 1917 waren die deutschen Heeresverbände bis kurz vor Riga vorgerückt, und die russischen Streitkräfte standen infolge revolutionärer Unruhen und immer weiter zunehmender Kriegsmüdigkeit kurz vor der Auflösung. Für ein weiteres Vorgehen durch Estland und Lettland in Richtung Sankt Petersburg war es erforderlich, zuerst die Estland und Lettland vorgelagerten Inseln Ösel, Dagö und Moon zu erobern, um die Flanke der vorrückenden Armeen vor russischen Angriffen von See her zu schützen und die eigenen Truppen mit Hilfe der Flotte zu unterstützen und über den Seeweg zu versorgen. Prinz Heinrich hatte bereits lange eine amphibische Operation gegen die drei Inseln gefordert, um den russischen Operationsradius zu beschränken und die Versorgungsschifffahrt im Rigaer Meerbusen zu unterbinden, war aber in den beiden vorangegangenen Jahren wegen der Schwäche der ihm zur Verfügung stehenden Streitkräfte zugunsten ausgedehnter Minenoperationen davon abgerückt. Mit dem Vorrücken der Front in dieses Gebiet erhielt die Einnahme der Inseln eine noch größere Bedeutung. Russische Küstenbatterien und Minenfelder in der Irben-Straße zwischen der Südspitze von Ösel und dem lettischen Festland versperrten der deutschen Versorgungsschifffahrt den Weg in das Seegebiet und behinderten damit auch den Nachschub für das Landheer. Eine rasche Eroberung der Inseln sollte Russland zum Friedensschluss drängen, um die dort gebundenen deutschen und österreichisch-ungarischen Verbände für Offensiven im Westen freizumachen. Neben diesen strategischen Erwägungen gab es jedoch noch andere Gründe für die Unternehmung. Zwischen Heer und Marine herrschte ein starkes Konkurrenzdenken, und jede Teilstreitmacht trachtete danach, ihr Ansehen beim Oberbefehlshaber Kaiser Wilhelm II. zu steigern und die andere auszustechen. Aus den Reihen des Heeres waren immer wieder Vorwürfe der Feigheit gegen die Marine lautgeworden, die in der Nordsee einem übermächtigen Gegner gegenüberstand und nach der Skagerrakschlacht zugunsten der U-Boot-Kriegsführung nur noch sporadisch Unternehmungen unter Beteiligung ihrer Großkampfschiffe durchführte. Bereits seit Mai 1917 sondierte der Generalquartiermeister der Obersten Heeresleitung (OHL) General der Infanterie Erich Ludendorff Möglichkeiten einer Beteiligung der Marine an Heeresoperationen gegen die Ålandinseln, Kronstadt oder Ösel, um nach dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten verstärkt Druck auf die russische Regierung auszuüben. Die Ålandinseln waren für die OHL das vorrangige Ziel, von dort aus wollte man Unternehmungen in der nördlichen und östlichen Ostsee durchführen, die Russland zum Friedensschluss bewegen sollten, um den Zweifrontenkrieg zu beenden. Der Admiralstab lehnte eine solche Operation zwar nicht rundweg ab, äußerte jedoch Bedenken gegen eine für ein solches Unternehmen erforderliche starke Konzentration von Seestreitkräften in der Ostsee, die dann für Operationen gegen Großbritannien fehlen würden. Wenn überhaupt eine solche Unternehmung in Frage käme, dann nur gegen das näher gelegene Ösel. Das Heer begann daraufhin am 1. September 1917 den Übergang über die Düna und den Angriff gegen Riga ohne Unterstützung der Marine, der mit einem schnellen Erfolg endete. Danach bezichtigte Ludendorff die Marine nicht nur der Feigheit, sondern auch des mangelnden Offensivgeistes. Der Admiralstab war nun bereit, eine Unternehmung gegen die Ålandinseln zu unterstützen, jedoch unter der Voraussetzung, dass zunächst Ösel besetzt werden müsse. Mit dem Angriff gegen die stark befestigten Inseln hoffte die Marine, ihrerseits an Profil zu gewinnen und dem Vorwurf der Feigheit entgegenzuwirken, und die Besatzungen der zunehmend in Untätigkeit verharrenden Großkampfschiffe der Hochseeflotte, bei denen es Anfang August 1917 bereits zu Gehorsamsverweigerungen gekommen war, sollten mit einer sinnvollen Aufgabe beschäftigt werden. Zudem konnte eine Operation gegen ein so stark gesichertes Ziel nicht ohne Unterstützung von Heereseinheiten durchgeführt werden. Die Oberste Heeresleitung stimmte dem Vorschlag des Admiralstabes zu, und die Planung der Unternehmung konnte beginnen.Groß, Unternehmen Albion. S. 4 f.

Das Unternehmen, das den Decknamen Albion erhielt, sollte die bislang mit Abstand größte amphibische Unternehmung deutscher Streitkräfte werden. Beide Teilstreitkräfte hatten noch niemals bei einer so bedeutenden Unternehmung zusammengearbeitet, und der Angriff auf ein so stark verteidigtes Ziel stellte enorme Anforderungen an die Einsatzplanung und die gegenseitige Unterstützung. Die Angriffsplanung von Heer und Marine berücksichtigte die Erfahrungen der letzten Jahre. Durch die Schlacht von Gallipoli wusste man beispielsweise, wie sehr es zum einen auf eine Seestreitmacht ankam, die die umgebenden Gewässer beherrschte, und zum anderen auf eine gute Koordination beider Teilstreitkräfte.

Der Entschluss zur Durchführung der Unternehmung fiel am 11. September 1917, eine Woche nachdem die deutschen Truppen Riga genommen hatten. Eine weitere Woche später erteilte die Oberste Heeresleitung die endgültigen Einsatzbefehle, und die benötigten Truppen und Schiffe begannen, sich in Libau zu sammeln. Die maßgeblichen operativen Planungen auf deutscher Seite wurden vom Stab des Flottenkommandos unter Federführung von Kapitän zur See Magnus von Levetzow konzipiert.

Die deutschen Streitkräfte Heereseinheiten Das Heer stellte für die Landung die 42. Infanterie-Division unter Generalleutnant Ludwig von Estorff zur Verfügung, die aus dem Infanterie-Regiment „Graf Barfuß“ (4. Westfälisches) Nr. 17, dem 2. Lothringischen Infanterie-Regiment Nr. 131, dem 3. Unter-Elsässischen Infanterie-Regiment Nr. 138 sowie der 42. Feldartillerie-Brigade, bestehend aus dem Feldartillerie-Regiment „von Holtzendorff“ (1. Rheinisches) Nr. 8 und dem 1. Ober-Elsässischen Feldartillerie-Regiment Nr. 15, bestand. Ihr waren die selbständige 2. Infanterie-Radfahr-Brigade, das Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 255 sowie weitere Artillerie-, Fernmelde-, Pionier- und Versorgungseinheiten beigegeben. Unter Letzteren befand sich die 1915 aufgestellte Pionier-Landungs-Kompanie Harburg (Pilako), die die flachgehenden Landungsboote betrieb. Sie bestand aus ehemaligen Seeleuten und arbeitete als einzige Heereseinheit während des Krieges ständig mit der Kaiserlichen Marine zusammen.Ulrich Schiers: Von Harburg nach Finnland. Die Pionier-Landungs-Kompanie und ihr Einsatz im 1. Weltkrieg. Internationales Maritimes Museum Hamburg, Newsletter Ausgabe 4 (PDF; 1,3 MB), Oktober–Dezember 2017, S. 3 (Ankündigung der gleichnamigen Sonderausstellung zum 100. Jahrestag des Unternehmens Albion am 16. Oktober 2017; abgerufen im März 2025). Die Invasionsstreitmacht des Heeres unterstand der deutschen 8. Armee (General der Infanterie von Hutier), das Kommando der Landungstruppen führte der Kommandierende General des XXIII. Reserve-Korps, General der Infanterie Hugo von Kathen. Zusammen brachten es die eingesetzten Heereseinheiten auf etwa 24.500 Soldaten mit 8.500 Pferden, 2.400 Fahrzeugen sowie 150 Maschinengewehren, 54 Geschützen und zwölf Minenwerfern nebst der dazugehörigen Munition. Sie brachten Vorräte für dreißig Tage mit.

Seestreitkräfte