mini|Stifterbild der verlorenen Vita der Hl. Pinnosa und Cosmas und Damian: Hathwig überreicht unter Fürbitten Pinnosas der thronenden Maria die Handschrift. Umzeichnung von 1697

Hathwig (in der Literatur auch oft Hadwig, historisch auch Hathauuiga, Hathuwi und Hathuwig; * unbekannt; † am 18. Juli eines unbekannten Jahres) war Äbtissin des Stifts Essen. Ihre genauen Regierungsdaten sind unbekannt. In ihre Amtszeit fiel ein Brand, der die Stiftskirche beschädigte und das Stiftsarchiv vernichtete. Hathwig betrieb tatkräftig den Wiederaufbau, wodurch sie die Grundlage der Blüte des Stiftes unter den Äbtissinnen Mathilde, Sophia und Theophanu legte.

Quellenlage Hathwig ist als Essener Äbtissin durch eine am 15. Januar 947 in Frankfurt ausgestellte Urkunde König Ottos I.Urkunde Nr. 85 in . sowie durch eine abschriftlich überlieferte Urkunde des Papstes Agapitus II.Rhein. UB Nr. 2, Nr. 165, S. 41–44. belegt. Das Todesdatum ist belegt im Merseburger Nekrolog als Hathuwi abbatissa sowie im Essener Nekrolog als Hathuwig. Weitere Einträge finden sich in den Gedenkbüchern der Reichenau sowie des Klosters St. Gallen, im Nekrolog von Borghorst sowie in den Memorialeinträgen eines Essener Sakramentars aus dem späten 10. Jahrhundert. Ein Grabgedicht, das in einer Handschrift aus Saint-OmerBoulogne-sur-Mer, Bibliothèque muncipale, Hs. 102, unten wiedergegeben nach vom Ende des 10. Jahrhunderts überliefert ist, wird ihr zugeordnet. Das Stifterbild eines Codex, den Hathwig gestiftet hat, ist durch eine Umzeichnung aus dem 17. Jahrhundert erhalten.

Trotz dieser scheinbaren Vielfalt von Quellen ist es bisher weder gelungen, Hathwigs Amtszeit als Äbtissin exakt zu bestimmen, noch ihren familiären Hintergrund genau zu ermitteln.

Leben Hathwigs Geburtsjahr, Geburtsort, Abstammung und exakte Amtszeit sind nicht bekannt. Die Urkunde Ottos I. aus dem Jahr 947 bietet das einzige exakte Datum aus Hathwigs Leben. Die Echtheit dieser Urkunde, bei der nur die ersten beiden Zeilen aus der Feder des Erzkanzlers Brun stammen und der Rest in Essen geschrieben wurde, ist unbestritten, da die Urkunde nach 962 mit dem nach der Kaiserkrönung verwendeten Siegel Ottos I. neu gesiegelt wurde und der Text in späteren Urkunden für das Stift Essen in Bezug genommen wirdFremer S. 37, Bodarwé S. 117. Das auf einem Umweg über eine westfränkische Handschrift aus St. Omer überlieferte Grabgedicht ist mit Sicherheit Hathwig zuzuordnen, da es als Leistung der Verstorbenen den Wiederaufbau einer Kirche preist. Der Stiftsbrand von 946 ist durch die Urkunde Ottos I. und eine Erwähnung in Kölner AnnalenAstrude crematur. In belegt. Nach dem Grabgedicht hat Hathwig fast fünfzig Jahre als Äbtissin amtiert und nach dem Brand noch einige Jahre gelebt. Die nur in einer auf Initiative der Äbtissin Berta von Arnsberg 1245 und nochmals 1290 päpstlich bestätigten Abschrift überlieferte Urkunde Agapits II. wird auf 951 datiert. Die Echtheit dieser Urkunde wird angezweifeltDie Bestätigungen tragen den Vermerk, dass dem Heiligen Stuhl die Originale nicht vorlagen. Agapit stellte allerdings inhaltlich ähnliche Urkunden für das Stift Gandersheim aus.. Die nächste sichere datierbare Äbtissin von Essen ist Mathilde, die am 23. Juli 973 eine Urkunde Ottos II. erhielt, so dass Hathwig zwischen 951 und 973 verstorben sein muss.

Die überlieferten Essener Äbtissinnenkalender helfen bei einer Bestimmung der Amtszeit Hathwigs nicht weiter, da sie erst in der frühen Neuzeit zusammengestellt wurden und von Irrtümern durchsetzt sind. Der sogenannte Brüsseler Äbtissinnenkatalog erwähnt Hathwig als zehnte Essener Äbtissin nach einer Gerbergis, die wie sie eine Tochter „imperatoris Henrici primi“ (gemeint ist König Heinrich I., der nie imperator, also Kaiser war) gewesen sein soll. Diese familiäre Zuordnung ist eine Verwechselung des Katalogerstellers: Heinrich I. hatte zwar tatsächlich zwei Töchter namens Gerberga und Hathwig, beide verblieben jedoch im Laienstand. Hathwig war 947, als die Essener Äbtissin gleichen Namens die Urkunde Ottos I. erhielt, mit Hugo von Franzien verheiratet, eine Identität der Tochter Heinrichs I. mit der Äbtissin ist daher ausgeschlossen, da Ehestand und Äbtissinnenwürde nicht miteinander vereinbar waren. Auch der zweite frühneuzeitliche Äbtissinnenkatalog von Hiltrop macht Hathwig zur Tochter Heinrichs I. Auch seine übrigen Angaben zu ihr sind verwirrend: Bei Hiltrop ist ihre Vorgängerin Suanhild, die hundert Jahre später lebte, Hathwigs Nachfolgerin soll Mathilde I. sein, der eine Alheidis folgt, die auf zwei Gemmenkreuzen abgebildet sei (das trifft jedoch nur auf Mathilde zu).

Auch wenn Hathwigs Amtszeit nicht exakt bestimmbar ist, lassen sich aus den Quellen zahlreiche Aktivitäten der Äbtissin erschließen.

Der Hathwig-Bau Walter Zimmermann, der 1952 archäologische Ausgrabungen am kriegszerstörten Essener Münster unternahm, fand unter dem Westwerk Fundamente eines bis dahin unbekannten Vorgängerbaus. Aufgrund der aus dem Grabgedicht bekannten Bautätigkeit Hathwigs prägte er für diesen Bau die Bezeichnung Hathwig-Bau, den er als typisches ottonisches Westwerk mit quadratischem Mittelturm und zwei flankierenden Treppentürmen rekonstruierte, wobei das Westwerk nach dem Brand ab 947 neu errichtet worden sei. Ausgehend davon, dass dieses erste Westwerk um 947 erbaut worden sei, datierte Zimmermann das heute noch vorhandene Westwerk des Münsters auf die Amtszeit der Äbtissin Theophanu (1039 bis 1058). Die neuere Forschung hat sich inzwischen entschieden, das vorhandene Westwerk auf 997 bis 1002 zu datieren, also in die Amtszeit der Äbtissin Mathilde, und den Bau des bisher Hathwig zugeschriebenen ersten Westwerk früher anzusetzen. Durch den Bau von Westwerken machten Klöster auch baulich ihre Reichsunmittelbarkeit deutlich. Aus dem Text der Urkunde vom 15. Januar 947 geht hervor, dass das Stift Essen die Reichsunmittelbarkeit bereits unter den Vorgängern Ottos I. erlangt hatte, mutmaßlich unter Konrad I. (911–919)Lange, St. Cosmas und Damian, S. 50. Die Zuordnung des ersten Westwerks zu Hathwig ist daher fraglich, aufgrund ihrer langen Amtszeit kann sie als Bauherrin allerdings nicht ausgeschlossen werden. Auch der Umfang ihres durch das Grabgedicht gesicherten Wiederaufbaus ist unbekannt.

Das Essener Skriptorium Der Brand von 946 hat bis auf eine Urkunde des Königs Zwentibold das Stiftsarchiv und den Bücherbestand bis auf ältere, nicht mehr in Benutzung befindliche Bücher wie das Altfrid-Evangeliar vernichtet. Unter der Leitung Hathwigs verwendeten die Essener Stiftsdamen großen Fleiß darauf, die Bestände zu ersetzen und zu ergänzen. Das Essener Skriptorium ist erst 1991 aufgrund Gemeinsamkeiten der Handschriften nachgewiesen worden. Aufgrund der Anzahl der schreibenden Personen – zwischen dem Stiftsbrand und dem Ende des Jahrhunderts wurden etwa 60 einzelne im Essener Stil schreibende Hände nachgewiesen – sind die Kanoniker des Stifts als Schreiber ausgeschlossen. Die einzelnen Hände erreichten selten kalligrafisches Niveau. Initialen waren einfach gehalten, Zeichnungen sind selten und von eher geringer künstlerischer Qualität. Die Stiftsdamen schrieben zum eigenen Gebrauch auf gutem weißem Schafspergament, das sie mit einer schwarzglänzenden Tinte beschrieben, die leicht von der braunen Eisengallustinte des benachbarten Klosters Werden zu unterscheiden ist. Die Vorlagen für die Abschriften wählte man in Essen sorgfältig aus. An einer Prudentius-Handschrift, die sich erhalten hat, lässt sich ablesen, dass die Essener Stiftsdamen das von Werden überlassene Buch anhand einer weiteren Abschrift, die aus einer anderen Texttradition stammte, vervollständigt haben. Quelle der anderen Vorlage könnte Bischof Brun von Köln gewesen sein, der Prudentiustexte an einige Konvente weitergegeben haben soll, und als sehr belesen galtBodarwé S. 276. Bruns Grabgedicht ist in derselben Handschrift aus St. Omer wie Hathwigs überliefert, was auf Kontakte zwischen dem Stift Essen und Brun schließen lässt.

Reliquienerwerb mini|Illustration aus der verlorenen Vitenhandschrift Hathwigs: Jesus krönt die Heiligen Cosmas und Damian. Umzeichnung von 1697

Hathwig erweiterte das Heiltum ihrer Kirche um weitere Reliquien, wobei sie eine besonders ausgeprägte Tendenz zeigte, Reliquien von weiblichen Heiligen zu erwerben, die sich als Rollenvorbilder für die Sanktimonialen des Stifts besonders eigneten. Hathwig beschaffte Reliquien der Heiligen Pinnosa aus Köln und möglicherweise der Hl. Liuttrudis aus Niggenkerke (bei Corvey) und der Hl. Walburga aus dem Stift Meschede. Besonders die Hl. Pinnosa war eine hoch geschätzte Heilige; der Verlust dieser Reliquien wurde in Köln stark beklagt, da ursprünglich diese Heilige die Rolle der Hl. Ursula als Anführerin der Jungfrauen hatte, die durch die Hunnen vor Köln den Märtyrertod erlitten. Hathwig ließ die Vita Pinnosas sowie der Stiftspatrone Cosmas und Damian durch das Skriptorium der Abtei Fulda in einer Prachthandschrift niederschreiben, die heute verloren ist. Lediglich das Stifterbild ist durch eine neuzeitliche Umzeichnung überliefert. Die Verehrung Pinnosas hielt auch unter Hathwigs Nachfolgerinnen an. Die Äbtissin Theophanu ließ für die Reliquien einen silbernen, heute ebenfalls verlorenen Reliquienschrein anfertigen. Auf dem Buchdeckel des ebenfalls von dieser Äbtissin gestifteten Theophanu-Evangeliars ist Pinnosa neben Walburga eine der Heiligen, die Theophanus Fürbitte unterstützen.

Der Hathwig-Codex Von der Prachthandschrift, die Hathwig für das Stift Essen anfertigen ließ, sind lediglich zwei Zeichnungen durch neuzeitliche Abzeichnungen überliefert. Beiden Zeichnungen gemeinsam ist die teilweise Verwendung griechischer Schriftzeichen zur Bezeichnung der Figuren. Die Zeichnungen sind das Stifterbild, auf dem Hathwig in Begleitung einer weiteren Figur in Kleidung einer Sanktimonialen durch die Vermittlung der Heiligen Pinnosa das Buch der Gottesmutter, die von zwei Engeln begleitet wird, übergibt. Das zweite Bild zeigt Jesus, der die Heiligen Cosmas und Damian krönt. Aus diesen Bildern wird geschlossen, dass die Handschrift die Heiligenviten von Cosmas und Damian und Pinnosas enthielt. Beide Bilder sind trotz des Umstandes, dass sie nur als Abzeichnungen bekannt sind, als Produkte der Fuldaer Buchmalerschule zu erkennen.

Das Stifterbild Das Stifterbild zeigt in der oberen Ebene Maria in einem ovalen Heiligenschein als thronende Gottesmutter, die von zwei in griechischer Schrift als Cherubim und Seraphim bezeichneten Engeln begleitet ist. Auf einer als Hügel der Bodenlinie gebildeten Zwischenebene, also über die Stifter erhoben, steht die Heilige Pinnosa, die mit der rechten auf die Bittenden deutet, während ihre Linke zu Maria vermittelt. Unterhalb Marias ist Hathwig in kniender, betender Haltung abgebildet, die mit der rechten das Buch darbringt. Neben Hathwig steht eine zweite weibliche Figur in der Kleidung einer Sanktimonialen, die als Thioterae bezeichnet ist. Die Deutung dieser Figur ist nicht sicher. Vorgeschlagen wurde, dass es sich um eine Verballhornung von Θεοφοῤος handelt, Bodarwé schlägt die Lesart ΟεωΘεεαι (die Gottgeweihten) vor, womit die Figur als Vertreterin des Konvents zu interpretieren wäreBodarwé, S. 371.

Das Christusbild Das Bild zeigt zentral Jesus thronend in einem ovalen Heiligenschein, zusätzlich gekennzeichnet durch einen Kreuznimbus und den in griechischen Buchstaben geschriebenen Titel als „König der Könige“. Unter ihm stehen die namentlich bezeichneten Heiligen Cosmas und Damian, rechts Cosmas, links Damian. Beide sind zusätzlich durch ihr übliches Heiligenattribut, den Salbtopf, als Ärzte gekennzeichnet. Christus setzt beiden eine Krone als Zeichen ihrer durch das Martyrium gewonnenen Heiligkeit auf. Der Aufbau dieses Bildes folgt byzantinischen Vorbildern.

Steigerung der Bedeutung des Stiftes