Das Talfest (auch „Schönes Fest vom Wüstental“ und „Ruderfahrt des Westens“ genannt) zählte im Alten Ägypten zu den thebanischen Himmelsfesten und fiel jährlich in die altägyptische Jahreszeit Schemu. Bei der erstmaligen Begehung unter Mentuhotep II. wurde das Talfest während der sich dem Ende zuneigenden Nilschwemme im September gefeiert. Als Nekropolenfest stand es in direkter Verbindung mit dem Totenkult. Im Neuen Reich wurde das Talfest in Anspielung auf die Göttinnen Hathor, Sachmet und Bastet auch als „Fest der Trunkenheit“ verstanden, da in Esna zeitgleich das Fest „Besänftigen der Sachmet“ stattfand.Siegfried Schott: Das schöne Fest vom Wüstentale. Mainz 1953, S. 76–77. Die thebanische Bevölkerung nahm nicht direkt am Prozessionszug sowie der Barkenüberfahrt des Amun teil, sondern beging in Gleichsetzung den „Tag des Rauschtrunks“Siegfried Schott: Das schöne Fest vom Wüstentale. Mainz 1953, S. 125. als „Fest im Grabe“.Siegfried Schott: Altägyptische Festdaten. Mainz u. a. 1950, S. 71.

Abläufe des Talfestes, wie sie von der Bevölkerung begangen wurden, sind erstmals mit Beginn der 18. Dynastie belegt. Abbildungen der Opferrituale und der Prozession tauchen dagegen nur in den Tempeln der Könige auf, da jene heiligen Handlungen für den „einfachen Ägypter“ nicht zugänglich waren. Das Bildprogramm der königlichen Tempel und der Gräber ergänzte sich und umfasste somit die gesamten Rahmenhandlungen des Talfestes. Die Grabmalereien konzentrierten sich daher einerseits auf die heilige Amun-Barke, die bei Ankunft in Theben jeweils in den Totentempeln der verstorbenen Könige Station machte, um schließlich in das Sanktuar des amtierenden Herrschers gebracht zu werden und andererseits auf die Festriten des Grabinhabers.

In die Prozessionen war zur Zeit Hatschepsuts das Fest „Zug nach Chemmis“Rolf Gundlach, Matthias Rochholz (Hrsg.): Ägyptische Tempel – Struktur, Funktion und Programm (= Hildesheimer ägyptologische Beiträge. Bd. 37). (Akten der Ägyptologischen Tempeltagungen in Gosen 1990 und in Mainz 1992). Gerstenberg, Hildesheim 1994, ISBN 3-8067-8131-1, S. 67–68 und 75. integriert, um die jährliche Wiedergeburt des Königs als Horus zu zelebrieren. Insofern bestand das Talfest aus mehreren Kleinfesten, die nach und nach den Festkalender ergänzten.

Geschichte des Talfestes Anlass und Inhalt der Talfestfeierlichkeiten veränderten sich im Verlauf der ägyptischen Geschichte umfassend. In der frühen 18. Dynastie standen zunächst alte Traditionen im Vordergrund, wie beispielsweise Weihegaben während ritueller Opferhandlungen, Verklärungen beim Festmahl und Besuche der Tempelwachen sowie von Haremsdamen der Göttin Hathor. Im weiteren Verlauf erhielten verschiedene Bevölkerungsschichten die Möglichkeit, die Reise in das Land der Toten anzutreten. Die einstige Vereinigung des Amun und der Hathor, die den Charakter eines Wiedergeburtfestes innehatte, verband sich mit den Neuerungen, ohne dabei alte Riten zu verändern. Lediglich die Abfolge der Rahmenhandlungen wurde spätestens ab der mittleren 18. Dynastie umgestellt und den neuen Bedürfnissen angepasst.Siegfried Schott: Das schöne Fest vom Wüstentale. Mainz 1953, S. 85.

Erst nachdem große Teile der Bevölkerung am Festgeschehen teilnehmen konnte, wandelte sich das Talfest in ein Jubelfest, zu dem die Priesterschaft mit Blumen die Besucher der Gräber willkommen hieß. Die Huldigung der Gottheit Amun-Re und die begleitenden Zeremonien des Tanzes wurden durch rauschartige Trinkgelage ergänzt. Nach der Amarna-Zeit lebte in der 19. Dynastie der „alte Geist des Talfestes“ nochmals auf. Der kulturelle Niedergang der 20. Dynastie ersetzte die fröhlichen Aktivitäten durch traurige Riten. Bildliche Darstellungen der früheren Sorglosigkeit reduzierten sich von diesem Zeitpunkt an, um später vollständig zu verschwinden.W. Helck: Geschichte des Alten Ägypten (= Handbuch der Orientalistik. Abteilung 1: Der Nahe und der Mittlere Osten. Band 1: Ägyptologie. Abschnitt 3). Brill, Leiden u. a. 1968, S. 198–199.

Ursprung mini|Totentempel des Mentuhotep II.In den Festlisten des Alten Reichs ist das Talfest noch unbekannt. Nach dem Zerfall des ägyptischen Reichs am Ende des Alten Reiches wählten die Könige der neunten und zehnten Dynastie Herakleopolis Magna als ihre Residenz, die später von Mentuhotep II. erobert wurde. In diesen Zeitraum fällt die erste geschichtliche Erwähnung des Amun-Tempels in Karnak. Unter Mentuhotep II. konnte die Reichseinigung nur durch Berücksichtigung der Königs- und Horusideologie des Alten Reiches vollzogen werden, die auch in den verwendeten Bauelementen des Totentempel des Mentuhotep II. seit Reichseinigung sichtbar wird.W. Helck: Geschichte des Alten Ägypten (= Handbuch der Orientalistik. Abteilung 1: Der Nahe und der Mittlere Osten. Band 1: Ägyptologie. Abschnitt 3). Brill, Leiden u. a. 1968, S. 93–97.

Das Tal des Mentuhotep II. stand im Zeichen der Hathor, die als Himmelsgöttin und Mutter des Horus in einer Kapelle oberhalb des Totentempels in ihren Erscheinungsformen als heilige Kuh sowie als Herrin des Papyrusdickichts verehrt wurde. Das Talfest ist erstmals auf einem Fels-Graffito für Neb-hepet-Re (Mentuhotep II.) erwähnt, das oberhalb seines Totentempels von einem Priester dort angebracht wurde:

mini|Heckruder eines ägyptischen Nilschiffs. Szene aus der Grabkammer des Menna (um 1422–1411 v. Chr.).

Spätere Grundsteintäfelchen nennen die Namen von Mentuhotep II. und Hathor. Die Prozession des damaligen Talfestes konnte auf das letzte Drittel der Regierungszeit von Mentuhotep II. datiert werden.Martina Ullmann: Thebes. Origins of a Ritual Landscape. Chicago IL 2007, S. 7–8. Mit Beginn der Feierlichkeiten transportierte die Priesterschaft eine Statue von Amun-Re vom Karnaktempel zur königlich-göttlichen Barke, um in das Tal des Mentuhotep II. zu gelangen. Auf einem Grabstein des Mittleren Reiches ist die Inschrift eines Priesters aus el-Qurna zum Namen des Talfestes erhalten geblieben: „Mögest du Opferbrote des Amun empfangen an seinem schönen Fest der Ruderfahrt“.Siegfried Schott: Das schöne Fest vom Wüstentale. Mainz 1953, S. 94.

Ähnliche Redewendungen wurden später im Neuen Reich gebraucht. So auch auf einem Denkstein des Amenophis III.: „Sein Vater Amun, der die Ruderfahrt in das Tal unternimmt, um die Götter des Westens zu sehen.“ Aus weiteren unterschiedlichen Benennungen des Talfestes als „Kommen des Gottes Amun aus Karnak“ oder „sein schönes Fest vom Wüstental“ wird ersichtlich, dass sich der Name des Talfestes vom Ziel der Reise Amuns ableitete.Siegfried Schott: Das schöne Fest vom Wüstentale. Mainz 1953, S. 5–7. Wahrscheinlich veranlasste der besondere Hathorkult im Tal des Mentuhotep II. die Königin Hatschepsut, ihren Totentempel ebenfalls dort erbauen zu lassen.

Neues Reich mini|Karte von Deir el-Bahari III) Tempel der Hatschepsut Talfestzug: 7) Hof 14) Amuntrakt Chemmiszug 7) Hof 11) Hathor-Schrein

Ab der 18. Dynastie änderte sich mit Amun-Re in seiner Sonderform als „Götterkönig“ der Termin des Festes, das die Ägypter nun im zweiten Schemu-Monat unter der Bezeichnung „Schönes Fest des Tales von Amun-Re“ feierten und auf zwei Tage erweiterten.Siegfried Schott: Altägyptische Festdaten. Mainz u. a. 1950, S. 105. Um 1500 v. Chr. fiel der Beginn des Talfestes wegen Abhängigkeit vom Neumond in die Zeit zwischen Mitte Mai und Mitte Juni. Die Fahrt des Amun galt der „Göttin Harthor, die Amun auf der Westseite Thebens besuchte, um die Nacht bei ihr zu verweilen“. Die Barkenüberfahrt von Amun fand deshalb bis zur 19. Dynastie traditionsgemäß noch ohne Begleitung anderer Götter statt.

Den symbolischen „Zug nach Chemmis“ verband Hatschepsut mit den Feierlichkeiten des Talfestes. Nach ihrer rituell vollzogenen „Geburt“ zog der Prozessionszug zum Totentempel der Hatschepsut. Dort vereinigte sich Hatschepsut mit dem Kultbild im Hathor-Schrein, um später zur Hathor erhoben zu werden. Da sie als Königin nicht der „Horusknabe“ sein konnte, bezeichnete sich Hatschepsut wahrscheinlich aus diesem Grund als „(weibliches) Kind der Hathor“.

Das „Talfest“ gehörte zu den kalendarisch festgelegten „Erneuerungsfesten“, die für die jeweiligen Könige ausgerichtet wurden, um die Funktion des Königs als Stellvertreter der Gottheit „Amun-Re“ zu bestätigen. Im Rahmen der Feierlichkeiten des Talfestes fand eine Prozessionsfahrt nach Deir el-Bahari statt. Thutmosis III. verlegte das Fest während seiner Regierungsdauer in seinen Totentempel, der zwischen den Anlagen von Mentuhotep II. und Hatschepsut lag.

Nach seinem Tod wurden die Feierlichkeiten zumeist im Bereich des Totentempels von Hatschepsut ausgerichtet. Mit Beginn der Thronbesteigung durch Amenophis IV. wurden die Feierlichkeiten während seiner Regierungszeit bis zum Nachfolger Tutanchamun ausgesetzt. Aus den Grabinschriften des Neferhotep geht hervor, dass spätestens unter Eje II. zwischenzeitlich erneut der Totentempel des Thutmosis III. Mittelpunkt der Prozessionen war.

Im Grab des Nacht, einem Beamten der 18. Dynastie, sind die privaten Festlichkeiten im Rahmen des Festes in eindrucksvoller Weise wiedergegeben und bis heute erhalten worden.Abdel Ghaffar Shedid, Matthias Seidel: Das Grab des Nacht. Mainz 1991, S. 17.

Talfestdaten Die Abhängigkeit des Talfestes vom Sothis-Mondkalender konnte zu Überschneidungen mit jenen Hauptfestterminen führen, die mit einem festen Datum an den Verwaltungskalender gekoppelt waren. Durch die seit dem Neuen Reich verfügte Datumsverlegung fiel der frühestmögliche Talfesttermin im Verwaltungskalender auf den 26. Schemu I (26. Pachon); der letztmögliche Beginn auf den 26. Schemu II (26. Payni). Bei Terminüberschneidungen wurde das jeweils jüngere Fest auf einen anderen Termin verschoben. Ramses III. vermerkte in seinem Festkalender zwei reservierte Feiertage für das Talfest:

In der nachfolgenden Tabelle sind die Daten aufgeführt, die auf Papyri erhalten sind und den jeweiligen Königen zugewiesen werden konnten. Auffällig ist der Vermerk von Tausret: 28. Schemu II, als Amun-Re ruhte im Totentempel der Sat-Ra-meri(t)-en-Amun, König von Ober- und Unterägypten, im Tempel des Amun im Westen von Theben. Da der 28. Schemu II unmöglich den normalen Beginn des Talfestes markieren konnte, musste es sich entweder um einen dritten Feiertag oder um einen verschobenen Termin des Talfestes handeln. Unklar bleibt auch der genaue Aufenthaltsort des Amun-Re, da der Totentempel von Tausret in Theben-West zwischen den Anlagen von Thutmosis IV. und Merenptah aufgrund der kurzen Regierungsdauer nicht vollendet werden konnte.

TalfestKönigQuelleÄgyp. KalenderDatumUmrechnung auf den heutigen gregorianischen Kalender.AnmerkungenRamses II.Graffito DB 3220. Schemu II8. April 1268 v. Chr. Regierungsjahr 12TausretGraffito DB 326. Schemu II27. März 1191 v. Chr. Regierungsjahr 719. DynastieOstraca Cairo 2553823. Schemu II? Rückkehr Amuns 25. Schemu II

Festcharakter bis zur Amarnazeit „Schönes Fest des Tales von Amun-Re“ mini|Tempel des Amun-Re in Karnak Die Feierlichkeiten zum „Schönen Fest des Tales von Amun-Re“ stellten neben dem im Neuen Reich eingeführten Opet-Fest ein besonderes Ereignis des Jahres dar, dessen Prozession mit Teilnehmern aus der Familie des Königs, der Priester- und Beamtenschaft ein eindrucksvolles Schauspiel abgegeben haben muss und vor allem auf die Zeitgenossen sehr nachhaltig wirkte.