Mulliner Park Ward (Eigenschreibweise: Mulliner, Park Ward) war ein britischer Hersteller von Automobilkarosserien. Das in London ansässige Unternehmen entstand 1961 aus der Fusion der beiden Karosseriebaubetriebe H. J. Mulliner & Co. und Park Ward. Es war eine Rolls-Royce-Tochter und stellte abgesehen von einigen Karosserien für Alvis ausschließlich Aufbauten für Rolls-Royce- und Bentley-Fahrgestelle her. 1991 wurde Mulliner Park Ward in Rolls-Royce integriert.

Geschichte Das Karosseriebauunternehmen Park Ward gehörte seit 1939 zu Rolls-Royce. 1959 übernahm Rolls-Royce zudem die Anteilsmehrheit an dem Londoner Karosseriehersteller H.J. Mulliner. Ein wesentlicher Grund für die Übernahme war das Ziel, in einer Zeit, in der der Markt für traditionellen Karosseriebau kontinuierlich schrumpfte, entsprechendes Know-how zu erhalten, um auch zukünftig Kapazitäten für handwerklich gefertigte Sonderaufbauten zu haben. Aus den beiden Unternehmen formte Rolls-Royce 1961 das Tochterunternehmen Mulliner Park Ward und beschäftigte dort in Spitzenzeiten bis zu 750 Mitarbeiter. Die Geschäftsräume befanden sich am Standort von Park Ward, in der Hythe Road im Londoner Stadtteil Willesden.

In dieser Zeit war Mulliner Park Ward für besondere Modelle von Rolls-Royce und Bentley zuständig. Sie wurden jeweils in kleiner Serie produziert. Gänzlich individuelle Aufbauten (sogenannte Bespoke Bodies) fertigte Mulliner Park Ward anders als die Vorgängerbetriebe nicht. 1981 lief der Pachtvertrag für das Betriebsgelände in Willesden aus. Mulliner Park Ward bezog daraufhin neue Werksanlagen in Harlesden im Nordwesten Londons.Jonathan Wood: Rolls-Royce & Bentley. Die Geschichte einer legendären Marke. Heel Verlag 2003. ISBN 3-89880-106-3, S. 75. 1991 beendete Rolls-Royce den Karosseriebau bei Mulliner Park Ward.Nick Walker: A–Z of British Coachbuilders 1919–1960, Shebbear 2007 (Herridge & Sons Ltd.) ISBN 978-0-9549981-6-5, S. 151–159. Zu dieser Zeit arbeiteten noch 500 Angestellte für das Unternehmen.

Heute werden die Markennamen Mulliner und Park Ward von der Volkswagen-Tochter Bentley Motors Ltd. verwendet. Sie bezeichnen besondere Ausstattungslinien gängiger Modelle.

Aufbauten für Rolls-Royce und Bentley Beheaded: S3 und Silver Cloud Drophead Coupés

Mit dem 1955 neu vorgestellten Rolls-Royce Silver Cloud und dem Schwestermodell Bentley S1 führte Rolls-Royce in Abkehr von der traditionellen Produktionsweise eine viertürige Standardkarosserie ein, die werksseitig angeboten wurde. Sie entstand in maschineller Fertigung bei der in Swindon ansässigen Pressed Steel Company.

Nachdem vorher bereits mehrere Karosseriehersteller auf den Silver-Cloud- bzw. S1-Fahrwerken eine Reihe von Cabrioletaufbauten mit komplett eigenständigen Linien 1959 entworfen hatten, entwickelte Park Ward 1959 eine zweitürige Cabrioletversion, die die Grundform der Silver-Cloud- bzw. S1-Standardkarosserie übernahm. Nachdem Park Ward zwei Prototypen nach diesem inoffiziell Beheaded genannten Design hergestellt hatte, übernahm H.J. Mulliner die Serienproduktion und baute bis 1961 insgesamt 12 Cabriolets des Silver Cloud I und 107 des Silver Cloud II. Nahezu identische Ausführungen entstanden für den Bentley S1 (zwei Autos) und den S2 (15 Autos).James Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 68 und 139.

Ab 1962 setzte Mulliner Park Ward den Bau dieser Cabriolets auf der Basis des Rolls-Royce Silver Cloud III fort. Bis 1963 entstanden 38 Beheaded Rolls-Royces (Designnummer 2007); hinzu kam ein Auto auf Bentley-S3-Basis. Sie entstanden zwischen Juli 1962 und Dezember 1963.James Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 121. Hinzu kamen fünf Autos, die als viertürige Cabriolets gestaltet waren.James Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 122.

Die Continental-Reihe Parallel zu den Standardmodellen bot Bentley ab 1952 mit der Continental-Reihe besonders sportliche und teure Fahrzeuge an, die heute begehrenswerte Klassiker sind.Mark Fagelson: Choice of the Connoisseurs. Modellgeschichte der R-Type- und S-Type-Continentals. In: Thoroughbred & Classic Cars, Heft 12/2010, S. 44 ff. Continental-Versionen gab es vom R-Type, vom S1, vom S2 und vom S3. Für die Continentals gab es Karosserien verschiedener Hersteller. H.J. Mulliner baute die Fließheckcoupés, die in den ersten beiden Serien am häufigsten verkauft wurden; hinzu kamen Stufenheckvarianten von Park Ward und diverse andere Ausführungen. Mit der Einführung des S2 Continental im Jahr 1959 änderte sich die Continental-Modellpalette. Die Fließheckversion entfiel. H.J. Mulliner bot stattdessen zwei- und viertürige Stufenhecklimousinen mit runden Linien an, während Park Ward ein geradlinig gestaltetes, viersitziges Cabriolet neu ins Programm aufnahm, dessen Karosserie der norwegische Designer Vilhelm Koren entworfen hatte.Markus Caspers: Designing Motion: Automobildesigner von 1890 bis 1990, Birkhäuser, 2017, ISBN 9783035607772, S. 125. Nach der Zusammenlegung von H.J. Mulliner und Park Ward führte Mulliner Park Ward die beiden bisherigen Linien fort.

Die Koren Continentals

Mulliner Park Ward setzte die Produktion des offenen Koren-Continental ab 1961 für den neu eingeführten Bentley S3 Continental fort (Designnummer 2006). Ergänzend zum offenen Drophead Coupé war nun auch eine geschlossene Version mit trapezförmigem Metalldach erhältlich, die werkseitig als Two Door Saloon bezeichnet wurde (Designnummer 2035). Äußerlich unterscheiden sich die zweitürigen Continental der S3-Reihe von ihren Vorgängern durch die geneigt angeordneten vorderen Doppelscheinwerfer, die als Chinese Eyes in die Automobilgeschichte eingegangen sind.James Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 125. Bis 1966 entstanden 86 Cabriolets und 104 Two Door Saloons nach dem Koren-Entwurf für Bentley-Chassis.

Ab 1963 waren die Zweitürer mit Koren-Design in offener (Nr. 2045) und geschlossener (Nr. 2045) Ausführung auch für das Fahrgestell des Rolls-Royce Silver Cloud III erhältlich. Abgesehen vom Kühlergrill, der Form der Motorhaube und einem Chromstreifen an den Wagenflanken stimmten die Aufbauten mit denen für Bentley-Fahrgestelle vollständig überein; allerdings hatten die Rolls-Royce-Versionen die stärker geneigte Lenksäule und die umfangreichere Instrumentierung der Bentleys.James Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 121 f., 128. Der Produktionsumfang für die Rolls-Royce-Versionen ist unklar.

Die zweitürigen Koren-Continentals gehören zu den schönsten und begehrtesten Bentley-Modellen der Nachkriegszeit.Graham Robson: Bentley. Die wiedergeborene Legende. Heel Verlag (Königswinter) 2012. ISBN 978-3-86852-600-4, S. 86. Im Film Blow Up von Michelangelo Antonioni aus dem Jahr 1966 fährt Thomas, der Fotograf, einen offenen Koren-Continental der S3-Reihe in der Rolls-Royce-Version.

Continental Flying Spur

Mulliner Park Ward setzte nach der Fusion auch die Produktion der viertürigen Continental Flying Spur fort, die bis dahin von H.J. Mulliner gebaut worden waren. Der H.J.-Mulliner-Entwurf wurde weitestgehend unverändert übernommen; neu waren nur die vorderen Doppelscheinwerfer. Der Flying Spur von Mulliner Park Ward war mit Bentley- und Rolls-Royce-Kühler erhältlich. Erhältlich waren drei Karosserieversionen, die sich im Bereich des Dachaufbaus leicht voneinander unterscheiden. Die erfolgreichste Version war der Six Light Saloon mit drei Fenstern auf jeder Fahrzeugseite und einer sehr schmalen D-Säule (Designnummer 2042). Von ihr entstanden 82 Autos mit Bentley- und 51 Wagen mit Rolls-Royce-Kühlermaske. Die Four-Light-Version (Designnummer 2011/E) hat dagegen zwei Fenster auf jeder Seite und eine breite, voll verkleidete C-Säule. Von dieser Ausführung baute Mulliner Park Ward 11 Fahrzeuge. Besonders selten war schließlich eine Mischversion, die ein sehr kleines Seitenfenster hinter den rückwärtigen Türen hat.James Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 122.

Phantom V und VI

Die 1959 eingeführte Repräsentationslimousine Phantom V wurde zunächst werksseitig mit einer Karosserie von Park Ward (Designnummer 980) angeboten,James Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 146. deren Form Martin Bourne aus der Rolls-Royce-Designabteilung entworfen hatte.James Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 129. Nach der Fusion mit H.J. Mulliner setzte Mulliner Park Ward den Bau dieser Karosserie fort, die nun die Designnummer 2003 erhielt. Die Mulliner-Park-Ward-Versionen wurden inoffiziell als Phantom V½ bezeichnet. Der deutlichste Unterschied zum ursprünglichen Design betraf die Frontpartie, an der nun Doppel- statt Einzelscheinwerfer angebracht waren. Außerdem waren der Kofferraumdeckel neu geformt. Das Design Nr. 2003 wurde zur Standardversion des Phantom V. Von 1963 bis 1968 baute Mulliner Park Ward 112 Exemplare in dieser Form.Vor der Fusion mit H.J. Mulliner hatte Park Ward bereits 126 Phantom V mit dem Standardaufbau nach Designnummer 980 hergestellt. Vgl. James Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 146. Hinzu kamen fünf Autos mit Landaulet-Aufbau und einige werksintern Canberra genannte Sonderversionen mit erhöhtem Dach für das britische Königshaus. Alternative Aufbauten kamen in erster Linie von James Young; sie erreichten ebenfalls dreistellige Stückzahlen.

1968 löste der Rolls-Royce Phantom VI den Phantom V ab. Von ihm entstanden bis 1991 insgesamt 374 Exemplare. 347 davon hatten die als Mulliner Park Ward Seven Passenger Enclosed Limousine bezeichnete Standardkarosserie, die dem schon beim Vorgänger verwendeten Entwurf 2003 entsprach. Im Laufe der Jahre gab es nur wenige Änderungen. Sie betrafen unter anderem die hinteren Türen und die Form der Rückleuchten. James Taylor: Coachwork on Rolls-Royce & Bentley 1945–1965, Herridge & Sons, Beaworthy, 2019, ISBN 978-1-906133-89-4, S. 132.

Corniche Coupé und Cabriolet