Maquinna (Maquilla, selten Muquinna) ist der Name einer ganzen Reihe von Nuu-chah-nulth-Häuptlingen, genauer der Mowachaht, die ihr Wohngebiet an der Westküste von Vancouver Island haben. Zwei von ihnen spielten für die Phase der ersten Kontakte zwischen den First Nations an der später kanadischen Pazifikküste und Europäern entscheidende Rollen.

Der Name bedeutet etwa Kieselbesitzer und wird heute mit M'okwina oder mukwina wiedergegeben.

Der ältere Maquinna mini|Angehöriger der Mowachaht, wie ihn John Webber, Captain Cooks Zeichner festhielt, James Cook: A Voyage to the Pacific Ocean, London 1784 Der erste überlieferte Vertreter dieses Namens erscheint ab 1778 in den Quellen, als James Cook an der Westküste von Vancouver Island landete. Sein zeremonieller Name, den sein Volk überwiegend benutzt haben dürfte, war Tsáhwasip, er wurde aber auch Yáhlua genannt.Curtis, Band 11, S. 8. Er dürfte um 1758–1762 geboren worden sein, denn 1788 schätzte der Engländer John Meares sein Alter auf etwa 30 Jahre, Alejandro Malaspina schätzte ihn 1792 auf höchstens 30.Für die Zeit bis etwa 1792/95 folge ich Freeman M. Tovell: Chief Maquinna and Bodega y Quadra. In: British Columbia Historical News, Band 34/4 (2001) 8-14. Es scheint, als habe Maquinna um 1778 die Herrschaft von seinem Vater Anapù übernommen, was möglicherweise sein Geburtsjahr näher an 1758 rücken würde, womit er bei Beginn seiner Häuptlingschaft 20 Jahre alt gewesen wäre. Sein Vater war im Krieg gegen die Tlaumase ums Leben gekommen, woraufhin Maquinna einen Rachefeldzug führte.Tovell, S. 9.

Obwohl Spanier ab 1774 im Nootka Sound auftauchten,Vgl. Juan José Pérez Hernández. kam erst James Cook (mehr als einen Monat lang) in näheren Kontakt mit den Küstenbewohnern. Ob er schon mit Maquinna verhandelte, ist unklar, er selbst überliefert den Namen des Häuptlings nicht. In der mündlichen Tradition des Stammes wurde Cook von Maquinna jedoch empfangen. Jedenfalls erhielt Cook Seeotterfelle, die seine Mannschaft später in China mit hohem Gewinn verkaufte. Der Sommeraufenthaltsort der Mowachaht, Yuquot, wurde später zum ersten Pelzhandelszentrum an der Westküste Nordamerikas. Im Winter wohnten die Mowachaht in Tahsis. mini|John Meares' Schiff wird im Nootka Sound von Mowachaht empfangen Die nächste Expedition, geführt von dem britischen Kapitän James Hanna, erreichte die Region erst sieben Jahre nach Cook. Offenbar beleidigte Hanna den Häuptling schwer, so dass die Mowachaht im August 1785 sein Schiff angriffen, wenn auch ohne Erfolg. Trotz dieser schlechten Erfahrungen lockte der Handel mit Otterfellen in den nächsten Jahren zunehmend Händlerschiffe zum Nootka Sound. Maquinna trieb 1788 mit dem britischen Kapitän John Meares Handel und gestattete ihm sogar den Bau einer kleinen Niederlassung. Meares beschreibt den Häuptling als von mittlerer Größe und einnehmendem Auftreten.

Am 16. Mai 1788 schrieb er, es „fuhr eine Reihe von Kanus in die kleine Bucht, mit Maquilla (so nennt Meares den Häuptling) und Callicum; sie bewegten sich in großer Parade um das Schiff, während sie ein angenehmes Lied sangen mit einer wohlklingenden Melodie: – es waren zwölf dieser Kanus, jedes mit ungefähr achtzehn Mann, der überwiegende Teil in Kleidern aus schönsten Seeotterhäuten, die sie vom Hals bis zu den Knöcheln einhüllten. Ihr Haar war mit weißem Daunen gleichsam gepudert, und ihre Gesichter mit rotem und schwarzem Ocker bedeckt, in der Form eines Haikiefers und einer Art Spirallinie, was sie äußerst wild aussehen ließ. In den meisten Booten waren auf jeder Seite acht Ruderer und ein einziger Mann stand im Heck. Der Häuptling besetzte einen Platz in der Mitte, und war zusätzlich durch eine hohe Haube unterschieden...mit einem kleinen Büschel aus Federn … Der Chor war … äußerst korrekt in Zeit und Tonlage, keine Dissonanz war zu hören. Manchmal machten sie einen plötzlichen Übergang vom hohen zum tiefen Ton...“ Offenbar im Rhythmus ihres Gesangs „schlugen sie mit ihren Rudern gegen das Dollbord des Boots. Am Ende jedes Verses zeigten sie mit ausgestreckten Armen nach Norden und Süden und senkten dabei feierlich ihre Stimmen.“Meares, Voyages Made in the Years 1788 and 1789, from China to the North West Coast of America usw., London 1790, 112f., übersetzt nach Curtis, The North American Indian, Band 11, S. 3.

Maquinna verstand die Regeln des Handels schnell. So spielte er die Angebote der Spanier, Briten und US-Amerikaner gegeneinander aus, um bessere Preise zu erzielen. Darüber hinaus hielt er konkurrierende Stämme vom Handel fern, setzte sogar durch, dass alle Pelze durch seine Hand, bzw. die seiner Leute gehen mussten. Um 1792 führte er ein kleines Handelsimperium zusammen mit den Kwakwaka'wakw an der Mündung des Nimpkish River. Der Pelzhändler John Hoskins berichtet von beachtlichen Gewinnen. Nur die benachbarte Stammeskonföderation unter Wickaninnish betrieb in dieser Region selbstständig Pelzhandel.Galois 82.

mini|Maquinna und sein „Bruder“ Callicut, John Meares 1796 Dabei musste Maquinna ständig im spanisch-britischen Konflikt lavieren. Als im Mai 1789 eine spanische Flotte unter Esteban José Martínez den Nootka Sound für den spanischen König beanspruchte und englische Händler verhaftete, entschied sich Maquinnas Konkurrent und Verwandter Callicum am 13. Juli, zum Schiff des Spaniers zu rudern, um zu verhandeln. Doch wurde er von einem Spanier erschossen. Offenbar hatte Maquinna Schwierigkeiten mit indianischen Rivalen und musste sich daher schon im August und September wieder auf Verhandlungen einlassen. Er sagte zu, den spanischen Handelsposten zu schützen.

Francisco de Eliza erreichte als nächster Yuquot im April 1790. Die Indianer mieden den Kontakt, Eliza ließ ein Dorf plündern, um an Holz für seine Schiffe zu kommen.

Der Händler James Colnett – er war 1788/89 Mitbegründer der Associated Merchants Trading to the Northwest Coast of America, die im Pelzhandel tätig war und fünf oder sechs Schiffe unterhielt –, der im Januar 1791 Yuquot anlief, versuchte am 2. März Maquinna für die britische Sache zu gewinnen. Er hatte zwei Jahre zuvor zwei Schiffe mitsamt Mannschaft an die Spanier verloren. Derweil drohte Eliza mit der sofortigen Zerstörung des Ortes, wenn sich die angeblichen Akte des Kannibalismus wiederholen würden. Maquinna beugte sich dem Druck und fand sich im August bereit, das Land bei Yuquot an die Spanier abzutreten. Trotzdem gelang es den Briten (und den 29 aus Macau mitgebrachten Chinesen) rund tausend Seeotterfelle zu bekommen, die er für fast 10.000 Pfund in England verkaufte. mini|Dorf am Nootka Sound, George Vancouver: A Voyage of Discovery to the North Pacific Ocean and Round the World, Band I, Abb. VII mini|Das spanische Fort San Miguel

Durch den spanischen Vizekönig Revilla Gigedo änderte sich die Haltung der Regierung gegenüber den Indianern grundlegend. Er forderte von seinen Offizieren einen freundlichen Umgang mit ihnen und verlangte, dass die Mannschaften entsprechend überwacht würden. Waffen sollten nur in Notwehr eingesetzt, Diebstähle streng geahndet werden. Jede schlechte Behandlung verstoße gegen die Menschlichkeit. Gleichzeitig sollte dieses Vorgehen die spanische Herrschaft stabilisieren.

Als 1792 Juan Francisco de la Bodega y Quadra in Yuquot ankam, und wenig später George Vancouver, drohte Maquinna zwischen die beiden Seemächte zu geraten. Quadra folgte seiner Einladung zu einem Potlatch und beantwortete diese freundliche Geste mit einer Einladung zu einem Mahl in seinem Haus. Dazu lud er ihn immer wieder ein, bot ihm den ehrenvollsten Platz an und ließ es sich nicht nehmen, ihn selbst zu bedienen, womit er Maquinnas Ansehen bewusst erhöhte. Maquinna erkannte, dass solcherlei ehrende Gesten nur ihm zukamen. So lud er Quadra nach Coopti ein, wo er die einsetzende Pubertät seiner Tochter Apenas feiern wollte. Während der vier Monate, in denen sich Quadra in seinem Wirkungsbereich aufhielt, verhinderte er auf diplomatisch geschicktem Weg einen Aufstand unter Führung von Wickaninnish und Tatoosh, dem Häuptling der Ahousaht. Auch besuchte er Häuptlinge und Unterhäuptlinge und sparte nicht mit Geschenken, wie Muscheln und vor allem Kupfer, das sehr begehrt war. Auch zu Maquinnas Gegner Tlupananutl, dem Häuptling auf Bligh Island und im Tlupana Inlet, sowie zu Quiocomasia, dem Führer der Ehatteshaht, unterhielt er freundliche Beziehungen, auch wenn die mündliche Tradition von Übergriffen und Tötungen weiß, die von den Mannschaften ausgingen. Sie waren erst der Auslöser für die Pläne von Wickaninnish und Tatoosh, die Spanier anzugreifen, doch Quadra konnte Hanna und Tatoosh, die Maquinna zu einem Besuch überredet hatte, von seinen lauteren Absichten überzeugen. Quadra und Maquinna stützten sich gegenseitig, oder, wie Maquinna es ausdrückte: „Maquinna ist das gleiche wie Quadra und Quadra ist das gleiche wie Maquinna.“Moziño, Noticias, 56f.

Als ein spanischer Kombüsenjunge von 14 Jahren ermordet aufgefunden wurde, verdächtigten die meisten Maquinna, doch Quadra weigerte sich, ihn gefangensetzen zu lassen und bat stattdessen den Häuptling, den Schuldigen zu finden. Dabei sicherte er sich beim Vizekönig ab, ob dieses Verfahren angemessen sei, dieser wiederum erhielt von Minister Aranda aus Madrid später die Zustimmung.

Selbst George Vancouver erkannte den Erfolg Quadras an und staunte über die Wirkung seiner Person. Captain Hanna, der versuchte, die Spanier abzudrängen, musste seinen Plan, zusammen mit ihnen einen Aufstand zu initiieren, aufgeben, weil sie eher Quadra vertrauten, der der Politik seines Vizekönigs folgte. „Diese Leute können niemals erwarten einen besseren Freund unter sich zu finden, als Don Quadra“, bemerkte der amerikanische Pelzhändler Joseph Ingraham. „Nichts kann seine Aufmerksamkeit und Freundlichkeit ihnen gegenüber überbieten, und sie alle scheinen dies zu spüren, und sie alle mögen ihn.“ Als Bodega Nootka Sound im September verließ, war Yuquot immer noch spanisch. Quadra kündigte Maquinna persönlich seine Abreise an und musste ihn trösten. Maquinna war offenbar entsetzt, als Quadra ihm mitteilte, sein Nachfolger sei Salvador Fidalgo, mit dem der Häuptling schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Er musste warten, bis die Spanier abzogen. Erst im März 1795 gaben beide Länder Nootka Sound auf, nachdem London Madrid diplomatisch massiv unter Druck gesetzt hatte. Im September, so berichtet Charles Bishop, stand in Yuquot nur noch eine Indianersiedlung. Die Handelsstation war abgerissen worden.

Wenig später erkrankte Maquinna an einem Fieber und starb. Wann genau ist nicht bekannt.

Der jüngere Maquinna

Der Pelzhandel war schnell Teil eines großen Dreieckshandels zwischen Europa, dem Pelzhandel in China und Nordwestamerika geworden. Die Europäer fuhren mit Metallen und allem, was nach den (zu diesem Zweck publizierten) Journals der vorangehenden Seefahrten als unter den „Wilden“ begehrt bekannt wurde, zum Nootka Sound. Dort nahmen sie im Tausch Otterpelze und Biberpelze an Bord und verkauften diese wiederum in Ostasien, vor allem im portugiesischen Macao vor der südchinesischen Küste. Mit den enormen Gewinnen erwarben sie dort Porzellan, Seide und andere chinesische Waren, die in Europa äußerst begehrt waren.

Um den Handel tätigen zu können, brauchte man bald Dolmetscher. So entwickelte sich in diesem Dreieckshandel eine Händlersprache mit wenigen hundert Vokabeln, das Chinook. Schon Meares berichtet, dass das Sprachengemisch ihres Dolmetschers nur noch schwer verständlich war, denn es bestand aus zahlreichen chinesischen, englischen, spanischen Wörtern, aber auch aus Wörtern der Chinook und der Nuu-chah-nulth.