mini|Nördlicher Abschnitt des Niedergermanischen Limes(zwischen LVGDVNVM BATAVORVM und VLPIA NOVIOMAGVS BATAVORVM) auf der Tabula Peutingeriana mini|Südlicher Abschnitt des Niedergermanischen Limes(zwischen VLPIA NOVIOMAGVS BATAVORVM und RIGOMAGVS) auf der Tabula Peutingeriana Als Niedergermanischer Limes wird die ehemalige Grenze zwischen der römischen Provinz Germania inferior und dem nicht eroberten Teil Germaniens (der sogenannten Germania magna) bezeichnet. Der Niedergermanische Limes trennte den linksrheinischen Teil des Rheinlands sowie der Niederlande, der Bestandteil des Römischen Reichs war, von den rechtsrheinischen Gebieten ab, die nicht unter der vollständigen Kontrolle Roms standen. Der Niedergermanische Limes ist ein Bodendenkmal und seit 2021 Weltkulturerbe der UNESCO. Berthold Seewald: Grenzen des Imperiums: Der „niedergermanische Limes“ am Rhein ist jetzt Weltkulturerbe. Welt.de, 27. Juli 2021; abgerufen am 27. Juli 2021.
Die Anlage dieses Limesabschnitts geht zum Teil bereits auf Augustus und dessen Stiefsohn und Feldherrn Drusus zurück, die die natürliche Grenze des Rheins ab dem Jahre 15 v. Chr. zu verstärken begannen. Der Verzicht auf rechtsrheinische Eroberungen im Jahre 16 n. Chr. machte den Rhein zur festen Grenze des römischen Reichs. In ihrem Schutz entstanden eine Vielzahl von Landgütern (Villae Rusticae) und Siedlungen (Vici). Namen und Lage einiger Orte sind insbesondere durch die Tabula Peutingeriana und das Itinerarium Antonini überliefert.Tilmann Bechert, Willem J. H. Willems: Die römische Reichsgrenze von der Mosel bis zur Nordseeküste. Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2; Margot Klee: Grenzen des Imperiums. Leben am römischen Limes. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 2006, ISBN 3-8053-3429-X, S. 33–40.
Topographie des Niedergermanischen Limes mini|Rhein-Maas-Delta mit dem Niederrhein im Hintergrund
Es handelte sich beim Niedergermanischen Limes nicht um einen mit Wall, Graben, Palisade bzw. Mauer und Wachtürmen befestigten Limes, sondern um eine Flussgrenze (lateinisch ripa), ähnlich den limites an Donau und Euphrat. Die Rheinlinie war mit einer Kette von Kastellen für Auxiliartruppen gesichert.
Der Limesverlauf begann im Mündungsbereich des Oude Rijns bei Katwijk in die Nordsee. Er folgte dem Flusslauf des Rheins und endete am Vinxtbach im heutigen Niederbreisig, einem Stadtteil von Bad Breisig, der Grenze zur Provinz Germania superior. Auf der gegenüberliegenden rechten Rheinseite begann mit dem Kleinkastell Rheinbrohl der Obergermanische Limes.
In seinem Verlauf entlang des Rheins passierte der Niedergermanische Limes vier Landschaften mit unterschiedlicher Topographie und natürlicher Ausprägung. Der südlichste und kleinste Abschnitt, zwischen dem Vinxtbach und der Gegend um Bonn, gehört noch zum Rheinischen Schiefergebirge, in dem der Strom ein relativ enges Tal zwischen den Höhen des Westerwalds und der Eifel bildet. Ab Bonn etwa öffnet sich das Rheintal zur Kölner Bucht, die rechtsrheinisch relativ nahe dem Strom vom Bergischen Land und im Südwesten und Westen von der Eifel und dem Hohen Venn begrenzt wird. Die Kölner Bucht verfügt über fruchtbare Lössböden und ist von einem sehr milden Klima geprägt. Es nimmt daher wenig wunder, dass sich in diesem Bereich in römischer Zeit die meisten ländlichen vici und villae rusticae (Gutshöfe) Niedergermaniens befanden. Im Raum des Legionslagers Novaesium weitet sich die Kölner Bucht zum Niederrheinischen Tiefland, einer Flussterrassenlandschaft. Nur wenig westlich der heutigen deutsch-niederländischen Grenze, etwa im Gebiet des Legionslagers Noviomagus, geht das Niederrheinische Tiefland in die wasserreiche Marschlandschaft über, die von Rhein und Maas gebildet wird und schließlich mit dem Rhein-Maas-Delta an der Nordsee endet.Ariw J. Kalis, Sabine Karg, Jutta Meurers-Balke, H. Teunissen-Van Oorschot: Mensch und Vegetation am Unteren Niederrhein während der Eisen- und Römerzeit. In: Martin Müller, Hans-Joachim Schalles, Norbert Zieling (Hrsg.): Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 31–48; Renate Gerlach, Thomas Becker, Jutta Meurers-Balke, Irmela Herzog: Das Rhein-Limes-Projekt. Wo lag der Rhein zur Römerzeit? In: Andreas Thiel (Hrsg.): Neue Forschungen am Limes. 4. Fachkolloquium der Deutschen Limeskommission 27./28. Februar 2007 in Osterburken. Theiss, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-8062-2251-7, (= Beiträge zum Welterbe Limes, 3), S. 9–17; Tilmann Bechert, Willem J. H. Willems: Die römische Reichsgrenze von der Mosel bis zur Nordseeküste. Stuttgart 1995, ISBN 3-8062-1189-2.
Historische Hintergründe Anfänge und Zeit der offensiven Ausrichtung (50 v. Chr.–16 n. Chr.) mini|Marcus Vipsanius Agrippa mini|Feldzüge des Drusus (Eingezeichnete Orte entsprechen nicht unbedingt dem Stand der Wissenschaft.) mini|Büste des Germanicus, 15 v. Chr.–19 n. Chr.
Der Rhein wurde als militärische und politische Grenze des Imperium Romanum erstmals durch Gaius Iulius Caesar im Verlauf des Gallischen Krieges erreicht und konnte ab dem Jahr 50 v. Chr. als gesichert gelten. Das bevölkerungspolitische Vakuum, das sich im niedergermanischen Hinterland des Stromes dadurch entwickelt hatte, dass der ursprünglich dort siedelnde Stamm der Eburonen von Caesar ausgerottet worden war, konnte durch die Ansiedlung der Tungerer und der Ubier kompensiert werden. Insbesondere unter Marcus Vipsanius Agrippa, dem zweimaligen (39/38 und 20/19 v. Chr.) Statthalter Galliens, wurde eine erfolgreiche Umsiedlungspolitik praktiziert. Ebenfalls unter Agrippa wurde der Aufbau der Infrastruktur insbesondere durch den Ausbau eines Straßennetzes intensiv vorangetrieben. Ob schon zu diesem Zeitpunkt eine weiter ostwärts ausgreifende Politik der Vorfeldsicherung ins Auge gefasst worden ist, muss Spekulation bleiben, mag aber vor dem Hintergrund anhaltender Grenzverletzungen durch germanische Rheinüberschreitungen durchaus im Bereich des Möglichen liegen.Jürgen Kunow: Die Militärgeschichte Niedergermaniens. In: Heinz Günter Horn (Hrsg.): Die Römer in Nordrhein-Westfalen. Lizenzausgabe der Auflage von 1987. Nikol, Hamburg 2002, ISBN 3-933203-59-7, S. 27–109.
Spätestens mit der Niederlage des Marcus Lollius (17/16 v. Chr.) gegen die verbündeten Sugambrer, Usipeter und Tenkterer, die den Rhein überschritten hatten und tief ins gallische Hinterland eingedrungen waren, änderten sich die Verhältnisse grundlegend. In der Folge der Clades Lolliana begab sich Augustus im Jahr 16 v. Chr. persönlich nach Gallien, um die „germanische Frage“ endgültig zu regeln. Er blieb drei Jahre und richtete – nachdem er die Räter besiegt und das Gebiet zwischen Alpen und Donau befriedet hatte – ab 15 v. Chr. die Dislozierung des gallischen Heeres neu aus. Die Rheinlinie verlor ihren vormals eher defensiven Charakter und wurde zur offensiven Aufmarschbasis gegen die östlich des Flusses gelegenen germanischen Gebiete. Die nach dem Alpenfeldzug freigewordenen Truppen wurden an den Rhein verlegt, die Legionslager bei Nijmegen (Noviomagus) und bei Xanten (Vetera) errichtet. Ob die offensivere Ausrichtung der Germanienpolitik zu diesem Zeitpunkt tatsächlich schon die Okkupation des rechtsrheinischen Germaniens bis zur Elbe zum Ziel hatte, wie lange vermutet worden war, wird in der jüngeren Literatur angezweifelt.Dieter Timpe: Römisch-germanische Begegnung in der späten Republik und frühen Kaiserzeit. Voraussetzungen – Konfrontationen – Wirkungen. Gesammelte Studien. Saur, München/Leipzig 2006, ISBN 3-598-77845-7, S. 163 ff.; Johann-Sebastian Kühlborn: Auf dem Marsch in die Germania Magna. Roms Krieg gegen die Germanen. In: Martin Müller, Hans-Joachim Schalles, Norbert Zieling (Hrsg.): Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7, S. 67–91.
Als Augustus im Jahre 13 v. Chr. nach Rom zurückkehrte, übergab er den Oberbefehl seinem Stiefsohn Drusus, dessen Name für die großangelegte Offensive gegen die Germanen in den Jahren 12–9 v. Chr. steht. Drusus führte insgesamt vier Feldzüge, wobei sich im Laufe der Auseinandersetzungen die Hauptaktivitäten ins Gebiet der Chatten verlagerten. Nach seinem frühen Tod wurden die Kampagnen von Tiberius (9–6 v. Chr.), Lucius Domitius Ahenobarbus (um das Jahr 3 v. Chr.), Marcus Vinicius (um die Zeitenwende) und ab dem Jahre 4 n. Chr. erneut durch Tiberius fortgesetzt.
Im Frühjahr des Jahres 6 mussten die Operationen jedoch abgebrochen werden, da ein Aufstand in der Provinz Pannonien die dortige Anwesenheit des Feldherrn und eines Teiles der Legionen erforderlich machten. Sein Nachfolger als Statthalter, Publius Quinctilius Varus (7–9) bewies eine weniger glückliche Hand, was im Jahre 9 zur Clades Variana (Varusschlacht), der so genannten „Schlacht im Teutoburger Wald“ führte, die mit der völligen Vernichtung der drei Legionen XVII, XVIII, XIX, drei Alen und sechs Kohorten endete. In der Folgezeit räumten die Römer alle rechtsrheinischen Garnisonen und schraubten ihre Ambitionen gegenüber Germanien deutlich zurück. Unter Tiberius, der wieder an den Rhein geeilt war, standen der Ausbau und die Konsolidierung der Flussgrenze nunmehr zunächst im Vordergrund. Die Anzahl der Legionen am Rhein wurde von sechs auf acht erhöht.Die Niederlage des Lollius und die augusteischen Feldzüge auf der privaten Webseite des Archäologen Jürgen Franssen.
Nach der Rückkehr des Tiberius nach Rom im Jahre 12 übernahm Germanicus im darauf folgenden Jahr den Oberbefehl im Rheinland. Er bereitete weitere Offensiven ins rechtsrheinische Germanien vor, musste im Jahre 14 aber zunächst eine Meuterei der rheinischen Legionen niederschlagen, die sich nach dem Tod des Augustus gegen dessen Nachfolger Tiberius erhoben hatten. An dieser Meuterei waren die Legionen I und XX aus dem Legionslager Apud Aram Ubiorum/Köln beteiligt sowie die Legionen V und XXI aus Vetera/Xanten, die zu diesem Zeitpunkt in einem Sommerlager in finibus Ubiorum („im Gebiet der Ubier“, vermutlich im so genannten „Lager C“ in Novaesium/Neuss) zusammengezogen worden waren. Anschließend begannen die groß angelegten und aufwändigen Vorstöße in die Germania Magna. Hierbei führte Germanicus den südlichen, von Mogontiacum/Mainz aus operierenden Flügel des römischen Heeres, während Aulus Caecina Severus den Oberbefehl über die nördliche, von Vetera aus agierende Heeresgruppe innehatte.
Nachdem die teuren Feldzüge bis zum Jahre 16 nicht den gewünschten Erfolg erbracht hatten, brach Tiberius die Offensive ab und beorderte Germanicus nach Rom zurück.Johann-Sebastian Kühlborn: Auf dem Marsch in die Germania Magna. Roms Krieg gegen die Germanen. In: Martin Müller, Hans-Joachim Schalles, Norbert Zieling (Hrsg.): Colonia Ulpia Traiana. Xanten und sein Umland in römischer Zeit. Zabern, Mainz 2008, ISBN 978-3-8053-3953-7; Jürgen Franssen: Die Niederlage des Lollius und die augusteischen Feldzüge.
Vom Ende der Offensiven bis zum Tod Neros (16–68) mini|Büste des Nero mini|Römischer Helm des 1. Jahrhunderts aus Valkenburg (Rijksmuseum van Oudheden, Leiden)