mini|Der Shogun Tokugawa Ieyasu erhob Edo zu seiner Residenzstadt mini|Ansicht der westlichen Hälfte Edos, mit der Burg ganz rechts, dem Sumida-Fluss unten, dem Hafen unten links und dem Fujisan ganz oben links

Edo (jap. ), wörtlich: „Flusstor, -mündung“Daneben existiert die Ansicht, dass die beiden Zeichen nur den Lautwert dieses alten Flurnamens wiedergeben. Möglicherweise stammt der Name aus der Ainu-Sprache. Siehe Eintrag "Edo" im Konversationslexikon Kōjien ()., in älteren westlichen Texten auch Jedo, Yedo oder Yeddo geschrieben,Diese Schreibungen spiegeln ein heute verschwundenes schwaches i im Anlaut der Silbe e wider. Lutz Walter (Hrsg.): Japan mit den Augen des Westens gesehen. Prestel, München / New York 1994, S. 49. ist der frühere Name der japanischen Hauptstadt Tokio. Es war der Sitz des Tokugawa-Shōgunats, das Japan von 1603 bis 1868 beherrschte, und gab dieser Periode der japanischen Geschichte den Namen Edo-Zeit. Während dieser Zeit wuchs Edo zu einer der größten Städte der Welt.George Sansom: A History of Japan: 1615-1867. Stanford University Press, Stanford 1963, S. 114.

Die Stadt Der Beginn Die erste Erwähnung Edos als Flurname ist für das Jahr 1261 belegt.T. Ōhama, K. Yoshiwara: Edo Tōkyō nenpyō.Shogakukan, 1993, ISBN 4-09-387066-7. 1456 errichtet Ōta Dōkan, ein vielseitig begabter Feldherr, dort auf einer Anhöhe die Burg Edo und machte den Ort zum Zentrum seiner Aktivitäten. Nach seinem gewaltsamen Tod 1486 verfiel die Burg.

mini|Babasaki-Tor, ein Tor zur Edo-Burg. 1904 niedergelegt.

Edo als Burgstadt Als Tokugawa Ieyasu 1590 im Rahmen eines Gebietstausches die Herrschaft über die Provinzen um die Tokio-Bucht übernahm, entschied er sich, das unbedeutende Edo zu seinem Hauptsitz zu machen. Er stellte die gut gelegene Burg wieder her und begann sie groß auszubauen. Wichtig war es in diesen unruhigen Zeiten, erst einmal sich und seine Familie zu sichern. Für die Anlage einer großen Stadt war die hügelige Gegend dagegen nicht sonderlich geeignet. Aber wie bei den Burgstädten der Zeit üblich, siedelte er an der Burg seine Gefolgsleute an, davor die Handwerker und Händler.

Nachdem Ieyasu 1600 in der Schlacht von Sekigahara die Konkurrenten um die Herrschaft über Japan besiegt hatte, wurde er 1603 vom Tennō zum Shōgun ernannt. Edo wurde nun politisches Zentrum Japans, Kyōto blieb als Residenzstadt des Tennō formelle Hauptstadt des Landes. Die großangelegte Burg, umgeben von dem "Inneren Graben" (Uchibori) mit seinen Zweiggräben und mehr als 20 Toren wurde durch den "Äußeren Graben" (Sotobori) mit 10 TorenAm bekanntesten ist vielleicht das "Tora-no-mon" ("Tiger-Tor"), das allerdings nur als Name einer Kreuzung und U-Bahn-Station erhalten geblieben ist. ergänzt. Die Toranlagen hatten Kastenform (s. Abb. Babasakimon): man betrat zunächst durch ein kleines Tor einen Innenhof, der verschlossen werden konnte, bevor das – meist im rechten Winkel dazu gebaute – mächtige Haupttor geöffnet wurde.Erhalten ist u. a. das Ōte-mon in dieser Form.

Die Stadt dehnte sich mit der Zeit vor dem Äußeren Graben noch bedeutend weiter aus und belegte ein Gebiet, das heute von der Yamanote-Linie umschlossen wird, wozu noch die Gebiete jenseits des Sumida kamen. „Yamate / Yama-no-te“ d. h. „Bergseite“ (山手 / 山の手) bezieht sich dabei auf die Anhöhen im Westen und Norden der Stadt. In diesem Bereich wird die Stadtstruktur dadurch bestimmt, dass Straßen entlang der Höhen bzw. entlang der Täler angelegt wurden und dass diese über Hangwege (sakamichi) verbunden waren. Viele sakamichi hatten (Spitz-)Namen, an die heute mit beschrifteten Holzpfeilern erinnert wird.

Die Ebene zum Meer hin (samt den aus dem Meer gewonnenen Gebieten) bildete die „Unterstadt“ (, shitamachi). Eine abschließende Stadtmauer gab es – wie bei allen Burgstädten – nicht. Zwei Tore, das „Takanawa Ōkido“ (an der Tōkaidō) und das „Yotsuya Ōkido“ (an der Kōshū Kaidō) markierten den ungefähren Beginn der Stadt, dienten aber nicht Verteidigungszwecken.

mini|Daimyō-Residenz in EdoNach dem Brand 1657 wurden die Residenzen bescheidener wieder aufgebaut.

Die Daimyō und ihre Residenzen Um die Macht zu festigen, wurde 1635/42 das „sankin kōtai“-Gesetz erlassen. Diese Bestimmung verpflichtete alle Daimyō (Feudalherren), eine ständige Residenz in Edo zu unterhalten und entweder selbst anwesend zu sein, oder Teile ihrer Familie als Geiseln des Shoguns dort zu lassen. Die Residenz war von einer hohen Mauer umgeben, oft kombiniert mit den Behausungen für die einfachen Bediensteten, den nagaya. Dem Eingangstor gegenüber befand sich der Arbeits- und Empfangsbereich des Fürsten (goten, omote), dahinter schloss sich der von der Fürstin geleitete Versorgungsbereich (oku) an. Zur Residenz gehörten noch Gebäude für die nächsten Mitarbeiter, meist ein Garten (von denen sich einige erhalten haben), oft auch eine Nō-Bühne. In Größe und Ausführung spiegelte die das Einkommen des Daimyō wider. Durch den Bau und Betrieb der Residenzen kam viel Kapital in die Stadt und zog Händler und Handwerker an. Edo wuchs daraufhin beständig und aus dem unbekannten Fischerdorf von 1457 wurde 1721 die – mit einer Million Einwohner – größte Stadt der Welt.Andrew Gordon: A Modern History of Japan from Tokugawa Times to the Present. Oxford University Press, 2003, ISBN 0-19-511061-7, S. 23.

mini|Im Zōjō-ji wurden die Hälfte der Shogune beigesetzt.

Tempel und Schreine Der Sensō-ji führt seine Gründung auf das Jahr 628 zurück, als Fischer eine kleine goldene Kannon-Figur in ihrem Netz fanden, und daraufhin 645 – damals weit außerhalb des späteren Edo – der Tempel errichtet wurde.Kazuo Hanasaki (Hrsg.): Ōedo. Monoshiri zukan. Shufu-no-Seikatsusha, 2000. ISBN 4-391-12386-X. Die Nähe zum Volk hat sich der Sensō-ji bis heute erhalten können. Die meisten Tempel später in Edo waren eher mit dem Schwertadel verbunden. So besuchte Tokugawa Ieyasu bei seinem ersten Eintreffen in Edo 1590 den Zōjō-ji, dessen Mönche ihn so gut aufnahmen, dass er ihn zum Begräbnistempel (bodai-ji) für seine Familie machte. Als Begräbnistempel der Shogune neben dem Zōjō-ji kam dem 1625 errichtete Kan'ei-ji eine besondere Rolle zu. Im Nordosten der Stadt gelegen, der in der traditionellen Onmyōdō (Kosmologie/Geomantie) als gefährliche Richtung galt, schützte der Tempel auch vor bösen Geistern. Mit dem Zuzug der Samurai und der Residenzpflicht der Daimyō wurden viele Tempel in allen Stadtteilen gebaut. Bekannt wurde der 1612 errichtete Sengaku-ji, der 1701/03 zur Begräbnisstätte der 47 Samurai und ihres Herren wurde.

Das Volk, das eher dem Shintō zugeneigt war, besuchte seine Schreine. Sie waren bescheidener als die Tempel angelegt, waren aber berühmt für ihre Umzüge. In der Edo-Zeit war es vor allem das Hie-jinja, Sannō-matsuri genannt, aber auch ein solches Fest noch am Kanda Myōjin. Dem Gelehrten Sugawara Michizane wurden die Schreine Yushima Tenman-gū und der am Ostrand der Stadt liegende Kameido Tenmangū gewidmet. Ieyasu, der im fernen Nikkō begraben ist, wurden zwei kleine Schreine, Tōshōgū, in Edo gewidmet, wobei der auf dem Ueno-Hügel alle Erdbeben, den Boshin-Krieg und den Weltkrieg überstanden hat und zu den ältesten Gebäuden Tokios zählt.

mini|Unterhalb der Nihonbashi

Die Unterstadt „Unterstadt“ ist wörtlich zu nehmen: die flachen Gebiete zum Meer hin wurden zwar hauptsächlich von Städtern – chōnin – () bewohnt, aber es gibt dort auch zahlreiche Daimyō-Residenzen. Auf der anderen Seite im Yamanote-Gebiet waren an Straßen und in den engen Tälern Arbeiter und Handwerker angesiedelt, die für Arbeiten in den Residenzen (als sog. "goyō-kiki") zur Verfügung standen. Auch rechts und links der Einfallstraßen lagen Geschäftshäuser der chōnin.

Als Gegenden, die ausschließlich von chōnin bewohnt waren, ist vor allem Kanda zu nennen, dann die Gegend nach Norden bis Asakusa, wo der alte Tempel Sensō-ji das ungefähre Ende der Stadt markierte. Ein weiteres chōnin-Gebiet war die ehemalige Landzunge vor der ehemaligen Hibiya-Bucht: Ginza und Nihonbashi. Auch das Gebiet jenseits des Sumida-Flusses wurde mit Kanälen durchzogen und von chōnin besiedelt, ist aber durchaus von Nebenresidenzen der Daimyō durchsetzt.

Feudalismus zeigte sich in der Verteilung der Wohnfläche: laut einer Untersuchung aus dem Jahre 1869 sah sie wie folgt aus: der Schwertadel besaß 69 %, die Tempel und Schreine besaßen 15 %, die chōnin die restlichen 16 % der Fläche, auf der sich 500.000 Menschen zusammendrängten. Die Ärmsten hatten in den einfachen „nagaya“ als Familie nur eine Schlafstelle von 4½ Tatami zur Verfügung.Tokyoto rekishi kyoiku kenkyukai (Hrsg.): Tokyoto no rekishi sanpo (jo). Yamakawa shuppansha, 2001, ISBN 4-634-29130-4, S. 122.

mini|Sitz des „Nord-Kommissars“,rekonstruierter Eingang

Stadtverwaltung Die chōnin wurden von zwei Stadtkommissaren () regiert, die direkt dem Kanzler () des Bakufu unterstanden. Sie konnten die Gesetze erlassen, die sie anwandten. Sie konnten auch Recht sprechen und waren so allmächtig. Unter den Kommissaren gab es durchaus solche, die vom Volk als gerecht und weise akzeptiert wurden, wie z. B. der Stadtkommissar Ōoka Tadasuke (1677–1751). Die Kommissare wurden bei ihrer Arbeit unterstützt von 25 sog. yoriki (), denen 100 dōshin () unterstanden, und weiterem Personal, "Zubringer", Spitzel (tesaki, meakashi, okappi). Für die Ordnung im Alltag sorgten „Stadtälteste“ (), die von Stadt-"Oberbürgern" () unterstützt wurden.

Die beiden Stadtkommissare waren im Monatswechsel () Tag und Nacht im Dienst. Sie kamen aus dem Hatamoto-Stand und wurden mit 3000 koku vergütet. Manche übten diese Funktion bis zum Lebensende aus, manche wurden auch schon nach einem Jahr abgelöst. Nach der Lage ihrer Residenz wurden sie gewöhnlich „Nord-Kommissar“ () und „Süd-Kommissar“ () genannt, sie waren jedoch jeweils für die ganze Stadt zuständig. Ihr Zuständigkeitsbereich, d. h. die Grenze der Stadt ()Die Grenze war auf Karten als "Rote Linie" (, shubiki) eingezeichnet. Sie schloss vor allem draußen liegende Tempelbezirke ein, da deren Umgebung als Versteck genutzt wurde., wurde geheim gehalten, damit Straftäter nicht wussten, wann sie in Sicherheit waren. Erst nach 1868 wurden die damaligen Grenzen allgemein bekannt.

Der Ort der Gerichtsverhandlungen wurde o-shirazu (), genannt, das große Gefängnis (rō-yashiki, auch rōgoku = Gefängnishölle genannt) befand sich im Stadtteil Kodemmachō. Für christlichen Missionare, die nach der Landesabschließung in Japan landeten und versuchten, ihre Tätigkeit fortzusetzen, gab es ein eigenes kleines Gefängnis im Stadtteil Koishikawa. Der Hangweg „Kirishitan-zaka“ erinnert noch heute daran.

mini|Meireki Brand 1657 mini|Wasserspritze der Feuerwehr

Die großen Brände Edo wurde wiederholt von Bränden heimgesucht, wobei der Meireki-Großbrand 1657, bei dem geschätzte 100.000 Menschen starben, der verheerendste war. Der Brand führte u. a. zu folgenden Maßnahmen: Die Residenzen der Gosanke erhielten Gelände außerhalb des "Äußeren Grabens". Alle Daimyō legten Nebenresidenzen an. Das Shogunat stellte eine Berufsfeuerwehr mit Feuerwehrleuten (jōbikeshi) auf.

Vermeiden ließen sich die Brände nicht: Vor allem im Januar herrschte wetterbedingt eine große Trockenheit, da löste schon eine kleine Unachtsamkeit einen Brand aus. Neben unzähligen kleinen Bränden gab es zwischen 1600 und 1900 zehn Großbrände. Sie werden nach der gerade gültigen Jahresdevise (Nengō), z. B. Meireki, benannt, sind aber oft unter einem besonderen Namen bekannt. 1718 organisierte der Stadtkommissar Ōoka auf Weisung des Shoguns Yoshimune eine städtische Feuerwehr mit nebenamtlichen Kräften, die in 64 Brigaden unterschiedlicher Größe (50–500) gegliedert war.

Bis es Wasserspritzen gab, beschränkte sich die Tätigkeit der Feuerbrigaden auf das Einreißen von Häusern, um die Ausbreitung des Feuers zu begrenzen. Gelegentlich wurde zu viel abgerissen, was zu der Redewendung führte: „Brand und Streit sind die Blumen von Edo“ (, Kaji to kenka wa Edo no hana).