Die Einkommensteuer in den Vereinigten Staaten ist eine Steuer, die unabhängig voneinander vom Bund, einigen Bundesstaaten und einzelnen Gemeinden auf Einkommen verschiedener Art erhoben wird. Aufgrund einer Vielzahl von politischen verfassungsrechtlichen Konflikten wurde die Einkommensteuer auf Bundesebene erst 1913 kurz nach Verabschiedung des 16. Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten eingeführt, Bundesstaaten und Gemeinden entwickelten erst infolgedessen eigenständige Einkommensteuersysteme. Debatten um die Verfassungsmäßigkeit der Einkommensteuer führen bis heute zu teilweise sehr heftigen juristischen und politischen Auseinandersetzungen.
Geschichte mini|Präsident Abraham Lincoln führte 1861 mit dem Kongress die Einkommensteuer ein
Die Geschichte der Einkommensteuer begann in den Vereinigten Staaten im 19. Jahrhundert, als sie vom Kongress eingeführt wurde, um die Kosten der Kriegsführung während des Bürgerkrieges zu bezahlen. Die Steuer wurde im Revenue Act of 1861 festgelegt und sah zu dem Zeitpunkt eine Besteuerung allen Einkommens über 800 US-Dollar mit einem Steuersatz von drei Prozent vor. Im darauf folgenden Jahr wurden die Steuersätze mit dem Revenue Act of 1862 erhöht und zum ersten Mal progressiv gestaltet: Einkommen zwischen 800 und 10.000 US-Dollar wurden mit drei Prozent besteuert, der Einkommensteil darüber mit fünf Prozent. Eine weitere Steuererhöhung fand mit dem Revenue Act of 1864 statt, wonach eine dritte Steuerstufe eingerichtet und die Steuersätze auf jeweils fünf, zehn und fünfzehn Prozent festgesetzt wurden. Nachdem der Krieg 1865 zu Ende gegangen war, wurde die Einkommensteuer 1872 aufgehoben.
Die nächste Einkommensteuer wurde 1894 mit dem Wilson–Gorman Tariff Act eingeführt, aber bereits im folgenden Jahr vom Obersten Gerichtshof in der Entscheidung Pollock v. Farmers’ Loan & Trust Co. für verfassungswidrig erklärt. Die Argumentation des Gerichtshofs war, dass Steuern auf Mieteinnahmen, Leihzinsen und Dividenden direkte Steuern im Sinne des ersten Artikels der Verfassung seien und daher deren Erhebung in den Bundesstaaten proportional zur Bevölkerung durchgeführt werden müsse.“No capitation, or other direct, Tax shall be laid, unless in Proportion to the Census or Enumeration herein before directed to be taken.” Artikel I, Abschnitt 9 der Verfassung der Vereinigten Staaten
Infolge der Unpraktikabilität einer proportionalen Steuererhebung wurden bis 1909 keine weitere Versuche unternommen, eine allgemeine Einkommensteuer auf Bundesebene einzuführen. In dem Jahr beschloss der Kongress den 16. Zusatzartikel eine Verfassungsänderung, mit der die Einkommensteuer nicht mehr als direkte Steuer klassifiziert werden sollte. Der Text lautete:
Damit war es dem Bund möglich, eine allgemeine Einkommensteuer zu erheben ohne an die vom Obersten Gerichtshof festgelegte Verteilungsproportionalität gebunden zu sein. Nachdem die Verfassungsänderung 1913 von der nötigen Anzahl an Bundesstaaten ratifiziert wurde, verabschiedete der Kongress ein neues Einkommensteuergesetz mit zwei Steuerstufen von einem und sieben Prozent.
mini|Entwicklung der Eingangs- und Spitzensteuersätze in den Vereinigten Staaten seit 1913
Um den Ersten Weltkrieg zu finanzieren, wurde der Spitzensteuersatz 1918 auf 77 % erhöht, aber bereits 1922 wieder auf 58 % und 1924 auf 25 % reduziert. Als Reaktion auf die Weltwirtschaftskrise wurde der Satz 1932 erst auf 63 % und dann im Zuge des Zweiten Weltkrieges kontinuierlich auf seinen Höchstsatz von 94 % für Einkommen über 200.000 US-Dollar erhöht. Der Spitzensteuersatz blieb bis 1964 über 90 %, wurde dann aber auf 70 % gesenkt. Unter der Regierung des republikanischen Präsidenten Ronald Reagan, der mit Steuersenkungen und einer umfassenden Steuerreform in den Wahlkampf 1980 ging, wurde der Spitzensatz 1982 erst auf 50 % und 1988 schließlich auf 28 % reduziert. Mit dem Omnibus Budget Reconciliation Act of 1990 wurde der Satz unter Präsident George Bush wieder leicht auf 31 % erhöht, um das Haushaltsdefizit auszugleichen. Damit brach er sein vielzitiertes Wahlversprechen, womit er in der Präsidentschaftswahl 1992 dem Herausforderer der Demokraten, Bill Clinton, unterlag. Um das Haushaltsdefizit weiter zu reduzieren, wurden unter Clinton mit dem Omnibus Budget Reconciliation Act of 1993 zwei weitere Steuerstufen von 36 % und 39,6 % eingeführt. Dies führte in Zusammenhang mit dem Wirtschaftsboom der New Economy in den Jahren 1998 bis 2001 zu einem Haushaltsüberschuss. Nachdem George W. Bush im Wahlkampf 2000 mit dem Versprechen geringerer Steuern die Wahl gewonnen hatte, wurde der Spitzensatz wieder auf 35 % reduziert.
Zum 1. Januar 2013 wurde der Spitzensteuersatz für den Einkommensteil über 450.000 US-Dollar von 35 % auf 39,6 % erhöht. Ebenso wurden auslaufende Steuersenkungen für 98 Prozent der Amerikaner verlängert. Die Verhandlungen dauerten Wochen, da es auch um die US-Schuldenobergrenze und Sparmaßnahmen zum Schuldenabbau ging. US-Präsident Barack Obama wollte ursprünglich die Steuererhöhung bereits für Einkommen ab 250.000 US-Dollar, dies traf jedoch auf starken Widerstand bei den Republikanern, aber auch bei einigen Demokraten. Eine derartige Steuererhöhung beträfe die reichsten 2 Prozent der Amerikaner. Der Kompromiss wurde in letzter Sekunde vereinbart.Obama erringt Kompromiss im Haushaltsstreit Die Kritiker, insbesondere auf der republikanischen Seite, befürchteten, dass eine Umsetzung der ursprünglichen Pläne Obamas zu einer geschwächten Gesamtnachfrage führen und so die US-Wirtschaft insgesamt schwächen könnte.
Einkommensteuer des Bundes Der Bund erhebt sowohl für natürliche Personen als auch gewinnorientierte Unternehmen auf „alle Einkommen egal aus welcher Quelle““all income from whatever source derived” 26 USC § 61 (a) eine progressive Einkommensteuer. Seit ihrer Einführung durch den Revenue Act of 1913 wurden die Steuersätze und ihre Bemessungsgrundlage wiederholt verändert, um sie an die politischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten in den Vereinigten Staaten anzupassen.
Natürliche Personen mini|Durchschnittlicher und marginaler Einkommenssteuersatz in den Vereinigten Staaten 2013
Seit Verabschiedung des Jobs and Growth Tax Relief Reconciliation Act of 2003 erstrecken sich die Grenzsteuersätze für natürliche Personen abhängig von der Bemessungsgrundlage stufenweise von 10 % bis 39,6 %. Dabei werden die Stufensätze jeweils nur für den zugehörigen Einkommensbereich erhoben. Bei einem zu versteuernden Einkommen von beispielsweise 20.000 US-Dollar werden also 2016 die ersten 9.275 US-Dollar zu 10 % (10 % × $9.275 = $927,50) und der Rest zu 15 % (15 % × $10.725 = $1.608,75) versteuert. Die Bemessungsgrundlage richtet sich dabei grundsätzlich nach der Gesamtmenge des in einem Kalenderjahr erwirtschafteten Bruttoeinkommens. Dazu zählen insbesondere Löhne und Gehälter, Renten, Unterhalte, Trinkgelder, Honorare, Provisionen und Boni sowie Zins- und Dividendenzahlungen. Ebenso gehören dazu Mieteinnahmen, Tantiemen und Lotterie- und andere Glücksspielgewinne. Gewinne aus langfristigen Kapitalanlagen werden zu niedrigeren Sätzen als andere Einkommen besteuert, die Gewinne aus langfristigen Immobiliengeschäften beispielsweise nur zu 10 bis 25 Prozent.
+Grenzsteuersätze bei der US-Bundessteuer für das Jahr 2017Grenz-steuersatzVersteuerbares Einkommen (US-Dollar pro Jahr) Einzelperson Ehepaar (gemeinsame Veranlagung) oder Verwitwete Ehepartner (getrennte Veranlagung) Haushaltsvorstand10 % 0 – 9.325 0 – 18.650 0 – 9.325 0 – 13.35015 % 9.326 – 37.950 18.651 – 75.900 9.326 – 37.950 13.351 – 50.80025 % 37.951 – 91.900 75.901 – 153.100 37.951 – 76.550 50.801 – 131.20028 % 91.901 – 191.650 153.101 – 233.350 76.551 – 116.675 131.201 – 212.50033 % 191.651 – 416.700 233.351 – 416.700 116.676 – 208.350 212.501 – 416.70035 % 416.701 – 418.400 416.701 – 470.700 208.351 – 235.350 416.701 – 444.55039,6 % ab 418.401 ab 470.701 ab 235.351 ab 444.501 Vom Bruttoeinkommen abgezogen werden bestimmte Einkommensarten, die vom Kongress als nicht besteuerbar angesehen werden. Dazu gehören beispielsweise Arbeitgeberbeiträge zur Gesundheitsversicherung26 USC § 106, Zinserträge aus staatlichen Anleihen26 USC § 103 und Erträge aus Lebensversicherungen infolge des Todes des Versicherten.26 USC § 101
Aus dem Bruttoeinkommen ergibt sich nach Abzug einiger Posten wie Einzahlungen auf Gesundheits- und Ruhestandssparkonten, Umzugskosten, Unterhaltszahlungen und Zinsen auf Studentenkredite26 USC § 62 das berichtigte Bruttoeinkommen (, AGI).
Ähnlich den Werbungskosten und Vorsorgeaufwendungen im deutschen Steuerrecht sind auch bei der Bundeseinkommensteuer der Vereinigten Staaten weitere Abzüge sowohl als Pauschbetrag als auch einzeln aufgelistet möglich. Darin enthalten sind Aufwendungen für die Gesundheitsversorgung, sofern sie 7,5 % des berichtigten Bruttoeinkommens übersteigen, Einkommen- und Grundsteuerzahlungen an Bundesstaaten und Gemeinden, Hypothekenzinsen, Spenden, Verluste durch Todesfall oder Diebstahl, Berufsbekleidung, nichterstattete Auslagen innerhalb eines Arbeitsverhältnisses, Kosten für Steuerberatung, Ausgaben für Weiterbildung sowie Glücksspielverluste bis zur Gesamtsumme der Glücksspielgewinne. Neben diesen Einzelaufwendungen ist zusätzlich ein Abzug von 4.050 US-Dollar (2016)26 USC § 151 pro abhängiger Person möglich. Als abhängige Person werden dabei der Steuerzahler selbst, sein Ehepartner und alle im Haushalt lebenden Kinder und Verwandten gezählt, die selbst nur ein geringfügiges oder gar kein Einkommen haben. Der danach ermittelte Betrag dient als Bemessungsgrundlage für die Einkommensteuer. Die exakten Beträge werden jedes Jahr neu ermittelt, mit Hilfe von Daten über durchschnittliche Stundenlöhne, Monatsgehälter, Inflation usw. US-Präsident Obama wollte den Spitzensteuersatz bereits für Einkommen ab 250.001 US-Dollar für Singles einführen, musste sich jedoch mit einem Kompromiss von über 400.000 US-Dollar zufriedengeben.
Unternehmen + Steuersätze für gewinnorientierte Unternehmen (2006) Versteuerbares Einkommen(US-Dollar pro Jahr) Steuersatz(%) 0–50.000 15 50.001–75.000 25 75.001–10.000.000 34 über 10.000.000 35
Gewinnorientierte Unternehmen unterliegen der Körperschaftssteuer. Die Bemessungsgrundlage richtet sich hier nach dem weltweiten Umsatz des Unternehmens verringert um Abzüge für „gewöhnliche und notwendige Geschäftsaufwendungen“.“ordinary and necessary expenses paid or incurred during the taxable year in carrying on any trade or business”, 26 USC § 162 Dazu gehören insbesondere sämtliche Personalkosten inklusive Zahlungen für Kranken- und Rentenversicherungen, Materialien, Werkzeuge, Reparaturen, Forschung, Werbung, Mietzahlungen, Versicherungsprämien und Kreditzinsen. Größere Anschaffungen müssen über mehrere Jahre abgeschrieben werden. Die zu zahlende Steuer verringert sich um besondere Steuergutschriften für erhöhte Forschungsaufgaben, Investitionen in den sozialen Wohnungsbau und Einstellung bestimmter besonders bedürftiger Personen.
Aus der Existenz zweier getrennter Einkommensteuersysteme ergibt sich die Möglichkeit der doppelten Besteuerung. Unternehmensgewinne werden erstens entsprechend den Regeln für juristische Personen versteuert, müssen dann aber noch einmal als Dividendenzahlungen durch natürliche Steuerzahler angegeben und versteuert werden. Um die Bedeutung dieser doppelten Besteuerung zu verringern, hat der Kongress 1986 mit der S corporation eine neue Unternehmensart geschaffen, in der sämtliche Unternehmensgewinne anteilsmäßig auf die Inhaber des Unternehmens aufgeteilt und dort individuell versteuert werden.
Durch den Tax Cuts and Jobs Act of 2017 wurde die gestaffelte Körperschaftssteuer von bis zu 35 % in den USA durch eine einheitliche Körperschaftssteuer von 21 % ersetzt.
Alternative Minimum Tax