Die Funktionelle Entspannung (FE) ist ein tiefenpsychologisch fundiertes Therapieverfahren zur Behandlung von psychischen und psychosomatischen Störungen und Erkrankungen. Es versteht sich als eine Form der Körperpsychotherapie und wurde von der deutschen Gymnastiklehrerin Marianne Fuchs in der Mitte des 20. Jahrhunderts im Umfeld der Heidelberger Psychosomatischen Medizin Victor von Weizsäckers entwickelt.

Geschichte Die ursprüngliche Körpertherapiemethode wurde von Marianne Fuchs entwickelt, als ihr einjähriger Sohn an einer spastischen Bronchitis erkrankte. Mit Hilfe von Atemübungen, bei denen sie die Ausatmung mit ihren Händen unterstützte, konnte sie ihm nachhaltig helfen. Sie entwickelte diese Methode in den 1940er und 1950er Jahren in Heidelberg vor dem Hintergrund der dortigen anthropologischen Medizin von Viktor von Weizsäcker. Von Weizsäcker Theorie einer psychosomatischen Medizin und der Medizinischen Anthropologie in Deutschland sowie speziell seine Ideen zum Gestaltkreis bildeten die theoretische Grundlage der Methode, die sich umgekehrt als eine erste therapeutische Umsetzung der theoretischen Konzeption verstehen lässt.Rolf Johnen: Funktionelle Entspannung. In: Hans Müller-Braunschweig, Niklas Stiller: Körperorientierte Psychotherapie. Methoden – Anwendungen – Grundlagen. Springer, Berlin/Heidelberg 2010, ISBN 978-3-540-88803-1.

Theorie Die Funktionelle Entspannung versteht sich als tiefenpsychologisch fundiert. In der FE sollen durch spezielle minimale Bewegungen einzelner Gelenke und bewusstes Atmen Prozesse auf der körperlichen Ebene ausgelöst werden, die sich auf die Psyche auswirken und innere Blockaden lösen. Es gibt keine festgelegten Übungen, sondern diese werden individuell mit dem Patienten entwickelt. Durch das Erlangen eines natürlichen Atemrhythmus und dadurch, dass der Patient, darin unterstützt von den Therapeuten, lernt in Ruhe auszuatmen. Neben den physiologischen Vorgänge und der Beziehung zwischen Atmung und vegetativem Nervensystem müssen daher Übertragungsprozesse und allgemein die therapeutische Beziehung berücksichtigt und reflektiert werden.

Ziel der Bewegungsanregungen durch den Therapeuten ist eine Verfeinerung der Wahrnehmung körperlicher Funktionen und damit auch der Selbstwahrnehmung. Anwendungen finden sich sowohl in der ärztlichen wie in der psychotherapeutischen Praxis und im Bereich der Selbsterfahrung.Angela von Arnim, Claas Lahmann, Rolf Johnen: Subjektive Anatomie. Theorie und Praxis körperbezogener Psychotherapie. Schattauer, Stuttgart 2022. ISBN 978-3-608-40066-3.

Durchführung Die FE wird in Einzelbehandlung durchgeführt. Zu Beginn liegt der Patient dabei auf dem Rücken und der Therapeut legt seine Hände auf den Brustkorb, um den Atem des Patienten zu erspüren und bei Bedarf auch in der Ausatmung zu unterstützen. Der Therapeut lässt dann den Patienten in verschiedenen Bereichen seines Körpers kleine Bewegungen in der Ausatmung durchführen. Mit Hilfe der Anregung auf der körperlichen Ebene werden psychische Prozesse induziert. Die Methode betont den Wechselprozess zwischen diesen beiden Ebene. Aufgabenstellungen (sogenannte Spielregeln) beziehen sich sowohl auf Interaktionen im Bereich der äußeren Wahrnehmung als auch auf solche der „inneren“ Wahrnehmung.

Forschung In den 1990er Jahren untersuchte eine Studie die Wirksamkeit von Funktioneller Entspannung u. a. bei Asthma bronchiale, funktionelle Magen-, Darmerkrankungen und Spannungskopfschmerz.J. Schmidt: Gutachten zum Stand des Nachweises von Funktioneller Entspannung bei Asthma. In: Malte Bühring, Fritz H. Kemper (Hrsg.): Naturheilverfahren und unkonventionelle medizinische Richtungen. Springer, Heidelberg, Berlin 1989. Eine weitere Studie mit 64 Patienten von 2009 konnte die Wirksamkeit der Funktionellen Entspannung in Verbindung mit geleiteter Imagination bei Asthma replizieren und die zeitliche Stabilität der Erfolge über die Zeit der Katamnese belegen.Claas Lahmann et a.: Funktionelle Entspannung und geleitete Imagination bei Asthma bronchiale. Psychother. Psychosom. 2009;78:233–239DOI:10.1159/000214445. pdf

In einer vergleichenden Studie (N=18) zur Wirkung von FE in der Behandlung von akutem Asthma konnte im Vergleich mit Salbutamol und einem Placebo-Entspannungsverfahrennachgewiesen werden, dass FE eine wirksame komplementäre Behandlung beim Asthma bronchiale im Kindes- und Jugendalter sein kann.Thomas Loew et al.: Die Wirkung von „Funktioneller Entspannung“ im Vergleich mit Salbutamol und einem Placebo-Entspannungsverfahren bei akutem Asthma bronchiale. Eine prospektive randomisierte Studie mit Kindern und Jugendlichen. Monatsschrift für Kinderheilkunde 144 (1996) 1357–1363. pdf

Eine weitere Studie (N=14, 10 Sitzungen) mit einer manualisierten körperpsychotherapeutischen Gruppenintervention mit FE bei krebskranken Patienten kam zu Ergebnis, dass die Methode geeignet sei, psychisch belastete Patienten bei der Verarbeitung ihrer Beschwerden und im Umgang mit Stressoren zu unterstützen. Es zeigten sich Hinweise auf eine Verbesserung des allgemeinen Wohlbefindens bei sinkendem Hyperarousal.Entwicklung und Evaluation einer manualisierten körperpsychotherapeutischen Gruppenintervention mit Funktioneller Entspannung bei krebskranken Patienten „Gelassen mit Leib und Seele“. in: Psychotherapie · Psychosomatik · Medizinische Psychologie Ausgabe 02, Volume 72, Februar 2022. .

Literatur Marianne Fuchs, Thure von Uexküll u. a. (Hrsg.): Subjektive Anatomie. Theorie und Praxis körperbezogener Psychotherapie. Schattauer. Stuttgart 1994, ISBN 3-7945-1631-1. M. Fuchs, G. Elschenbroich (Hrsg.): Funktionelle Entspannung in der Kinderpsychotherapie. 2., erw. Auflage. München 1996, ISBN 3-497-01398-6. Marianne Fuchs: Funktionelle Entspannung. 6. Auflage. Stuttgart 1997, ISBN 3-7773-1223-1. Rolf Johnen: Funktionelle Entspannung. In: Hans Müller-Braunschweig, Niklas Stiller: Körperorientierte Psychotherapie. Methoden – Anwendungen – Grundlagen. Springer, Berlin/Heidelberg 2010, ISBN 978-3-540-88803-1, S. 62–85. Ingrid Herholz, Rolf Johnen, Dorothee Schweitzer: Funktionelle Entspannung: Das Praxisbuch. 7. Auflage Stuttgart 2013, ISBN 978-3-8638-6385-2. Angela von Arnim: Funktionelle Entspannung in: Manfred Thielen: Körper – Gefühl – Denken. Körperpsychotherapie und Selbstregulation. Psychosozial-Verlag, Gießen, 2010. ISBN 978-3-8379-2089-5. S. 123–134.

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Einzelnachweise