Gelduba war ein römischer Garnisonsplatz am Niedergermanischen Limes, der seit 2021 zum Bestand des UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Das Kastell wurde bei einem gleichnamigen, ubischen oppidum angelegt. Das heutige Bodendenkmal liegt im Krefelder Stadtteil Gellep-Stratum am Niederrhein. Besonders bekannt wurde der Siedlungsplatz durch seine Nekropole, von der über 6000 Gräber archäologisch untersucht wurden. Die Belegungsdauer der Gräberfelder reicht vom ersten bis zum achten Jahrhundert und besitzt damit eine der seltenen Siedlungskontinuitäten von der römischen bis in die merowingische Zeit.
Lage mini|hochkant=1.4|links|Lage von Gelduba am Niedergermanischen Limes mini|Ein Modell des Kastell Gelduba Bereits seit der Jungsteinzeit war der Raum, in dem später Gelduba entstehen sollte, ein bevorzugter Siedlungsplatz, dessen Kontinuität durch die Funde von Steingeräten und Keramikscherben sowie bronze- und eisenzeitlichen Gräbern, von denen insgesamt über 50 gefunden wurden, belegt ist. Der Platz befand sich, durch die unmittelbare Nähe zum Fluss, günstig gelegen, auf einer hochwasserfreien Kuppe der Niederterrasse des Rheins, etwa zehn Meter über dessen Höhe. Zusätzlich war die Stelle durch einen dort in den Rhein mündenden Bach begünstigt sowie durch das für Ackerbau bestens geeignete Hinterland.
Antike Quellen In den antiken Quellen wird Gelduba in der Naturalis historia des Plinius erwähntPlinius der Ältere, Naturalis historia 19, 90. sowie wiederholt in den Historiae des Tacitus,Tacitus, Historiae 4, 26, 32–33, 35–36, 58. bei Letzterem insbesondere im Zusammenhang mit den Ereignissen des Vierkaiserjahres und des Bataveraufstandes 69/70. Im Itinerarium Antonini findet sich Gelduba zwischen Novaesium (Neuss) und Calo verzeichnet, jeweils neun Leugen von diesen Orten entfernt.Itinerarium Antonini 255, 3.
Forschungsgeschichte Die Kenntnis von Gelduba und seiner Identität mit Gellep scheint im Laufe der Jahrhunderte nie gänzlich verloren gegangen zu sein. Bereits in dem 1571 erschienenen fünfbändigen Reiseführer „Rhenus“ wurde von dem Geistlichen Bernardus Mollerus diese Gleichsetzung vorgenommenBernhard Moller: Rhenus Et Eius Descriptio Elegans. A Primis Fontibvs Vsqve Ad Oceanvm Germanicum. Vbi Vrbes, Castra, et Pagi adiacentes, Item Flumina et riuuli in hunc influentes, et si quid praetereà memorabile occurrat plenissimè carmine Elegiaco depingitur. Birckmannus, Köln 1571. und auch in der Mitte des 17. Jahrhunderts war sie dem Kölner Geschichtsschreiber Aegidius Gelenius geläufig.Renate Pirling: Geschichte der archäologischen Forschung in Krefeld. Als zu Beginn des 18. Jahrhunderts einige Historiker aufgrund der Namensähnlichkeit glaubten, das Kastell habe in der Stadt Geldern gelegen, wies der Historiker Werner Teschenmacher diese Ansicht zurück und bestimmte das Dörfchen Gellep richtig als das vermisste Gelduba. Im Jahre 1810 berichtete der Uerdinger Kaufmann Heinrich Wilhelm Herbertz von ersten Raubgrabungen, interessierte Abnehmer der Artefakte waren damals die Soldaten der napoleonischen Besatzungsarmee.Heinrich Wilhelm Herbertz: Das Dörfchen Gelb. In: Die Heimat. Krefelder Jahrbuch. 67, S. 42 ff.
Die ersten wissenschaftlichen Schriften über das Kastell Gelduba verfasste 1851 und 1857 Anton Rein, Rektor der höheren Stadtschule zu Krefeld,Anton Rein: Gelduba, das heutige Gellep oder Gelb, und die nächsten Rheinkastelle der Römer. Krefeld 1851; Anton Rein: Die römischen Stationsorte und Straßen zwischen Colonia Agrippina und Burginatium und ihre noch nicht veröffentlichten Altertümer. Krefeld 1857. sowie der Uerdinger Lehrer Franz Stollwerck im Jahre 1877.Franz Stollwerck: Die celtubisch-römische Niederlassung Gelduba zwischen Novaesium und Asciburgium. Selbstverlag, Uerdingen 1877. Von wissenschaftlicher Archäologie konnte jedoch bis zu diesem Zeitpunkt in Krefeld noch nicht die Rede sein. Ausgrabungen wurden von der Attraktivität und/oder der Verwertbarkeit des Fundgutes bestimmt, Fundzusammenhänge blieben weitgehend unbeachtet. Umfangreiche Privatsammlungen mit Fundmaterial aus Gelduba entstanden so im Laufe des 19. Jahrhunderts, von denen jedoch fast alle Bestände den beiden Weltkriegen zum Opfer fielen.
1896 war der Krefelder Gymnasialprofessor August Oxé der erste, der kleinere archäologische Ausgrabungen mit wissenschaftlichem Anspruch durchführte, wobei er auf einige Gräber sowie Mauern der Auxiliarkastelle stieß. 1914 und 1930 folgten südlich und südöstlich von Gellep weitere, ebenfalls nicht besonders umfangreiche Untersuchungen durch das Rheinische Landesmuseum Bonn (zuletzt unter der Grabungsleitung von Kurt Bittel), die ohne nennenswerte Ergebnisse blieben.
Der Beginn systematischer Großgrabungen in Gellep ist eng mit dem Namen Albert Steeger verknüpft, bis dahin Geologe und Rektor einer Mittelschule. 1934 nahm er planmäßige Grabungen im Gelleper Gräberfeld auf. In den folgenden beiden Jahren legte er fränkische Bestattungen des 6. und 7. Jahrhunderts frei, ferner spätrömische und frühfränkische Gräber aus der Zeit des Übergangs von der Antike zum Mittelalter, vor allem aus dem 5. Jahrhundert. 1936 verließ er den Schuldienst und widmete sich ausschließlich seinen Grabungen und dem Aufbau eines Heimatmuseums. Bis zu seinem Tode 1958 hatte er 1198 Bestattungen ausgegraben. Renate Pirling, Direktorin des Museumszentrums Burg Linn, setzte von 1959 bis 1994 seine Arbeit im römisch-fränkischen Gräberfeld fort, wo inzwischen weit über 6000 Gräber geborgen worden sind. Während sich Albert Steeger in den 1950er Jahren dem Gräberfeld widmete, gruben Wilhelm Piepers (1954 und 1955) und Gustav Müller (1958) vom Rheinischen Landesmuseum Bonn im Bereich des Vicus. Das Kastellareal wurde in den 1960er Jahren von Christoph B. Rüger und Ilse Paar untersucht. Ab Anfang der 1980er Jahre war Christoph Reichmann (1996–2016 Direktor des Museumszentrums Burg LinnEhemaliger Museumsleiter Dr. Christoph Reichmann wurde 70. LokalKlick vom 15. Mai 2020, abgerufen am 3. Mai 2022.) Grabungsleiter für die Untersuchungen im Kastell- und Vicusbereich.
Gelduba bis zur Zeit des Bataveraufstandes Namengebend für die spätere römische Garnison Gelduba war eine Ansiedlung einheimischer Bevölkerung, aus der Anfang des 1. Jahrhunderts ein Dorf der Ubier hervorging. Das Dorf lag unmittelbar nördlich des heutigen Gellep im Bogen des Mühlenbachzuflusses in den Rhein. Dieser Bach (früher Gelfbach genannt) markierte die Grenze zwischen den nördlich siedelnden germanischen Cugernern bzw. den südlich ansässigen Ubiern. Seit den Coloniegründungen unter Trajan und Claudius zählte das nördliche Gebiet zum Verwaltungssprengel der Colonia Ulpia Traiana (Xanten) und der südliche Bereich einschließlich Gelduba zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium (Köln).
Germanische Siedlung Der Bereich der germanischen Siedlung war bereits zwischen 1969 und 1977 archäologisch untersucht worden. Dabei wurde auf großer Fläche Siedlungsspuren in Form von Pfostenlöchern, Fundamentgräben, Abfallgruben und Brunnenschächten freigelegt. Ausweislich des Fundmaterials war das Dorf wohl im letzten Viertel des ersten vorchristlichen Jahrhunderts gegründet worden und hatte bis zum Ende der sechziger Jahre des ersten nachchristlichen Jahrhunderts bestanden. Die Münzreihe schließt mit einer Prägung des Jahres 68, auch die geborgene Keramik liefert keinerlei Hinweise auf eine längere Besiedlungsdauer. Ausgeprägte Brandspuren belegten, dass die Ansiedlung ein gewaltsames Ende erfahren haben muss. An diesem Punkt deckt sich der archäologische Befund mit der schriftlichen Quelle des Tacitus, der in seinen Historien von schweren Kämpfen zwischen römischen Truppen und batavischen Aufständischen bei Gelduba berichtet.Renate Pirling: Römer und Franken in Krefeld-Gellep. Zabern, Mainz 1986, ISBN 3-8053-0893-0, S. 9. Zur Zeit der aufflammenden Bataveraufstände befand sich eine römische Eingreiftruppe im zivilen Dorf der Ubier; als Abwehrmaßnahme gegen die Angriffe der Aufständischen waren u. a. Fallgruben und Gräben angelegt worden.
Römisches „Massengrab“ Auf dem Gelände am Rheinufer beim späteren Kastell Gelduba trafen die Kontrahenten aufeinander.
Auf diese kriegerischen Auseinandersetzungen weist auch der ungewöhnliche Befund einer Bestattung von rund vierzig menschlichen und ebenso vielen Pferdeskeletten. Sie alle waren in nur geringer Tiefe (0,7 m bis 1,0 m unter der heutigen Geländeoberfläche) in den Erdboden eingebracht worden. Die Ausrichtung der einzelnen Gräber war uneinheitlich, ebenso die Lageform der Skelette. Manche lagen auf der Seite, manche in Embryostellung mit angezogenen Knien. Wiederholt wurden, teilweise aufeinander liegend, zwei oder drei Individuen in einer gemeinsamen Grablege aufgefunden. Neben dazwischen liegenden einzelnen Pferdegräbern fanden sich auch Gruben, in denen Mensch und Pferd gemeinsam bestattet worden waren. Die gesamte Gräbergruppe erweckte den Eindruck, als seien die Bestattungen in größter Eile vorgenommen worden. Es wurden keine Spuren irgendwelcher Särge entdeckt, Grabbeigaben fehlten nahezu gänzlich. Der Fund einer einzelnen Fibel, der eines bronzenen Zaumzeuges und der von weiteren Pferdegeschirrteilen,Margareta Siepen: Außergewöhnliches Pferdegeschirr aus Gellep (PDF; 132 kB). Auf archaeologie-krefeld.de, auch in: Rheinisches Amt für Bodendenkmalpflege (Hrsg.): Archäologie im Rheinland 2007. die alle auf die zweite Hälfte des ersten Jahrhunderts zu datieren waren, machten jedoch eine zeitliche Zuordnung möglich.Renate Pirling: Römer und Franken in Krefeld-Gellep. Zabern, Mainz 1986, ISBN 3-8053-0893-0, S. 32–35.
Marschlager des Vocula Der obergermanische Statthalter Marcus Hordeonius Flaccus und der Kommandeur der IV. Legion, Gaius Dillius Vocula, hatten am Niederrhein Abteilungen der Mainzer, Bonner und Neußer Legionen sowie Hilfstruppen zusammengezogen. Zweck der Operation war der Entsatz des Legionslagers Vetera/Birten, das von Iulius Civilis und seinen Batavern belagert wurde. Mögliche Spuren des im Zusammenhang mit dem Bataveraufstand bei Tacitus erwähnten und nördlich von Novaesium angesiedelten Marschlager des Gaius Dillius VoculaTacitus, Historien 4, 57. entdeckte der Archäologe Christoph Reichmann 1983 außerhalb des Bereiches der späteren Auxiliarkastelle und unweit der ubischen Siedlung. Die Befunde setzten sich aus mehreren rund drei Meter breiten und zwei Meter tiefen Spitzgräben, Spuren von Toranlagen und Holztürmen zusammen, sowie einem halbmondförmigen Verteidigungs-Graben, der sich bis zum Gelände des späteren Kastells hinzog. Ausweislich ihrer Verfüllung können die Gräben nur relativ kurze Zeit offen gewesen sein. Das insgesamt spärliche Fundmaterial ließ eine Datierung auf die zweite Hälfte des ersten Jahrhunderts zu. Aufgrund der rekonstruierbaren Gesamtgröße des Lagers kann es als ein 8000 bis 12.000 Legionären dienendes Marschlager gesehen werden und kommt daher durchaus als das Marschlager des Vocula in Betracht.Renate Pirling: Römer und Franken in Krefeld-Gellep. Zabern, Mainz 1986, ISBN 3-8053-0893-0, S. 21.
mini|hochkant=1.4|Gelduba Kastell um 200 n. Chr. und Gräberfelder – Zeichnung nach Reichmann/Paar/Pirling mini|hochkant=1.4|Gelduba das erste Kastell 71 bis 275 n. Chr. – Zeichnung nach Reichmann/Paar/Pirling mini|hochkant=1.4|Gelduba Kastell um 294 n. Chr. – Zeichnung nach Reichmann/Paar/Pirling mini|hochkant=1.4|Gelduba Kastell um 370 n. Chr. – Zeichnung nach Reichmann/Paar/Pirling
Nach dem Bataveraufstand – die Geschichte der Kastelle Gelduba war der Standort teilberittener Auxiliartruppen und während des Bataveraufstands auch vorübergehender Garnisonsplatz eines größeren Truppenverbandes. Das im Jahre 69 n. Chr. zunächst beim zivilen Ort Gelduba errichtete – durch Grabenaushebungen gesicherte – Militärlager geriet im Verlauf der Bataveraufstände in Bedrängnis, der Ort wurde zerstört. Südlich des Ortes entstand das eigentliche Kastell mit Lagervorstadt (vicus) und Hafenanlage.