Als Oronym (von „Berg“ und äolisch/dorisch „Name“) bezeichnet man in der Namenforschung die Berg- und Gebirgsnamen, eine Untergruppe der Toponymika. Bei den Gebirgsnamen ist die Grenze zu den Raumnamen (Choronyme) fließend.
Die Oronymie beschäftigt sich mit der Erforschung der Oronyme. Forschungsschwerpunkte sind die Herkunft, Bedeutung, Geschichte und regionale Verbreitung der Oronyme und die Erstellung entsprechender Systematiken.
Bergnamengebung im deutschsprachigen Alpenraum Das Randgebiet der Alpen ist vermutlich bereits im 5. vorchristlichen Jahrtausend von Ackerbau treibenden Menschen betreten worden, die die halbwegs ebenen Freiflächen nutzten und ein Jahrtausend später Bergbau betrieben. In der Bronzezeit führten Handelsrouten über die Berge. Somit waren Landwirtschaft, Bergbau und schließlich das Gewerbe der Säumer die Lebensgrundlagen, wodurch jene alpine Kulturlandschaft entstanden ist, wie sie im 19. Jahrhundert bei der touristischen Erschließung des Gebietes angetroffen wurde. Kulturlandschaften spiegeln in ihrem Namensgut Geschichte und Gegenwart wider. Diese in der Hinsicht, dass das Namengut in der (den) jeweiligen dominanten Sprache(n) festgehalten ist, jene in der Weise, dass im Namengut ältere sprachliche Zustände erhalten sind. Denn der Alpenraum war – wie übrigens das gesamte westliche und mediterrane Europa – ursprünglich weder germanisch (deutsch) noch romanisch (ladinisch oder italienisch) und auch nicht slawisch (slowenisch), sondern nicht-indogermanisch und wurde vom östlichen Mitteleuropa aus nach und nach indogermanisiert (statt indogermanisch liest man oft auch indoeuropäisch), das heißt, es wanderten wiederholt indogermanischsprachige, zuletzt keltische Stämme ein, die die bodenständige Bevölkerung überlagerten, diese hinterließ aber eine Reihe von Namen, z. B. *kamok- „Gemse“ (lateinisch camox, italienisch camoscio, ladinisch ciamurc, furlanisch ciamòz, deutsch Gams/Gemse bzw. Gämse, slowenisch gams) oder *trogio- „Fußweg“ (woraus mundartlich Troje oder Troie), insbesondere aber Alpe bzw. Alm „Bergweide“ (alemannisch Alp, bairisch Ålm aus Alben, in Tiroler Mundarten einschließlich Osttirol auch (die) Ålbe/Ålwe); dieses Wort wird von alters her im Plural zur Bezeichnung der Gebirgskette der Alpen gebraucht und kommt auch außerhalb des „alpinen“ Bereichs vor (z. B. Schwäbische und Fränkische Alb, auch Franken-Alb) und ist über das Romanische ins Deutsche gelangt, lateinisch alpis „(meist) hochgelegenes Weidegebiet“, Plural alpes bzw. als Name Alpes; alpines Substratwort, ursprünglich wohl „Berg“, auch „Pass“. Diminutiv dazu: (das) Älpl, Alpl, Älpele usw. (in mittelbairischen L-vokalisierenden Mundarten [áibl oder áiwl] gesprochen und Aibel, Eibel geschrieben; nur als Name italienisch Alpi und slowenisch Alpe).
Tauern Auch das Wort Tauern gehört vermutlich der vorindogermanischen Sprachschicht an, auch dieses Appellativ reicht über dessen eigentliches, geographisch so definiertes Gebiet („Tauern-Fenster“) hinaus. Es gibt – etymologisch und auch semantisch – zwei Tauern-Bezeichnungen, Tauern I und Tauern II. Das Appellativ (der) Tauern I bedeutet „Gebirge; Pass, für den Viehtrieb geeigneter Gebirgsübergang“. Über einige Tauern genannte Bergübergänge führten zwar von alters her wichtige Handelsrouten, auf denen die „Säumer“ mit Saumtieren und Schleifwagen Güter beförderten, doch die ursprüngliche Bedeutung war „Berg“ (ein Substratwort, vorrömisch bzw. romanisch *taur- „Berg“), erst später „Pass“.
Wenn auch in den Ostalpen besonders häufig, ist dieses Bergwort in ganz Südwesteuropa und im mediterranen Bereich bis nach Kleinasien verbreitet. Abseits vom Kernbereich kommt es in Österreich als Bergname am Plansee bei Reutte (Tauern, 1.841 m) vor, als Ober- und Untertauern bei Kitzbühel (zwei Berghöfe, urkundlich 1484 Obertauern), weiter umgelautet am Taiern (Flurname oberhalb von Vomp bei Schwaz), alle Tirol, dann als Bergname südöstlich von Bad Ischl (Tauern, 1108 m, und Tauernwand, Oberösterreich) und in Bayern am Samerberg (Berghof, 1369 auf dem Tauern). Ins Slowenische ist dieser Name als tur- gelangt, dieses ist jedoch nicht klar von Tauern II zu trennen.
Das gemeinslawische Wort tur- „Bodenschwellung, ableitiger Hügel“ (neben anderen Bedeutungen) liegt Namen wie Ossiacher Tauern, slowenisch Ture, und Turia-Wald, slowenisch Turje zugrunde, beide in Unterkärnten außerhalb des „eigentlichen“ Tauerngebietes. Dazu kommt noch die einen abgekommenen Bergnamen enthaltende slowenische Benennung Pod Turjo (wörtlich „unter dem Tauern“) für die Ortschaft Neuhaus an der Gail. Wie Tauern I und II zusammenhängen, ist schwierig zu entscheiden und würde hier zu weit führen, wahrscheinlich haben die Alpenslawen das alpine Substratwort *taur- zu *tur- weiterentwickelt und mit ihrem Wort tur- identifiziert (dass nicht alle Tauern-Namen den gleichen Ursprung haben müssen, hat bereits der bekannte Innsbrucker Namenkundler Karl Finsterwalder erkannt). Im Althochdeutschen hat der Tauern-Name Tûro gelautet, möglicherweise ist er durch slawische Vermittlung ins Deutsche gelangt.
Andere Namen Die meisten Bergnamen sind relativ jung und erst in jüngerer Zeit überliefert, was vielfach ihre Deutung erschwert. Karl Finsterwalder zählte sie mit Recht zu dem am schwierigsten zu deutenden Namengut. Im Allgemeinen erfolgte ihre Festlegung im Zuge der wirtschaftlichen Erschließung unserer Berge zunächst als Bergweiden und für den Bergbau, später auch als Jagdgebiete und seit dem 19. Jahrhundert für den Fremdenverkehr. Reichhaltiges Material liefern in früherer Zeit vor allem Grenzbeschreibungen und Almen betreffende Urkunden (in Urbaren, Güterverzeichnissen und dergleichen) sowie Protokolle von Streitigkeiten über Weiderechte. Auf alten Karten sind Bergnamen in nur sehr beschränktem Umfang notiert.
Das deutsche Namengut (Alt-)Bayerns und Österreichs (ohne Vorarlberg) ist dialektologisch gesehen bairisch-österreichisch, nur im Westen alemannisch; typisch bairisch-österreichisch ist z. B. Bichl „Bühel, Hügel“, typisch alemannisch Fluh „Fels (-abhang, -platte)“. Auch dem Rätoromanischen bzw. Ladinischen und Alpenslawischen bzw. Slowenischen verdanken wir zahlreiche Namen und Wörter, z. B. (die) Kaser „Sennhütte“ (aus dem Romanischen, vergleiche rätoromanisch caséra oder casère, auch mit Anlaut [č-], wobei die Details unklar bleiben) oder Tschadín (das, nur noch in Berg- und Flurnamen vorkommend) zu romanisch catinus „Kessel, Napf“ („Kar“). Weiter Kulm (mehrmals in Kärnten und Steiermark, meist auf slowenisch holm „Hügel, Kogel“ beruhend, kann aber auch das romanische Bergwort culmen „Gipfel; Bergübergang; Berg(wiese)“ repräsentieren, denn ein Kolm in Nordtirol [Zillertaler Alpen] oder Golm in Vorarlberg [Rätikon] ist eindeutig romanischer Herkunft) oder Daber (Osttirol) „Klamm“ (zu slowenisch deber bzw. daber „Schlucht“). Bemerkenswert ist auch die semantische Gleichung deutsch Ofen „Fels“, slowenisch peč „Ofen, Fels“ (z. B. Ofen [Kärnten, Karawanken], slowenisch Peč, italienisch Monte Forno, heute meist Dreiländereck).
Obwohl die Bergnamen größtenteils relativ jung sind – die meisten älteren stammen aus dem Hoch- und Spätmittelalter – finden sich in ihnen die gleichen Sprachschichten wie auch im sonstigen Namengut, sowohl in den einzelnen Bergnamen selbst, z. B. Hochgolling (Salzburg/Steiermark, Niedere Tauern, Golling aus slawisch golьnikъ) zu slowenisch gol „kahl, unbewachsen“, also „Kahlenberg“, Galzig (Tirol, Lechtaler Alpen) aus romanisch col siccu „trockener Berg“, Taunus (wiederbelebt im 18./19. Jahrhundert nach antiken Quellen, zuvor einfach die Höhe), Rhön (vordeutsch, unklarer Herkunft) als auch in den einzelnen Bergwörtern (wie z. B. Kogel aus romanisch cucullus „Kapuze“ oder Kuppe, oberdeutsch Gupf, aus romanisch cuppa „rundlicher Gipfel“). Auch historische Landschaften schlagen sich im Bergnamengut nieder, z. B. Ries (Bayern, aus dem antiken Raetia).
Wonach werden nun die Berge benannt? Der Altmeister der Bergnamenforschung in Österreich, Eberhard Kranzmayer (1897–1975), unterscheidet folgende semantische Gruppen von Bergbezeichnungen: -5. Lagenamen im weitesten Sinn und zwar: nach der Form und Beschaffenheit, nach (allgemeinen) Naturerscheinungen wie Witterung, nach der Pflanzenwelt (Flora), nach der Tierwelt (Fauna) und nach der Nachbarschaft; Kulturnamen nach der wirtschaftlichen Nutzung und dgl.; Besitznamen nach den Eigentumsverhältnissen; kultisch-mythische bzw. religiöse Namen auf Grund von Vorstellungen und Traditionen der bodenständigen Bevölkerung; künstliche bzw. gelehrte Namen, geprägt von Geographen und Bergsteigern sowie vom Fremdenverkehr.
Vielfach weisen Berge verschiedene Namen auf, je nachdem, von wo aus sie benannt worden sind, z. B. Villacher Alpe vs. Dobratsch (Gailtaler Alpen) oder es gibt einen bodenständig-volkstümlichen Namen wie Harlouz und einen touristischen „offiziellen“ wie Ferlacher Horn (Kärnten, Karawanken). Ferner finden wir so genannte „aufgewanderte Namen“, dies sind Namen für Berge, Fluren und Almen, die von tieferen Lagen auf Objekte in höheren Lagen übertragen worden sind. So ist z. B. der (Große) Muntanitz in der Granatspitzgruppe nach dem Flurnamen Im Muntanitz und dieser ist nach dem Muntanitzbach so benannt, d.h, der Namen Muntanitz „wanderte“ vom Bach aufwärts. Oder das Gössnitztal war das Vorbild für die Gössnitzscharte und den Gössnitzkopf. Der Siedlungsname Peischlach am Ausgang des Kalser Tales „wanderte“ weit hinauf, über die Peischlach-Alm im oberen Bereich des Ködnitztales bis zum Peischlachtörl.
Lagenamen nach der Form und Beschaffenheit Wenn in diesem Abschnitt bei jedem Bergnamen nur ein Beispiel genannt wird, bedeutet dies nicht, dass dieser Name nur einmal vorkommt. Vielmehr wurde jeweils der mehr oder weniger bekannteste Bergname als Beispiel ausgewählt (z. B. kommt Schneeberg in Österreich und Deutschland mehrmals vor). Als erste Beispiele seien zunächst einige (allgemeine) Bergwörter genannt wie Berg (im ganzen deutschen Sprachraum, ursprünglich sehr allgemein für jede Erhebung gebraucht, im flachen Norden auch für geringe Anhöhen), z. B. Kahlenberg (Wien), Schneeberg (Niederösterreich), dazu das Kollektivum Gebirge, z. B. Fichtelgebirge (so erst seit dem 19. Jh., Erstbeleg 1542 Vichtelberg), ein ‘Berggebiet, wo vielen Fichten stehen’; auch der höchste Berg des deutschen Anteils am Erzgebirge heißt Fichtelberg. Beide Appellativa sind also im ganzen deutschen Sprachraum verbreitet. – S.u. sub (3) auch unter Wald.
Bichl ‘Bühel, Hügel’ (bairische mundartliche Form von Büh(e)l, althochdeutsch buhil), z. B. Hirschbichl (Niederösterreich), Pfaffenbichl (Tirol). Kofel ‘felsiger Gipfel’ (aus romanisch *cubulum ‘Höhle’, mit Bedeutungsentwicklung zu ‘Felsen’, die alte Bedeutung im Lehnwort Gufel ‘Felshöhle, überhängende Wand’), v. a. in Tirol und Kärnten, in bäuerlicher Mundart von Kogel klar geschieden, z. B. Spitzkofel (Tirol, Lienzer Dolomiten), Torkofel (Kärnten, Gailtaler Alpen). Kogel ‘rundlicher Gipfel’ (übertragen aus romanisch cucullus ‘Kapuze’, im fast ganzen bairisch-österreichischen Gebiet verbreitet und sehr produktiv), z. B. Feuerkogel (Oberösterreich, Höllengebirge), Ochsenkogel (Steiermark, Niedere Tauern). Spitz (der) (auf Karten oft (die) Spitze), z. B. Hochspitz (Tirol, Karnische Alpen), Granatspitz(e); der Spitz ist die ältere, oberdeutsche mundartliche Form, die Spitze die hochdeutsche jüngere und standardisierte, die sich auf den Landkarten immer mehr durchsetzt, z. B. Zugspitze (1590 u. 1656 Zugspitz, mit 2962 m höchster Berg Deutschlands im Wettersteingebirge; sie hat ihren Namen nach dem Zugwald und dieser ist entweder nach den Lawinenzügen oder nach schmalen Gassen, die den Heu- und Blochzug durch den dichten Wald ermöglichten, so benannt).