Sherlock-Holmes-Pastiches sind Pastiches im Sinne von Fortsetzungen und Ergänzungen zur Sherlock-Holmes-Serie von Arthur Conan Doyle durch andere Autoren.

Allgemeines In seinen „Erinnerungen“ erwähnt Watson weitere Abenteuer des berühmten Detektivs, die er noch nicht zu Papier gebracht habe. Diese Bemerkungen sind Grundlage einiger Pastiches, die sich um Sherlock Holmes bildeten. Viele der Nachschöpfungen werden als Watsons verlorengegangene und plötzlich, meist durch Zufälle, wiedergefundene Geschichten präsentiert.

In frei erdachten Pastiches begegnen Holmes und Watson mitunter anderen literarischen Figuren, beispielsweise dem Meisterdieb A. J. Raffles, Professor Challenger oder dem Vampir Dracula in einer Pastiche von Loren D. Estleman, oder auch realen Personen ihrer Zeit, von Königin Victoria, George Bernard Shaw, Oscar Wilde, Bram Stoker über Sigmund Freud bis Albert Einstein. Holmes löst dabei sowohl echte Kriminalfälle, wie die Jack-the-Ripper-Morde als auch Fälle, die die Fantasiewelten anderer Autoren wie H. G. Wells (die Invasion der Marsianer in Der Krieg der Welten) oder Das Phantom der Oper berühren.

Bis 1981, als 50 Jahre nach dem Tod von A. C. Doyle nach damaligem englischen Urheberrecht das literarische Werk Doyles und damit die Figur des Sherlock Holmes Allgemeingut wurden, hatten Doyle und seine Erben den Urheberrechtsschutz an den Figuren und ihren Namen. Daher mussten andere Autoren, soweit sie keine ausdrückliche Genehmigung erhielten, Umschreibungen benutzen. Maurice Leblanc, der in zwei seiner Romane Sherlock Holmes gegen seine eigene Schöpfung, den Meisterdieb Arsène Lupin, antreten lässt, nennt ihn „Herlock Sholmes“ und seinen Gefährten „Dr. Wilson“. In den drei Romanen von Henry Fitzgerald Heard, die zu der Zeit spielen, als sich der Ruheständler Holmes in Sussex der Imkerei widmet, heißt der nach dem Vornamen seines Bruders „Mr. Mycroft“.

Oft ist die Erwähnung der Namen nicht nötig; es reicht eine Personenbeschreibung, um Doyles Charaktere kenntlich zu machen (siehe beispielsweise Poul Andersons Chroniken der Zeitpatrouille: „der [Privatdetektiv] sei schlank und groß, habe ein Adlergesicht und werde von einem kräftigen Burschen mit Schnauzbart und Hinkefuß begleitet, der ein Famulus zu sein scheine“.) Auch Zitate aus den Originalgeschichten oder Holmes-typische Aussprüche können auf die Vorlage verweisen. So kommt beispielsweise der berühmte, oft kolportierte Satz: in dieser Form in Doyles Hauptwerken nicht vor, sondern geht auf das erste Sherlock-Holmes-Bühnenstück Sherlock Holmes: A Drama in Four Acts, das Doyle zusammen mit dem Schauspieler William Gillette verfasste. Dort heißt es: „Oh, this is elementary, my dear Watson“. Im ersten Tonfilm zu der Reihe The Return of Sherlock Holmes (dt. Die Wiederkehr des Sherlock Holmes) von 1929 wurde der Ausspruch auf die heute bekannte Version verkürzt.

Die zahlreichen Nachschöpfungen, darunter Pastiches durch bekannte Autoren wie Mark Twain, Stephen King, Neil Gaiman, Ellery Queen, Nicholas Meyer, Jörg Kastner, Maurice Leblanc, Laurie R. King, Philip José Farmer, R. A. Stemmle oder Isaac Asimov, lassen sich in verschiedene Kategorien einteilen.

Pastiches Das erste Sherlock-Holmes-Pastiche Das erste bekannte Sherlock-Holmes-Pastiche ist die Erzählung The case of the man who was wanted. 1942 wurde die Geschichte in Doyles Nachlass entdeckt und als echte Sherlock-Holmes-Geschichte 1947 im The Strand-Magazin veröffentlicht. Doyles Biograph Hesketh Pearson und der Doyle-Estate wiesen in der Folge darauf hin, dass die Geschichte von Arthur Whitaker stammt und bereits um 1914 entstand. Whitaker sandte die Geschichte an Doyle, in der Hoffnung, dass der Autor die Idee für eine seiner eigenen Erzählungen verwenden könne. Doyle machte jedoch keinen Gebrauch von der Vorlage.Richard Lancelyn Green, „Introduction“ in The Further Adventures of Sherlock Holmes, London, Penguin, 1986, S. 16–17. 1902 hatte Mark Twain bereits die Novelle A Double Barrelled Detective Story veröffentlicht, diese ist jedoch eine reine Satire auf Doyles Werk und ähnliche viktorianische Detektivgeschichten und verwendet keine Charaktere der Originalgeschichten.A Double Barelled Detective Story 1906 erschien im Simplicissimus eine Sherlock-Holmes-Erzählung von Ludwig Thoma mit dem Titel Der Münzdiebstahl oder Sherlock Holmes in München,Simplicissimus Jg. 1906/07 Heft 29 welcher 1916 die anonym erschienene Erzählung Der vergiftete Museumsleiter oder der Schlag auf den Hinterkopf folgte.Simplicissimus Jg. 1915/16 Heft 51

„Verlorene Fälle“ „Verlorene Fälle“ sind in den Originalgeschichten von Doyle am Rande erwähnte Abenteuer, die Dr. Watson aufzeichnete, aber aus verschiedensten Gründen nicht veröffentlichte (aus Diskretion, um der Staatsraison willen, um eine Massenpanik zu vermeiden usw.), beispielsweise die Geschichten der Riesenratte von Sumatra und eines der Wissenschaft völlig unbekannten Wurmes, der rätselhafte Tod des Bankiers Crosby, der wahnsinnig gewordene Journalist und Duellant Isadore Persano, das Verschwinden von Mr. James Philimore. Hier tritt das bekannte Zweigespann wie in Doyles Geschichten auf.

Zu den „verlorenen Fällen“ gibt es Romane und Kurzgeschichten. Holmes rettet beispielsweise London vor der Pest (Der Mann des Schreckens), macht Bekanntschaft mit dem Beginn des organisierten Verbrechens (Die violette Hand), findet die gestohlenen Kronjuwelen der verstorbenen Königin Victoria (Sherlock Holmes und die Kronjuwelen) oder lüftet das Geheimnis um das Ungeheuer von Loch Ness (Das Privatleben des Sherlock Holmes). Bisweilen werden auch nur einzelne Elemente aus den Originalgeschichten literarisch verwertet, wie der Hinweis von Watson (in der Originalgeschichte Die sechs Napoleons), Holmes habe einen Fall mit dem Messen der Tiefe der in die Butter eingesunkenen Petersilie gelöst. Er wird in der Geschichte Die bettlägerige Dame von Claire Griffin 2003 verwendet.

Geschichten aus der Jugendzeit Des Weiteren gibt es Geschichten aus der Jugendzeit des großen Detektivs, als er Dr. Watson noch nicht begegnet war und der demnach (im Gegensatz zum Bruder Mycroft) nicht dabei ist. Hierzu zählen die acht Jugendromane von Andrew Lane. In dem Film „Das Geheimnis des verborgenen Tempels“ (OT: Young Sherlock Holmes) begegnet ein junger Sherlock Holmes einem jungen John Watson, was allerdings mit der Vorgabe der Originalwerke bricht, da in Eine Studie in Scharlachrot Watson erzählt, dass er Holmes noch nie zuvor getroffen habe.

Geschichten aus dem Exil In den drei Jahren zwischen den Ereignissen an den Reichenbachfällen (Das letzte Problem) und seiner Rückkehr nach London (Das leere Haus) lebte Holmes inkognito teilweise in Tibet, teilweise auf dem europäischen Kontinent. Die Erlebnisse in dieser Zeit, in der Holmes den Decknamen Sigerson trug, wurden u. a. von Jamyang Norbu in dem 2004 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman Das Mandala des Dalai Lama (Originaltitel: The Mandala of Sherlock Holmes: The Adventures of the Great Detective in India and Tibet) sowie von Richard Wincoe (Sherlock Holmes in Tibet) und Franziska Franke (mehrere Romane mit einem anderen Adlatus namens David Tristram) umgesetzt.

Geschichten um den älteren Holmes Diese Geschichten spielen in der Zeit, in der Sherlock Holmes sich laut Watson zum Bienenzüchten nach Sussex zurückgezogen hat. In diese Kategorie gehören die drei Romane von Henry Fitzgerald Heard: Hier wird der „Mr Mycroft“ genannte Holmes von einem Sydney Silchester begleitet. In der Pastiche-Reihe von Laurie R. King löst der gealterte Sherlock Holmes weitere Fälle mit seiner jüngeren Geliebten Mary Russell, einer jungen Frau, die ihm ebenbürtig ist und die er, nachdem er sie zur Detektivin ausgebildet hat, ehelicht.

In Michael Chabons The Final Solution (deutsch: Das letzte Rätsel) beschäftigt sich der 89-jährige Detektiv mit dem Rätsel um einen verschwundenen Papagei. Der im Jahr 1947 spielende Roman A slight Trick of the Mind (Mitch Cullen, 2005) mit einem 93-jährigen bienenzüchtenden Ruheständler wurde 2015 mit Ian McKellen unter dem Titel Mr. Holmes verfilmt.

Geschichten zu Holmes’ Weggefährten Die Weggefährten von Sherlock Holmes, Dr. Watson und Mrs. Hudson, stehen im Zentrum einer weiteren Kategorie (z. B. Stephen King: Watsons Fall; Sydney Hosier: Kein Fall für Mr. Holmes), ebenso die „Baker Street Irregulars“, Holmes Bande junger Leute aus der sozialen Unterschicht, die für ihn Spitzel- und Botendienste leisten (die Fernsehserie Auf den Spuren von Sherlock Holmes, 1983). In weiteren Erzählungen stehen auch die Sherlock-Holmes-Gesellschaften im Mittelpunkt, wie beispielsweise die amerikanischen Baker Street Irregulars in „Treffpunkt: Baker Street“ (OT: The Case of the Baker Street Irregulars, 1940) von Anthony Boucher oder die deutschen Von Herder Airguns Ltd. in Thorsten C. Dickels Der Fall der Fälle.

Ein „besonderer“ Weggefährte in zahlreichen Pastiches ist Professor Moriarty, der geheimnisvolle „Napoleon des Verbrechens“. So handelt beispielsweise das Buch von Anthony Horowitz namens Moriarty von einem Toten am Fuß der Reichenbachfälle, bei dem eine verschlüsselte Nachricht an Moriarty gefunden wird.

Nur "indirekte" Weggefährten betreffen Geschichten um andere Detektive, die zwar nicht mit Sherlock Holmes zusammentreffen, aber im gleichen "Universum" stattfinden, was man daran sieht, dass Mr. Holmes im Laufe der Handlung Erwähnung findet, manchmal eher sympathisch als Kollege, manchmal eher unsympathisch als Konkurrent. In die erste Kategorie fallen die Geschichten von Stefan Winges (der auch Sherlock-Holmes-Pastiches verfasst hat) über den Kölner Privatdetektiv Marius van Larken und seinen Gefährten, den ehemaligen Militärarzt Dr. Möring (Titel: "Ein drei Tassen-Problem", "Mord im Afrika-Klub" und "Süßes Alibi"). In die zweite Kategorie die Geschichten von Mick Finlay um William Arrowood (Titel: "In den Gassen von London", "Die Mördergrube"), einen erfolglosen Privatdetektiv, der Holmes seine Erfolge, seine Publicity und seine Einkünfte neidet.

Sherlock Holmes und Sigmund Freud Ein Sonderfall ist die Geschichte von Nicholas Meyer Sherlock Holmes und der Fall Sigmund Freud (OT: The seven percent solution), die 1976 unter dem Titel Kein Koks für Sherlock Holmes verfilmt wurde. Hier wird die Geschichte um Professor Moriarty Das letzte Problem (OT: The Final Problem), die mit dem Kampf an den Reichenbachfällen endet, neu erzählt. Holmes Kokainkonsum, der bei Doyle nur in Zeiten der Langeweile vorkommt, wird hier zu einer Kokainsucht. Professor Moriarty ist in der Neuerzählung nicht der „Napoleon des Verbrechens“, sondern der frühere Privatlehrer der Familie Holmes und trägt die Schuld am Tode von Holmes Mutter, mit der er ein Verhältnis hatte. Holmes selbst leidet an diesen nie verarbeiteten Kindheitserlebnissen und flüchtet mit Hilfe des Kokains in Wahnvorstellungen von einem Superkriminellen. Watson und Mycroft Holmes gelingt es, Holmes auf der Spur des vermeintlich flüchtigen Moriartys nach Wien in die Praxis Sigmund Freuds zu locken, der ihn von der Sucht befreit und Holmes psychoanalytisch behandelt. Nebenbei löst Holmes in der österreichischen Hauptstadt einen Fall. Am Ende, als Watson ihn fragt, wie er diese Geschichte veröffentlichen solle, erwidert Holmes, dass Watson über seinen Tod im Kampf mit Moriarty schreiben solle, damit der Detektiv einige Zeit Ruhe vor der Öffentlichkeit habe.