mini|hochkant|Darstellung des Nacht im Grab mini|hochkant|Darstellung der Dame Taui im Grab

Das Grab des Nacht ist das Privatgrab des altägyptischen Beamten Nacht und seiner Frau Taui. Das Felsgrab, 1889 in der Nekropole von Theben-West in Ägypten wiederentdeckt, wird in die 18. Dynastie datiert, also in die Zeit zu Beginn des Neuen Reiches um 1400 v. Chr. Es trägt die Nummer TT52 (TT = Theban Tomb = Thebanisches Grab) der Gräber von Scheich Abd el-Qurna in Theben-West. Besonders bekannt sind mehrere Details der hochwertigen Wandmalereien, auf die in der ägyptologischen Literatur häufig Bezug genommen wird. Von der restlichen Ausstattung des unvollendeten Grabes ist heute nur noch wenig erhalten. Die Malereien sind inzwischen stark beschädigt, dank der Arbeiten des Archäologen Norman de Garis Davies aber im Fundzustand bekannt.

Entdeckung und Forschung mini|hochkant|Katzendarstellung, durch Krakelee schon stark zerstört mini|hochkant|links|Eingang zum Grab des Nacht im heutigen Zustand (2008)

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, wahrscheinlich 1889, fanden Ägypter aus dem Dorf Scheich Abd el-Qurna (auf der Westseite des Nils, gegenüber Luxor gelegen) das Grab und verschafften sich Zugang. Schon kurz darauf führten auch Beamte des ägyptischen Antikendienstes unter Emile GrébautDirecteurs et membres scientifiques - Directeurs de l’IFAO depuis sa fondation. Auf: ifao.egnet.net; zuletzt abgerufen am 18. Januar 2022. erste Säuberungsaktionen im Grab durch. Kurz davor sind anscheinend vier kleine Malereifragmente von einem Reisenden aus dem Grab entwendet und in die USA verkauft worden. Sie befinden sich heute im Brooklyn Museum. Es wurden erste Zeichnungen der Dekoration von Gaston Maspero und Hippolyte Boussac angefertigt.L. Manniche: City of the Dead. London 1987, S. 116–117; L. Manniche: Lost Tombs. ... London u. a. 1988, S. 171–172, Tafel 55, Nr. 83

Das Grab blieb einer breiteren Öffentlichkeit zunächst aber unbekannt, bis der britische Ägyptologe Norman de Garis Davies die Malereien in den Jahren 1907 bis 1910 aufnahm. Dabei halfen ihm seine besonderen Qualitäten als Künstler. In mühevoller Kleinarbeit zeichnete er, unterstützt von anderen Archäologen, darunter seine Frau Nina de Garis Davies, alle Fresken des Grabes ab. Sodann wurden 1917Egypt: The Tomb of Nakht on the West Bank at Luxor. Auf: touregypt.net; zuletzt abgerufen am 18. Januar 2022. diese Arbeiten der Öffentlichkeit in einer prachtvollen Publikation vorgelegt. Diese Publikation ist heute auch deshalb so wertvoll, weil sie die Fresken in noch unbeschädigtem Zustand zeigt. In den letzten Jahrzehnten hat sich deren Zustand, nicht zuletzt durch die vielen Besucher, stark verschlechtert. Letztlich könnte nur eine Schließung des Grabes für die Öffentlichkeit die vollständige Zerstörung verhindern.M. Seidel, A. G. Shedid: Das Grab des Nacht. ... Mainz 1991, S. 13.

In Europa wurden Davies’ Arbeiten erstmals 1991 innerhalb der Ausstellung „Ägypten – Suche nach Unsterblichkeit“ in Hildesheim einem breiten Publikum präsentiert. Anschließend wurden sie in Mainz und weiteren Städten als Sonderausstellung zum Grab des Nacht gezeigt. Im Zuge dieser Präsentation wurde erstmals ein farbiger Bildband mit Fotografien aller Originalbilder des Grabes von den Ägyptologen Matthias Seidel und Abdel Ghaffar Shedid veröffentlicht.Arne Eggebrecht: Vorwort. In: M. Seidel, A. G. Shedid: Das Grab des Nacht. ... Mainz 1991, S. 7.

Grabinhaber

Die Persönlichkeit des Nacht – ägyptisch für Der Starke – kann nur anhand von Inschriften und den Darstellungen im Grab bestimmt werden, da bislang keine weiteren Funde zu ihm existieren. Nacht nennt sich selbst „Schreiber“, doch ist diese Bezeichnung sehr ungenau und weist ihn nur als Beamten aus. Immerhin ergibt sich daraus, dass er zu einer kleinen Führungsschicht der Beamten im Reich gehörte. Ein zweiter Titel lautet „Stundenpriester des Amun“. In dieser Funktion hatte er die Einhaltung und pünktliche Durchführung bestimmter Kultrituale im Reichstempel des Amun-Re in Karnak zu überwachen. Die Kombination beider Titel, die manchmal auch als „Astronom“ gedeutet wird, zeigt in ihrer ungenauen Art, dass Nacht wohl nur zur mittleren Beamtenschaft gehört hatte, eine Annahme, die auch durch die bescheidene Ausstattung seines Grabes gestützt wird. Neben ihm ist im Grabbau seine Gemahlin Taui bestattet, die Tempelsängerin des Amun war. Zudem sind Reste weiterer Särge gefunden worden.

Beschreibung und Inventar mini|hochkant|links|Blick in das Grab. Foto von Antonio Beato aus dem Jahr 1902. mini|hochkant|Karte der Nekropolen von Theben-West, das Grab des Nacht ist durch einen Punkt markiert. mini|hochkant|Plan des Grabes: A – Vorhalle; B – breite Halle; C – tiefe Halle mit dem Schacht zur Sargkammer

Das kleine Felsgrab befindet sich am Anstieg zum Gräberberg von Scheich Abd el-Qurna, dem bevorzugten Bestattungsort der Beamtenschaft in der Gegend. Die Grabanlage besteht aus zwei Teilen, einer oberirdischen Kultanlage, die für die altägyptischen Besucher zugänglich war, und dem unterirdischen Teil mit der Grabkammer, die nach der Beerdigung verschlossen wurde. Nur der oberirdische Teil war dekoriert.

Das Grab ist auch in der gängigen Form solcher thebanischen Privatgräber der frühen und mittleren 18. Dynastie aufgebaut: Zunächst betritt man eine offene Hofanlage. Nach einem kleinen Durchgang gelangt man in die so genannte „breite Halle“. Diese ist etwa 5 Meter breit, 1,5 Meter tief und als einzige nahezu vollständig dekoriert. Es folgt ein weiterer schmaler Gang, an den sich die sogenannte „tiefe Halle“ in der Form eines leicht länglichen Rechtecks anschließt, die wohl nur verputzt war. Eine Bemalung fand sich nicht. An der Rückwand des Raumes gibt es eine Nische, in der früher vermutlich eine Statue des Grabeigentümers und seiner Frau untergebracht war. Im Boden des Raumes führt ein breiter Schacht zur undekorierten Sargkammer. Der Schacht wurde nach der Bestattung mit Geröll und Sand verfüllt und somit unzugänglich gemacht. Diese oberirdischen Räume blieben zugänglich.M. Seidel, A. G. Shedid: Das Grab des Nacht. ... Mainz 1991, S. 13–14.

Das Grab war während der Aufnahme durch Davies nicht mehr vollständig erhalten. Die Untersuchung der unterirdischen Sargkammer begann ohne größere Erwartungen, brachte aber immerhin einen wichtigen Einzelfund zutage. Es handelte sich um eine bemalte stelophore Kniefigur, die Nacht zeigt.N. Davies: The Tomb of Nakht at Thebes. New York (NY) 1917, Tafel XXVIII. Die Bemalung war fast vollständig erhalten. Ursprünglich befand sich die 40 Zentimeter hohe Statue über dem Eingang zum Grabkomplex. Sie war nach Osten ausgerichtet, was in Verbindung mit der Inschrift auf der Statue von besonderer Bedeutung war. Die Inschrift, aus der, wie überall sonst im Grab auch, der Name des Gottes Amun getilgt wurde, lautet:Übersetzung nach Jan Assmann: Sonnenhymnen in Thebanischen Gräbern (= Theben. Band 1). Von Zabern, Mainz 1983, ISBN 3-8053-0512-5, S. 64.

Re anbeten, wenn er aufgeht bis zum Eintritt seines Untergangs im Leben durch den Stundenpriester des [Amun] den Schreiber Nacht, gerechtfertigt. Sei gegrüßt, Re, bei deinem Aufgang, Atum, bei deinem schönen Untergang! Du erscheinst und glänzt auf dem Rücken deiner Mutter, du bist erschienen als König der Götter. Nut führt die njnj-Begrüßung aus vor deinem Angesicht, Maat umarmt dich allezeit Du querst den Himmel weiten Herzens, der Messersee ist zur Ruhe gekommen. Der Rebell ist gefallen, seine Arme sind gebunden, das Meer hat seinen Wirbel durchschnitten.

Die Statue wurde 1915 nach New York verschifft. Auf dem Weg dorthin wurde der Dampfer Arabic von einem deutschen U-Boot torpediert und versenkt. Dadurch ist die Statue wohl dauerhaft verloren. Weitere Grabfunde waren spärlich und meist fragmentiert. Es konnten Teile von mehreren Särgen, von Mobiliar, Tongefäßen und einigen Grabkegeln geborgen werden. Die wenigen und zudem noch fast vollständig zerstörten Funde belegen eine Plünderung des Grabes durch Grabräuber.N. Davies: The Tomb of Nakht at Thebes. New York (NY) 1917, Tafel XXIX / M. Seidel, A. G. Shedid: Das Grab des Nacht. ... Mainz 1991, S. 19.

Grabgestaltung und Bildprogramm mini|hochkant|Taui und Nacht beim Opfern, Bild an der rechten Eingangsseite

Im Mittelraum ist zu beiden Seiten des Eingangs das verstorbene Ehepaar bei Brandopfern dargestellt (Bild 1). Auf der linken Seite sieht man zudem Bauern bei Feldarbeiten und der Ernte (Bild 2), auf der rechten Seite Gabenträger (Bild 7). Auf der linken Schmalseite befindet sich eine Scheintür (Bild 3), rechts Opfergaben vor dem Besitzer des Grabes (Bild 6). Auf der linken Rückwand ist das so genannte „Schöne Fest vom Wüstental“ dargestellt (Bild 4), auf der rechten Rückseite die Jagd im Papyrus-Dickicht, die Weinlese und der Vogelfang (Bild 5).

Werkverfahren und Künstler Auffällig ist, dass die Malereien nicht vollständig ausgeführt sind. Es ist anzunehmen, dass sie nach dem Tod des Nacht eingestellt wurden und dieser somit verstarb, während die Arbeiten am Grab noch andauerten. Besonders markant ist dabei, dass die Arbeiten am ersten Raum zu einem großen Teil vollendet sind, während der letzte Raum, der zur Grabkammer führte, nicht über die Feinputzarbeiten hinaus fertiggestellt wurde. Selbst im ausgemalten Raum sind nicht alle Binnenzeichnungen, Strukturen und Konturen ausgeführt.

Der Kalkstein, aus dem das Grab gefertigt wurde, ist porös und brüchig, weshalb es nicht möglich war, die Steinoberfläche zu glätten und direkt als Malgrund zu benutzen. Somit mussten im Grab – wie auch bei den meisten anderen Gräbern in Theben – mehrere Lagen verschiedener Verputzstoffe und Grundierungen aufgebracht werden. Zunächst wurde eine Schicht aus Lehm und Häckseln auf die roh behauene Wand aufgetragen, um sie zu ebnen. Darüber kam eine zweite Lage aus Gips und Mörtel, die den Untergrund glätten sollte. Als Maluntergrund wurde schließlich eine dünne Gipsschicht aufgebracht. Darüber benutzte man weiße Tünche als Grundfarbe. Nun waren ein einheitlicher Farbton und ein bemalbarer Untergrund vorhanden, der nicht die Saugfähigkeit reinen Gipses hatte.

mini|hochkant|Nacht beim Fischen mit einem malerisch nicht ausgeführten Speer. Zu sehen ist zudem die verschwenderische Verwendung der teuren Grüntöne. mini|hochkant|Detailreichtum bei der Darstellung von Kelterarbeiten

Bei größeren, über mehrere Raster gehende Darstellungen verwendete der Maler feine Quadratnetze, die als Hilfsmittel zur Proportionierung dienten. Bei eher unwichtigen Personen wie den Opferträgern zeichnete er nur ein Achsenkreuz zur groben Orientierung vor. Geraden wurden mit Hilfe eines Lineals oder in Schnurzugtechnik aufgebracht. Bei der Schnurzugtechnik wird ein in Farbe getauchtes Seil zwischen den beiden Endpunkten einer Geraden befestigt, gespannt und gegen die Wand geschnellt. Der Maler hat nicht alle Einzelheiten vorgezeichnet und gestaltete diverse Details auch frei. Nachdem die Konturen vorgezeichnet waren, brachte er die Farbflächen auf. Nicht selten trug er mehrere Schichten auf, um einzelne Details besonders herauszustellen. In einem letzten Schritt zeichnete er die Konturen nochmals mit rotbrauner Farbe nach.