Varakļāni (deutsch: Warkland oder Warkelen, jiddisch וארקליאן) ist eine Kleinstadt in Lettgallen, im Osten Lettlands. Im Jahre zählte sie Einwohner.

Geschichte Neuzeit In geschichtlichen Quellen wird Varakļāni das erste Mal im Jahre 1483 erwähnt. Damals erlangte Bernt von der Borch, Landmeister in Livland,Albert Bauer (Red.): Akten und Rezesse der livländischen Ständetage, Bd. 2: 1460–1494, herausgegeben von der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde zu Riga. Verlag E. Bruhns, Riga 1938, S. 105. den Ort und das Gut Warkland. Er übergab Warkland im selben Jahr als Lehen seinem Verwandten Simon von der Borch.Heinrich Laakmann: Zur Geschichte Heinrichs von Lettland und seiner Zeit. In: Beiträge zur Kunde Estlands, Jg. 18 (1933), Heft 2, S. 57–102, hier S. 101. Das in der in niederdeutscher Sprache verfassten Urkunde erwähnte „wacken“ wird durch einen handschriftlichen Zusatz auf der Urkunde mit Warkland gleichgesetzt.Hermann von Bruiningk, Nicolaus Busch (Hrsg.): Livländische Güterurkunden, Band 1: Aus den Jahren 1207 bis 1500. Jonck & Poliewsky, Riga 1908, Urkunde 554, S. 515–516, hier S. 515. Weitere ältere Schreibweise sind „Barklaini“, „Borkielin“ und „Workelien“.Hermann von Bruiningk, Nicolaus Busch (Hrsg.): Livländische Güterurkunden, Band 1: Aus den Jahren 1207 bis 1500. Jonck & Poliewsky, Riga 1908, S. 654 (zu „Barklaini“), S. 655 (zu „Borkielin“) und S. 679 (zu „Workelien“). Der Landmeister Wolter von Plettenberg bestätigte 1534 mit einer Urkunde für Werner von der Borch dieser Familie den Besitz.Hermann von Bruiningk (Hrsg.): Livländische Güterurkunden, Band 2: Aus den Jahren 1501 bis 1545. Jonck & Poliewsky, Riga 1923, S. 373–374.

Wie Lettgallen insgesamt, gelangte Varakļāni durch den Vertrag von Altmark 1629 unter polnisch-litauische Oberhoheit.Reinhard Wittram: Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180–1918. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1973, ISBN 3-534-06475-5, S. 87. Infolge der Ersten Teilung Polens fiel Lettgallen 1772 an das Russische Kaiserreich. Anfang des 19. Jahrhunderts wird Varakļāni, ungeachtet seiner geringen Bevölkerung, als „Stadt“ bezeichnet.Adam Christian Gaspari, Johann Georg Heinrich Hassel, Johann Günther Friedrich Cannabich: Vollständige und neueste Erdbeschreibung des Russischen Reichs in Europa nebst Polen, mit einer Einleitung zur Statistik des ganzen Russischen Reichs. Verlag des Geographischen Institutes, Weimar 1821, S. 728. Denn es war als Marktort für das Umland von Bedeutung.A. C. A. Friederich: Historisch-geographische Darstellung Alt- und Neupolens. Stuhr’sche Buchhandlung, Berlin 1839, S. 499. 1860 zählte Varakļāni 716 Einwohner.Eduard Heinrich Busch: Materialien zur Geschichte und Statistik des Kirchen- und Schulwesens der Ev.-Luth. Gemeinden in Rußland. Haessel, St. Petersburg 1862, S. 432.

Seit dem 18. November 1918 gehört Varakļāni zum unabhängigen Lettland. Doch bereits Ende November 1918 fielen im Lettischen Unabhängigkeitskrieg sowjetische Truppen in Lettgallen ein und nahmen beim Vormarsch auf Riga auch Varakļāni ein. Am 5. Januar 1920 wurde Varakļāni durch lettische Truppen, darunter das 1. Infanterieregiment aus Liepāja (lettisch: 1. Liepājas kājnieku pulks) von der Roten Armee befreit.Edgars Andersons: Latvijas vesture 1914–1920. Daugava, Stockholm 1967, S. 571.

Den förmlichen Status einer Stadt erlangte Varakļāni im Jahre 1928.Art. Varakļāni. In: Astrīda Iltnere, Uldis Placēns (Red.): Latvijas pilsētas. Enciklopēdija. Preses Nams, Riga 1999, S. 542–546, hier S. 543. Varakļāni war Sitz eines Dekanates, zu dem im Jahre 1940 neun Pfarreien mit gut 30.000 Katholiken gehörten.Ernst Benz: Die römisch-katholische Kirche in Lettland 1918–1940. In: Boris Meissner, Dietrich André Loeber, Detlef Henning (Hrsg.): Die deutsche Volksgruppe in Lettland während der Zwischenkriegszeit und aktuelle Fragen des deutsch-lettischen Verhältnisses. Bibliotheca Baltica, Tallinn 2000, ISBN 9985-800-21-4, S. 162–174, hier S. 170.

Im Zweiten Weltkrieg wurde Varakļāni am 1. Juli 1941 durch die Wehrmacht erobert (siehe unten) und am 3. August 1944 durch die Rote Armee.Art. Latviešu leģions. In: Arveds Švābe (Hrsg.): Latvju enciklopēdija, Bd. 2: Kangari – Pieguļa. Apgāds Trīs Zvaigznes, Stockholm 1952, S. 1288–1322, hier S. 1309. Dabei wurde ein Teil der Stadt stark beschädigt. 1957 wurde in Varakļāni ein Kulturhaus mit der Stadtbücherei und einem Theatersaal gebaut.

Die jüdische Gemeinde und die Schoa in Varakļāni Die jüdische Gemeinde in Varakļāni war bis 1941 eine der großen jüdischen Gemeinden in Lettgallen.Makss Kaufmans: Churbn Lettland. Ebreju iznīcināšana Latvijā. Schamir, Riga 2014, ISBN 978-9934-8494-0-4, S. 232. Die Volkszählung von 1897 ergab, dass in Varakļāni 1365 Juden lebten, das entsprach einem Anteil von 75 % aller Einwohner.Jānis Piļpuks: Ebreju kopiena Varakļānos. In: Konrāds Sondors (Red.): Varakļāni un Varakļāniesi. Kultūrvēsture, atmiņas, apcerējumi. Latgales Kultūras centra izdevniecība, Rēzekne 2002, ISBN 9984-29-036-0, S. 52–54, hier S. 54. Damals gab es in Varakļāni drei Synagogen: die Große Synagoge (auch „Weiße Synagoge“ genannt) in der Skolas iela,Kaspars Strods: Pagātnes nospiedumi. Varakļānu ebreju kopiena. Hronologeja, Rēzekne 2021, S. 20–21. die Grüne Synagoge und die Kleine Synagoge.Kaspars Strods: Pagātnes nospiedumi. Varakļānu ebreju kopiena. Hronologeja, Rēzekne 2021, S. 19–25.

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts begannen Juden aus Varakļāņi auszuwandern, unter anderem in die Vereinigten Staaten von Amerika. Einer der Auslöser der Abwanderung war eine Choleraepidemie in Varakļāni.Kaspars Strods: Pagātnes nospiedumi. Varakļānu ebreju kopiena. Hronologeja, Rēzekne 2021, S. 85. Als im Ersten Weltkrieg deutsche Truppen vorrückten, wurden auch aus Lettland viele Juden in entlegenere Regionen Russlands deportiert, unter anderem, weil die Behörden fürchteten, dass die Juden im Russischen Kaiserreich nach der Erfahrung der seit 1881 erlittenen Pogrome die Deutschen als Befreier begrüßen könnten. Aus Varakļāni wurden etwa 35 Familien verschleppt.

1920 lebten 1402 Juden in Varakļāni (= 74 % der Bevölkerung).Kaspars Strods: Pagātnes nospiedumi. Varakļānu ebreju kopiena. Hronologeja, Rēzekne 2021, S. 86. Varakļāni war die Stadt mit dem höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil aller lettischen Städte.Joseph Rotschko: Der Holokaust in Latgale: Rēzekne, Ludza, Krāslava, Varakļāni. In: Menachem Barkahan (Hrsg.): Vernichtung der Juden in Lettland, 1941–1945. Eine Vortragsreihe. Ebreju Reliģiskā Draudze Šamir, Riga 2008, S. 227–255, hier S. 248. In den 1920er Jahren brachen junge Zionisten, darunter Betar-Mitglieder, aus Varakļāni zur Alija nach Palästina auf.Kaspars Strods: Pagātnes nospiedumi. Varakļānu ebreju kopiena. Hronologeja, Rēzekne 2021, S. 86–87. 1925 waren noch 68 % der Einwohner der Stadt Juden (1356 von 2005), 1930 waren es 61 % (995 von 1624), 1935 nur noch 57 % (952 von 1661).

Im Zweiten Weltkrieg erreichte die 6. Panzer-Division im XXXXI. Armeekorps der Wehrmacht am 1. Juli 1941 mittags Varakļāni.Juris Pavlovičs: Okupācijas varu maiņa Latgalē 1941. gada vasarā. In: Dzintars Ērglis (Hrsg.): Totalitārie okupācijas režīmi Latvijā 1940.–1964. gadā (= Latvijas Vēsturnieku komisijas raksti Rīga, Band 13). Latvijas vēstures institūta apgads, Riga 2004, ISBN 978-9984-601-56-4, S. 235. Kurz darauf verordneten die deutschen Besatzer die ersten Repressalien gegen Juden.Kaspars Strods: Pagātnes nospiedumi. Varakļānu ebreju kopiena. Hronologeja, Rēzekne 2021, S. 73. Nur einen Monat nach der Eroberung wurden die in Varakļāni verbliebenen Juden am 4. August 1941 zusammengetrieben und am Rande des jüdischen Friedhofs der Stadt erschossen. Nichtjüdische Bürger waren zuvor gezwungen worden, dort Massengräber auszuheben. Die Quellen beziffern die Zahl der Ermordeten mit „mehr als 500“Josifs Ročko: Art. Варакляни. In: Boriss Volkovičs, Dmitrijs Oļehnovičs, Josifs Ročko, Ārons Šneijers, Josifs Šteimans: Холокост в Латгалии [Der Holocaust in Latgale]. Jüdische Gemeinde Daugavpils, Daugavpils 2003, S. 109–116. bzw. mit 540. Ein Polizeibericht für den Bezirk Rēzekne hielt fest, dass die Anzahl der von der Polizeistation 5 (Varakļāni) „liquidierten Juden“ 680 beträgt.Kaspars Strods: Pagātnes nospiedumi. Varakļānu ebreju kopiena. Hronologeja, Rēzekne 2021, S. 84. Die Differenz zwischen beiden Angaben („mehr als 500“ bzw. 540 einerseits und 680 andererseits) erklärt sich dadurch, dass im Polizeibericht aus Rēzekne berücksichtigt ist, dass etwa ein Fünftel der Juden aus Varakļāni anderswo ermordet wurde, vor allem in den Hügeln bei Ančupāni (4 Kilometer nordnordwestlich von Rēzekne). Somit beziehen sich die Zahlen „mehr als 500“ bzw. 540 offenbar auf die in Varakļāni ermordeten Juden aus Varakļāni.Kaspars Strods: Pagātnes nospiedumi. Varakļānu ebreju kopiena. Hronologeja, Rēzekne 2021, S. 84–85. Auf dem jüdischen Friedhof in Varakļāni erinnert ein Gedenkstein in jiddischer Sprache an den Massenmord.

Nur wenige Juden in Varakļāni wurden am 4. August 1941 zunächst verschont. Ein Bericht der Bezirkspolizei in Rēzekne vom September 1942 besagt, dass damals in Varaklani 752 Einwohner lebten, darunter 11 Juden. Sie wurden vermutlich noch als Fachkräfte gebraucht. Der Befehlshaber des Rückwärtigen Heeresgebietes Nord (Berück Nord), Franz von Roques, hatte durch Befehl vom 28. August 1941 in Varakļāni eines der 18 Ghettos für die lettischen Juden einrichten lassen.Karl Heinz Gräfe: Vom Donnerkreuz zum Hakenkreuz. Die baltischen Staaten zwischen Diktatur und Okkupation. Edition Organon, Berlin 2010, ISBN 978-3-931034-11-5, S. 256. Angesichts der vorrückenden Roten Armee versuchte das Reichsministerium für die besetzten Ostgebiete im Zuge der Sonderaktion 1005, die Spuren der Massenmorde zu verwischen. Auch in Varaklani wurden im April 1944 die Leichen im Geheimen ausgegraben und verbrannt. Dabei war das Gelände abgesperrt; niemand durfte sich den deutschen Posten nähern.

Verwaltungsgeschichte Varakļāni gehörte zu folgenden Verwaltungseinheiten:Kultūršoks: Vai varakļānieši nodod latgalisko identitāti?, Latvijas Televīzija, 6. März 2020 (lettisch), abgerufen am 9. März 2020. 1772–1919: Gouvernement Witebsk, Kreis Rēzekne 1919–1950: Kreis () Rēzekne 1950–1956: Rajon VarakļāniJürgen von Hehn: Lettland: Regierung und Verwaltung. In: Osteuropa, Bd. 7 (1957), Nr. 5 (Mai), S. 354–355, hier S. 355. 1956–1963: Rajon Viļāni 1963–2009: Rajon Madona 2009–2025: Bezirksgemeinde () Varakļāni seit 2025: Bezirksgemeinde Madona