Eine selbsterfüllende Prophezeiung () ist eine Vorhersage, die ihre Erfüllung selbst bewirkt. Eine solche Prognose über eine mögliche Zukunft hat also einen entscheidenden Einfluss und ist die wesentliche Ursache dafür, dass diese Zukunft auch eintritt.

Ein wesentlicher Mechanismus ist, dass Menschen (oder allgemeiner Akteure) an die Vorhersage glauben. Deswegen agieren sie so, dass sie sich erfüllt. Es kommt zu einer positiven Rückkopplung zwischen Erwartung und Verhalten.

Im Gegensatz zur selbsterfüllenden Prophezeiung steht die selbstzerstörende Prophezeiung (englisch ). Eine solche Prophezeiung löst Reaktionen aus, die zur Folge haben, dass sie gerade nicht in Erfüllung geht.

Erste Verwendungen Otto Neurath verwendete bereits 1911 den Begriff der selbsterfüllenden Prophezeiung.Otto Neurath: Nationalökonomie und Wertlehre, eine systematische Untersuchung. Zeitschrift für Volkswirtschaft, Sozialpolitik und Verwaltung, Band 20, Wien/Leipzig, 1911, S. 52–114, in: Rudolf Haller, Ulf Höfer: Otto Neurath. Gesammelte ökonomische, soziologische und sozialpolitische Schriften, Band 4 und Band 5, Wien: Hölder-Pichler-Tempsky 1998, S. 470–518, siehe besonders S. 517.Vgl. Otto Neurath: Anti-Spengler. In: Rudolf Haller, Heiner Rutte (1981): Otto Neurath. Gesammelte philosophische und methodologischen Schriften, Band 1 und Band 2, Wien: Hölder-Pichler-Tempsky 1921, S. 139–196, siehe besonders S. 141. Der Soziologe Robert K. Merton arbeitete das Konzept im Jahr 1948 aus.Robert K. Merton, The self-fulfilling prophecy. In: The Antioch Review, Jg. 8, 1948, S. 193–210.

Theorie Selbsterfüllende Prophezeiung Die selbsterfüllende Prophezeiung wurde von Robert K. Merton als sozialer Mechanismus zur Erklärung der Auswirkungen bestimmter Einstellungen und Handlungsweisen analysiert, gemäß dem sogenannten Thomas-Theorem: „Wenn die Menschen Situationen als real definieren, sind sie in ihren Konsequenzen real.“Robert K. Merton: Die Eigendynamik gesellschaftlicher Voraussagen. In: Ernst Topitsch (Hrsg.): Logik der Sozialwissenschaften. Kiepenheuer & Witsch Köln Berlin 1965 (Übersetzt aus: Robert K. Merton: Social theory and social structure. rev. enl. ed. New York 1957), S. 144 ff.

1948 beschrieb Merton das Phänomen in einem wegweisenden Artikel mit dem Titel wie folgt:

Die Rede vom („Herrschaft des Irrtums“) ist ein Wortspiel, das auf den Begriff („Terrorherrschaft“) Bezug nimmt.

Merton demonstriert an exemplarischen Fällen, wie das soziale In-Erscheinung-Treten einer Prognose die ausschlaggebende Ursache dafür wird, dass diese Prognose wahr wird. So kann unter geeigneten Umständen das Auftauchen des Gerüchts über Finanznot einer Bank zu deren tatsächlichem Zusammenbruch führen (siehe: Bankansturm), sei dieses Gerücht anfangs objektiv begründet oder nicht. Ein anderes Beispiel nimmt Merton aus dem Bereich der sozialen Vorurteile: So haben viele Angehörige der weißen Arbeiterklasse gegenüber Schwarzen das Vorurteil, diese seien „Verräter an der Arbeiterklasse“, weil sie als Lohndrücker am Arbeitsmarkt aufträten. Daher sollten diese auch von der Mitgliedschaft in Gewerkschaften ausgeschlossen werden. Dieses Vorurteil wirkt dann aber als eine Prognose, die sich selbst erfüllt. Denn dadurch, dass Schwarze von der Gewerkschaftsmitgliedschaft ausgeschlossen werden, sind dieselben praktisch dazu gezwungen, sich als Lohndrücker zu betätigen.

In der berühmten Studie An American Dilemma unter Leitung von Gunnar Myrdal wurden 1944 die Rassenvorurteile in den Vereinigten Staaten ebenfalls auf einen sich selbst verstärkenden Prozess von Vorurteilen zurückgeführt, die ihre eigene Bestätigung produzieren. Die Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung auf niedrigstem Standard führen zu Vorurteilen der weißen Bevölkerung gegenüber Schwarzen, was wiederum dazu führt, dass Schwarze diese Bedingungen nicht verlassen können. Die Ergebnisse der Studie haben dazu geführt, dass das Oberste Gericht 1954 gegen die Rassentrennung an den Schulen entschied, was als offizielle Anerkennung der Theorie der kumulativ-zyklischen Verursachung auszulegen ist.Jay Weinstein: The Place Of Theory In Applied Sociology: A Reflection. Theory & Science (2000). , S. 18.

Jedwede öffentliche Verbreitung von Vorhersagen oder auch von Warnhinweisen vor möglichen Ereignissen kann zu erwünschten oder unerwünschten Änderungen in den Verhaltensweisen der Empfänger dieser Informationen führen, die selber den prognostischen Gehalt dieser Informationen verstärken oder reduzieren. Am bekanntesten ist diese Erscheinung bei Wahlprognosen, weshalb die Veröffentlichung der Ergebnisse von Wahlumfragen kurz vor dem Wahltermin in vielen Staaten gesetzlich untersagt ist.

Wenn ein Verbraucher seine Präferenzen für ein bestimmtes Gut verändert, nur weil er die Konsumpräferenzen anderer Verbraucher beobachten kann, so wird dieser soziale Effekt in der Mikroökonomie als Mitläufereffekt bezeichnet.Harvey Leibenstein: Bandwagon, Snob, and Veblen Effects in the Theory of Consumers’ Demand, The Quarterly Journal of Economics (May 1950); siehe auch: Harvey Leibenstein: Beyond Economic Man: A New Foundation for Microeconomics. Harvard University Press : Cambridge, Mass. 1976. Ein entsprechendes Anlegerverhalten wird auch „Herdenverhalten“ genannt.

Selbstzerstörende Prophezeiung Merton erwähnte in dem Aufsatz von 1948 auch schon die selbstzerstörende Prophezeiung, allerdings nur in einer Fußnote, ohne näher darauf einzugehen. Er bezeichnete sie damals als “suicidal prophecy” (in Anführungszeichen) – als eine Prophezeiung, die „sich selbst tötet“:

Beispiele Selbsterfüllende Prophezeiungen Placebo-Effekt: Placebos, also Tabletten ohne Wirkstoff, werden in der Medizin eingesetzt, um eine erwartete Wirkung auf psychologischem Wege beim Patienten zu erzielen. Nocebo-Effekt (analog zum Placebo-Effekt): Durch die Erwartung, ein (vermeintliches) Arzneimittel werde schädliche Wirkungen haben, kann diese Wirkung eintreten – eine schädliche Nebenwirkung wird durch die negative Erwartung ausgelöst oder verstärkt. Pessimistische Grundeinstellungen, schlechte Erfahrungen oder Ängstlichkeit können dazu führen, dass Patienten eine negative Wirkung erwarten.Christoff Zalpour: Springer Lexikon Physiotherapie. Springer-Verlag, 2014, S. 941. Ein klassisches Experiment wurde 1968 von Robert Rosenthal an US-amerikanischen Grundschulen durchgeführt: Zunächst überzeugte er mit einem Scheintest das Kollegium davon, dass bestimmte, von ihm zufällig ausgewählte Schüler so genannte hochintelligente „Aufblüher“ seien, die in Zukunft hervorragende Leistungen zeigen würden. Bei einer Intelligenzmessung am Schuljahresende hatten sich die meisten dieser Schüler tatsächlich im Vergleich zu ihrem am Anfang des Schuljahres erfassten Intelligenzniveau stark verbessert (45 Prozent der als „Überflieger“ oder „Aufblüher“ ausgewählten Kinder konnten ihren IQ um 20 oder mehr Punkte steigern und 20 Prozent konnten ihn gar um 30 oder mehr Punkte steigern). Dieser Pygmalion-Effekt (ähnlich: Rosenthal-Effekt) wurde seither viele Male repliziert.E. R. Smith, D. M. Mackie: Social Psychology. Psychology Press, 2. Auflage 2000, ISBN 0-86377-587-X, S. 94 f.E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 4. Auflage 2004, ISBN 3-8273-7084-1, S. 23.Elliot Aronson, Timothy D. Wilson, Robin M. Akert: Sozialpsychologie. 2008. München: Pearson Studium; Abbildung 3.6, S. 68. Die Angst vor Stürzen führt bei Senioren zu einer höheren Zahl von Stürzen.Studie von 2010 im British Medical Journal Versagensangst: Der Glaube an die Vorhersage „Bei diesem Leistungstest werde ich versagen“ führt zu so verschlechterten Leistungen, dass das Vorhergesagte eintritt. Zu dieser Interpretation kann es auch kommen, selbst wenn die Person objektiv in der Lage ist, mit der Herausforderung angemessen umzugehen.Philip G. Zimbardo: Psychologie. 6., neu bearbeitete und erweiterte Auflage. Berlin u. a. (1995), S. 576. Kritiker von Horoskopen machen darauf aufmerksam, dass Vorhersagen wie „Du wirst in dieser Woche eine Frau näher kennenlernen“ oder „Dir droht diese Woche ein Verkehrsunfall“ zu einer Änderung des Verhaltens derer führen könnten, die daran glauben: Sie sprechen zum Beispiel mutiger als sonst jemanden an oder fahren ängstlicher. Damit werde also nicht bewiesen, dass Horoskope real beweisbare gültige Voraussagen seien. Insbesondere ist dies nicht nachträglich möglich.Watzlawick, Paul. Anleitung zum Unglücklichsein. Gabler, 2006, S. 17. Der Andorra-Effekt besagt, dass sich Menschen oft an die Beurteilungen und Einschätzungen durch die Gesellschaft anpassen. Baskerville-Effekt: Studien zeigen, dass Amerikaner chinesischer und japanischer Abstammung besonders häufig am 4. Tag eines Monats einem Herztod erliegen. Dies wird auf die 4 als Unglückszahl in entsprechenden Kulturen zurückgeführt, was in chinesischen Kreisen daher rührt, dass sich die Aussprache von „4“ und „Tod“ im Chinesischen sehr ähnlich sind.SWR2 'Wissen': Andere Länder, andere Unglückszahlen Positive Teststrategie beschreibt den Effekt, dass Menschen zur Bestätigung einer Hypothese nach Beispielen suchen, die die Hypothese stützen, nicht jedoch nach Gegenbeispielen. Dies führt zu Bestätigungsfehlern (confirmation bias). Eng verwandt ist die selektive Wahrnehmung des Menschen. Während der COVID-19-Pandemie kauften Einzelpersonen aus Angst vor einer möglichen Lebensmittel- und Versorgungsgüterknappheit große Mengen unverderblicher Lebensmittel und Hygieneartikel auf. Damit begann ein Dominoeffekt, die Nachfrage überstieg die Leistungsfähigkeit der Lieferketten, was den Eindruck einer tatsächlichen Knappheit erzeugte. Dies wiederum bestärkte die Auslöser in ihrer ursprünglichen Annahme. Als Romeo-Irrtum ist in der Naturschutzbiologie das Phänomen bekannt, dass eine verfrüht erfolgte Aufgabe einer biologischen Art zum Außerkraftsetzen der Schutzbemühungen für diese Art und infolgedessen erst zu ihrer tatsächlichen Ausrottung führen kann.

Selbstzerstörende Prophezeiungen Die Vorhersage eines Unglücks (etwa einer Brandkatastrophe) führt dazu, dass Maßnahmen eingeleitet werden, die dieses Unglück unmöglich machen. Ein Attentat wird vorhergesagt, weshalb Gegenmaßnahmen ergriffen werden, sodass das Attentat vereitelt wird. Die vorausgesagte rasche Ausbreitung einer hochansteckenden Krankheit wird durch geeignete Gegenmaßnahmen unterbunden (siehe aber Präventionsparadox). Die von optimistischer Denkweise beeinflusste Einschätzung bezüglich des Ausgangs einer sehr risikobehafteten Aktivität kann die Bereitschaft erhöhen, ihr nachzugehen, womit die Anzahl von Schadensfällen steigt.

Methodische Probleme Die Tatsache, dass veröffentlichte Prognosen auf das prognostizierte Systemverhalten zurückwirken, wird nicht selten als Argument vorgebracht, um die Prognostizierbarkeit solcher Systeme überhaupt für unmöglich zu bezeichnen.„Doch kann es keine wirkliche vorhersagende Wissenschaft für ein System geben, das möglicherweise sein Verhalten ändert, wenn wir ein Modell davon veröffentlichen.“ – Daniel Cloud in: Wissenschaftlicher Kapitalismus