mini|Treppenaufgang zur Kirche vom Westen her, durch die Wehrmauer Die evangelische Konstanzer Kirche steht in Ditzingen, einer Stadt im Landkreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg. Die Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Vaihingen-Ditzingen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg. Die Konstanzer Kirche ist eine spätgotische Kirche aus der Zeit um 1470. Sie ist ein Kulturdenkmal gemäß § 28 DSchG BW.
Geschichte mini|Durchgang durch die Wehrmauer an der Südseite Der Name der Kirche leitet sich vom Bistum Konstanz ab, da die Glems in Ditzingen die Grenze zwischen den Bistümern Konstanz und Speyer bildete. Für beide Dorfhälften wurden eigene Kirchen errichtet, für den nordwestlichen Teil die Speyrer Kirche, für den südöstlichen die Konstanzer Kirche. Der genaue Baubeginn der Konstanzer Kirche ist nicht bekannt, wahrscheinlich vor oder um 1470. Geweiht wurde sie um 1478 durch den Konstanzer Bischof Ludwig von Freiberg. Nach Einführung der Reformation wurde die Konstanzer Kirche die evangelische Hauptkirche des Ortes. Die Speyrer Kirche war bereits 1347 vom Bischof dem Dominikanerinnenkloster Pforzheim übergeben und 1565 von Württemberg erworben worden. Sie diente nach der Reformation als Friedhofskirche. Der Stuttgarter Architekt Rudolf Lempp leitete von 1953 bis 1956 eine große Renovierung der Kirche. Nach Errichtung des Dekanats Ditzingen 1978 wurde die Konstanzer Kirche zur Dekanatskirche bis vor der Fusion mit dem Kirchenbezirk Vaihingen zum neuen Kirchenbezirk Vaihingen-Ditzingen am 1. Januar 2020.
Wehrmauer mini|Die Südseite Um die Kirche herum ist die alte Wehranlage noch gut zu erkennen, in die sich früher die Ditzinger bei Gefahr flüchten konnten. Daher waren früher im Inneren der Mauer sogenannte Gaden errichtet, eine Art Schuppen zur Vorratshaltung in Notzeiten. Nach dem Kieser’schen Forstlagerbuch von 1681 hatte die Mauer zudem in Richtung Westen einen Wehrturm mit Glocke. Teilweise abgetragen wurde die Befestigungsmauer samt Turm 1714 und 1811.
Beschreibung außen Die Kirche hat einen eingezogenen Polygonchor mit 3/8-Schluß, daran den Nordseitenturm aus dem 13. Jahrhundert und das flachgedeckte Schiff von 1507. Eingänge gibt es im Norden, Süden und Westen. Im Norden befinden sich zudem die beiden Emporentreppen aus dem 17. Jahrhundert. An der nordwestlichen Ecke der Kirche steht eine graue Stele mit Kreuz – das Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs. An der südlichen Außenmauer sind drei Grabdenkmäler angebracht, unter anderem für den früheren Obervogt Friedrich Ludwig von Hoff.
Sakristei Der wohl bemerkenswerteste Bauteil der Kirche ist die doppelstöckige Sakristei. Sie ist älter als die Kirche, obgleich ihre genaue Bauzeit im Dunkeln liegt. Das darin erhaltene Meisterschild ist an keiner anderen Kirche bekannt und verweist wohl in das 14. Jahrhundert. Zudem kann man nicht zuletzt wegen des roten Sandsteins, der auch an der zweiten historischen Ditzinger Kirche, der Speyrer Kirche, im Gegensatz zum gelben am sonstigen Bau der Konstanzer Kirche verwendet wurde, die Sakristei als eigenständigen Bau erkennen. Es gibt die Theorie, ein älterer Bauteil sei wiederverwendet worden.
Aus dem Jahr der Kirchenweihe stammt die außen an der Sakristei angebrachte Tafel mit einem Hilferuf der Seelen im Fegefeuer. Die Inschrift lautet: „O lieber mensch do solt net anegan, / Ein Paternoster solt du uns hie lan. / Ach got ist unse so gar vergessen / Mit almusen ud mit messen / Ach lieben Frund kommend uns ze stur / Mit gebett und almusen in den fegefur. MCCCCLXXVIII.“ Ursprünglich wohl ein Beinhaus, enthält die Sakristei auch das heutige Logo der Evangelischen Kirchengemeinde Ditzingen, die kleine Fensterrose über der Inschrift, und innen einen Schlussstein mit Heiliger (Maria?). mini|Eingang zur Sakristei
Chor Der lichtdurchflutete Chor (L × B: 11,2 × 6,9 m) wird von einem Netzrippengewölbe mit drei Schlusssteinen überspannt (Maria, Johannes d. T., Hl. Katharina).
Zwei der drei gotischen Maßwerkfenster – links und rechts des Orgelprospekts – enthalten je eine Farbglasscheibe als Einlage in die umgebende Klarverglasung. Die eigentlichen Scheiben sind durch eine nachträgliche und beschriftete Glasrahmung aus der Zeit des Ersten Weltkrieges oder kurz danach in einen gemeinsamen Sinnzusammenhang gestellt: das Gedenken an im Krieg Gefallene: (links Kreuzigung) „Ihr seid teuer erkauft / Voll Leid denkt Liebe derer, die für uns gelitten.“ (rechts Auferstehung) „Ich war tot und bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit / Ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Die Entstehung der Glasgemälde liegt allerdings vierhundert Jahre auseinander. Das Kreuzigungsbild stammt von Peter Hemmel von Andlau,Corpus-Vitrearum-Bildarchiv: Ditzingen, Kreuzigung Christi mit Maria und Johannes der u. a. auch Glasfenster für das Ulmer Münster fertigte. Das Auferstehungsbild hat Rudolf Yelin d. Ä. entworfen; es ist in der Stuttgarter Glaswerkstatt V. Saile gefertigt worden.
Das frühgotische Chorgestühl mit seinen Tierdarstellungen gibt Historikern ein Rätsel auf, da es viel älter als die Kirche ist, an der nie Mönche waren, und vielleicht aus Hirsau stammt.
Kirchenschiff mini|hochkant=1.4|Innenraum Das Langhaus (18,5 × 11,2 m) ist durch die vielen Fenster recht hell. Es enthielt bis zur Kirchenrenovierung im Jahre 1956 zwei Emporen auf der Westseite, eine auf der Südseite und eine auf der Nordseite, seither nur noch die miteinander verbundenen Emporen auf der West- und Nordseite. Außerdem wurden damals Gräber aus dem 16. Jahrhundert gefunden. Im Schiff wurden im Rahmen der zweiten Renovierung 1978/1979 der Steinaltar durch einen Holzaltar und der Taufstein durch einen hölzernen Tauftisch ersetzt. Die Kanzel wurde nach dem Abbau von Emporen tiefer gesetzt.
Ebenfalls bei der Renovierung von 1956 wurden Wandgemälde freigelegt und restauriert.Katalog der Wandmalereien in den Kirchen und Kapellen Baden-Württemberg’s von der ottonischen Zeit bis zur Renaissance, von Dipl.-Ing. Klaus Klünder und Christa Regina Klünder An der Südwand die alttestamentliche Bilderreihe aus der Zeit um 1490 bringt die Übertretung der zehn Gebote mit den zehn ägyptischen Plagen in Verbindung. Sie stammt von einem auf der Höhe der künstlerischen Bildung seiner Zeit stehenden Meister. Die Wandgemälde auf der Nordseite wurden am Anfang des 16. Jahrhunderts von einem bescheideneren Künstler gemalt: Ein Rosenkranzbild wurde durch den Mauerdurchbruch für ein Fenster zum Teil zerstört. Der Rosenkranz besteht noch aus zwei Kreisen mit Perlen und mit Medaillons, in denen neutestamentliche Motive des Lebens, Leidens und Auferstehens Jesu sowie Marienmotive dargestellt sind.
Das Glasgemälde in der Südwand wurde 1950 von Adolf Valentin Saile entworfen und gefertigt. Die Bildthemen sind die Vertreibung aus dem Garten Eden, die Geburt Jesu, die Taufe Jesu und die Krone des Lebens.Ehrenfried Kluckert, Axel Zimmermann (Bearb.): Adolf V. Saile - Städtische Galerie Filderstadt, Kleines Kunst-Kabinett Bernhausen; vom 13.10.1985 - 6.11.1985. (Hrsg.) Städtische Galerie Filderstadt; Band 1: Ausstellungskatalog, Band 2: Werkverzeichnis; Filderstadt 1985 (Werkverzeichnis Nr. 1a/50/1).
Verschiedene weitere Kunstwerke befinden sich im Schiff: Kruzifix aus dem 15. Jahrhundert (rechts über der Kanzel) Barocke Apostelbilder an der Brüstung der Nordempore Fotografien der gotischen Altarbilder, die in das Württ. Landesmuseum Stuttgart verbracht worden waren Ein Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkrieges. Von den Fensterlaibungen stammen nur drei aus der Bauzeit (die anderen aus dem 17. Jahrhundert): Zwei an der Nordwand, und an der Südseite das Fenster bei der Empore.
Früher waren links und rechts des Chorbogens wohl Ziborien angebracht, steinerne Altarüberbauten bzw. Baldachine, die Nebenaltäre bargen.
Turm und Geläut Der sehr schmale, 38 Meter hohe Turm ruht wahrscheinlich auf Fundamenten des Turmes der Vorgängerkirche oder birgt gar Teile dessen in sich. Das obere Glockengeschoss mit rundbogigen Schallluken ist verschiefert, ebenso der ins Achteck überführte 20 Meter hohe Helm mit einer leicht gedrehten Spitze aus dem Jahr 1682. Die Bekrönung bilden Kugel, Kreuz und Hahn.
In der sehr engen Glockenstube (5 m2) hängen drei Glocken: Die ehem. „Wetterglocke“ von 1459 (g′, 1,20 m) – „Betglocke“ Die Zweite von 1951 (b′, 92 cm) – „Kreuzglocke“ Die Kleinste von 1966 (c″, 80 cm) – „Taufglocke“
Orgel Die Orgel geht zurück auf ein Instrument, das in den Jahren 1725–1726 von Joseph Friedrich Baumeister erbaut wurde. Das zunächst einmanualige Instrument mit zehn klingenden Stimmen wurde 1839 durch Eberhard Friedrich Walcker umfassend restauriert und um mehrere Register erweitert. Bis 1956 stand dieses Instrument auf der Empore, die dann abgerissen wurde.
Das Instrument wurde 1956 durch die Firma Walcker im Altarraum aufgestellt und um ein weiteres Manualwerk ergänzt und hatte nun 28 klingende Stimmen. 1979 wurde die Orgel von Peter Plum erneut überarbeitet, wobei insbesondere auch die Disposition verändert wurde. Der Spieltisch wurde dreimanualig angelegt, wobei das erste Manual als Koppelmanual dient. Das Instrument hat mechanische Spiel- und elektrische Registertrakturen.Ausführlich zur Geschichte und zu den Dispositionen der
II Hauptwerk C–g3 1. Bourdon 16′ 2. Prinzipal 8′ 3. Gedeckt 8′ 4. Viola da Gamba 8′ 5. Oktave 4′ 6. Kleingedeckt 4′ 7. Superoktave 2′ 8. Nasat ′ 9. Terz ′ 10. Mixtur V 2′ 11. Trompete 8′ Tremulant III Schwellwerk C–g3 12. Gedeckt 8′ 13. Spitzprinzipal 8′ 14. Prinzipal 4′ 15. Rohrflöte 4′ 16. Oktave 2′ 17. Quint ′ 18. Kornett III ′ 19. Scharf III–IV 1′ 20. Cromorne 8′ Pedal C–f1 21. Subbass 16′ 22. Oktavbass 8′ 23. Gemsbass 8′ 24. Choralbass 4′ 25. Hintersatz V 2′ 26. Fagott 16′ 27. Trompetenbass 8′ 28. Schalmei 4′ Koppeln: Koppelmanual (I.), I/P, II/P Spielhilfen: drei freie Kombination, eine freie Pedalkombination
Modellbau Für Modelleisenbahnen der Spur H0 und N fertigt Vollmer Modelle der Konstanzer Kirche unter der Bezeichnung Kirche Ditzingen.
Sonstiges 1524–1527 war der Hirsauer Benediktiner und Chronist Nikolaus Basellius Inhaber der hiesigen Marien-Pfarrei.Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte, Band 21, 1962, S. 391; (Ausschnittscan)
Literatur Eduard Paulus: Die Kunst- und Altertums-Denkmale im Königreich Württemberg. Neckarkreis – Inventar; Stuttgart 1889, S. 280 ff. Wilhelm Back: Die Konstanzer Kirche in Ditzingen. Leonberg/Württembnerg, o. J. [ca. 1960]. Adolf Schahl: Ditzingen in der Kunstgeschichte. In: Heimatbuch Ditzingen. Hrsg. von der Gemeinde Ditzingen zur Stadterhebung; Ditzingen 1966, S. 122–149. Adolf Schahl: Die Bau- und Kunstdenkmale der Stadt Ditzingen. In: Ditzingen in Wort und Bild. Hrsg. von der Stadt Ditzungen, Ditzingen 1979, S. 23–47. Anton Gast: Historische Kirchen in Ditzingen. Ein Wegweiser durch die Konstanzer und Speyrer Kirche. (Hrsg.) Ev. Kirchengemeinde und Stadt Ditzingen, Ditzingen 1985.
Weblinks
Evangelische Kirchengemeinde Ditzingen
Einzelnachweise
Ditzingen, Konstanzer Kategorie:Bauwerk in Ditzingen Kategorie:Religion (Ditzingen) Ditzingen Ditzingen Ditzingen Kategorie:Erbaut in den 1470er Jahren Ditzingen, Konstanzer Kirche Kategorie:Kirchengebäude in Europa