mini|304px|Die Ausgangslage vor dem Russlandfeldzug 1812: Europa unter französischer Vorherrschaft Napoleons Russlandfeldzug von 1812 (im Französischen Campagne de Russie, im Russischen auch Vaterländischer Krieg – Отечественная война, Otečestvennaja vojna – genannt) war die erste Phase des Sechsten Koalitionskriegs, in dem sich Frankreich und Russland mit ihren jeweiligen Verbündeten gegenüberstanden. Der Feldzug endete nach anfänglichen französischen Erfolgen in einer der größten militärischen Katastrophen der Geschichte. Nach der vollständigen Vertreibung der Grande Armée vom russischen Territorium mündete der Feldzug Anfang 1813 in die zweite Kriegsphase: In den Befreiungskriegen gingen zunächst Preußen, dann Österreich und später die von Frankreich dominierten deutschen Rheinbundstaaten auf die antinapoleonische Seite über, die 1814 Frankreich besiegte und Napoleon zur Abdankung zwang.
Politische Vorgeschichte Vor dem Russlandfeldzug hatte sich Frankreich bereits 20 Jahre praktisch ununterbrochen im Krieg befunden.Zamoyski: 1812. Napoleons Feldzug in Russland. S. 23. Napoleon Bonaparte und der russische Zar Alexander I. schlossen im Juli 1807 ein Bündnis (Frieden von Tilsit). Eine von Napoleon geplante Verbindung zur Zarenfamilie durch die Heirat mit Katharina Pawlowna, einer Schwester Alexanders, wurde durch deren Vermählung 1809 mit Prinz Georg von Oldenburg verhindert. Ihre jüngere Schwester Anna, die Napoleon als Alternative vorgeschlagen hatte, war erst 15 Jahre alt; Napoleon wurde auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet. Diese Nachricht erreichte Napoleon erst, als er sich für Marie-Louise von Habsburg, eine Tochter des österreichischen Kaisers, entschieden hatte. Da es damals nicht unüblich war, Fünfzehnjährige zu verheiraten, sah Napoleon das als Zurückweisung an. Tatsächlich mochte die Mutter des Zaren Napoleon nicht und wollte keine ihrer Töchter mit ihm verheiraten.
Im Jahr 1809 war es zum Krieg zwischen Frankreich und Österreich gekommen. Gleichzeitig gab es Aufstände in Tirol, in Preußen und im Königreich Westphalen. Als Verbündeter Frankreichs griff Russland in Österreichs Feldzug gegen das Herzogtum Warschau ein. Aber die russische Armee führte nur einen Scheinfeldzug, in dem es zu keinem Kampf mit den Österreichern kam. Auch zu Preußen, mit dem Russland bis 1807 verbündet war, bestanden weiter gute Kontakte. Alexander I. und die preußische Königin waren eng befreundet. Zum Missfallen Napoleons empfing der Zar das preußische Königspaar im Januar 1808 zu einem mehrwöchigen Freundschaftsbesuch in Sankt Petersburg.
Napoleon lockerte im Jahr 1810 die Kontinentalsperre gegen Großbritannien, mit dem es sich, abgesehen von einer einjährigen Unterbrechung durch den Frieden von Amiens, seit 1793 im Kriegszustand befand, für französische Schiffe. Französische Kaufleute durften unter Auflagen wieder Handel mit Großbritannien betreiben. Dagegen verlangte er im Oktober vom Zaren, dass selbst neutrale Schiffe, die russische Häfen anlaufen wollten, beschlagnahmt werden sollen, sofern sie Waren englischen Ursprungs an Bord hatten. Im August hatte Alexander I. erfahren, dass drei französische Divisionen aus Süddeutschland in die Nähe der russischen Grenze verlegt werden sollten. In Warschau waren für die polnischen Brigaden 50.000 neue Gewehre eingetroffen. Frankreich annektierte Ende 1810 das Herzogtum Oldenburg und griff damit den Schwager des Zaren an. Alexander I. beteiligte sich nicht mehr an der Kontinentalsperre, die zu einer wirtschaftlichen Belastung geworden war. Russland durfte keine Rohstoffe wie Holz, Flachs oder Pech nach Großbritannien exportieren. Textilien, Kaffee, Tee, Tabak oder Zucker durften aus Großbritannien nicht importiert werden. Die Steuereinnahmen aus diesen Geschäften fehlten in der Staatskasse, dafür machten Schmuggler große Gewinne. Unternehmen, die vom Import oder Export abhängig waren, hatten Bankrott gemacht. Der Wert des Papierrubels war drastisch gesunken. Wegen der negativen Handelsbilanz verbot der Zar am 31. Dezember den Import von Luxusgütern. Davon war besonders Frankreich betroffen, das große Mengen Seide, Wein und Parfüm nach Russland exportierte. Andere Waren wurden mit so hohen Zöllen belegt, dass sie kaum noch importiert wurden. Das galt nur für Waren, die auf dem Landweg nach Russland kamen. Importe, die auf dem Seeweg erfolgten, waren zollfrei. Davon profitierten Engländer und die neutralen Staaten, deren Schiffe zu einem großen Teil englische Waren beförderten. Russland hielt große Teile des ehemaligen Königreichs Polen besetzt. Diese Gebiete waren traditionell wichtige Holzlieferanten für den Bau britischer Kriegs- und Handelsschiffe. Da Russland das waldreiche Finnland besetzt hatte, war es der größte Holzlieferant Europas und für den britischen Schiffbau lebenswichtig.
Im Jahr 1811 begannen Frankreich und Russland mit den Vorbereitungen für einen Krieg. Bereits im Februar wurden fünf zusätzliche russische Divisionen an die Grenze zum Herzogtum Warschau verlegt, außerdem wurden die Truppen an der Grenze mit 180 Kanonen verstärkt. Die Rüstungsfabriken in Tula und Alexandrowsk erhielten die Anweisung, selbst an hohen Feiertagen zu arbeiten. Der Zar rechnete mit einer Invasion und dachte an einen Angriffskrieg. Dafür brauchte er die Unterstützung der Polen, Preußen und Österreicher. Am 12. Februar schrieb er an Adam Czartoryski und machte ihm den Vorschlag, ein Königreich Polen auszurufen. Im Gegenzug sollten die wichtigsten Politiker und Militärs des Herzogtums Warschau ihm schriftlich garantieren, dass sie ihn unterstützen. Ende Februar schrieb er an den preußischen König und den österreichischen Kaiser; dabei weihte er sie teilweise in seine Pläne ein.Palmer: Alexander I. S. 180. Napoleon erfuhr davon und versetzte seine Armee in Alarmbereitschaft. Beide Seiten versicherten mehrmals, dass sie keinen Krieg wollten. Der russische Militärattaché Alexander Iwanowitsch Tschernyschow reiste mehrmals zu Verhandlungen von Sankt Petersburg nach Paris. Bereits im April schrieb er aus Paris, dass, nach seiner Ansicht, der Krieg für Napoleon beschlossene Sache sei. Anderslautende Äußerungen hätten nur den Zweck, Zeit zu gewinnen. Fürst Alexander Kurakin, der russische Gesandte in Paris, musste sich am 15. August, auf einem Empfang zum Geburtstag Napoleons, von diesem einen lautstarken Vortrag anhören, in dem er behauptete, dass Russland einen Krieg plane. Am 17. Oktober unterzeichnete Gerhard von Scharnhorst in Sankt Petersburg einen Bündnisvertrag zwischen Preußen und Russland, der bedeutungslos blieb, weil er nur für den Fall eines französischen Angriffs auf Preußen galt. In diesem Fall sollte sich die preußische Armee auf russisches Territorium zurückziehen, um sich dort mit der russischen Armee zu vereinen.
Im November forderte Napoleon topographische Karten über Russland aus der kaiserlichen Bibliothek an, wobei ihn besonders Litauen interessierte. Im Dezember informierte er seine Verbündeten, dass sie sich auf einen Krieg vorbereiten sollten. Ende 1811 wurde in Paris ein Drucker verhaftet, der russische Banknoten herstellte. Er tat das angeblich im Auftrag des französischen Polizeiministers und wurde wieder freigelassen. Louis-Philippe de Ségur, ein enger Vertrauter Napoleons, bestätigte die Festnahme.Ségur: Geschichte Napoleons und der großen Armee im Jahre 1812. S. 40. Nach seiner Darstellung sah Napoleon das Falschgeld nur mit deutlichem Widerwillen und der größte Teil des Geldes wurde auf dem Rückzug in Wilna auf Anweisung Napoleons verbrannt. Was mit dem restlichen Teil passierte, verschwieg Ségur. Scharnhorst reiste im Auftrag des preußischen Königs nach Wien, um dort Sondierungsgespräche zu führen. Am 26. Dezember lehnte der österreichische Kanzler Metternich ein Bündnis ab.
Napoleon war sich der Besonderheiten des Kriegsschauplatzes sowie der daraus abzuleitenden Maßnahmen durchaus bewusst. Das „Hineinstolpern“ in das „russische Wagnis“ – wie in der Literatur oft zu finden – fand definitiv nicht statt. So waren ihm die Erfahrungen während des Winterfeldzuges von 1806/07 östlich der Weichsel und in Polen bekannt; weiterhin beschaffte er sich bereits im Frühjahr 1811 die wichtigsten literarischen Werke über die stattgefundenen Feldzüge der Russen und Österreicher; ebenso waren ihm Darstellungen der Operationen Karls XII. gegen Russland im Großen Nordischen Krieg in den Jahren 1708/09 geläufig. Darüber hinaus waren unmittelbar vor dem Konflikt polnische und französische Offiziere damit beauftragt worden, die Wegverhältnisse jenseits des Njemen (deutsch: Memel) zu erkunden.Ortner: Der Feldzug von 1812. In: Viribus Unitis. Jahresbericht des Heeresgeschichtlichen Museums 2012. S. 12.
Im Februar 1812 besetzten französische Truppen Schwedisch-Vorpommern und die damals schwedische Insel Rügen. Ein Mitarbeiter des Pariser Kriegsministeriums, der regelmäßig Informationen an Tschernyschow verkauft hatte, wurde im gleichen Monat festgenommen.Palmer: S. 175Gitermann: S. 348. Napoleon hatte seine Spione. Auf diesem Weg gelangte er in den Besitz russischer Druckplatten für Landkarten. Im März berichtete die Vossische Zeitung in Berlin über den Aufmarsch französischer Truppen in Deutschland. John Quincy Adams, amerikanischer Gesandter in Sankt Petersburg und später Präsident der Vereinigten Staaten, notierte zur gleichen Zeit den Abmarsch russischer Truppen aus Sankt Petersburg in sein Tagebuch. Schweden schloss am 5. April ein Bündnis mit Russland, in dem es auf das von Russland besetzte Finnland verzichtete.Hermann Kinder, Werner Hilgemann (Hrsg.): dtv-Atlas zur Weltgeschichte. Band 2 (Von der Französischen Revolution bis zur Gegenwart.), 5. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1970, S. 35. Im Gegenzug sollte es nach einem Sieg gegen Napoleon Norwegen erhalten, das zu Dänemark gehörte. Alexander I. verlangte am 8. April den Rückzug aller französischen Truppen als Vorbedingung für weitere Verhandlungen. Dieses Schreiben wurde am 30. April in Paris übergeben. Bereits am 18. April hatte Napoleon Großbritannien einen Friedensvorschlag gemacht, der abgelehnt wurde, da das Angebot vorsah, dass Napoleons Bruder Joseph König von Spanien bleiben sollte. Alexander verließ am 21. April Sankt Petersburg und reiste nach Wilna, um das Kommando über die Armee zu übernehmen. In Litauen war bereits vorher eine Nachrichtensperre verhängt worden. Die in Wilna lebende Gräfin Tiesenhausen schrieb: „Wir wussten nicht einmal, dass die Franzosen durch Deutschland marschierten […].“ Am 25. April forderte Zar Alexander Napoleon auf, seine Truppen aus Preußen abzuziehen, doch die Entscheidung für den Krieg war bereits gefallen.
Am 9. Mai verließ Napoleon Paris. Louis de Narbonne überreichte Alexander am 18. Mai ein Schreiben Napoleons, in dem der seine Friedensbereitschaft bestätigte. Im Gegenzug verlangte er, dass sich Russland wieder an der Kontinentalsperre beteiligen sollte. Narbonne berichtete Alexander über die Stärke der Grande Armée, wobei er das auf ausdrücklichen Befehl Napoleons tat. Alexander ließ sich nicht beeindrucken. Als Narbonne sechs Tage später ein Antwortschreiben an Napoleon übergab, erklärte der: „So sind also alle Vermittlungsvorschläge am Ende angelangt! Der Geist, der im russischen Lager herrscht, treibt uns in den Krieg. […] Es ist keine Zeit mit fruchtlosen Verhandlungen zu vergeuden […].“Palmer: S. 203.