mini|Revuegirls am Broadway, um 1900
Schwester Carrie (en: Sister Carrie) ist der 1900 erschienene erste Roman von Theodore Dreiser. Er schildert den Aufstieg eines jungen Mädchens aus der Provinz zu einem gefeierten Bühnenstar in New York und den gleichzeitigen Abstieg ihres Liebhabers vom eleganten Weltmann zum obdachlosen Bettler. Er orientiert sich am naturalistischen Schreibkonzept von Emile Zolas „Le roman expérimental“, an Honoré de Balzacs Formulierungslust und an den sozialdarwinistischen Konzepten Herbert Spencers. Die geschilderte uneheliche Beziehung zwischen den Hauptdarstellern bewirkte eine moralische Verurteilung durch das zeitgenössische Publikum und führte zuletzt zur Selbstzensur durch den Verleger.
Eine große Rolle im Roman spielt das Theater, als reale Institution und als Metapher für das gesellschaftliche Leben um 1900, das sich um Gesehen und Gesehen-werden dreht. Sowohl aus „ausgehaltene Frau“, die „ihre Unschuld verloren hat“, als auch als unerreichbarer Star und Ziel männlicher Wünsche und Projektionen, übt Carrie eine Form von Prostitution aus.
Handlung mini|Straßenszene in den USA um 1900
1889. Die 18-jährige Caroline Meeber, genannt Carrie, verlässt ihr Elternhaus in einer Provinzstadt in Wisconsin, um in der Großstadt Chicago bei ihrer älteren Schwester Minnie und deren Ehemann Sven ein neues Leben zu beginnen. Auf ihrer Zugfahrt nach Chicago lernt Carrie den Handlungsreisenden Charles Drouet kennen, der sich auf Anhieb für sie interessiert. Die Redegewandtheit und die modische Kleidung des eitlen, aber gutmütigen Stadtmenschen Drouet hinterlassen einen bleibenden Eindruck bei Carrie. Nach einer kurzen Unterhaltung tauschen sie ihre Adressen aus, vereinbaren ein Treffen, gehen aber am Bahnhof getrennte Wege.
Angekommen in der engen Wohnung der Familie von Minnie, ist Carrie von dem dort herrschenden ärmlichen und unfreundlichen Klima entsetzt und beschließt, das vereinbarte Treffen mit Drouet bei ihrer Schwester abzusagen. Carries Schwager Sven fordert sie schroff auf, sich bald eine Arbeit zu suchen, um für Essen und Unterkunft zahlen zu können. Nach etlichen gescheiterten Versuchen, als Ungelernte einen Job zu finden, beginnt Carrie in einer Schuhfabrik für kargen Lohn zu arbeiten. Durch körperliche Anstrengung und psychischen Stress wird sie nach kurzer Zeit krank und wagt es danach nicht mehr, auf ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Kurz davor, aufzugeben und nach Hause zurückzukehren, begegnet sie zufällig Drouet, der sie zum Essen einlädt. Er bietet ihr seine finanzielle Hilfe an und überzeugt sie, mit ihm in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Carrie wird Drouets Geliebte, nimmt neue Gewohnheiten an und lernt, sich ihrem neuen sozialen Status entsprechend zu verhalten.
Drouet macht Carrie mit einem einflussreichen Freund und Förderer bekannt, George Hurstwood, der als Geschäftsführer eine elegante Bar im Stadtzentrum leitet. Kurz nach ihrer Begegnung beginnt der unglücklich verheiratete Hurstwood eine leidenschaftliche Affäre mit Carrie. Durch einen Zufall bekommt Carrie die Möglichkeit, als Schauspielerin an einer Aufführung eines Amateurtheaters mitzuwirken. Das Publikum, darunter Drouet und Hurstwood, ist von ihrer Leistung beeindruckt.
Julia, die kaltblütige und auf ihren Vorteil bedachte Ehefrau Hurstwoods, konfrontiert ihren Ehemann mit ihrer Kenntnis von seinen heimlichen Treffen mit Carrie. Sie verlangt die Scheidung und erhebt (den wahrscheinlich erfolgreichen) Anspruch auf den größten Teil des gemeinsamen Vermögens. Carrie, die erst jetzt erfährt, dass Hurstwood verheiratet ist, bricht jeglichen Kontakt zu ihm ab.
Der deprimierte Hurstwood betrinkt sich in seiner Bar, als sich ein ungewöhnlicher Zufall ereignet. Der Kassierer hat den Tresor, zu dem Hurstwood keinen Schlüssel hat, zu schließen vergessen. Hurstwood kann der Versuchung nicht widerstehen, die sich darin befindenden Tageseinnahmen von 10.000 Dollar zu stehlen. Er sucht Carrie auf, um mit ihr zu dem angeblich im Krankenhaus liegenden Drouet zu fahren. Unterwegs bemerkt Carrie, dass er sie angelogen hat und sie in Wirklichkeit nach Montreal fahren. Carrie reagiert entrüstet, aber lässt sich von Hurstwood überreden, bei ihm zu bleiben. In Kanada plagt Hurstwood sein schlechtes Gewissen, er schickt den größten Teil des Geldes an die Eigentümer der Bar zurück und beschließt, nach New York zu ziehen.
mini|Broadway, Palais Royal, um 1900 In New York mieten die „frisch Verheirateten“ eine Sechszimmerwohnung und nennen sich fortan Wheeler. Mit dem behaltenen Geld kauft sich Hurstwood in eine Bar ein, die jedoch nicht so elegant und profitabel ist wie die ehemals in Chicago geführte. Während der ersten zwei Jahre haben die Eheleute ein einigermaßen gutes Auskommen, aber wenig soziale Kontakte. Im dritten Jahr jedoch lernt Carrie ihre neu zugezogene Nachbarin, Frau Vance, kennen und ist auf Anhieb beeindruckt von ihrem exklusiven Lebensstil.
Hurstwood muss die Bar schließen und findet mit dem bescheidenen Erlös keine Möglichkeit, eine neue zu übernehmen. Er macht sich auf die Suche nach einer Arbeit als Geschäftsführer, aber er hat durch seine Flucht aus Chicago seine gesellschaftliche Stellung und damit auch Selbstsicherheit und Energie verloren. Nach etlichen gescheiterten Bewerbungen resigniert er. Er vernachlässigt sein Äußeres. Schließlich verlässt er die Wohnung nicht mehr, sitzt stundenlang im Sessel, über seinen Zeitungen dösend.
Ohne Einkommen schrumpfen Hurstwoods Ersparnisse schnell, trotz Einschränkungen und des Umzugs in eine billigere Wohnung. Carrie ist verärgert und sieht nach wie vor Hurstwood in der alleinigen Verantwortung, den gemeinsamen Lebensunterhalt zu bestreiten. Erst als die finanzielle Lage eskaliert und Carrie sich keine neuen Kleider mehr kaufen kann, will sie ihr eigenes Geld verdienen und wird in einem Theater als Chormädchen eingestellt. Sie steigt schnell zur Chorleiterin auf, dann zur Schauspielerin in einer stummen Nebenrolle. Sobald sie genug verdient, um davon leben zu können, verlässt sie Hurstwood.
In der Folge entwickelt sich Carrie zu einem berühmten Komödienstar und lebt in Luxus. Sie bekommt, was sie sich immer gewünscht hatte, schöne Kleider, Geld und Ruhm, stellt aber überrascht fest, dass sie nicht glücklich ist.
Hurstwood scheitert weiter daran, Arbeit zu finden, wird obdachlos und zum Bettler. Schließlich nimmt er sich in einer Absteige das Leben.
Struktur mini|Broadway mit Kreuzung zur Chestnut Street
Theodore Dreisers Roman Schwester Carrie zählt zum Kanon des amerikanischen Naturalismus. Die Städte Chicago und New York sind Schauplätze zweier Experimente, die mit den Protagonisten durchgeführt werden. In dem Buch hat Dreiser Émile Zolas Konzept des experimentellen Romans umgesetzt: Demnach besteht die Aufgabe des Autors darin, Rahmenbedingungen für die mit verschiedenen Charaktereigenschaften ausgestatteten Protagonisten zu gestalten und als außenstehender Beobachter aufzuschreiben, wie sie entsprechend ihren Eigenschaften, den gegebenen Umständen und den äußeren Einflüssen handeln.
Zudem veranschaulicht Schwester Carrie das von Herbert Spencer entworfene Konzept von Evolution und Dissolution. Demnach ist jeder Mensch (fast) ständig Veränderungen unterworfen; in der Jugend entwickelt er sich „aufwärts“, bis er sein (biologisch vorgegebenes) Potential ausgeschöpft hat; nach einer gewissen Zeit auf dem erreichten Niveau folgt unweigerlich ein zuerst langsamer, dann schnellerer Abstieg, der sein Ende im Tod des Individuums findet. Dreiser gibt diesen Gedankengang im Roman selbst wieder, in einem der (seltenen) Kommentare des Autors zum Verhalten seiner Protagonisten.
Zu Beginn des Romans steht Carrie am Beginn ihres Entwicklungspotentials. Sie ist nicht nur jung, sondern auch unerfahren und ohne jede Ausbildung. Sie träumt von den glänzenden Lichtern der Großstadt Chicago, von vornehmen Leuten in schönen Kleidern, die sich jeden Abend in Restaurants und Theatern vergnügen. Erst in New York ist sie entwickelt genug, um ihre Schauspielkarriere mit Ambition zu verfolgen. Ausschlaggebend für ihren Erfolg sind ihr Tatendrang, ihre bisher gesammelte Erfahrung, die Fähigkeit sich ihrer Umwelt anzupassen und ihr neu erworbenes Selbstbewusstsein. Für ihr nach den Maßstäben der Zeitgenossen unmoralisches Verhalten wird sie nicht bestraft, sondern mit Luxus und Ruhm belohnt. Am Ende des Romans bleibt offen, ob Carrie damit bereits ihren Zenit erreicht hat und am Beginn des Abstiegs steht, oder ob sie noch die mentale Stärke zur Weiterentwicklung besitzt und von den bisher gespielten seichten Komödien ins ernste dramatische Fach wechseln wird.
Dagegen macht Hurstwood eine umgekehrte Entwicklung durch. Als erfolgreicher, weltmännischer Geschäftsmann wird er zu Beginn des Romans eingeführt. Sein finanzieller und mentaler Absturz beginnt mit der Affäre zu Carrie und der drohenden Scheidung, die den Verlust seines Vermögens nach sich ziehen wird. In einer Kurzschlusshandlung stiehlt er das Geld, worauf er mit unaufhaltsamer Konsequenz sein gutes Einkommen und seinen Ruf verliert, was die Depressionen auslöst, die es ihm psychisch unmöglich machen, nach dem Verlust seiner Bar wieder einen Beruf zu ergreifen. Sein Selbstmord am Ende des Romans setzt den Schlusspunkt auch hinter Spencers Abstiegserzählung.
mini|Broadway-Chambers Building an der Ecke Broadway/Chambers street, erbaut 1900 von Cass Gilbert Beide Protagonisten zusammengenommen bilden die Struktur eines X: Carries Lebenslauf ist ein Pfeil nach oben, Hurstwoods Lebenslauf ein Pfeil nach unten. Dass die Frau stark und siegreich ist, während ihr männlicher Widerpart schwächlich zugrunde geht, ist vor dem Hintergrund des traditionellen viktorianischen Frauenbilds eine Provokation.
Für die Leser des 21. Jahrhunderts ist dieser Umstand – so wie die unehelichen Beziehungen Carries – kein Ärgernis mehr. Was heute noch auffällt und irritiert, ist, dass die Stimme des Autors der Protagonistin immer wieder tief empfundene Gefühle unterstellt, jedoch auf der Handlungsebene der Eindruck extremer Gefühlskälte vermittelt wird. Carrie zögert nicht, Hurstwood zu verlassen, sobald er ihr nicht mehr nützlich sein kann. Obwohl sie von Hurstwood und Drouet leidenschaftlich geliebt wird, lässt sie deren Liebe bloß über sich ergehen. Sie schätzt an ihren Liebhabern nur die finanzielle Sicherheit, die sie ihr bieten können. (Solange sie es können.) Ironischerweise verdankt Carrie ihren späteren Bühnenruhm ihrer „anmutigen Haltung“ und ihrer Fähigkeit, dem Publikum glaubhaft Gefühle vorzuspielen.
Alle Figuren des Romans, auch die Nebenpersonen, werden durch unüberlegte Entscheidungen, Zufälle und Schicksalsschläge getrieben, und sie gestalten nur in geringem Maß ihr eigenes Schicksal. So steigt Carrie in den „Nachmittagszug nach Chicago“ ohne einen Gedanken darüber, wie es ihr dort gelingen sollte, ohne Ausbildung in einem Beruf Fuß zu fassen. Auch erfahren die Leser nichts über ihre Vergangenheit – außer dass ihr Vater in einem Steinbruch gearbeitet hatte – und wieso sie von ihren Eltern unvorbereitet in die große Welt entlassen wurde.
Doubleday-Affäre Dreisers Buch wurde von Frank Nelson Doubleday für seinen erst vor kurzem gegründeten Verlag akzeptiert. Als die Frau des Verlegers zufällig das Manuskript in die Hand bekam und es las, war sie von dessen unmoralischem Inhalt so schockiert, dass sie ihren Mann bedrängte, es nicht zu veröffentlichen. Der Vertrag war bereits abgeschlossen und Dreiser bestand auf seine Einhaltung. Doubleday ließ das Buch in einer sehr kleinen Auflage drucken und beschränkte die Werbekampagne drastisch.