mini|Wilhelm Schulz um 1820. Bleistiftzeichnung eines unbekannten Künstlers. Friedrich Wilhelm Schulz (meist Wilhelm Schulz, nach zweiter Heirat Wilhelm Schulz-Bodmer, * 13. März 1797 in Darmstadt, Landgrafschaft Hessen-Darmstadt; † 9. Januar 1860 in Hottingen, Schweiz) war ein hessischer Offizier und deutscher radikaldemokratischer Publizist. Als Demagoge verurteilt, entfloh er 1834 aus der Haft, emigrierte in die Schweiz und wirkte von dort aus als freier politischer Schriftsteller. Im Jahr 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung gewählt, gehörte er zur Linken. Sein bekanntestes Werk ist Der Tod des Pfarrers Friedrich Ludwig Weidig.
Leben Jugend und Militärlaufbahn Wilhelm Schulz kam aus einer evangelisch-lutherischen Beamtenfamilie in hessisch-darmstädtischen Diensten. Sein Großvater Wilhelm Friedrich Ernst (1713–1786) und sein Vater Johann Ludwig Adolf (1753–1823) hatten mehrfach gegen Willkürakte der landgräflichen Verwaltung protestiert und waren dafür gemaßregelt worden. Der Gymnasiast Schulz opponierte gegen die Standesvorurteile seiner Lehrer und wurde dafür trotz guter Leistungen zum Schuljahrwechsel 1811 nicht versetzt. So beschloss der Vierzehnjährige, Soldat zu werden, und bewarb sich mit Unterstützung seines Vaters um die Aufnahme ins Leibregiment des Landesherrn.Vgl. Walter Grab: Ein Mann der Marx Ideen gab. Wilhelm Schulz. Weggefährte Georg Büchners. Demokrat der Paulskirche. Eine politische Biographie. Düsseldorf 1979, S. 17. – Der 1919 in Wien geborene, in Israel lebende Historiker Walter Grab gibt vor dem Hintergrund seiner umfassenden Kenntnisse der Vor- und Nachgeschichte der Märzrevolution eine fast 400 Seiten starke Darstellung von Schulz’ Leben und politisch-publizistischer Wirksamkeit. Er schöpft dazu aus einer Vielzahl von Quellen, teils entlegenen, und erschließt darüber hinaus auch ungedrucktes Material. Der Artikel folgt dieser bisher einzigen in Buchform vorliegenden Biographie von Wilhelm Schulz.
Hessen-Darmstadt, inzwischen von Napoleon zum Großherzogtum erhoben, gehörte dem Rheinbund an und seine Truppen standen auf der Seite Frankreichs. 1813 hatte der sechzehnjährige Leutnant Schulz bereits in drei Schlachten gekämpft, zuletzt in der Völkerschlacht bei Leipzig, wo ihn ein französischer Kamerad beim Rückzug über die Elster vor dem Ertrinken rettete. Nach dem Frontwechsel des Rheinbundes nahm er auf preußisch-österreichisch-russischer Seite bis zur endgültigen Niederlage Frankreichs 1815 an zwei weiteren Feldzügen teil.
Politische Agitation und erster Hochverratsprozess Zwischen den Feldzügen wurde Schulz vom aktiven Dienst beurlaubt und zu mathematischen und militärwissenschaftlichen Studien an die Universität Gießen abkommandiert. 1814 trat er dort über die „Teutsche Lesegesellschaft“ mit den Gebrüdern Karl und Adolf Ludwig Follen in Verbindung, um die sich damals die „Gießener Schwarzen“ sammelten, Keimzelle der entstehenden Burschenschaftsbewegung. Er wurde 1816 Mitglied des Gießener GermanenbundesHelge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I Politiker, Teilband 5: R–S. Heidelberg 2002, S. 359. und später, 1821, schloss er sich der Burschenschaft Germania Gießen an.Peter Kaupp: Burschenschafter in der Paulskirche, Gesellschaft für burschenschaftliche Geschichtsforschung, 1999.
Zurück in der Garnison, schloss sich Schulz dem Kreis um die Darmstädter Rechtsanwälte Heinrich Karl Hofmann und Theodor Reh an, dem oppositionelle Handwerker, Arbeiter, Studenten und Offiziere angehörten. Anders als die radikalen Burschenschafter setzen die „Darmstädter Schwarzen“ nicht auf Umsturz durch eine Elite überzeugter Revolutionäre, sondern wandten sich ans Volk. Sie forderten für das Großherzogtum Hessen eine ausgehandelte Verfassung mit Volksrepräsentation. Im Kampf um die Verfassung des Großherzogtums Hessen riefen sie Bürger und Bauern schließlich zum Widerstand, auch durch Steuerverweigerung, auf und waren damit 1820 letztendlich erfolgreich. Im Zuge dieser Auseinandersetzung veröffentlichte Schulz 1819 anonym das Frag- und Antwortbüchlein über allerlei, was im deutschen Vaterland besonders Not tut. Die Flugschrift, Vorläuferin des Hessischen Landboten, war in der Form eines Katechismus abgefasst: „Wird denn ein Kaiser, König, Fürst, oder wie sonst die höchste Obrigkeit heißt, auch vom Volk bezahlt und erhalten?“ „Ja. Sie sind weiter nichts als die obersten Diener und Beamten des Volks und sollen so viel bekommen, dass sie in Ehren leben können und als sie verdienen, aber nicht mehr. So lange aber noch ein Bürger- und Bauersmann Hunger und Kummer leiden muss, ist es gar unrecht, wenn Fürsten-Schmarotzer, Komödianten, Huren, Pferde und Hunde füttern dürfen, Jagden und Schmausereien geben und vom Schweiß des Landes prassen und schwelgen.“Zitiert nach Grab, S. 41. Das Frag- und Antwortbüchlein fand in den Staaten des Deutschen Bundes weite Verbreitung und ging 1819 während des Bauernaufstands im Odenwald von Hand zu Hand. Als nach der Ermordung August von Kotzebues durch den Burschenschafter Karl Ludwig Sand die Demagogenverfolgung einsetzte, wurde Schulz als Autor der Schrift ermittelt, verhaftet und nach einjähriger Untersuchungshaft des Hochverrats angeklagt. Da das Militärgericht wegen der 1820 neu erlassenen hessischen Verfassung Milde walten ließ, endete sein hinter verschlossenen Türen geführter Prozess mit einem Freispruch. Das Mobbing, das der erzkonservative Prinz Prinz Emil, jüngster Sohn des Großherzogs, nach dieser Entscheidung im Offizierskorps organisierteSiegfried Büttner: Die Anfänge des Parlamentarismus in Hessen-Darmstadt und das du Thilsche System. Historischer Verein für Hessen, Darmstadt 1969, S. 118 f., Anm. 15., bewog Schulz jedoch dazu, seinen Abschied einzureichen.
Jurastudium, Berufsverbot und Tätigkeit als Journalist Nach der Entlassung aus dem Militärdienst studierte Schulz in Gießen Rechtswissenschaft und legte 1823 das juristische Fakultätsexamen ab. Doch die hessischen Behörden verweigerten ihm die Zulassung bei Gericht, was einem Verbot gleichkam, den angestrebten Beruf als Advokat auszuüben.
Zwischen 1825 und 1831 arbeitete Schulz als Korrespondent und Übersetzer für Johann Friedrich Cottas Hesperus. Encyclopädische Zeitschrift für gebildete Leser. Mit der dort veröffentlichten Artikelserie Irrtümer und Wahrheiten aus den ersten Jahren nach dem letzten Kriege gegen Napoleon und die Franzosen distanzierte er sich von der politischen Romantik der Burschenschaften und ihrem „überdeutschen Nationalstolz, in den man sich für kurze Zeit selbst bis zur Verachtung der anderen Völker hineinphantasiert hatte“. Er ging sogar so weit, die Karlsbader Beschlüsse gut zu heißen, was er später bereute, da es ihm zwar eine lobende Erwähnung in Goethes Tagebuch einbrachte,Eintrag vom 12. Januar 1826, vgl. Grab, S. 58. jedoch die Freundschaft mit seinem Mitkämpfer Heinrich Karl Hofmann kostete, der von der „unbegreiflichen Verirrung eines Mannes von solchem Geist und solchem Herzen“ schrieb.Zitiert bei Ludwig Maenner: Ein Querkopf des vormärzlichen Liberalismus: Wilhelm Schulz-Bodmer. In: Archiv für hessische Geschichte. Neue Folge. Bd. 13, 1922, S. 295.
1828 gründete Schulz zusammen mit dem liberalen Rechtsanwalt Karl Buchner in Darmstadt das Montagsblatt für Freunde gebildeter Unterhaltung. In der wenig später fehlgeschlagenen Hoffnung, eine materielle Existenz darauf zu gründen, heiratete er nach neunjähriger Verlobung Caroline Sartorius, die Cousine des „Darmstädter Schwarzen“ Christian Sartorius.
Politische Publizistik, zweiter Hochverratsprozess und Flucht aus dem Gefängnis Als 1830 nach der französischen Julirevolution in Deutschland das politische Leben wieder in Bewegung kam, wirkte Schulz an verschiedenen Zeitungsprojekten Cottas mit, die ihn vorübergehend nach Augsburg, München, Stuttgart und Karlsruhe führten. Als Mitarbeiter an den von Friedrich Wilhelm August Murhard begründeten und von Cotta verlegten Allgemeinen Politischen Annalen befreundete Schulz sich mit den badischen Liberalen Karl von Rotteck und Carl Theodor Welcker. In München lernte er Johann Georg August Wirth kennen und lieferte Beiträge zu dessen Deutscher Tribüne. Ende 1831 reichte er an der Universität Erlangen seine Dissertation Über das zeitgemäße Verhältnis der Statistik zur Politik ein. Im Januar 1832 machte Cotta den frischgebackenen doctor juris zum Chefredakteur des Hesperus, entließ ihn aber noch im selben Monat, als Schulz die Zeitschrift zur politischen Tageszeitung und zum liberalen Kampforgan umzuwandeln versuchte. Das Ehepaar Schulz wurde aus Württemberg ausgewiesen. mini|Schulz war einer der Teilnehmer des Hambacher Festes Zur Abwehr der verschärften Zensur, die mit polizeilicher Verfolgung und militärischer Unterdrückung einherging, gründeten August Wirth, Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Friedrich Schüler Anfang 1832 den Deutschen Preß- und Vaterlandsverein. Die politische Protestbewegung erreichte breite Bevölkerungsschichten und erhob ihre Forderungen in zahlreichen Massenkundgebungen. Im Mai nahm Schulz am Hambacher Fest teil, im Juni trat er beim Fest in Wilhelmsbad als Redner auf. Als der Bundestag am 28. Juni weitere Volksfeste und das Tragen von Schwarz-Rot-Gold verbot, verfasste er im Auftrag des Preß- und Vaterlandsvereins die Flugschrift Das Recht des deutschen Volkes und die Beschlüsse des Bundestags, in welcher er zur Wahl oppositioneller Abgeordneter in die Landtage, zur Steuerverweigerung und Volksbewaffnung aufrief. Diese Schrift wurde sofort verboten. Dasselbe geschah mit weiteren Flugschriften aus seiner Feder und mit der zweimal wöchentlich erscheinenden Zeitung Der deutsche Volksbote, die er 1833 zusammen mit Karl Buchner in Offenbach am Main herausgab. Sein unter vollem Namen erschienenes Hauptwerk aus dieser Zeit, Deutschlands Einheit durch Nationalrepräsentation, Rotteck und Welcker gewidmet, wurde nur in Preußen und Württemberg verboten, diente jedoch im nachfolgenden Prozess gegen ihn als Beweismittel. Schulz’ Biograf Walter Grab bemerkt zu dieser Schrift: „Es gibt kaum eine zweite politische Prognose eines Zeitgenossen, die dermaßen präzise die Ereignisse von 1848 in Frankreich und Deutschland voraussagte.“Grab, S. 111..
Im Herbst 1833, ein halbes Jahr nach dem Frankfurter Wachensturm, war für die hessische Justizbehörde die Zeit gekommen, Schulz verhaften zu lassen und ihm den Prozess zu machen. Seine Verteidiger August Emmerling und Theodor Reh konnten nicht verhindern, dass er als Zivilist vor ein nicht-öffentliches Militärtribunal gestellt und am 18. Juni 1834 „wegen fortgesetzten Versuchs des Verbrechens einer gewaltsamen Veränderung der Staatsverfassung“Grab, S. 132. zu fünfjährigem strengen Festungsarrest verurteilt wurde. Gleich nach Antritt seiner Strafe auf der Festung Babenhausen schmiedete er mit seiner Frau Ausbruchspläne. Caroline Schulz verschaffte ihm Werkzeug und Verbindungen. Der Ausbruch gelang auf abenteuerliche Weise in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1834. Zu Neujahr befand sich Schulz bereits im Elsass in vorläufiger Sicherheit. Er beschrieb seine Flucht zwölf Jahre später im Briefwechsel eines Staatsgefangenen mit seiner Befreierin.2 Bde. Mannheim 1846. BSB-Digitalisat: Bd. 1 und Bd.2.
Erstes Exil in Straßburg und Zürich