Die österreichische Literatur ist ein Teil der deutschsprachigen Literatur. Sie bezeichnet einerseits den Literaturbetrieb in der Republik Österreich und dessen Vorgängerstaatsformen, andererseits die Werke österreichischer Autoren, sowie von Autoren mit ausgeprägtem Österreichbezug. Schriftsteller der österreichischen Monarchie vor November 1918 spielen in der österreichischen Literatur eine bedeutende Rolle, allerdings ist in Einzelfällen die Abgrenzung zu anderen Literaturen schwierig.

Begriff hochkant=1.4|mini|Franz Gaul: Der österreichische Parnass (1862) Vor der Gründung der Republik Deutschösterreich im Jahr 1918 wird der Begriff „österreichische Literatur“ im Wesentlichen auf Deutsch schreibende Autoren angewandt, die in der Habsburgermonarchie geboren wurden und/oder dort ihren Lebensmittelpunkt hatten. Da viele dieser Autoren jedoch außerhalb des heutigen österreichischen Staatsgebiets lebten und aus den deutschsprachigen Gebieten etwa in Böhmen, Ungarn, Galizien, der Bukowina oder Siebenbürgen stammten, kann die Bezeichnung „österreichisch“ mitunter Missverständnisse hervorrufen, die das Attribut „altösterreichisch“ vermeidet. In aller Regel gilt für den Begriff der österreichischen Literatur die Sozialisation und nicht die Abstammung als wichtigstes Definitionselement.

Für das Mittelalter ist in der Regel kaum genau zu bestimmen, woher ein bestimmter Dichter stammte, wenn er überhaupt namentlich bekannt ist. Auch in der Zeit danach ist der Nationsbegriff noch kaum entwickelt. Darüber hinaus war ohnehin das Lateinische die vorherrschende übernationale Literatursprache. Erst im 19. Jahrhundert, im Gefolge der Romantik und mit der beginnenden Erweckung osteuropäischer Sprach- und Literaturwissenschaft, begann eine Differenzierung zwischen Staatsgebilde und Volkssprache.

Im Vielvölkerstaat Österreich lebten all die verschiedenen Nationalitäten zusammen: Bosnier, Bulgaren, Deutsche, Italiener, Kroaten, Rumänen, Serben, Slowaken, Slowenen, Tschechen, Ungarn, Ukrainer sowie Szekler und Rätoromanen. Die vielen Nationalitätenkonflikte innerhalb des großen Staatsgebildes bewirkte kulturell eine spannungsgeladene Atmosphäre zwischen Gemeinsamkeit und Feindschaft. Wie auch in der Musik und Architektur findet auch in der Literatur dieser einzigartige Kulturraum seinen Niederschlag. Der Literaturwissenschafter Wendelin Schmidt-Dengler schrieb dazu:

Der österreichische Autor Hugo von Hofmannsthal hielt die Idee einer eigenständigen österreichischen Literatur zu seiner Zeit lediglich für eine Fiktion:

Der großdeutsche Diskurs aus Hofmannsthals Zeit wird heute in der Regel gemieden und österreichische Literatur als anerkannte Bezugsgröße betrachtet.Katja Gasser über "österreichische Literatur", https://orf.at/stories/3227568/ Heute werden mitunter auch deutschsprachige Autoren aus Südtirol der österreichischen Literatur zugerechnet.Johann Holzner: Literatur in Südtirol – deutsche, österreichische, italienische Literatur? In: Wendelin Schmidt-Dengler (Hrsg.): Literaturgeschichte: Österreich: Prolegomena und Fallstudien, Erich Schmidt, Berlin 1995, ISBN 3-503-03703-9, S. 91–99, hier S. 92–94.

Literatur durch die Jahrhunderte Mittelalter Frühes Mittelalter (etwa 750–1170) Im Frühmittelalter wurde Dichtung fast nur mündlich verbreitet. Aus diesem Grund ist vieles verloren gegangen. Bildung und Kultur waren auf die Stifte und Klöster begrenzt. Der Großteil der erhaltenen Schriften hat daher religiöse Funktion. Verschiedene Quellen lassen darauf schließen, dass es auch Geschichtsüberlieferung (Heldenlieder, Erzähllieder, Fürstenpreis) und lyrische „Folklore“ (Tanz-, Liebeslieder, Totenklagen, Zaubersprüche) gab.

In der Karolingerzeit kann man von der ersten Dokumenten einer deutschsprachigen Literatur sprechen. Die Texte waren hauptsächlich Übersetzungen aus dem Lateinischen zum besseren Verständnis für das einfache Volk sowie Buß-, Heils- und Mariendichtungen, die verstärkt zur Zeit der Ottonen und frühen Salier aufkamen.

Die einzelnen Werke wurden oft in sogenannten Sammelhandschriften zusammengefasst und gemeinsam aufbewahrt. Die ältesten bekannten Werke sind der Wiener Hundesegen (Ende 9. bis Anfang 10. Jh.), die „Altdeutsche Genesis“ (Ende 12. Jh.) und die Millstätter Handschrift (ca. 1200). Die Autoren der meisten alten Texte sind nicht namentlich bekannt, überlieferte Namen aus dem Gebiet des heutigen Österreich sind:

Ava (geistliche Dichterin, älteste namentlich bekannte Autorin, die in deutscher Sprache dichtete; * um 1060; † 7. Februar 1127) Der von Kürenberg oder Der Kürenberger (Mitte des 12. Jahrhunderts) ist der älteste namentlich bekannte deutsche Lyriker und einer der frühesten Vertreter des Minnesangs. Der Kürenberger war wahrscheinlich ein niederösterreichischer Ritter aus der Gegend um Linz im heutigen Oberösterreich. Dietmar von Aist, Minnesänger, der wahrscheinlich zur selben Zeit wie Der von Kürenberg lebte. Heinrich von Melk (2. Hälfte 12. Jh.) war ein Laienbruder, der in der Mitte des 12. Jahrhunderts vermutlich im Klosterstift Melk in Niederösterreich lebte. Seine satirisch gefärbten Werke stellen einen Höhepunkt des asketischen Schrifttums seiner Zeit dar.

Hoch- und Spätmittelalter (1170–1500) mini|Walther von der Vogelweide (Abbildung aus dem Codex Manesse, um 1300) In den Jahrzehnten nach 1150 brach eine Blütezeit der deutschen Literatur an. An einzelnen Höfen des Feudaladels verbreitete sich eine kultivierte literarische Praxis nach romanischem Vorbild: die sogenannte Höfische Literatur. In der Lyrik entwickelten sich der Minnesang und die Sangspruchdichtung. Am Babenbergerhof in Wien wirkten Reinmar von Hagenau und Walther von der Vogelweide. Walther von der Vogelweide brachte Anfang des 13. Jahrhunderts den Minnesang zu seinem Höhepunkt. Im Gegensatz zum Minnesang konnte der Meistergesang in Österreich kaum Fuß fassen. Nach französischen Vorlagen (Chrétien de Troyes) entstanden auch zahlreiche höfische Epen in mittelhochdeutscher Sprache. Für das anonym überlieferte Heldenepos Nibelungenlied wird eine Entstehungsgebiet zwischen Passau und Wien angenommen.

Eine Grundform der österreichischen Literatur des Mittelalters war die Spieldichtung. Geistliche wie auch weltliche Spiele (Passionsspiele, Mysterienspiele, Fastnachtspiele) waren besonders in den Alpentälern weit verbreitet. Diese Tradition setzte sich im Barock fort. Die Meisterdichtung des deutschen Raumes war demgegenüber im Gebiet Österreichs nur geringfügig vertreten.

Als revolutionär erwies sich am Ausgang des Mittelalters der Buchdruck mit beweglichen Lettern. Schließlich konnte Pergament als Beschreibstoff durch billiges Papier ersetzt werden.

Weitere Autoren: Neidhart von Reuental (1. Hälfte 13. Jahrhundert) wirkte unter anderem am Hof des Babenbergerherzogs Friedrich II. Er gilt als einer der erfolgreichsten Liedautoren des Mittelalters und als Schöpfer einer sogenannten „höfischen Dorfpoesie“. In seinen Liedern verlegte er das meist derb und drastisch gezeichnete Minnetreiben in eine bäurische Umgebung und inszeniert sich selbst als 'Star' der Bauernmädchen und Feind der Bauernburschen. Der Burggraf von Lienz (13. Jahrhundert) stammte aus dem Ministerialengeschlecht der Burggrafen von Lienz (Lüenz) in Kärnten (Drau), Österreich. Er ist der Verfasser von zwei Tageliedern, welche in der Großen Heidelberger Liederhandschrift enthalten sind. Jans der Enikel war ein Wiener Patrizier, Dichter und Chronist des späten 13. Jahrhunderts († nach 1302), welcher für seine Weltchronik, eine Geschichte der Welt in etwa 30.000 mittelhochdeutschen Versen (Reimpaaren), bekannt wurde. Wernher der Gartenaere (2. Hälfte 13. Jh.) schuf mit der Verserzählung Meier Helmbrecht die erste sozialkritische Dorfgeschichte. Sie behandelt die Verirrungen eines Bauernsohns, der sich zu Höherem berufen fühlt, vor dem Hintergrund des Verfalls des Rittertums und seines Niedergangs zum Raubrittertum. Freidank (Vridanc) war ein Fahrender bürgerlicher Herkunft, der vermutlich aus Schwaben oder Tirol stammte. Er wurde am Ende des 12. Jahrhunderts geboren. Sein Werk ist eine Sammlung von didaktischen Sprüchen. 1228–1229 nahm er am Kreuzzug Friedrichs II. teil. Vermutlich starb er 1233 auf einer Reise nach Venedig in Kaisheim. Bruder Werner war ein ca. 1225–1250 vornehmlich in Österreich und im Interesse der österreichischen Landesherren wirkender, von Walther von der Vogelweide beeinflusster Spruchdichter und hielt wie dieser Verbindungen zum Wiener Hof. Heinrich von dem Türlin, Epiker bayerisch-österreichischer Herkunft, ist als Autor des Epos Diu Crône (Die Krone) bekannt. Dieses Werk dürfte um 1230 entstanden sein. Ulrich von Liechtenstein (* um 1200; † 26. Jänner 1275), Minnesänger und Dichter, schrieb die erste bekannte Autobiographie in deutscher Sprache Frauendienst sowie das didaktische Frauenbuch (Der vrouwen puoch). In Ich-Form schildert er im Frauendienst sein Leben als die Geschichte eines um Minne werbenden Ritters. Vermutlich kann auch Der Stricker (1. Hälfte 13. Jahrhundert) dem österreichischen Umfeld zugerechnet werden. Aufgrund der dialektalen Merkmale seiner Sprache dürfte er aus dem Fränkischen stammen, doch weist seine dichterische Laufbahn nach Österreich. Oswald von Wolkenstein (* um 1377; † 2. August 1445) stammte vermutlich aus Südtirol und ist dem Spätmittelalter an der Schwelle zur Renaissance zuzuordnen. Auch seine Lieder sind autobiografisch; zudem sind die Originalmelodien überliefert.

Humanismus, Reformation und Gegenreformation Der Humanismus ist eine von Italien ausgehende Geisteshaltung des 15. Jahrhunderts, die im Laufe des 16. Jahrhunderts ganz Europa erfasste. Ihr Ziel war die Wiedererweckung antiker Traditionen.

In Tirol waren Eleonore von Österreich (* um 1433; † 1480) und Nikolaus von Kues, Bischof von Brixen, zuerst im Sinn des Humanismus tätig. Eleonore übersetzte den französischen Abenteuerroman Pontus et la belle Sidonie (Pontus und Sidonia), dessen zentrale Motive die wiederholte Trennung der Liebenden und die Rückeroberung des Reiches aus der Gewalt von Heiden sind. Nikolaus von Kues reiste bereits von 1450 bis 1452 durch Deutschland, um Kirche und Klöster zu reformieren. Eines seiner Anliegen war es, dem Volk mehr Wissen über den Glauben zu vermitteln. Zeugnis dafür sind die noch heute in manchen Kirchen vorhandenen Tafeln mit dem Vaterunser und den Zehn Geboten in der Volkssprache.

Auch der aus Hall stammende Johannes Fuchsmagen (auch Fuxmagen) (* um 1450; † 1510), der später nach Wien zog, wirkte zuerst in Tirol. Er gründete zusammen mit seinem Freund Ritter Florian Waldauf von Waldenstein die älteste heute noch bestehende Kulturvereinigung Tirols, die Haller Stubengesellschaft.

In Wien war ab 1437 Enea Silvio Piccolomini (der spätere Pius II.), Sekretär Friedrichs III., dem Humanismus verbunden. Die Zeit bis 1455 verbrachte er vornehmlich am Hof des Kaisers in Wiener Neustadt und Graz, unter anderem als kaiserlicher Sekretär. Friedrich III. schätzte seine Dienste sowie seine lockeren Verse und krönte ihn zum „poeta laureatus“. An der Universität Wien hielt er während dieser Zeit Vorlesungen über die Dichter der Antike und übte damit einen bedeutenden Einfluss auf den Humanismus aus.

Die Berufung von Konrad Celtis an die Universität Wien als Professor der Rhetorik und Poetik (1497) durch Maximilian I. führte zu einer weiteren Verbreitung des Humanismus. In seinen lyrischen Werken auf Latein imitierte Celtis Ovid und Horaz. Sein Hauptwerk sind die Quatuor libri Amorum (1502).

Barock (etwa 1600–1720) Die Schrecken des 17. Jahrhunderts (Dreißigjähriger Krieg, Türkenkriege, Pest, …) und die Durchsetzung des heliozentrischen Weltbildes führten zu einer dualistischen Zerrissenheit der Seele des Barockmenschen zwischen Weltbejahung und Weltverneinung, zwischen Diesseitsfreude und Jenseitssehnsucht. Die Höfe waren die kulturellen Zentren dieser Zeit.