mini|hochkant|Adrian Ludwig Richter: Genoveva in der Waldeinsamkeit, 1841 mini|hochkant|Waldfriedhof
Der Deutsche Wald wurde als Metapher und Sehnsuchtslandschaft seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Gedichten, Märchen und Sagen der Romantik beschrieben und überhöht. Historische und volkskundliche Abhandlungen erklärten ihn zum Sinnbild germanisch-deutscher Art und Kultur oder wie bei Heinrich Heine oder Madame de Staël als Gegenbild zur französischen Urbanität. Dabei wurde auch auf historische oder sagenhafte Ereignisse in deutschen Wäldern Bezug genommen, so auf Tacitus’ Beschreibung der Schlacht im Teutoburger Wald oder auch auf die Naturmystik des zum deutschen Nationalmythos stilisierten Nibelungenliedes, wie dessen vielfältige Rezeptionsgeschichte zeigt., abgerufen am 23. Juli 2009
Die frühe Naturschutz- und Umweltbewegung, der bereits im 19. Jahrhundert einsetzende Tourismus, die Jugendbewegung, sozialdemokratische Naturfreunde, Wandervögel und Wandervereine wie auch die rechtsgerichtete völkische Bewegung sahen in Wäldern ein wichtiges Element deutscher Kulturlandschaften.
In der nationalsozialistischen Ideologie wurde das Motiv des „Deutschen Waldes“ vergleichbar mit „Blut und Boden“ ein typisches Muster. Propaganda und Symbolpolitik sowie Landschaftsplanungen für die Zeit nach einem deutschen „Endsieg“ bezogen diesen zentral mit ein.„Unmittelbar an der Grenze unseres neuen Lebensraumes gegen Osten müssen auch Bäume als deutsche Zeichen des Lebens stehen.“ Aus: Heinrich Friedrich Wiepking-Jürgensmann: Deutsche Landschaft als deutsche Ostaufgabe In: Neues Bauerntum, Jg. 32 (1940), Heft 4/5, S. 132.
Albrecht Lehmann postuliert die Kontinuität eines schicht- und generationenübergreifenden romantischen Waldbewusstseins der Deutschen von der Romantik bis ins 21. Jahrhundert.Lehmann, Albrecht (2001): Mythos deutscher Wald. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Der deutsche Wald. 51. Jahrgang Heft 1 (2001) Der Bürger im Staat. S. 4–9 Zu den Hinweisen auf einen intensiven und ausgeprägten Umgang mit dem Kulturgut Wald gehören unter anderem die Diskussion von Umweltschäden, etwa des „Waldsterbens“ sowie die Gedenk- und Trauerarten in Form von Waldfriedhöfen und Baumbestattungen.Birgit Heller, Franz Winter (Hrsg.): Tod und Ritual: interkulturelle Perspektiven zwischen Tradition und Moderne. Österreichische Gesellschaft für Religionswissenschaft, LIT Verlag, Berlin-Hamburg-Münster, 2007, ISBN 3-8258-9564-5 Umfragen zeigen eine spezifisch deutsche Gleichsetzung von Wald und Natur. Der Wald als pädagogisches Medium und der Gesundheit zuträglicher Ort hat im Rahmen der Umweltpädagogik (vgl. u. a. Waldpädagogik und Waldkindergarten)Waldpädagogik und Wahrnehmung von Wald und Natur, Kulturelle Bedingungen von Naturschutz und Umweltbildung vor dem Hintergrund sich wandelnder gesellschaftlicher Naturverhältnisse, Magister-Arbeit im Studiengang Soziologie, vorgelegt von Markus Barth, Gutachter: Erhard Stölting und Fritz Reusswig, Berlin, 16. August 2007 im deutschen Sprachraum eine besondere Bedeutung.
Wald als zentrales Element der Landschaft und Landeskultur mini|Wegebau zur Erschließung der Sächsischen Schweiz mini|Reinhardswald an der Oberweser Wälder sind in Deutschland auch im öffentlichen Bewusstsein, in der Folklore, in Medien und Populärkultur als typisch deutsche Kulisse bekannt und institutionalisiert. Der Freischütz, lange als die deutsche Nationaloper schlechthin apostrophiert, die spezifisch deutsche bzw. österreichische Erscheinung des Heimatfilms, Stücke über Räuber und Wildschützen wie das Wirtshaus im Spessart, Jennerwein und der Brandner Kaspar spielen vor der wildromantischen Kulisse des deutschen Waldes.
Die Erschließung der Wälder nicht nur durch Wirtschaftswege, sondern auch durch Nah- und Fernwanderwege, Jugendherbergen und Wanderhütten ist ein wichtiger Aspekt der Geschichte des Reisens in Deutschland. In einem langwierigen Prozess wurden ehemals nur Adel und einzelnen Grundbesitzern vorbehaltene Wälder und Parks allen geöffnet. Die Zugänglichkeit auch von Staats- und Privatwäldern und Naturschönheiten allgemein hat in einigen Bundesländern (so in Bayern) Verfassungsrang. Vorreiter waren dabei 1742 der Berliner Tiergarten und 1789 der Englische Garten in München, beides ehemals abgeschlossene Jagdgebiete des Adels; der Essener Grugapark wurde erst im 20. Jahrhundert eröffnet. Die Öffnung der Wälder für die Öffentlichkeit zeigt sich auch bei Veranstaltungen und Feiertagen anhand von Prozessionen und Kreuzwegen wie auch bei Demonstrationen und Festen. Beispiele dafür sind unter anderem der Frankfurter Wäldchestag, der Erste Mai, Vatertagsbräuche, Osterspaziergänge und Ostermärsche.
Ohne menschlichen Einfluss wäre Deutschland fast vollständig von Wald, hauptsächlich von sommergrünem Laubwald, bedeckt. Bereits im Mittelalter wurde der Wald in Deutschland durch Rodungen für landwirtschaftliche Flächen und Siedlungen stark zurückgedrängt. Wälder nehmen aktuell noch ein Drittel der deutschen Landesfläche ein, insbesondere in den früher schwer zugänglichen Mittelgebirgslandschaften, und stellen einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dar. Die Ausweisung großflächiger Waldschutzgebiete im Rahmen von Nationalparks nach amerikanischem Vorbild war und ist in Deutschland erheblichen Nutzungskonflikten unterworfen. Sie kam im Westen erst 1970 mit dem an das Biosphärenreservat Šumava in Tschechien angrenzenden Nationalpark Bayerischer Wald sowie 1990 im Rahmen des Nationalpark Harz zum Tragen, der an den Nationalpark Hochharz der DDR angrenzte. Die Endphase der DDR sah mit dem Nationalparkprogramm der DDR die Unterschutzstellung von 4,5 % des DDR-Territoriums vor, darunter des Spreewalds wie auch des ehemaligen Staatsjagdgebiets Schorfheide, eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete in Deutschland überhaupt.
Der umwelt- wie wirtschaftspolitisch bedeutende Begriff der Nachhaltigkeit wurde bereits im 18. Jahrhundert in der deutschen Forstwirtschaft geprägt und praktisch umgesetzt, die Konflikte mit der landwirtschaftlichen Nutzung damit anders gelöst als etwa in Großbritannien. Dort kam es durch die Beweidung zu parkähnlichen Landschaftsbildern (vgl. Englischer Landschaftsgarten) mit einzelstehenden Hutebäumen und zu einer andauernden weitgehenden Entwaldung der Landschaft (vgl. Clearances). Im Gegensatz zu den Rodungsflächen und der Heidewirtschaft der norddeutschen Tiefebene blieben die Wälder im südlicheren Mitteleuropa wie einzelne Naturwaldzellen großflächig erhalten, die Waldweide wegen ihrer schädlichen Auswirkung auf den Wald bereits im 19. Jahrhundert unterbunden.
Kulturelle Rolle des Waldes in Deutschland Die im 19. Jahrhundert vermittelten kulturellen Bilder vom „deutschen“ Wald waren in erster Linie Ergebnis eines städtischen, elitären Denkens. Diese Vorstellungen wurden aber bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch in der Industriearbeiterschaft übernommen. Das romantische Waldbewusstsein der Deutschen hat sich seitdem schicht- und generationenübergreifend bis ins 21. Jahrhundert gehalten, was in Anbetracht der politischen und sozialen Umwälzungen eine bemerkenswerte Kontinuität darstellt.
19. Jahrhundert mini|hochkant|Deutsche Freiheitskämpfer im Deutschen Wald (Auf Vorposten, Gemälde von Georg Friedrich Kersting, 1815) mini|hochkant|Caspar David Friedrich: Der Chasseur im Walde, 1814
Die pathetische Beschwörung des Waldes als unverfälschte „deutsche“ Landschaft begann um 1800 in Dichtung, Malerei und Musik der deutschen Romantik. Während der Befreiungskriege von 1813 bis 1815 gegen das napoleonische Frankreich erklärte die deutsche Nationalbewegung den Wald im historischen Bezug auf die mythische Hermannsschlacht im Teutoburger Wald zu einem Symbol der nationalen Identität. Dabei waren die ursprünglich aus der Französischen Revolution stammenden Ideen von nationaler Einheit und Demokratie in Deutschland bis zur Reichseinigung 1871 eine Angelegenheit der politischen Opposition.
In diesem Zusammenhang nahm auch die Karriere der schnell sprichwörtlich gewordenen „deutschen Eiche“ als nationales Symbol für Stärke und Heldenmut genau wie die Abhaltung als unpolitisch apostrophierter Volksfeste ihren Anfang. Bekannt wurde im Vormärz, im Gefolge der französischen Julirevolution von 1830, das Hambacher Fest auf einer Ruine im Pfälzerwald.
Die Dichter und Maler der Romantik, die das Bild des deutschen Waldes zwischen Nationalisierung und Sentimentalisierung prägten, waren aufgewachsen mit einer vermuteten oder tatsächlichen Holznot des 18. Jahrhunderts, aber auch mit (Nadel-)Wäldern, die bereits „aufgeklärten“, forstwirtschaftlichen Kalkulationen unterlagen; sie kannten jedoch auch noch die lichteren, eichenbestandenen Hutewälder.
Der Dichter Joseph von Eichendorff beschwor immer wieder den („rauschenden“) Wald, der als „eine Art Hallraum der Seele“Erhard Schütz: Dichter Wald. In: Ursula Breymayer, Bernd Ulrich: Unter Bäumen. Die Deutschen und ihr Wald. Sandstein Verlag, Dresden, 2011, S. 111. ISBN 978-3-942422-70-3 fungiert. In seinem Werk wird die Trennungs-Erfahrung des Menschen von der Natur ebenso deutlich wie der Versuch, die als verloren empfundene Einheit ästhetisch wiederzugewinnen. Darüber hinaus fungierte der Wald in Eichendorffs explizit politischen ‚Zeitgedichten‘ auch als der metaphorische Inbegriff nationaler Einheit und Freiheit.Klaus Lindemann: 'Deutsch Panier, das rauschend wallt'. Der Wald in Eichendorffs patriotischen Gedichten im Kontext der Lyrik der Befreiungskriege. In: Hans-Georg Pott (Hrsg.): Eichendorff und die Spätromantik. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn u. a. 1985, ISBN 3-506-76955-3, S. 91–130. Im Verständnis von Wilhelm Grimm waren dichte Wälder neben abgelegenen Bergen die bevorzugten Gegenden, in denen sich die Volksüberlieferung wie Märchen und Sagen am ursprünglichsten und vollständigsten erhalten habe.Wilhelm Grimm: Vorrede zu den Kinder- und Hausmärchen [1812 und 1815], in: Wilhelm Grimm: Kleinere Schriften I. Herausgegeben von Gustav Hinrichs, Ferdinand Dümmlers Verlagsbuchhandlung Berlin 1881, S. 320–332, Zitat S. 320. Jacob Grimm erklärte in seiner einflussreichen Deutschen Mythologie den Wald zum naturnahen Ort ursprünglichen Volksglaubens und germanisch-deutscher Gottesverehrung.Jacob Grimm: Deutsche Mythologie, Dieterichsche Buchhandlung Göttingen 1835, S. 41. Der Novellenautor Wilhelm Heinrich Riehl setzte 1854 in seinem volkskundlichen Hauptwerk Naturgeschichte des Volkes. Land und Leute den Nationalcharakter der europäischen Völker in eine unmittelbare Beziehung zu der sie umgebenden Umwelt, weswegen der Erhalt des Waldes für ihn eine mehr nationalpolitische als volkswirtschaftliche Notwendigkeit darstellte. Charakteristische Landschaften der Engländer und Franzosen waren Riehl zufolge der gezähmte Park und das gerodete Feld, deren Gegenbild er in der „Waldwildnis“ der Deutschen sah. Noch stärker nationalistische Töne schlugen der „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn mit seiner Forderung nach Aufforstungen speziell an den Grenzen des Deutschen Reichs gegen potentielle Aggressoren und Ernst Moritz Arndt an, der den Wald als eine Überlebensvoraussetzung des deutschen Volks schlechthin verstand.Johannes Zechner: Von ‚deutschen Eichen‘ und ‚ewigen Wäldern‘. Der Wald als national-politische Projektionsfläche. In: Ursula Breymayer, Bernd Ulrich (2011), S. 231.