Die Geschichte der Juden in Russland beschreibt jüdisches Leben in der Kiewer Rus, dem Zarenreich, der Sowjetunion und dem heutigen Russland.
Geschichte bis 1772 Antike Traditionen und Legenden verbinden die Ankunft von Juden in Armenien und Georgien mit den zehn verlorenen Stämmen (um 722 v. Chr.) oder auch mit dem babylonischen Exil (586 v. Chr.). Gesicherte Angaben über eine jüdische Besiedlung in dieser Region stammen aus der hellenistischen Periode (siehe Georgische Juden). Ruinen, Aufzeichnungen und Grabinschriften bezeugen die Präsenz bedeutender jüdischer Gemeinden in den griechischen Kolonien am Schwarzen Meer, wie zum Beispiel Chersones bei Sewastopol und Pantikapaion an der Stelle des heutigen Kertsch (siehe Krimtschaken und Karäer), zunächst jedoch nicht in den eigentlichen Regionen des heutigen Russland.
Infolge von Religionsverfolgungen im Byzantinischen Reich flüchteten zahlreiche Juden in diese Gemeinden. Zur Zeit der Römisch-Persischen Kriege im 7. Jahrhundert emigrierten zahlreiche Juden in den Kaukasus und erhielten den Kontakt mit den Zentren der jüdischen Gelehrsamkeit in Babylonien und im Perserreich aufrecht (siehe Bergjuden). Seit dem Frühmittelalter bereisten jüdische Händler die Städte an der Seidenstraße (siehe Bucharische Juden) und gelangten bis Indien und China. Sie handelten mit Sklaven, Textilien, Pelzen, Gewürzen und Waffen. In der hebräischen Literatur des Mittelalters wird diese Region als Erez Kena'an (Land Kanaan) bezeichnet.
Das Königreich der Chasaren wird in der alten russischen Literatur als „Land der Juden“ bezeichnet, doch die Annahme des Judentums durch die chasarische Oberschicht dürfte nicht vor 740 erfolgt sein. Die mittelalterliche russische Epik berichtet von Feldzügen russischer Helden gegen jüdische Krieger. Die Vorteile eines Übertritts der Chasaren zum Judentum könnten in einer möglichen Allianz mit schon vorhandenen größeren jüdischen Bevölkerungsgruppen in der Region gelegen haben.Walter Homolka und Esther Seidel: Nicht durch Geburt allein. Übertritt zum Judentum. Frank & Timme, Berlin 2006, ISBN 978-3-86596-079-5, S. 73.
Kiewer Rus In Kiew, zur Zeit der Kiewer Rus, lebten Juden unter fürstlichem Schutz, und in alten russischen Quellen wird das „Tor der Juden“ in Kiew erwähnt. Als die Kiewer sich gegen Wladimir Monomach erhoben, griffen sie auch die Häuser der Juden an. In der frühen russischen religiösen Literatur haben sich Auszüge aus Disputationen zwischen Mönchen, christlichem Klerus und Juden erhalten. Es gab damals auch jüdische Gemeinden in Tschernihiw und Wolodymyr. Die Kiewer Juden berieten sich mit ihren Glaubensgenossen in Babylonien und Westeuropa über religiöse Fragen. Aus dem 12. Jahrhundert wird Rabbiner Moses aus Kiew erwähnt, der mit Rabbenu Tam und mit dem Gaon Samuel ben Ali aus Bagdad korrespondierte.
Die mongolische Invasion in Russland unter Batu Khan im Jahre 1237 und die darauffolgende mongolische Herrschaft brachte den russischen Juden viel Leid. In der Folge entwickelte sich eine zahlreiche Gemeinde – sowohl Rabbaniten (Anhänger der rabbinischen Richtung) als auch Karäer – in Feodossija auf der Krim und in umliegenden Orten. Sie standen zunächst unter der christlichen Herrschaft der Genuesen (1260–1475) und später unter dem islamischen Khanat der Krim.
Seit dem frühen 14. Jahrhundert gewann Litauen die Kontrolle über weite Teile des westlichen Russlands.
Großfürstentum Moskau Im Großfürstentum Moskau, dem Kerngebiet des künftigen Russischen Reiches, waren Juden nicht geduldet. Diese feindliche Einstellung gegenüber Juden stand im Zusammenhang mit der allgemeinen Feindlichkeit gegenüber Fremden, die als Häretiker und Agenten im Dienste feindlicher Staaten angesehen wurden. Als Zar Iwan IV. nach der erfolgreichen Verteidigung von Pskow im Jahre 1582 die Stadt Pskow für einige Zeit seinem Gebiet einverleiben konnte, befahl er, alle Juden, die den Übertritt zum Christentum verweigerten, im Fluss zu ertränken.
Zarenreich Russland In den folgenden zwei Jahrhunderten wurde russisches Gebiet von jüdischen Händlern aus Polen-Litauen entweder im Besitz einer Bewilligung oder illegal betreten, wobei sie sich ab und zu in Grenzorten niederließen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es kleine jüdische Gemeinden in der Gegend von Smolensk. 1738 wurde der Jude Baruch ben Leib verhaftet und beschuldigt, den Offizier Alexander Wosnizyn zum Judentum bekehrt zu haben. Beide wurden in Sankt Petersburg auf dem Scheiterhaufen verbrannt. 1742 befahl Kaiserin Elisabeth Petrowna die Vertreibung der wenigen in ihrem Reich lebenden Juden. Als der Senat versuchte, ihren Ausschaffungsbefehl zu widerrufen und darauf hinwies, dass der Handel in Russland und der Staat dadurch in Mitleidenschaft gezogen würden, entgegnete die Kaiserin: „Ich will keinen Nutzen von den Feinden Christi.“
Zu Beginn der Herrschaft von Katharina II. stellte sich erneut die Frage, ob Juden zu Handelszwecken der Eintritt ins Land gestattet werden sollte. Die Kaiserin war im Prinzip der Aufnahme von Juden günstig gesinnt, musste jedoch ihre Entscheidung im Lichte der negativen öffentlichen Meinung rückgängig machen. Auf der Krim und an der Schwarzmeerküste, die 1768 im Laufe des 5. Russischen Türkenkrieges von den Türken erobert wurden, übten die Behörden keinerlei Zwangsmaßnahmen gegen die dort lebenden Juden aus und ermöglichten sogar stillschweigend die Ansiedlung neuer Gemeinden. Infolge der drei polnischen Teilungen erhielt jedoch die Frage der Anwesenheit von Juden auf russischem Boden eine unerwartete Wendung, als ab 1772 Hunderttausende von Juden mit einem Schlag zu Untertanen des russischen Reiches wurden.
Russisches Kaiserreich: Erste Phase (1772–1881) mini|250px|Lage des Ansiedlungsrayons mini|250px|Photographie der Jeschiwa von Waloschyn aus dem 19. Jhd.
Die Juden, welche in den von Russland eroberten Gebieten wohnten („Westliche Region“ und „Weichselland“ gemäß der russischen Verwaltungsbezeichnung), waren eine gesonderte soziale Gruppe. Wie in Polen-Litauen bildeten sie im Wesentlichen den Mittelstand zwischen der Aristokratie und den Großgrundbesitzern einerseits und den Massen der seit Ende 15. Jahrhundert–Anfang 17. Jahrhundert zunehmend leibeigenen Bauern andererseits. Viele Juden waren als Pächter von Dörfern, Mühlen, Wäldern und Gasthöfen tätig oder auch als Händler und Hausierer. Es gab auch Handwerker, die für Grundbesitzer und Bauern arbeiteten. Es wird geschätzt, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts je 30 % der russischen Juden im Gastgewerbe und im Handel arbeiteten, 15 % als Handwerker und 21 % keine feste Beschäftigung hatten. Die restlichen 4 % waren im religiösen Bereich und in der Landwirtschaft tätig.
Die wirtschaftliche Situation der Juden verschlechterte sich mehr und mehr, als ihr Recht auf Niederlassung auf den Ansiedlungsrayon im Westen Russlands beschränkt wurde. Der schnelle Bevölkerungszuwachs und die daraus folgende Proletarisierung trugen ebenfalls zur Verarmung bei. Die Autonomie der jüdischen Gemeinden wurde zunächst von der Regierung anerkannt. Das jüdische Erziehungssystem, aufgebaut auf Cheder und Talmudhochschulen, wurde beibehalten.
Die Gemeinden im Westen Russlands, die zu Ende des 18. Jahrhunderts unter russische Herrschaft gerieten, waren schwer verschuldet. Neben den allgemeinen wirtschaftlichen Problemen erwiesen sich Sondersteuern, wie die Fleischsteuer (russ. „Korobka“) für den Verzehr von koscherem Fleisch und die Kerzensteuer für rituell vorgeschriebene Kerzen am Sabbat und an Feiertagen, für Mittellose als schwere Last. Viele Juden verließen die Kleinstädte und siedelten sich in Dörfern oder auf den Gütern von Adligen an. Hinzu kam der Konflikt zwischen Chassidim und ihren Gegnern, den Mitnagdim, in den die russische Regierung hineingezogen wurde. Nach Beschwerden und Verleumdungen wurde der chassidische Rabbiner Schneur Salman 1798 verhaftet und nach St. Petersburg zum Verhör gebracht. Die zahlreichen „Höfe“ der Chassidim, darunter diejenigen der Chabad-Bewegung, und die Jeschiwot der Mitnagdim, d. h. der Anhänger des Gaons von Wilna, mit Schwerpunkt in Woloschin, bildeten gemeinsam eine besonders ausgeprägte Form der jüdischen Kultur.
Unmittelbar nach der Eroberung der polnischen Gebiete begann die russische Regierung, die Frage, wie man mit den dort lebenden Juden verfahren sollte, als Judenfrage anzusehen, und plante dieses Problem entweder durch Assimilation in die russische Gesellschaft oder durch Ausweisung zu lösen. In den ersten 50 Jahren unter russischer Herrschaft wurden zunächst die Regelungen für Juden beibehalten, die unter polnischer Herrschaft gegolten hatten. Ein Dekret aus dem Jahre 1791 bestätigte das Recht der Juden auf Niederlassung in den von Polen eroberten Gebieten und gestattete ihre Ansiedlung in den unbewohnten Steppen der Schwarzmeerküste, die am Ende des 18. Jahrhunderts von den Türken erobert worden waren, sowie in den Gouvernements Tschernigow und Poltawa rechts des Dnepr. So entstand der Ansiedlungsrayon, der seine abschließende Form mit der Eroberung von Bessarabien im Jahre 1812 und der Bildung von Kongresspolen 1815 erhielt. Er erstreckte sich von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer und umfasste 25 Gouvernements, wobei die Juden ein Neuntel der Gesamtbevölkerung ausmachten. Die Ansiedlung von Juden wurde auch in Kurland und im Verlauf des 19. Jahrhunderts im Kaukasus und im russischen Zentralasien gestattet.
Das erste Jüdische Statut wurde 1804 erlassen. Es gestattete die Aufnahme von Juden in sämtliche Grund-, Mittel- und Hochschulen in Russland und erlaubte auch die Errichtung von jüdischen Schulen, solange die Unterrichtssprache Russisch, Polnisch oder Deutsch war. Im selben Statut wurde die Niederlassung von Juden und ihre Tätigkeit als Pächter in Dörfern sowie der Ausschank von alkoholischen Getränken an Bauern verboten. Damit sahen sich Tausende von jüdischen Familien ihrer Lebensgrundlage beraubt. Die Ausweisung aus den Dörfern wurde für einige Jahre aufgeschoben, 1822 in den belarussischen Dörfern jedoch systematisch durchgeführt.
Nikolaus I. Die Regierungszeit von Nikolaus I. bildet in der Geschichte des russischen Judentums ein dunkles Kapitel. Der Zar suchte die „Judenfrage“ durch Zwang und Unterdrückung zu lösen. 1827 führte er das Kantonistensystem ein, das die aufgezwungene Aushebung jüdischer Jugendlicher zwischen 12 und 25 Jahren in die russische Armee vorsah. Unter 18-Jährige wurden auf besondere Militärschulen geschickt, die auch von Soldatensöhnen besucht wurden. Dieses Gesetz war für die litauischen und ukrainischen Gemeinden ein schwerer Schlag; auf die Bevölkerung der „polnischen“ Provinzen wurde es nicht angewandt. Da der jahrelange Militärdienst verhasst war, waren die für die Musterung Verantwortlichen gezwungen, Presser (jiddisch Chapper) einzustellen, um die Jugendlichen aufzugreifen. Die Wehrpflicht der russischen Juden brachte ihnen in anderen Bereichen keine Erleichterungen. Sie wurden weiterhin aus den Dörfern sowie aus Kiew ausgewiesen, und 1843 wurden neue jüdische Ansiedlungen in einer Distanz von 50 Werst zur russischen Grenze untersagt. Andererseits förderte die Regierung landwirtschaftliche jüdische Ansiedlungen und befreite Landwirte von der Wehrpflicht. In Südrussland und weiteren Gebieten des Ansiedlungsrayons entstanden zahlreiche jüdische Siedlungen auf Ländereien in Staats- und Privatbesitz.