Die Bahnstrecke Immenstadt–Oberstdorf ist eine eingleisige, nicht elektrifizierte Nebenbahn in Bayern. Sie zweigt in Immenstadt im Allgäu von der Bahnstrecke Buchloe–Lindau ab und führt über Sonthofen nach Oberstdorf. Dabei liegt sie vollständig im Landkreis Oberallgäu und folgt fast auf ganzer Länge dem Lauf der Iller, lediglich die letzten zwei Kilometer liegen parallel zur Trettach. Die Strecke wird von der Deutschen Bahn betrieben, auf ihr verlaufen die Kursbuchstrecken 970 und 975. Letztere wurde in früheren Jahren auch als Illertalbahn bezeichnet.

Angesichts der touristischen Bedeutung des Allgäus wies die Strecke schon früh Schienenpersonenfernverkehr auf, um Urlaubern aus zahlreichen Großstädten Deutschlands Direktverbindungen zu ihrem Ferienziel bieten zu können. Sie ist auch für das österreichische Kleinwalsertal bedeutsam, das auf dem Straßenweg nur über Oberstdorf erreicht werden kann, also eine funktionale Exklave Österreichs ist.

Geschichte Vorgeschichte Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts war Oberstdorf nur über schlechte Straßen erreichbar, die nur von Händlern und Handwerkern zu Fuß oder mit Fuhrwerken benutzt wurden. Eine Verbesserung der Verhältnisse ergab sich erst 1853 mit der Verlängerung der bereits von Kempten (Allgäu) nach Sonthofen bestehenden Postkutschen-Verbindung bis Oberstdorf.Hans Erb: 1888 – 1988 Hundert Jahre Bahnlinie Sonthofen – Oberstdorf (Teil 1) auf verschoenerungsverein-oberstdorf.de, abgerufen am 10. November 2023 Diese sogenannte Karriolpost, eine einspännige Kutsche, fuhr an geraden Tagen in südlicher Richtung rechts der Iller über Sonthofen, Altstädten, Schöllang, Reichenbach sowie Rubi und auf der linken Illerseite über Langenwang, Fischen und Blaichach zurück. An ungeraden Tagen verkehrte sie hingegen auf der Hinfahrt links und auf der Rückfahrt rechts des Flusses.Mit der Eisenbahn beginnt der Aufschwung. In: Oberstdorf Magazin. Ausgabe 11/2008, S. 21, online auf issuu.com, abgerufen am 11. November 2023

Eröffnung der Vizinalbahn nach Sonthofen Nachdem Immenstadt, ebenfalls 1853, durch die Hauptbahn von Buchloe nach Lindau Eisenbahnanschluss erhielt, bemühte sich die damalige Marktgemeinde Sonthofen um die Anlage einer Stichbahn. Die 8,33 Kilometer lange Vizinalbahn entstand mit finanzieller Beteiligung Sonthofens und wurde am 16. November 1873 eröffnet. Als einzige der 15 Vizinalbahnen Bayerns wurde für die Strecke Immenstadt–Sonthofen später nicht, wie sonst üblich, der Gesamtbetrag, sondern nur die Hälfte der Kosten für Erd- und Dammbauarbeiten zurückvergütet. Im Anschluss an die Eisenbahnzüge der Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen verkehrten Stellwagen und Postkutschen von Sonthofen nach Oberstdorf. In Immenstadt wurde die neue Strecke aus östlicher Richtung in den Bahnhof eingeführt, so dass die aus Richtung Kempten (Allgäu) Hauptbahnhof kommenden Züge mit Ziel Oberstdorf dort bis heute ihre Fahrtrichtung ändern müssen. Anfangs erfolgte der Betrieb mit Tenderlokomotiven der Baureihe D II.D II (1. Besetzung) auf dampflokomotivarchiv.de, abgerufen am 11. November 2023

Verlängerung nach Oberstdorf mini|links|Feierliche Eröffnung im Bahnhof Oberstdorf am 2. August 1888 mini|links|Erster Fahrplan nach Verlängerung bis Oberstdorf, damals noch ohne die Stationen Altstädten (Allgäu), Thalhofen und Langenwang (Schwab), der Bahnhof Blaichach zudem noch ohne den Zusatz „(Allgäu)“ mini|links|Reklame der LAG für die Strecke, 1890 Nur wenige Jahre nach Eröffnung der Strecke bis Sonthofen wurde der Wunsch nach einer Weiterführung bis Oberstdorf laut. Am 27. Juni 1886 fand in Fischen im Allgäu eine Zusammenkunft der an einem Eisenbahnbau interessierten Bevölkerungskreise statt. Es wurde ein Komitee gegründet. Die „Lokalbahn-Bau und Betriebsunternehmung“ der Ingenieure Theodor Lechner und Viktor Krüzner in München nahm diese Anregung auf und bat am 12. Juli 1886 das „Hohe königliche Staatsministerium des königlichen Hauses und des Äußern“, das damals für den Bahnbau zuständig war, um Erteilung einer Projektierungskonzession. Dieser Bitte schlossen sich die Stadtverwaltung Immenstadt, die Marktgemeindeverwaltung Oberstdorf, die Gemeindeverwaltung Fischen und die Gemeindeverwaltung Altstädten an. Die Konzession für die Projektierung der Strecke wurde am 27. September 1886 von Prinzregent Luitpold von Bayern genehmigt und der Firma Lechner & Krüzner am 19. Oktober 1886 erteilt. Die beiden Ingenieure arbeiteten nun das Projekt aus. Als ihnen am 9. Februar 1887 die Direktion der neu gegründeten Lokalbahn Aktien-Gesellschaft (LAG) in München übertragen wurde, lösten sie ihre „Lokalbahn-Bau und Betriebsunternehmung“ auf. Die bereits fertigen Entwürfe für eine normalspurige Lokalbahn von Sonthofen nach Oberstdorf brachten sie in die neue LAG ein. Diese Privatbahn stellte am 19. Februar 1887 an das Staatsministerium den Antrag auf Erteilung einer Konzession für den Bau und Betrieb der Verlängerung nach Oberstdorf, die am 22. Mai 1887 erteilt wurde.

Im Juli 1887 wurden die benötigten Grundstücke gekauft, am 1. September 1887 begannen die Bauarbeiten. Nach einer Terminverschiebung konnte die LAG schließlich am 29. Juli 1888 die 13,38 Kilometer lange Fortsetzung bis Oberstdorf in Betrieb nehmen, zunächst noch ohne die Zwischenstationen Altstädten, Thalhofen und Langenwang. Die feierliche Eröffnung erfolgte am 2. August 1888. In Sonthofen bestand fortan ein gemeinsamer Kopfbahnhof mit der Staatsbahn, bedingt durch das Umsetzen der Lokomotive hatten die durchgehenden Züge dort einen Aufenthalt von 20 Minuten. Die Betriebsleitung der LAG befand sich in Oberstdorf, die LAG übernahm damals zudem auch die Betriebsführung auf dem bestehenden Abschnitt Immenstadt–Sonthofen. Die Höchstgeschwindigkeit war anfangs auf 30 km/h festgesetzt, die Reisezeit von Immenstadt nach Oberstdorf betrug rund eineinviertel Stunden, von Sonthofen nach Oberstdorf rund 40 Minuten. Bereits im restlichen Jahr 1888 beförderte die neue Lokalbahn 52.509 Personen und 4.171 Tonnen Güter. Die Zahl der Gästeankünfte in Oberstdorf stieg durch die Eisenbahn von 2.668 im Jahr 1887 auf 4.270 im Jahr 1889, zehn Jahre später waren es dann bereits 7991, 1903 schon 10.774.

Ab dem Sommerfahrplan 1899 befuhr die LAG, wie die Königlich Bayerischen Staatseisenbahnen, in einem gegenseitigen Übereinkommen, die gesamte Strecke von Immenstadt bis Oberstdorf. Im Fahrplan vom 1. Juni 1890 waren die Stationen Altstädten, Thalhofen und Langenwang schon aufgeführt. Bereits im Jahr 1907 verkehrten Wintersport-Züge von Kempten nach Oberstdorf, schon 1909 gab es Kurswagen von München und Bruchsal nach Oberstdorf. Mit dem Einsatz von Kurswagen zwischen Ulm und Oberstdorf stiegen die Besucherzahlen weiter an, der Durchbruch kam, als mit dem weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes 1910 zwischen Dortmund und Oberstdorf die ersten durchgehenden Schnellzüge mit Schlafwagen eingesetzt werden konnten. 1939 bestanden dann bereits Direktverbindungen von Berlin, Dresden, Dortmund und Wuppertal nach Oberstdorf.Kursbuch 1939.

mini|1910: Die reparierte Stillachbrücke, links die Brücke der damaligen Distriktsstraße nach Oberstdorf Intensive Regenfälle am 14., 15. und 16. Juni 1910, die mit einer verspäteten Schneeschmelze zusammenfielen, verursachten im gesamten Oberallgäu Überschwemmungen. Das Hochwasser riss viele Brücken mit, darunter die Eisenbahnbrücken über die Stillach, den Grundbach und die Iller bei Fischen. Der Bahndamm wurde stark beschädigt. Der damalige Betriebsleiter der LAG-Strecke Sonthofen–Oberstdorf, Heinrich Seifert, erbat beim königlichen Staatsministerium militärische Hilfe, die ihm auch gewährt wurde. Unter Leitung von Oberst Schuster, vom königlichen Eisenbahn-Pionier-Bataillon in München, konnten die notwendigsten Instandsetzungsarbeiten durchgeführt werden.

Im Jahr 1912 verkehrten im Sommer sonntags zehn, werktags neun Zugpaare sowie ein Güterzug, im Winter sonntags fünf, werktags vier Zugpaare und ebenfalls ein Güterzug. Es gab durchlaufende Wagen von Frankfurt (Main) und München nach Oberstdorf. Die Fahrzeit von Immenstadt nach Oberstdorf betrug 63, von Sonthofen nach Oberstdorf 33 Minuten. 1915 betrug der Fahrpreis von Sonthofen nach Oberstdorf in der zweiten 1,05 und in der dritten Wagenklasse 0,70 Reichsmark. Es verkehrten sonntags und werktags je vier Züge in jede Richtung.

Der Erste Weltkrieg sowie die anschließenden Inflationsjahre brachten Einbußen durch den Rückgang der Kurgäste in Oberstdorf. Auch die damals herrschende Kohlenknappheit behinderte den Bahnbetrieb. 1923 weilten dann aber schon wieder rund 32.000 Kurgäste in Oberstdorf. Großes Aufsehen erregte am 4. Februar 1930 die Ankunft von Königin Wilhelmina der Niederlande mit ihrem Gefolge, sie reiste im eigenen Salonwagen nach Oberstdorf.Hans Erb: 1888 – 1988 Hundert Jahre Bahnlinie Sonthofen – Oberstdorf (Teil 2) auf verschoenerungsverein-oberstdorf.de, abgerufen am 12. November 2023

1930 wurde die Breitachbrücke erneuert, 1932 verbilligte die LAG die Fahrpreise, so dass eine Fahrt von Oberstdorf nach Sonthofen statt 1,20 nur noch 1,10 Reichsmark kostete. Die bisherige Höchstgeschwindigkeit von 30 km/h auf der Strecke Sonthofen–Oberstdorf konnte auf 40 km/h erhöht werden. Im Jahre 1934 beförderte die Privatbahn auf der Strecke Sonthofen–Oberstdorf 506.070 Personen und 31.457 Tonnen Güter. Die kürzeste Fahrtdauer nach Oberstdorf betrug damals von Berlin dreizehneinhalb, von Hamburg siebzehn, von Dresden dreizehneinviertel, von Nürnberg fünfeinviertel, von Köln vierzehneinhalb, von Frankfurt (Main) zehneinhalb, von Stuttgart fünf, von Breslau siebzehneinhalb und von München drei Stunden.

1937 konnte erneut die Fahrgeschwindigkeit erhöht werden, diesmal von 40 km/h auf 50 km/h. Im selben Jahr beförderte die LAG auf ihrem Streckenabschnitt 780.293 Personen und 49.148 Tonnen Güter. In Oberstdorf waren im gleichen Jahr 79.869 Kurgäste gemeldet. Im Winterfahrplan 1937/38, verkehrten sonntags 15, werktags 14 Zugpaare, darunter vier Zugpaare mit Kurswagen Ulm–Oberstdorf sowie je ein Zugpaar mit Kurswagen München–Oberstdorf und Berlin–Oberstdorf. Ein weiteres Zugpaar Dortmund–Oberstdorf führte Schlafwagen. Die Fahrzeit von Immenstadt nach Oberstdorf betrug 50, von Sonthofen nach Oberstdorf 30 Minuten.

Verstaatlichung der LAG und Neutrassierung in Sonthofen mini|Der 1949 aufgelassene alte Sonthofener Kopfbahnhof um die Jahrhundertwende mini|Ehemaliges Sonthofener Bahnhofsgelände, heute Oberallgäuer Platz (2012) Mit der zum 1. August 1938 erfolgten Verstaatlichung der wirtschaftlich angeschlagenen LAG war die Deutsche Reichsbahn fortan für die Gesamtstrecke zuständig, sie gehörte jetzt zur Reichsbahndirektion Augsburg. Allerdings gehörte die Strecke Sonthofen–Oberstdorf zusammen mit Marktoberdorf–Füssen und Niederbiegen–Weingarten zu den drei rentablen Betriebsteilen der LAG, sie glichen bis zur Abwicklung des Unternehmens den Verlust der unrentablen Strecken aus.Von der Verstaatlichung 1938 bis 1960 auf geschichtsforum-pullach.de, abgerufen am 12. November 2023 Mit der Integration in die Staatsbahn erhielten die Stationen Blaichach, Altstädten und Langenwang auch ihre Zusätze „(Allgäu)“ respektive „(Schwab)“, um sie besser von gleich oder ähnlich lautenden Stationen im bestehenden Netz der Deutschen Reichsbahn abgrenzen zu können.