mini|hochkant=1.2|Dieter Hildebrandt (2010) rahmenlos|zentriert|class=notpageimage skin-invert-image|Unterschrift Dieter Hildebrandt deutscher Kabarettist

Dieter Hildebrandt (* 23. Mai 1927 in Bunzlau, Niederschlesien; † 20. November 2013 in München) war ein deutscher Kabarettist, Schauspieler und Buchautor. Bekannt wurde er als Mitbegründer der Münchner Lach- und Schießgesellschaft sowie durch die Fernsehsendungen Notizen aus der Provinz und Scheibenwischer, die zu langjährigen Erfolgen wurden und mehrfach zu politischen Kontroversen führten. Er trat bis ins hohe Alter auf. Hildebrandt war einer der einflussreichsten Kabarettisten in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und veröffentlichte zahlreiche Bücher.

Leben Kindheit, Jugend und Ausbildung Dieter Hildebrandt wurde als Sohn des beamteten Oberlandwirtschaftsrats Walter Hildebrandt (1889–1976) und seiner Frau Gertrud, geb. Meißner (1898–1994), im niederschlesischen Bunzlau geboren. Sein Vater, Sohn eines Großbauern, stammte aus Lindow (Mark Brandenburg); seine Mutter war die Tochter des Bunzlauer Landmaschinenfabrikanten Anton Meißner. Er hatte zwei Brüder; einer starb jung, der andere Bruder war der Sportjournalist Bernd Hildebrandt (1942–2004). Als Dieter Hildebrandt acht Jahre alt war, erwarb der Vater einen Bauernhof, den die Familie von da an bewirtschaftete. Bereits in der Schulzeit an den Staatlichen Zahnschen Bildungsanstalten, einer Oberschule in Bunzlau, entdeckte Hildebrandt seine Liebe zur Schauspielerei: er wurde Mitglied einer Spielschar der Hitlerjugend.Strobel, Faulstich: Die deutschen Fernsehstars. Band 4: Zielgruppenstars, S. 92.

Ab 1943 war Hildebrandt Flakhelfer im niederschlesischen Liegnitz und in Berlin; kurz vor Kriegsende wurde er noch zur Wehrmacht eingezogen. Am 19. Februar 1944 beantragte er die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 20. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 9.903.410).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/15600432 Hildebrandt bestritt 2007, als dies bekannt wurde, wissentlich einen Aufnahmeantrag gestellt zu haben. Er sprach von Rufmord und äußerte, dass möglicherweise seine Mutter den NSDAP-Aufnahmeantrag unterschrieben habe. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand war eine Aufnahme in die Partei ohne eigenhändige Unterschrift nicht möglich.Armin Nolzen: „Vom ‚Jugendgenossen‘ zum ‚Parteigenossen‘. Die Aufnahme von Angehörigen der Hitler-Jugend in die NSDAP“, in: Benz, Wolfgang (Hg.): „Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder“, Fischer Verlag 2009, S. 123–150

Ein von Hildebrandt unterzeichneter Aufnahmeantrag ist in den Unterlagen des Bundesarchivs nicht überliefert.Bundesarchiv R 9361‑IX KARTEI/15600432. Die Forschung weist darauf hin, dass die Aufnahmepraxis der NSDAP in den letzten Kriegsjahren regional uneinheitlich dokumentiert ist. Der Historiker Armin Nolzen beschreibt, dass 1944 vereinzelt Sammelaufnahmen von Angehörigen der Hitlerjugend erwogen oder versucht wurden, ohne dass deren flächendeckende Durchführung belegt wäre.Armin Nolzen: Vom „Jugendgenossen“ zum „Parteigenossen“. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 57 (2009), S. 53–84.

Der Historiker Wolfgang Wippermann betonte, dass es keine schriftliche Quelle dafür gebe, dass Hitlerjungen ohne Wissen und Zutun in die NSDAP aufgenommen worden seien. Norbert Frei, Ulrich Herbert und Hans-Ulrich Wehler hielten dagegen, dass über die Aufnahmepraxis in den lokalen Parteisektionen viel zu wenig bekannt sei und Aufnahmen ohne Wissen der Beteiligten geschehen wären, ohne allerdings irgendwelche Belege für ihre Aussagen beizubringen.https://www.welt.de/kultur/article992058/Historiker-uneins-ueber-NSDAP-Mitgliedschaften.html

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs war Hildebrandt in der Nähe von Berlin eingesetzt und kam in Kriegsgefangenschaft in Gardelegen. Nach der Entlassung traf er 1945 in Windischeschenbach in der Oberpfalz mit seiner aus Schlesien vertriebenen Familie zusammen. In Weiden holte Hildebrandt 1947 das Abitur nach. 1950 begann er ein Studium der Literatur- und Theaterwissenschaften sowie der Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Noch immer strebte er jedoch den Beruf des Schauspielers an und nahm nach dem Scheitern der Aufnahmeprüfung an der Otto Falckenberg Schule privaten Schauspielunterricht bei Alice Strathmann. 1953 legte er am Münchner Residenztheater die Prüfung der Schauspieler-Genossenschaft ab. Hildebrandt hatte begonnen, an einer Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades zu arbeiten, brach jedoch 1955 ohne Abschluss ab, als sein Doktorvater Artur Kutscher emeritiert wurde und sich erste Erfolge bei seinen Auftritten in Studentenkabaretts einstellten.

Kabarett

Zum ersten Kontakt Hildebrandts mit dem Kabarett kam es während seines Studiums. Als Platzanweiser arbeitete er im Münchner Theater Die Kleine Freiheit, das 1951 von Trude Kolman gegründet worden war und in dem Erich Kästner die Programme schrieb. Hier lernte er Werner Finck, Robert Neumann und Oliver Hassencamp kennen, die ihn stark beeindruckten. In der Folge wirkte Hildebrandt selbst beim Studentenkabarett Die Seminarren mit und gründete 1955 mit Kommilitonen das Kabarett Die Namenlosen, dessen Aufführungen in Schwabing so erfolgreich waren, dass 1956 ein Programm im Fernsehen übertragen wurde.

mini|hochkant=1.2|Die Münchner Lach- und Schießgesellschaft 1964 (von links nach rechts: Ursula Noack, Jürgen Scheller, Hans Jürgen Diedrich, Dieter Hildebrandt, Klaus Havenstein)

Nach der Auflösung der Namenlosen gründete Hildebrandt gemeinsam mit dem Sportreporter Sammy Drechsel 1956 die Münchner Lach- und Schießgesellschaft, die sich in den Folgejahren zu einem der bedeutendsten Kabaretts in der Bundesrepublik entwickelte. Von Anfang an wurden die Programme im Hörfunk und Fernsehen übertragen. Vor allem Schimpf vor zwölf, das Silvesterprogramm der Lach- und Schießgesellschaft, zwischen 1963 und 1971 alle zwei Jahre von der ARD zur Hauptsendezeit live ausgestrahlt, wurde zu einer ständigen Einrichtung und machte die Gruppe einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Ab 1962 ging das Ensemble jährlich auf Tournee. Während die anderen Mitglieder im Lauf der Jahre wechselten, blieben Drechsel als Regisseur und Organisator sowie Hildebrandt mit den für ihn typischen Soli die Fixpunkte des Ensembles.Strobel, Faulstich: Die deutschen Fernsehstars. Band 4: Zielgruppenstars, S. 93.

Im Dezember 1972 gab die Lach- und Schießgesellschaft ihre Abschiedsvorstellung. Die Auflösung fiel in eine Zeit, als nach dem Ende der Großen Koalition und mit dem Amtsantritt Willy Brandts das politische Kabarett in eine Krise geraten war und von vielen für tot erklärt wurde. Nach eigenen Aussagen fühlte sich das Ensemble nur mehr als „Staatskabarett“ und „Stimmungslokal für Betriebsausflüge ganzer Vorstandsetagen“.Strobel, Faulstich: Die deutschen Fernsehstars. Band 4: Zielgruppenstars, S. 93–94. In einem frühen Programmheft hatte die Lach- und Schießgesellschaft noch erklärt, dass politisches Kabarett Opposition bedeute, die in Deutschland links stehe. Gegenüber der SPD wolle man laut einer Aussage von Sammy Drechsel aus dem Jahr 1971 jedoch nur „klein-klein schießen“.Elke Reinhard: Warum heißt Kabarett heute Comedy? Metamorphosen in der deutschen Fernsehunterhaltung. Lit-Verlag, Münster 2006 (Diss. Universität Mannheim), ISBN 3-8258-9231-X, S. 89. Als sich die Lach- und Schießgesellschaft 1976 neu gründete, blieb Hildebrandt dem Kabarett als Berater und Texter verbunden, trat allerdings selbst nicht mehr auf.

Einen neuen Partner für eigene kabarettistische Unternehmungen fand Hildebrandt in dem Österreicher Werner Schneyder (1937–2019), mit dem er zwischen 1974 und 1981 insgesamt sechs Programme schrieb und durch ganz Deutschland und Österreich tourte. 1985 kam es zu einem gemeinsamen Gastspiel in der DDR auf Einladung der Leipziger Pfeffermühle, ein Auftritt, den Hildebrandt rückblickend als „herausragendes Berufserlebnis“ wertete. In den 1980er Jahren folgten zwei gemeinsame Programme Hildebrandts mit Gerhard Polt sowie die Mitwirkung in dessen Filmen Kehraus und Man spricht deutsh.Strobel, Faulstich: Die deutschen Fernsehstars. Band 4: Zielgruppenstars, S. 94–95.

Fernsehen

mini|hochkant=0.6|Dieter Hildebrandt (2011)

Bereits seit Ende der 1950er Jahre hatte Hildebrandt immer wieder fürs Fernsehen gearbeitet. Er spielte in Produktionen wie dem Musical Es gibt immer drei Möglichkeiten von 1959 und schrieb Drehbücher wie zum Kinofilm Mein Mann, das Wirtschaftswunder, einer Komödie aus dem Jahr 1960. Beide Tätigkeiten vereinte die Verfilmung der satirischen Erzählung Doktor Murkes gesammeltes Schweigen von Heinrich Böll aus dem Jahr 1964, in der Hildebrandt die Titelrolle übernahm. Auch in verschiedenen Kabarettsendungen war er über mehrere Jahre hinweg aktiv, so in Die Rückblende und der Silvesterproduktion Schimpf vor zwölf.Strobel, Faulstich: Die deutschen Fernsehstars. Band 4: Zielgruppenstars, S. 95.

Von 1973 an erhielt Hildebrandt beim ZDF eine eigene politische Satiresendereihe namens Notizen aus der Provinz, die bis 1979 in insgesamt 66 Folgen ausgestrahlt wurde. Sie basierte wie zuvor die Lach- und Schießgesellschaft auf einer Zusammenarbeit von Sammy Drechsel und Dieter Hildebrandt. Während ersterer die Studioregie führte, moderierte Hildebrandt im typischen Stil von Politmagazinen die Filmbeiträge an, in denen gestellte Szenen und dokumentarisches Material gegeneinander geschnitten wurden. Die Sendung machte Hildebrandt weithin bekannt; laut Ricarda Strobel förderte sie seinen „Ruf als kritischer Querdenker“. Die politische Ausrichtung zog allerdings auch mehrfach Proteste von Seiten konservativer Politiker nach sich; zwei Folgen wurden aus dem Programm genommen beziehungsweise in der Produktion gestoppt. Im Jahr der Bundestagswahl 1980 verordnete der damalige Programmdirektor Dieter Stolte dem Magazin, dem zuvor untersagt worden war, den Namen Leo Kirch (politisch einflussreicher Geschäftspartner des ZDF) im Programm zu nennen, eine „Denkpause“, die zum Wechsel Hildebrandts zur ARD führte.Dieter Hildebrandt, Peter Ensikat: Wie haben wir gelacht. Ansichten zweier Clowns. Hrsg. von Franziska Günther und Thomas Grimm, bearbeitet von David Ensikat. Aufbau Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-351-02760-5, S. 125–127.Strobel, Faulstich: Die deutschen Fernsehstars. Band 4: Zielgruppenstars, S. 95, 98–102.

Produziert vom Sender Freies Berlin und erneut unter der Regie Drechsels etablierte Hildebrandt in der ARD die Kabarettsendung Scheibenwischer, die in unterschiedlicher Länge und zu unterschiedlichen Sendezeiten von Juni 1980 bis Dezember 2008 ausgestrahlt wurde. Das Format der Sendung erinnerte an ein Nummernkabarett mit Hildebrandt als Conférencier, wobei die Beiträge der Gastkabarettisten zumeist um ein gemeinsames Thema kreisten. Im Unterschied zum vorfabrizierten Magazinformat der Notizen aus der Provinz bot der Scheibenwischer Live-Kabarett auf einer Bühne vor Studiopublikum, was eine größere Aktualität ermöglichte und gleichzeitig Zensurmaßnahmen von außen erschwerte. Dennoch sorgte auch der Scheibenwischer immer wieder für politische Kontroversen, die am 22. Mai 1986, anlässlich einer Sendung zur Nuklearkatastrophe von Tschernobyl, in einer Ausblendung des Bayerischen Rundfunks aus dem gemeinsamen ARD-Programm gipfelten.Strobel, Faulstich: Die deutschen Fernsehstars. Band 4: Zielgruppenstars, S. 102–108.