Die sogenannte Liebmann-Aufzeichnung ist die stichpunktartige Zusammenfassung einer zweieinhalbstündigen Rede,Thilo Vogelsang: Neue Dokumente zur Geschichte der Reichswehr 1930–1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2, 1954, Heft 4, S. 397–436 (PDF, 1,77 MB), hier S. 434. die Adolf Hitler am 3. Februar 1933 vor den höchsten Vertretern der Reichswehr hielt. Dieselbe Rede fasst auch das unabhängig von der Liebmann-Aufzeichnung entstandene Mellenthin-Diktat und die Abschrift des kommunistischen Nachrichtendienstes zusammen.

Der Name der Aufzeichnung geht auf den Generalleutnant Curt Liebmann zurück, der über zahlreiche Befehlshaberbesprechungen Andreas Wirsching: „Man kann nur Boden germanisieren“. Eine neue Quelle zu Hitlers Rede vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49, 2001, Heft 3, S. 517–550 (PDF, 1,45 MB), hier S. 520. Notizen anfertigte. Durch die Aufzeichnung vom 3. Februar 1933 wurden, ähnlich wie im Falle der Hoßbach-Niederschrift aus dem Jahr 1937, Äußerungen Hitlers überliefert, die Andreas Wirsching: „Man kann nur Boden germanisieren“. Eine neue Quelle zu Hitlers Rede vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49, 2001, Heft 3, S. 517–550 (PDF, 1,45 MB), hier S. 517. offenbarten. Erstmals in seiner Funktion als Reichskanzler verkündete Hitler am 3. Februar 1933 sein Expansionsprogramm zur Gewinnung von so genanntem Lebensraum im Osten.

Der Inhalt von Hitlers Rede war bis zur Veröffentlichung der Liebmann-Aufzeichnung 1954 allgemein unbekannt. Seither wurden Liebmanns Notizen in der zeithistorischen Forschung vielfach diskutiert. Dabei . Während letztere Frage bis heute umstritten ist, herrscht im ersteren Punkt weitgehende Einigkeit über die Bedeutung der Rede als Grundlage der Allianz zwischen Hitler und der Reichswehr-Führung um den neuernannten Reichswehrminister Werner von Blomberg und den Chef des Ministeramtes Walter von Reichenau.

Rahmenbedingungen Vorgeschichte und Interessenlage

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 besuchte Hitler am folgenden Morgen überraschend einige Kasernen in Berlin und sprach dort ohne Wissen der Generalität vor den Soldaten . Da die Reichswehrführung darüber beunruhigt war, lud Kurt von Hammerstein-Equord, der Chef der Heeresleitung, Hitler für den 3. Februar zu einem Abendessen in seiner Privatwohnung ein, das wahrscheinlich anlässlich des 60. Geburtstages von Reichsaußenminister Konstantin von Neurath stattfandAndreas Wirsching: „Man kann nur Boden germanisieren“. Eine neue Quelle zu Hitlers Rede vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49, 2001, Heft 3, S. 517–550 (PDF, 1,45 MB), hier S. 523. und zu dem auch die höheren Generäle eingeladen waren, die sich wegen einer Befehlshaberbesprechung am selben Tag in Berlin aufhielten.

Während der Befehlshaberbesprechung im Reichswehrministerium hatte der mit dem Kabinett Hitler neu ernannte Reichswehrminister Werner von Blomberg sich selbst und seine Anschauungen vorgestellt.Thilo Vogelsang: Neue Dokumente zur Geschichte der Reichswehr 1930–1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2, 1954, Heft 4, S. 397–436 (PDF, 1,77 MB), hier S. 432–434 (Dokument Nr. 7: 1933 Februar 3, Berlin. Ausführungen des Reichswehrministers von Blomberg vor den Gruppen- und Wehrkreisbefehlshabern im Reichswehrministerium. Handschr. Aufzeichnungen des Gen.Lt. Liebmann als Grundlage für spätere Kommandeurbesprechungen. München, Archiv des Instituts für Zeitgeschichte, Nr. 167/51, fol. 37–38.). Dabei hatte er die Kontinuität zur Politik seines Amtsvorgängers (und kurzzeitigen Reichskanzlers) Kurt von Schleicher betont, die er fortzuführen gedachte. Er gab an, die Reichswehr als überparteiliches Machtmittel erhalten zu wollen. Gleichzeitig solle sie auf die „Wehrhaftmachung“ des Volkes drängen, und schließlich zu einem machtvollen Instrument der Sicherheitspolitik gemacht werden.

Das am Abend folgende Treffen des neuen Reichskanzlers mit den militärischen Befehlshabern war für Hitler die Gelegenheit, die Stellung und Aufgaben der Reichswehr innerhalb des Staates festzulegen, um möglichen Diskussionen innerhalb der Streitkräfte zuvorzukommen. Auch konnte er die Reichswehrführung für sich gewinnen, indem er ihren Wünschen entgegenkam und ihre Befürchtungen zerstreute. Die Rede kann daher als Schritt zur Machtkonsolidierung gedeutet werden, der einer militärischen Opposition vorbeugen sollte.Michael Salewski: Die bewaffnete Macht im Dritten Reich 1933–1939. In: Wehrmacht und Nationalsozialismus 1933–1933. Hrsg. vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt, München 1983, S. 21–24.

Abendveranstaltung und Überlieferungen

Das Abendessen fand in der Wohnung des Generals Kurt von Hammerstein-Equord statt. Neben den Heereskommandeuren der Gruppen und Wehrkreise, zu denen auch Liebmann für den Stuttgarter Wehrkreis V gehörte, waren auch die Befehlshaber der Marine um den Chef der Marineleitung, Admiral Erich Raeder, anwesend. Die Reichsregierung war außer durch Hitler und den Jubilar Konstantin von Neurath vertreten durch den Chef der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers sowie Blomberg und Reichenau aus dem Reichswehrministerium. Zusätzlich zu den 26 Amtsträgern nahmen am Abendessen „die Tochter von Blomberg, Frau von Hammerstein“ sowie eventuell deren zwei Töchter teil. Sie war(en) während Hitlers Rede nicht anwesend.

Hammersteins Adjutant Horst von Mellenthin erinnerte sich 1954 an den Abend: . Während der zweieinhalbstündigen Rede machten sich demnach Mellenthin und der Adjutant Raeders Martin Baltzer Notizen, aus denen jeweils eigenständige Parallelüberlieferungen zur Liebmann-Aufzeichnung entstanden.

Das Mellenthin-Diktat entstand am nächsten Tag auf Grundlage von Stichworten, vernachlässigte jedoch Hitlers „Lebensraum“-Programm, das Mellenthin möglicherweise als Absicht zur Wiedererlangung von „Kolonien“ missdeutete. Daher galt die Aufmerksamkeit der Forschung vor allem der Liebmann-Aufzeichnung; das Mellenthin-Diktat wurde – obwohl länger bekannt – erst 1999 publiziert.In: Carl Dirks/Karl-Heinz Janßen: Der Krieg der Generäle. Hitler als Werkzeug der Wehrmacht. Berlin 1999, S. 232–236.

Dagegen gilt eine um die Jahrtausendwende neu entdeckte Überlieferung zu Hitlers Rede vor den Generälen als zuverlässige, .Andreas Wirsching: „Man kann nur Boden germanisieren“. Eine neue Quelle zu Hitlers Rede vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49, 2001, Heft 3, S. 517–550 (PDF, 1,45 MB), hier S. 522. Es ist anzunehmen, dass Hammersteins Tochter Helga von Hammerstein-Equord, die seit 1930 Mitglied der KPD und unter dem Decknamen „Grete“ bis 1937 für den kommunistischen Nachrichtendienst tätig war,Reinhard Müller: Hitlers Rede vor der Reichswehrführung 1933. Eine neue Moskauer Überlieferung. In: Mittelweg 36 10, 2001, Heft 1, S. 73–90. in den Tagen nach dem 3. Februar eine Abschrift der Notizen Baltzers anfertigte und sie weitergab. Am 6. Februar 1933 ging eine Abschrift von Hitlers Rede nach Moskau ab, wo sie am 14. Februar eintraf und im Moskauer Archiv der Komintern überliefert wurde,Eine Kopie dieser Akte befindet sich im Bundesarchiv, Abteilungen Berlin, Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR (SAPMO) unter der Signatur RY 5 I 6/10/88, Bl. 20–22. bis sie 2001 ediert und publiziert werden konnte. Diese Abschrift des kommunistischen Nachrichtendienstes bestätigte im Wesentlichen die Inhalte der Liebmann-Aufzeichnung. Sie war etwa doppelt so umfangreich wie die Stichpunkte Liebmanns.Abschrift des kommunistischen Nachrichtendienstes. In: Andreas Wirsching: „Man kann nur Boden germanisieren“. Eine neue Quelle zu Hitlers Rede vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49, 2001, Heft 3, S. 517–550 (PDF, 1,45 MB), hier S. 545–548. Auf diesem Wege wurden Hitlers Äußerungen auch in der Sowjetunion rezipiert. Maxim Litwinow war dort von 1930 bis 1939 Außenminister. Wirsching schrieb, die sowjetische Diplomatie habe auch Hitlers Mein Kampf gekannt und intern darüber diskutiert (Zitat: Von den Doktrinen der offiziellen kommunistischen Faschismustheorie durchaus abweichend, wurde dabei auf den genuin rassenideologischen, auf die Dauer als gefährlich eingeschätzten Gehalt der Politik Hitlers hingewiesen. [..] die These erscheint plausibel, daß unter anderem eine solch frühe Reflexion der Hitlerschen Expansionsideologie Litwinow zur Annäherung an Frankreich veranlasste, im Sinne einer klaren, gegen NS-Deutschland gerichteten Eindämmungspolitik.)Andreas Wirsching: „Man kann nur Boden germanisieren“. Eine neue Quelle zu Hitlers Rede vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49, 2001, Heft 3, S. 517–550 (PDF, 1,45 MB), hier S. 524. Diktator Josef Stalin soll von der Rede Kenntnis erhalten haben.Ralf Reuth: Hitler – Eine politische Biographie. München 2003, S. 309.

Inhalte von Hitlers Rede

Liebmann teilte die Ausführungen Hitlers in vier Kategorien ein, die er mit „Im Innern“, „Nach Außen“, „Wirtschaft“ und „Aufbau der Wehrmacht“ überschrieb. Hitler schilderte seine mittleren und langfristigen Ziele. Als Eckpunkte nannte er die „Beseitigung des Krebsschadens der Demokratie“ sowie die „Ausrottung des Marxismus mit Stumpf und Stiel“.Thilo Vogelsang: Neue Dokumente zur Geschichte der Reichswehr 1930–1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2, 1954, Heft 4, S. 397–436 (PDF, 1,77 MB), hier S. 434 f. Dies diene dem Ziel des Aufbaus einer starken Wehrmacht, die eine notwendige Voraussetzung darstelle für die „Wiedererringung der politischen Macht“. Hitler sprach ebenfalls an, zu welchem Zweck diese Macht dienen sollte:

In der Abschrift des kommunistischen Nachrichtendienstes lautet die entsprechende Passage zu Hitlers Lebensraumprogramm:

Weiterhin versprach Hitler die „Stärkung des Wehrwillens mit allen Mitteln“,Thilo Vogelsang: Neue Dokumente zur Geschichte der Reichswehr 1930–1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2, 1954, Heft 4, S. 397–436 (PDF, 1,77 MB), hier S. 435. worum sich die NSDAP-Organisationen kümmern würden. Zu diesem Zweck fasse er auch die Wiedereinführung der Wehrpflicht ins Auge. Er versicherte den Offizieren, die Reichswehr nicht im Inneren des Staates einsetzen zu wollen. Damit beruhigte er die Reichswehrführung, die eine Konkurrenz durch die SA befürchtete. Die gesamte Aufrüstung der Wehrmacht müsse jedoch zunächst im Geheimen geschehen, da sonst die Gefahr bestünde, dass Frankreich oder dessen osteuropäische Verbündete (Polen und die Tschechoslowakei) das Deutsche Reich an der Aufrüstung hindern oder es sogar angreifen würden.

Bewertung

Nach den Erinnerungen Liebmanns nahmen die Generäle den neuen Reichskanzler nicht allzu ernst: In Anlehnung an eine Zeile von Friedrich Schiller habe einer der Anwesenden Hitlers Ansprache mit „Stets war die Rede kecker als die Tat“Thilo Vogelsang: Neue Dokumente zur Geschichte der Reichswehr 1930–1933. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2, 1954, Heft 4, S. 397–436 (PDF, 1,77 MB), hier S. 436. kommentiert, als dieser bereits wieder nach München aufgebrochen war. Der Präsident der Reichsbank Hjalmar Schacht gab in einem Gespräch nach dem Zweiten Weltkrieg an, dass es nie einer seiner Offiziersfreunde für nötig befunden hätte, ihn über diese Rede Hitlers zu unterrichten.Carl Dirks/Karl-Heinz Janßen: Der Krieg der Generäle. Hitler als Werkzeug der Wehrmacht. Berlin 1999, S. 50.