mini|Illegale persische Ausgabe des Romans
Die satanischen Verse (er Originaltitel The Satanic Verses) ist ein Roman des Schriftstellers Salman Rushdie, der von indisch-muslimischen Immigranten in Großbritannien handelt und teilweise vom Leben des islamischen Propheten Mohammed inspiriert ist. Das Erscheinen des Buches am 26. September 1988 im Verlag Viking Press löste eine Reihe von Protesten und Gewalttaten von fundamentalistischen Muslimen aus. Der iranische „Oberste Führer“ Chomeini rief am 14. Februar 1989 mittels einer Fatwa alle Muslime auf, Rushdie zu töten. Von iranischen Organisationen wurde daraufhin ein Kopfgeld auf Rushdie ausgesetzt, das im Lauf der Jahrzehnte auf 4 Millionen US-Dollar erhöht wurde. Bei Angriffen auf Übersetzer des Werkes wurden 38 Menschen getötet und zahlreiche schwer verletzt. Rushdie selbst überlebte 2022 einen Anschlag nur knapp.
Inhalt Die Haupthandlung beschreibt das Leben zweier aus Indien stammender Muslime und beginnt mit dem Zeitpunkt, als ihre Schicksale sich miteinander verbinden: Beide überleben wider jede rationale Möglichkeit gemeinsam den Sturz aus einem explodierenden Flugzeug und sind fortan auf wundersame Weise verwandelt.
Rückblenden auf das frühere Leben dieser beiden Männer sowie die Erinnerungen einiger weiterer Personen durchbrechen die Haupthandlung immer wieder. Eingeflochten sind drei Nebenhandlungen, die in mehrfach unterbrochenen Traumsequenzen erzählt werden und der gesamten Geschichte eine Form von verschachtelter Rahmenhandlung mit Binnenhandlungen geben.
Die beiden Hauptpersonen Salahuddin Chamchawala (der sich in Großbritannien Saladin Chamcha nennt) ist ein aus reichem muslimischen Elternhaus stammender Schauspieler, der als Kind nach England geschickt wird, sich beinahe fanatisch mit der gehobenen Kultur Englands identifiziert und seine indische Herkunft ablehnt. Seine Ehe mit einer Engländerin ist nicht besonders glücklich, beruflich hingegen ist er recht erfolgreich als Stimmenimitator und Protagonist einer Fernsehserie, in der er aber nur maskiert zu sehen ist. Sein Verhältnis zu seinem tyrannischen Vater ist schwierig und kühlt just kurz vor Besteigen des Flugzeugs von Bombay nach London nochmals ab. Noch im Flugzeug bemerkt er, dass er in sein altes, indisches Ich zurückzufallen droht.
Ismail Najmuddin (im Roman fast ausschließlich mit seinem Künstlernamen Gibril („Gabriel“) Farishta benannt) stammt hingegen aus einer armen muslimischen Familie, erlebt dann jedoch Ruhm und Reichtum als Darsteller in Bollywood-Filmen, in denen er die verschiedensten hinduistischen Götter darstellt. Er gilt als Frauenschwarm und ist sehr von sich und seinem Lebensglück überzeugt. Aus Liebe zu einer englischen Bergsteigerin jüdischer Abstammung lässt er in einem spontanen Entschluss sein altes Leben hinter sich und fliegt nach London. Im Flugzeug beginnen seine Träume, in denen er als Erzengel Gabriel erscheint. Er fürchtet sich vor diesen Träumen und versucht, jeden Schlaf zu vermeiden, was ihm allerdings nicht gelingt.
Die Rahmenhandlung Zufällig befinden sich Saladin und Gibril in demselben Flugzeug, als es von sikhistischen Terroristen entführt und nach 111 Tagen über Großbritannien zur Explosion gebracht wird. Aneinander geklammert überleben die beiden als Einzige den Absturz und stranden bei der alten Dame Rosa Diamond, die ihre große Liebe in Gibril wiederzuerkennen meint. Saladin verwandelt sich in ein ziegenähnliches Wesen, das fatal an einen Teufel (Schaitan) erinnert. Gibril hingegen erscheint strahlend und offenbar von einem Heiligenschein gekrönt. Außerdem scheint Gibrils widerlicher Mundgeruch auf Saladin übergegangen zu sein. Während Polizisten und Ermittler der Einwanderungsbehörde Saladin festnehmen und misshandeln, lässt Gibril ihn im Stich. Er wird von Rosa umsorgt, der er in den letzten Wochen ihres Lebens auf magische Weise hilft, erotische Phantasien oder Erinnerungen an Argentinien zu durchleben, wo sie in den 1940er Jahren lebte. Gleichzeitig fühlt er sich von ihr festgehalten und unfähig, seiner Wege zu gehen.
Als den Polizisten klar wird, dass Saladin kein illegaler Einwanderer, sondern ein prominenter Fernsehschauspieler ist, wird er bewusstlos und mit einer Lungenentzündung kämpfend in ein Krankenhaus gebracht, wo noch weitere „verwandelte“ Menschen leben. Mithilfe einer Krankenschwester gelingt ihm die Flucht. Er ruft seine Frau Pamela an, die – im Glauben, verwitwet zu sein – inzwischen eine Affäre mit Saladins Freund Jumpy Joshi eingegangen ist. Jumpy bringt Saladin in einem kleinen Hotel seiner aus Bangladesch stammenden Freunde, des Ehepaars Muhammad und Hind Sufyan, unter, deren zwei Töchter von Saladin trotz seines abstoßenden Aussehens fasziniert sind. Aus seinem Versteck heraus beeinflusst er unwissentlich die Träume der Menschen. Es entsteht eine Art „Teufelskult“ unter den Einwanderern, der sich mit ihrer Unzufriedenheit zu einem explosiven Gemisch entwickelt, das sich schließlich in Rassenunruhen entlädt. Saladins ungezügelter Hass auf Gibril, der ihn im Angesicht der Einwanderungsbehörde verraten hatte, verhilft ihm dazu, sich wieder in einen normalen Menschen zurückzuverwandeln. Er möchte an sein altes Leben anknüpfen, aber dies gelingt nicht: Seine Frau – schwanger von ihrem Geliebten – will sich scheiden lassen, beruflich kann er nicht an seine alten Erfolge anknüpfen. Nun will er sich an Gibril rächen.
Gibril wendet sich währenddessen nach Rosas natürlichem Tod nach London. Zusätzlich zu seinen Träumen als Erzengel Gabriel hat er jetzt im Wachzustand Visionen, in denen er sich als Erzengel vorkommt. Auch wird er von seiner ehemaligen Geliebten Rekha Merchant verfolgt, die sich nach seiner überstürzten Abreise zusammen mit ihren Kindern vom Hochhaus in den Tod gestürzt hatte. Gibril wird von Alleluja Cone, die der Grund für seine Flugreise gewesen ist, gefunden und aufgenommen. Die Liebe der beiden leidet jedoch unter Gibrils Machogehabe und seiner krankhaften Eifersucht. Gibril verfällt immer mehr einem Wahn. Im Gegensatz zu Saladin kann er anfangs an seine alten beruflichen Erfolge anknüpfen. Überhaupt scheint ihm alles zu gelingen, während Saladin verzweifelt. Dann jedoch wendet sich das Blatt. Er gefährdet seine Beziehung zu Alleluja und auch der Wiedereinstieg als Schauspieler gelingt nicht wie gewünscht. Zunehmend verstrickt er sich in sein zweites Ich als Erzengel.
Als Saladin Gibril mit verstellter Stimme am Telefon terrorisiert, verliert Gibril endgültig die Kontrolle: Mit abgewandelten Kinderreimen („satanischen Versen“) facht Saladin dessen Eifersucht immer weiter an und provoziert so bei Gibril einen geistigen Zusammenbruch, der daraufhin an mehreren Orten der Stadt Feuer legt. Hierbei kommen Pamela, Jumpy und das Ehepaar Sufyan ums Leben. Saladin versucht, Letztere zu retten, scheitert jedoch und wird seinerseits von Gibril gerettet, der sich in letzter Sekunde besonnen hat – trotz des Wissens um Saladins Taten.
Gibril flieht nach Indien und versucht nochmals, an seine alte Karriere anzuknüpfen. Dies gelingt ihm jedoch nicht. Stattdessen verliert er sein Geld und droht bankrottzugehen. Saladin fliegt ebenfalls nach Indien, als er vom nahenden Tod seines Vaters erfährt. Am Sterbebett versöhnt er sich mit ihm, versöhnt sich auch mit seiner Herkunft und findet zurück zu seiner ersten Liebe, Zeenat Vakil, genannt Zeeny. In einem Showdown erscheint Gibril bei Saladin, nachdem er seine Ex-Freundin Alleluja und ihren vermeintlichen Liebhaber „Whisky“ Sisodia ermordet hat. Voller Verzweiflung über seine Geisteskrankheit begeht er vor Saladins Augen Selbstmord.
Die Träume Der Imam Gibril träumt von einem schiitischen, extrem misogynen Imam, der sich in London im Exil befindet, obwohl er diese Stadt verachtet, und auf die Revolution und seine Rückkehr in die Heimat hinarbeitet. Gibril beobachtet ihn anfangs in seiner Wohnung. Später bringt der Erzengel den Imam unter Zwang zum heimatlichen Königspalast, als dieser gerade gestürmt wird. Dem Imam gelingt es, seine Erzfeindin Aischa zu besiegen.
Das Mädchen Gibril träumt von einem indischen Mädchen, das ebenfalls Aischa heißt und vom Erzengel Gabriel zur Prophetin erkoren worden ist. Aischa scheint die Reinkarnation einer vor hundert Jahren gestorbenen Seherin zu sein. Das ganze Dorf folgt ihr zu Fuß auf den Haddsch nach Mekka, da sie den Menschen versprochen hat, dass das Arabische Meer sich vor ihnen teilen werde.
Mishal Said ist todkrank und sucht während der Pilgerreise Rettung vor dem Tod. Ihr Mann, der Zamindar Mirza, fährt mit seinem Mercedes neben und hinter den Pilgern. Er glaubt nicht an die Seherin und sorgt sich um seine Frau. Er schürt Zweifel unter den Menschen, allerdings weitgehend erfolglos. In Bombay angekommen folgen die meisten Dörfler Aischa ins Meer, in dem sie ertrinken; es gibt aber auch Berichte, dass sie auf wundersame Weise überlebten.
Der Prophet Die Historie Mohammeds und der Stadt Mekka wird nacherzählt. Mohammed heißt hierbei Mahound, Mekka wird Jahilia genannt (arabisch für „Unwissenheit, Ignoranz“), der neue Glaube nennt sich explizit „Unterwerfung“ (arabisch „Islam“).
Im Kampf um den Glauben der Menschen in der Stadt werden die taktischen Zugeständnisse des Propheten sowie der spätere Krieg beschrieben. Die für den Roman namensgebenden „satanischen Verse“ und ihr Nutzen für Mahounds Politik innerhalb der Stadt Jahilia werden in diesem Zusammenhang besonders erwähnt.
Mehrfach wird dargelegt, dass die Visionen Mahounds zielgerichtet genau dann erfolgen, wenn Mahounds Worte oder Entscheidungen von seinen Anhängern kritisiert werden, und dass diese Visionen ausnahmslos im Sinne von Mahound erfolgen. Die krämerhafte, geschäftsmäßige Auflistung von Ge- und Verboten durch Mahound wird geschildert.
Unter anderem wird eine Episode mit Mahounds persischem Schreiber Salman erzählt, der aufgrund seiner Zweifel eigenmächtig die zu schreibenden Worte des Propheten ändert, was Mahound erst nach massiven Manipulationen auffällt.
Der Kampf um den „rechten“ Glauben wird zusätzlich in Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Überlebenskampf der Stadt Jahilia gebracht.
In dieser Vision gibt es gleich zwei Aischas: einmal die historisch verbürgte letzte Frau des Propheten, dann eine junge Frau, die in einem Bordell in Jahilia arbeitet. Die Frauen, die dort auch nach dem Verbot der Prostitution durch Mahound weiter arbeiten, nehmen zum Vergnügen ihrer Kunden alle Namen von dessen Ehefrauen an. Sie bezahlen diesen Frevel mit ihrem Leben.
Erläuterungen Islam
„Satanische Verse“ ist die Bezeichnung für gewisse, angeblich gelöschte Koran-Verse. Nach einer bei at-Tabarīat-Tabarī: Annalen I, S. 1192–1196, u. a., vgl. Rudi Parets Koranausgabe, Kommentarband, S. 461. erhaltenen Überlieferung fuhr Mohammed nach Sure 53 Vers 19 f., in dem es um die Göttinnen al-Lat, Uzza und Manat des vorislamischen Mekka geht, aufgrund der Einflüsterung des Satans fort: „Das sind die erhabenen Kraniche. Auf ihre Fürbitte darf man hoffen.“tilka l-garaniqu l-'ula wa-inna safa'atahunna la-turtaga
Die neue, gereinigte oder berichtigte Fassung der Sure 53 verdrängte diese Göttinnen, da sie auch als (untergeordnete) verehrungswürdige Wesen nicht mit dem Monotheismusgebot in Einklang zu bringen waren.