mini|Demonstrationszug in London während des Bergarbeiterstreiks (1984)

Der einjährige britische Bergarbeiterstreik von 1984/1985 (Miners’ Strike, auch Coal Strike, 4./9. März 1984 bis 5. März 1985) war ein bedeutender Arbeitskampf, der die Macht der englischen Gewerkschaften langfristig verringerte.

Er gilt als schwerwiegende Niederlage der britischen Bergarbeiter und wirkte weit über sein eigentliches Ende hinaus: Zum einen wurde der wirtschaftliche Kurs der britischen Regierung unter Margaret Thatcher bestätigt, zum zweiten das Selbstbewusstsein der Arbeiterbewegung nachhaltig beschädigt.

Der Streik stellt den Höhepunkt des Konflikts zwischen der von der „Eisernen Lady“ geführten konservativen Regierung und der Bergbaugewerkschaft National Union of Mineworkers unter Führung von Arthur Scargill dar. In Erinnerung blieb er durch seine außergewöhnliche Dauer und auch wegen des energischen Widerstands der Bergleute gegen Schließungen bzw. Privatisierungen der Zechen.

Die Vorgeschichte miniatur|240px|Die Politik der Regierung Margaret Thatchers war Auslöser des Bergarbeiterstreiks

Nach dem Erfolg im Falklandkrieg erreichte Premierministerin Margaret Thatcher 1983 einen deutlichen Wahlsieg. Sie hatte bereits vor ihrem Amtsantritt 1979 erkennen lassen, welches Unbehagen ihr die im Vereinigten Königreich traditionell starke Gewerkschaftsmacht bereitete. Es kann angenommen werden, dass auch treibende Kräfte im Umfeld von Thatcher – etwa Keith Joseph – nach den Erfahrungen des Untergangs der Regierung Edward Heaths 1974 den Einfluss der Gewerkschaften auch gegen starke Widerstände auf ein berechenbares Niveau begrenzen wollten.

Eine von Nicholas Ridley geleitete Arbeitsgruppe der Conservative Party war bereits 1978 zur Einsicht gelangt, dass für den Fall einer Regierungsübernahme mit Arbeitskämpfen in den Bereichen Kohle- und Elektrizitätswirtschaft und bei den Hafenarbeitern zu rechnen wäre. Der nach dem Vorsitzenden benannte und am 27. Mai 1978 im Economist veröffentlichte Bericht der Arbeitsgruppe empfahl, geeignete Gegenmaßnahmen ins Auge zu fassen: neben der Anlage von Kohlevorräten in Depots und verstärkten Importen für Krisensituationen müsse der Transport möglichst gewerkschaftsfern sein. Zudem sei die duale Befeuerungsmethode mit Öl landesweit einzuführen, um die einseitige Abhängigkeit von der Kohle zu mindern.Klaus Bielstein: Gewerkschaften, Neo-Konservatismus und ökonomischer Strukturwandel. Zur Strategie und Taktik der Gewerkschaften in Großbritannien. Bochum 1988, S. 311f. Als besonderer Affront musste zudem aufgefasst werden, dass der Bericht auch die Schaffung einer mobilen Polizeitruppe für Arbeitskämpfe einforderte. Mit der Etablierung des National Reporting Centres sollte dieses Vorhaben nach dem Amtsantritt Thatchers zumindest in Ansätzen seine Umsetzung finden.

Thatcher betrachtete die Gewerkschaften abschätzig und bezeichnete sie im August 1984, also während des Streiks, als enemy within, „den Feind im Inneren“.Brendan Evans: Thatcherism and British Politics 1975–1999. Stroud 1999, S. 84 Zur Attitüde der Konservativen in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren gehörte es wie eine Selbstverständlichkeit, die Gewerkschaften als antidemokratisch und korporatistisch zu bezeichnen.Dagmar Sakowsky, Die Wirtschaftspolitik der Regierung Thatcher. Göttingen 1992, S. 194. In ihrer Autobiographie sprach Thatcher selbst in Bezug auf die Streikenden – im Wissen, dass der Streik ein sanktioniertes Recht der Gewerkschaften ist – fast durchgängig von „den Militanten“. Energieminister Nigel Lawson hatte Thatcher nach seinem Amtsantritt 1981 in diesem Geiste ausdrücklich empfohlen, für eventuelle Streiks Kohlevorräte anzulegen und sich perspektivisch noch mehr auf neue Energiequellen zu verlegen. Das Vereinigte Königreich hatte inzwischen Anstrengungen unternommen, mit Öl aus der Nordsee und Atomkraftwerken die Kohleförderung zu ergänzen.

Als Speerspitze des Gewerkschaftsbundes Trades Union Congress (TUC) wurde gemeinhin die National Union of Mineworkers (NUM) wahrgenommen, die 1974 mit einem ausgedehnten Streik zum Rücktritt und der folgenden Wahlniederlage des konservativen Premiers Edward Heath beigetragen hatte. Die NUM vertrat dieses Image durchaus selbstbewusst nach außen. Unmittelbar vor dem Streik verkündete Jack Taylor, Präsident der NUM, in Yorkshire: „Man behandelt uns nach der Methode friß oder stirb. Es ist Zeit, dass wir aufstehen und zeigen, wie groß wir sind.“ Der Konflikt zwischen der Regierung Thatcher und der NUM hatte also nicht zu unterschätzenden Symbolcharakter.

Vordergründig lasen sich die Wirtschaftsdaten für die Jahre 1983 bis 1986 recht günstig: das Bruttosozialprodukt wuchs in diesem Zeitraum um acht, die Industrieproduktion um sieben und die Produktivität um 13 Prozent. Zeitgleich erhöhte sich die Exportquote gar um 21 %.

Allerdings pegelte sich die Arbeitslosigkeit bei durchschnittlich 3,1 Millionen Erwerbslosen ein, die Zahl der im produzierenden Gewerbe Beschäftigten sank zwischen 1979 und 1990 von sieben auf fünf Millionen Beschäftigte.Earl Reitan: The Thatcher Revolution. Margaret Thatcher, John Major, Tony Blair and the Transformation of Modern Britain 1979–2001. Lanham u. a. 2003, S. 56f.

Von der vorangehenden Rezession zwischen 1979 und 1982 waren ganz besonders die „Gewerkschaftshochburgen“ beim Bergbau, im Baugewerbe, bei der Eisenbahn und den Hafenarbeitern betroffen. Die Zahl der Beschäftigten mit Gewerkschaftsbindung sank vom Rekordwert von 1979 (57 % bei 13,5 Mio. Mitgliedern) ausgehend auf 43 % im Jahre 1986, auf nur noch 35 % 1992.

Die Employment Acts der Regierung Thatcher (1980, 1982, 1984, 1989, 1990) und der Trade Union Act 1984 verstärkten perspektivisch diese Krise der Gewerkschaften. Nach den Bestimmungen von 1980, 1982 und 1984 waren Gewerkschaftsfunktionäre alle fünf Jahre zu wählen (Arthur Scargill zum Beispiel war dem widersprechend gewählter NUM-Vorsitzender bis 2004), bei geplanten Streiks wurde eine geheime Urabstimmung der Beteiligten notwendig. Für die Abstimmungen konnte sogar staatliche Finanzierung in Anspruch genommen werden.

Bei Zuwiderhandlungen gegen die Gesetze konnten Streiks zu einer kriminellen Handlung erklärt werden, was zur Folge haben konnte, dass Gewerkschaftskassen konfisziert wurden. Die Möglichkeit, Gewerkschaften mit dem zweiten Employment Act für kriminelle Handlungen haftbar zu machen, war erst dadurch ermöglicht worden, dass diese 1980 gezwungen worden waren, sich als haftbare Interessenvertretung registrieren zu lassen.

Das für die britischen Gewerkschaften so effektive Solidarmittel des Sympathiestreiks (Secondary Picketing einschließlich der Aussendung so genannter Flying Pickets) wurde verboten. Die Zahl der regulären Streikposten in einem bestreikten Betrieb wurde auf sechs beschränkt, die heftig kritisierte Gewerkschaftszwangsmitgliedschaft in den Closed-Shop-Betrieben aufgehoben, der Kündigungsschutz gelockert.Bernd Ital: Die Politik der Privatisierung in Großbritannien unter der Regierung Margaret Thatcher. Köln 1995, S. 121. Obwohl nicht alle Bestimmungen dieser Gesetzgebung im Streik zu Anwendung kommen sollten, muss doch betont werden, welch gravierenden Eingriff in das spontane Streikwesen die arbeitsrechtlichen Neuregelungen der Regierung Thatcher bedeuteten.Dagmar Sakowsky: Die Wirtschaftspolitik der Regierung Thatcher. S. 184.

Der Gesamtheit der Regierungsmaßnahmen standen die Gewerkschaften mehr oder minder fantasielos und untätig gegenüber: im Bewusstsein, sich im Winter of Discontent den Unmut weiter Bevölkerungsteile zugezogen zu haben, verharrte man in der Hoffnung auf Besserung und einen politischen Wechsel: den Mitgliedern wurde empfohlen, keine Aktien bereits privatisierter Betriebe zu zeichnen, in Labour setzte man im Falle eines Wahlsieges 1983 die Erwartung sofortiger Renationalisierungen.Ital: Die Politik der Privatisierung. S. 122f.

Von einer Streikwelle gegen die Umstrukturierungen bei British Steel 1981 abgesehen, blieben spektakuläre Arbeitskämpfe aus.

Die Sonderrolle des britischen Bergbaus Der britische Bergbau – wegen der Verfügbarkeit billiger Kohle lange Zeit strukturprägender Industriebereich – war schon vor Ausbruch des Streiks krisengeschüttelt und im Niedergang befindlich: seit 1914 war die Zahl der Beschäftigten trotz der Verstaatlichung 1946 von einer Million auf knapp 200.000 Kumpel gesunken, allenfalls die Gruben in den Midlands und Nottinghamshire konnten noch als wirklich profitabel gelten.Reitan: The Thatcher Revolution. S. 61. Gleichwohl hatten die Bergarbeiter durch ihre hohe Gewerkschaftsbindung auch während der ersten Hälfte der Ära Thatcher den Status vergleichsweise gut bezahlter Facharbeiter inne und rangierten 1984 auf Platz neun der britischen Lohnskala.Dagmar Sakowsky: Die Wirtschaftspolitik der Regierung Thatcher. S. 188. Eine gewisse Gruppendynamik wurde zudem dadurch geprägt, dass die Bergleute und ihre Familien häufig in Reihenhaussiedlungen lebten und damit Arbeit und Freizeit lebensweltlich teilten. Im Bergarbeiterstreik ging es nicht zuletzt darum, für die Bewahrung dieser traditionell geprägten Milieus der Bergleute zu kämpfen.Dagmar Sakowsky: Die Wirtschaftspolitik der Regierung Thatcher. S. 187.

Kohle war als Wirtschaftsfaktor – auch durch die Gegenmaßnahmen der Regierung Thatcher – allerdings längst nicht mehr so bedeutsam wie noch 1974, als Scargill und die NUM zum Sturz Edward Heath’ beigetragen hatten. Auch 1974 gab es einen Bergarbeiterstreik; und dies in einer Zeit, als wegen der Ölkrise (ab Herbst 1973) Energiemangel in England herrschte. Die Förderung von Erdöl in der Nordsee und der Ausbau der Atomindustrie, deren Anteil an der Stromversorgung während des Streiks auf 14 % anstieg,Margaret Thatcher: Downing Street No. 10. Econ-Verlag, Düsseldorf 1993, ISBN 3-430-19066-5, S. 485. waren inzwischen beträchtliche und wachsende Alternativen, zumal der Bergbau wegen der teilweise völlig veralteten Technik in den Bergwerken beständiger Kritik ausgesetzt war und sich der Vorwurf der Unwirtschaftlichkeit trotz vergleichsweise niedriger Förderungskosten (einschließlich der Subventionen) häufte.

Doch blieben weiterhin 80 Prozent der Elektrizität des Landes von Kohle abhängig: dieser Umstand und die damit verbundene Rolle der NUM darf keineswegs unterschätzt werden. Mit der Privatisierung der Elektrizitätsversorgung entfiel allerdings deren bis dahin existente Abnahmeverpflichtung für Kohle.Ital: Die Politik der Privatisierung. S. 124.

Im europäischen Vergleich war die britische Kohleförderung relativ günstig. Auch die Subventionen hielten sich in Grenzen: pro geförderter Tonne wurden 3,24 Pfund Sterling Zuschuss gezahlt, in Deutschland hingegen 9,48, in Belgien und Frankreich mit 16,97 bzw. 17,63 Pfund sogar ungefähr das Fünffache.Geoffrey Keith Barlow: The Labour Movement in Thatcher’s Britain: Conservative Macro- and Microeconomic Strategies and the Associated Labour Relations Legislation: Their Impact on the British Labour Movement during the 1980s. Frankfurt / Berlin / Bern / New York / Paris / Wien 1996, S. 145. Der Überblick über den britischen Bergbau erweist sich allerdings als sehr viel weniger homogen, als es diese Durchschnittszahlen suggerieren mögen: neben modern ausgestatteten und effizient produzierenden Gruben gab es veraltete und wenig produktive. Insgesamt betrugen die staatlichen Subventionen in den Bergbau 1984 600 Millionen Pfund Sterling.

Der Streik