Das Evangelische Konvikt Halle ist ein Studienkonvikt in den Franckeschen Stiftungen in Halle (Saale). Es entstand durch Zusammenlegung des Tholuckschen Konvikts mit dem Sprachenkonvikt. Der Standort in den Franckeschen Stiftungen steht in einer langen Tradition als Studentenunterkunft: bereits beim Bau 1715 wurden diese Räumlichkeiten Theologiestudenten zur Verfügung gestellt, die hier frei wohnen konnten und dafür die Kinder in den Schulen der Stiftungen zu unterrichten hatten.

Vorgeschichte Das Evangelische Konvikt vereint in sich die Geschichte und die Traditionen von drei Vorgängerkonvikten: dem Schlesischen Konvikt, dem Tholuckkonvikt und dem Sprachenkonvikt.

Der Anfang: Das Schlesische Konvikt als erstes Konvikt in Halle (1866–1937; 2005–heute)

mini|Das Schlesische Konvikt in der Emil-Abderhalden-Straße 10 1866 wurde das Schlesische Konvikt in der Wilhelmstraße 10 (heute Emil-Abderhalden-Straße) unter Beirat des Theologen August Tholuck gegründet. Das Konvikt sollte nach dem Willen seines Stifters Graf Karl Philipp von Harrach der Unterstützung von Theologiestudenten aus Schlesien, Harrachs Heimat, dienen. Tholuck übernahm das Ephorat des Schlesischen Konvikts von 1869 bis zu seinem Tod 1877. Gründungsinspektor des Konvikts war der zuvor in Bonn lehrende Theologe Martin Kähler (1835–1912). Mit Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland waren die halleschen Konvikte in ihrem Fortbestand bedroht (trotz ihrer juristischen Unabhängigkeit von Kirche, Universität und Staat). So versuchte beispielsweise die Deutsche Studentenschaft, eine Umwandlung der Konvikte in Kameradschaftshäuser zu erreichen – ein Vorhaben, das letztlich nur beim Konvikt des Akademischen Auslandsdienstes und beim Sprachenkonvikt realisiert wurde. Das vorläufige Ende des Schlesischen Konvikts wurde durch einen Streit um Reinhard Ring, den damaligen Inspektor des Tholuckkonvikts, eingeleitet. Ring war Mitglied der Bekennenden Kirche und wurde kurzzeitig von seinem Amt suspendiert, weil er in einem Brief die Theologiestudenten kritisch über einen Erlass des Reichswissenschaftsministeriums informierte.In diesem Erlass wurde u. a. der Besuch von bekenntniskirchlichen Ersatzkursen verboten sowie zum Boykott gegen bekenntniskirchliche Hochschullehrer aufgerufen. Nach einigen teilweise unrechtmäßig erfolgten Umbesetzungen im Kuratorium und daraus resultierenden Konflikten zwischen den verschiedensten Gremien sprach das Reichswissenschaftsministerium am 2. April 1937 dem Rektor der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg die Ermächtigung zur Schließung des Tholuck- sowie des Schlesischen Konvikts aus; ihre Umsetzung erfolgte am 4. Juni 1937. Die Konviktualitas des Schlesischen Konvikts wurde mit der des Tholuckkonvikts zusammengelegt, dessen Schließung am 28. Oktober 1937 aufgehoben wurde. Das Gebäude des Schlesischen Konvikts wurde am 1. Oktober 1938 als Unterrichts- und Wohnhaus an die Evangelische Kirchenmusikschule Halle vermietet. Hieran änderte sich auch 1946 nichts, als die ursprüngliche Rechtslage für das Schlesische und das Tholuckkonvikt wiederhergestellt wurde. Seit dem Jahr 2005 und dem vier Jahre zuvor erfolgten Umzug der Kirchenmusikschule wird das Gebäude wieder als Konvikt benutzt: die Stiftung Schlesisches Konvikt ist dafür verantwortlich, dass Studenten der Kirchenmusik, der Theologie und anderer Fachrichtungen ein christlich-evangelisches Wohnheim finden.In der Zeit bis 2005 wurde die Stiftung Schlesisches Konvikt durch das Tholuck- bzw. das Evangelische Konvikt mitverwaltet.

Tholuckkonvikt (1871–1997) Schon 1839 äußerte Tholuck gegenüber seiner zweiten Frau Mathilde den Wunsch, ein „Studenten-Convict“ in der Mittelstraße zu eröffnen. Wegen mangelnder finanzieller Mittel konnte dieser Wunsch zu diesem Zeitpunkt nicht erfüllt werden.

Das erste Haus in der Mittelstraße mini|Erster Standort des Tholuckkonvikts mini|links|Gedenktafel zur Erinnerung an Friedrich August Gottreu Tholuck am heutigen Haus in der Mittelstraße 1870, zum fünfzigjährigen Jubiläum der Ernennung Tholucks zum Lizentiaten der Theologie, wurde ihm eine Stiftung von 4000 Talern überreicht. Dieses Geld war jedoch für ein Universitätsstipendium gesammelt worden und konnte somit nicht für die Realisierung eines Konvikts verwendet werden. Seine Frau Mathilde griff jedoch die Idee wieder auf und konnte mit Hilfe eines Freundes den Kauf eines Nachbarhauses finanzieren. Nach einer Umbauphase war das Tholuckkonvikt in der Mittelstraße im Oktober 1871 bezugsfertig. Ein Jahr nach Tholucks Tod 1877 wurde das bis dahin private Konvikt in eine öffentliche Stiftung umgewandelt und erhielt ein Statut, das es eng mit dem Schlesischen Konvikt verband. Martin Kähler wurde Ephorus im Tholuckkonvikt und übernahm im Jahr 1888 auch das Ephorat des Schlesischen Konvikts. Die Personalunion im Ephorenamt wurde auch von Kählers Nachfolgern beibehalten und endete erst mit der Schließung des Schlesischen Konvikts im Jahr 1937.

Umzug in ein neues Haus mini|Zweiter Standort des Tholuckkonvikts Nach Mathilde Tholucks Tod im Jahr 1894 reichte das Stiftungsvermögen nicht mehr aus, um in den Gebäuden in der Mittelstraße zu bleiben. Durch den Verkauf der Grundstücke wurde jedoch ein so hoher Gewinn erzielt, dass in der Kronprinzenstraße 8 (heute Herweghstraße) ein Neubau finanziert werden konnte. Im Oktober 1899 zog das Tholuckkonvikt in dieses Haus ein. Da eine enge personale Verzahnung mit dem Schlesischen Konvikt bestand, war das Tholuckkonvikt in der Zeit des Nationalsozialismus ebenfalls Gegenstand des Streits, der schließlich zum Ende des Schlesischen Konvikts führte. Am 13. Oktober 1937 wurden sowohl das Tholuck- als auch das Schlesische Konvikt gleichgeschaltet und im Gebäude in der heutigen Herweghstraße untergebracht. Das Tholuckkonvikt blieb somit zwar bestehen, wurde nun aber von einem Kuratorium geführt, das von staatlichen Organen kontrolliert wurde und nur noch aus drei Personen bestand.Dies waren der Dekan der Theologischen Fakultät, ein vom Reichskirchenminister ernannter evangelischer Geistlicher aus der Provinz Schlesien oder der Provinz Sachsen sowie ein vom Reichswissenschaftsministerium benannter Ephorus. Seit Beginn des Kriegs 1939 trat dieses Kuratorium jedoch nicht mehr zusammen: zwei der Mitglieder dienten als Soldaten, so dass ihre Ämter vertretungsweise von Gerhard Heinzelmann wahrgenommen wurden.

Erneuter Umzug mini|links|Dritter Standort des Tholuckkonvikts Nach Kriegsende 1945 beschlagnahmte die russische Militärverwaltung das Konviktsgebäude, so dass die Stiftung nur noch Einnahmen aus dem Mietvertrag mit der Evangelischen Kirchenmusikschule zu verzeichnen hatte. Zwar verließen die russischen Truppen zwei Jahre später wieder das Gebäude, aber der bauliche Zustand ließ eine sofortige Wiederbenutzung nicht zu. Jedoch war nicht nur die Stiftung Tholuckkonvikt an einer Wiederbenutzung interessiert; auch das Sprachenkonvikt sowie die staatlichen Stellen interessierten sich für das Gebäude. Aus nicht näher bekannten Gründen bot Ephorus Julius Schniewind an, das Gebäude in der Herweghstraße pachtweise der Landesregierung zu überlassen, sofern der Stiftung im Umkehrschluss ein anderes, für Konviktszwecke geeignetes Gebäude zur Verfügung gestellt wird. Das ehemalige Haus der Studentenverbindung „Germania“ am Jägerplatz wurde als adäquat angesehen, so dass nach einigen weiteren Verhandlungen – an deren Ende nicht die Verpachtung, sondern die Vermietung des Gebäudes in der Herweghstraße stand – 1948 der Mietvertrag unterschrieben werden konnte. Nach einigen Modernisierungsmaßnahmen konnte am 26. November 1949 das Tholuckkonvikt wiedereröffnet werden. Dennoch schob die Stiftung Jahr für Jahr eine unverhältnismäßig hohe finanzielle Belastung vor sich her: da die beiden ehemaligen und sich nach wie vor zum Vermögen der Stiftung gehörenden ehemaligen Konviktsgebäude nur vermietet waren, hatte die Stiftung auch für Reparaturen an diesen Gebäuden aufzukommen. Erste Pläne, die ehemaligen Gebäude zu verkaufen, gab es bereits in den fünfziger Jahren, aber erst 1974 konnte eine finanzielle Entlastung realisiert werden: der Mietvertrag mit der Evangelischen Kirchenmusikschule wurde in einen Nutzungsvertrag umgewandelt, während das Gebäude in der Herweghstraße an die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg verkauft werden konnte. Der Versuch, das Gebäude am Jägerplatz zu erwerben, scheiterte jedoch. In diesen Jahren, von 1972 bis 1991, stand Friedrich de Boor dem Konvikt als Ephorus vor. Nach der Wiedervereinigung im Jahr 1990 meldete die Studentenverbindung „Germania“ als Vorbesitzer des Gebäudes Interesse an einer Rückkehr an ihren ehemaligen Standort an; in einem Brief kündigte die Verbindung an, dass die Konviktualen zwar weiterhin im Haus wohnen bleiben könnten, die Neuvergabe der Zimmer jedoch durch die Verbindung geregelt werde. Ein Verbleib am Jägerplatz erschien dem Kuratorium als unsicher, so dass beschlossen wurde, einen neuen Standort zu finden. Im Zusammenhang der Vereinigung mit dem Sprachenkonvikt im Jahr 1997 wechselte das Tholuckkonvikt schließlich in das direkt neben dem Sprachenkonvikt liegende Haus 9 in den Franckeschen Stiftungen.

Liste der Ephoren im Tholuck-Konvikt (1869–1998) 1872–1912: Martin Kähler 1912–1929: Wilhelm Lütgert 1929–1937: Gerhard Heinzelmann 1937: Julius Schniewind (Im Jahre 1937 erfolgte die Schließung des Tholuck- und des Schlesischen Konvikts und die Wiedereröffnung in den Räumen des Tholuck-Konviktes.) 1937–1945: Paul Keyser 1945–1948: Julius Schniewind (Im Jahre 1945 erfolgte erneut die Schließung des Tholuck-Konviktes; erst im Jahre 1949 konnte es an neuem Ort eröffnet werden.) 1948–1951: Gerhard Heinzelmann 1953–1954: Martin Doerne 1954–1972: Erdmann Schott 1972–1991: Friedrich de Boor 1991–1994: Michael Beintker 1994–1998: Ulrich Barth

Sprachenkonvikt (1929–1997) Die dritte Traditionslinie des Evangelischen Konvikts ist das Sprachenkonvikt in den Franckeschen Stiftungen. 1929 wurde hier – auch in der Tradition des Tholuckschen und des Schlesischen Konvikts – ein neues Wohnhaus für Theologiestudenten eingerichtet.

Die Gründung im „Langen Haus“ der Franckeschen Stiftungen mini|Das Sprachenkonvikt in den Franckeschen Stiftungen im Jahr 1938 Zur Gründung eines Sprachenkonvikts im Jahr 1929 kam es nicht zuletzt dadurch, dass die wenigsten Schüler dieser Zeit Latein oder Griechisch gelernt hatten, so dass sie diese Sprachen zu Beginn ihres Studiums erlernen mussten. Da zu dieser Zeit ein solcher Unterricht an den Universitäten nicht angeboten wurde, musste man nach anderen geeigneten Wegen suchen.