mini|Lamya Kaddor (2023)
Lamya Kaddor (* 11. Juni 1978 in Ahlen) ist eine deutsche Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen), Islamwissenschaftlerin, Religionspädagogin und Publizistin sowie ehemalige Lehrerin. Seit 2021 ist sie Mitglied des Deutschen Bundestags. Kaddor war Gründungsvorsitzende des Liberal-Islamischen Bundes.
Herkunft, Ausbildung und Beruf Lamya Kaddor wurde 1978 als Tochter syrischer Einwanderer im westfälischen Ahlen geboren.Autorenangabe des Piper-Verlages 2015 Sie schloss ihr Magisterstudium in Arabistik, Islamwissenschaft, Erziehungswissenschaft und Komparatistik 2003 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster ab.
Von 2004 bis 2008 war Kaddor wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl „Religion des Islam“ sowie Lehrbeauftragte im Rahmen der Lehrerausbildung im Centrum für Religiöse Studien (CRS) der Universität Münster.Jahresberichte des Centrums für Religiöse Studien , und Es folgten Lehraufträge an verschiedenen Hochschulen in Nordrhein-Westfalen.
Neben der universitären Tätigkeit war Kaddor Lehrerin im nordrhein-westfälischen Schulversuch „Islamkunde in deutscher Sprache“, der nicht als konfessioneller Religionsunterricht konzipiert war. Ab dem Schuljahr 2003/2004 unterrichtete sie an einer Grundschule und der Glückauf-Hauptschule in Dinslaken-Lohberg. Im Jahr 2013 äußerte Kaddor ihre Enttäuschung darüber, dass fünf der Personen, die sich der „Lohberger Brigade“ angeschlossen hatten und nach Syrien gegangen waren, zuvor Schüler ihres Schulversuchs „Islamkunde in deutscher Sprache“ gewesen waren.Yassin Musharbash: „Nicht einmal die Freundinnen haben etwas geahnt“. Interview mit Lamya Kaddor, aktualisiert am 24. Mai 2013, abgerufen im Portal zeit.de am 12. Dezember 2015.Lamya Kaddor: Zum Töten bereit: Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen. Piper Verlag, München/Berlin 2015, ISBN 978-3-492-97055-6. In Dinslaken sei die Integration „gnadenlos gescheitert“, der Salafismus sei dort zu einer Jugendbewegung geworden.
Kaddor war am 6. Juli 2007 Gast in der ersten Folge des Forums am Freitag beim ZDF und ist dort bis heute regelmäßig zu sehen. Das Fernsehformat bietet Muslimen die Möglichkeit, aus islamischer Perspektive über theologische, gesellschaftliche und soziale Themen zu sprechen.Ein Jahrzehnt "Forum am Freitag" , 1. September 2017.
Kaddor war Teilnehmerin des Integrationsgipfels von Bundeskanzlerin Merkel. Von August 2007 bis März 2008 nahm sie die Aufgaben der Vertretungsprofessur für Islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) der Universität Münster wahr. In Kooperation mit dem Lehrstuhl für Religion des Islam bildete sie gemeinsam mit Sven Kalisch zukünftige islamische Religionslehrkräfte aus. Als Gründungsmitglied sitzt Kaddor dem „Verein der LehrerInnen für Islamkunde in deutscher Sprache in NRW“ als erste Vorsitzende vor.
Nach Erteilung der islamischen Lehrerlaubnis (Idschāza) unterrichtete Kaddor seit 2013 das ordentliche Schulfach Islamische Religion.
Am 17. Juni 2017 fand in Köln eine Demonstration von Muslimen gegen den islamistischen Terror statt unter dem Motto „Nicht mit uns!“; Kaddor hatte zu dieser Demonstration aufgerufen. Ihrzufolge waren rund 2000 Teilnehmer vor Ort, während die Polizei eine Zahl von circa 300 Demonstranten angab. Als Gründe der geringen Teilnahme wurden der Ramadan und der Boykott durch die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (DiTiB) genannt.Muslimischer Friedensmarsch nur schwach besucht – aber Veranstalter wollen weitermachen Focus.de vom 17. Juni 2017
„Der Koran für Kinder und Erwachsene“ Zusammen mit der Islamwissenschaftlerin Rabeya Müller gab Kaddor 2008 ein Buch unter dem Titel Der Koran für Kinder und Erwachsene heraus.Till-R. Stoldt: Das heilige Buch der Lieben und Liberalen?, Die Welt, 15. April 2008. Das Buch wurde vom Münchner Künstler Karl Schlamminger graphisch gestaltet. Es enthält eine Auswahl von Koranversen, die in ein einfaches und leicht verständliches Deutsch übersetzt, kommentiert und thematisch gegliedert wurden und die es auch Laien ermöglicht, die Erzählungen des Korans in chronologischer Abfolge zu lesen. Das Werk stellt den Versuch dar, Kindern und Laien einen ersten Zugang zum Original zu bieten.Erster Zugang zum Koran, Interview mit Liane von Billerbeck, Deutschlandradio Kultur, 26. März 2008. Der Spiegel hält dies für eine „ziemlich revolutionäre Tat in der islamischen Welt“. Die liberale Koraninterpretation von Kaddor und Müller wurde jedoch von einigen konservativen islamischen Kreisen kritisiert: „Die von Kaddor und Müller verantwortete Ausgabe […] empörte konservative Muslime vor allem in der Hinsicht, dass beide Herausgeberinnen das 'Wort Gottes' nach eigenem Ermessen neu zusammengefügt […] haben.“ – „Koran light, ohne Prügelvers und ohne Jungfrauen.“ Besonders verärgerte manche traditionelle Muslime, dass die im Paradies wartenden Huris in der Übersetzung nicht Jungfrauen, sondern Partner genannt werden.Michael Fisch: umm-al-kitāb. Ein kommentiertes Verzeichnis deutschsprachiger Koranausgaben von 1543 bis 2013. 470 Jahre europäisch-abendländische Koran-Rezeption, Verlag Schiler, Berlin/Tübingen 2013, S. 138
Rechtsstreit mit der Universität Münster und eingestelltes Strafverfahren Eine seit Juli 2008 andauernde juristische Auseinandersetzung zwischen Kaddor und dem Centrum für Religiöse Studien der Universität Münster wurde im Oktober 2011 mit Einstellung des Verfahrens beendet. Die Münstersche Zeitung hatte berichtet, dass der ehemals am Centrum für Religiöse Studien angestellten Kaddor vorgeworfen wurde, Forschungsgelder veruntreut zu haben.Ralf Heimann: Wissenschaftlerin soll 100000 Euro veruntreut haben , Münstersche Zeitung, 1. August 2008. Die Westfälischen Nachrichten berichteten darüber hinaus von einer möglichen Kampagne gegen Kaddor, in die auch ihr ehemaliger Vorgesetzter Sven Kalisch involviert sei. Ein Vergleich vor dem Landgericht Münster endete mit einer Verpflichtung Kalischs, die Behauptung nicht mehr zu verbreiten, Kaddor sei mit ihrer Kündigung lediglich der Universität Münster zuvorgekommen. Anlass für diesen Rechtsstreit war eine E-Mail, die Kalisch rund drei Monate nach Ausscheiden Kaddors an zahlreiche Adressaten versendet haben soll. Ein von der Staatsanwaltschaft Münster eingeleitetes Strafverfahren gegen Kaddor wegen Untreue endete am 28. Oktober 2011 mit einer Einstellung gegen Geldauflage.Karin Völker: Gericht stellt Verfahren ein: Uni-Geld im Schließfach ist keine Untreue, Westfälische Nachrichten, 29. Oktober 2011.
Nach Recherchen der Frankfurter Rundschau soll sich die Universität Münster das Geld, um das es in dem Kaddor-Prozess ging, im Rahmen des so genannten Dezemberfiebers angeeignet und versucht haben, durch die Anschuldigungen gegen Kaddor von eigenen Versäumnissen abzulenken. Die Münstersche Zeitung berichtete ebenfalls darüber und schrieb in diesem Zusammenhang von einem „Spendenskandal“.Münstersche Zeitung, 1. Dezember 2009. Die Universität habe eine ganze Reihe von Anschuldigungen vorgebracht, von denen die Staatsanwaltschaft nur einen Teil übernommen habe.Hermann Horstkotte: – Frankfurter Rundschau, 30. November 2009. Münstersche Zeitung, 1. Dezember 2009. Im eingestellten Prozess gegen Kaddor rügten die Richter, dass die Staatsanwaltschaft Münster einseitig gegen Kaddor ermittelt habe.Karin Völker: Uni-Geld im Schließfach ist keine Untreue. In: Westfälische Nachrichten, 29. Oktober 2011.
Kaddors Anwalt Klaus Michael Alenfelder erhob im Jahr 2010 eine Diskriminierungsklage gegen Sven Kalisch und die Universität Münster.Hermann Horstkotte: Spendengeld und schwarze Kassen. In: Frankfurter Rundschau, 30. November 2009. Über den Ausgang ist nichts bekannt.
„Muslimisch, weiblich, deutsch“ Im Januar 2010 erschien Kaddors Debattenbuch Muslimisch, weiblich, deutsch. Mein Weg zu einem zeitgemäßen Islam, mit dem sie der „schweigenden Mehrheit“ der Muslime in Deutschland erstmals ein Gesicht geben will. Inhaltlich beschäftigt sich das Buch, das autobiografische Züge enthält, einerseits mit Islamkritik und Islamfeindlichkeit und andererseits mit dem islamischen Fundamentalismus. Kaddor setzt sich sowohl mit den Haltungen der islamischen Minderheit als auch mit der „Wagenburg-Mentalität“ der Mehrheitsgesellschaft in Deutschland auseinander. Dabei zeigt sie, als eine Art Prototyp eines muslimischen Deutschen, wie sich beide Eigenschaften problemlos miteinander vereinen lassen. Bundestagspräsident Norbert Lammert kommt in einer Rezension ihres Buches zu dem Ergebnis:
Liberal-Islamischer Bund und Muslimisches Forum Deutschland Am 27. Mai 2010 gründete Kaddor in Köln zusammen mit einigen anderen Muslimen den Liberal-Islamischen Bund (LIB). Darin bekleidet sie das Amt der 1. Vorsitzenden. Nach eigenen Angaben vertritt der Verein ein pluralistisches Gesellschaftsbild und sieht sich als Alternative zu den bestehenden Islamverbänden. Der LIB wendet sich gegen jegliche Form von rassistischer Auffassung und wirbt darüber hinaus für eine dogmafreie, zeitgemäße Auslegung religiöser Schriften wie des Koran sowie für eine umfassende Geschlechtergerechtigkeit.LIB e. V.: Wir über uns
2015 war Kaddor ein Gründungsmitglied des Muslimischen Forums Deutschland.Pressemitteilung Konrad-Adenauer-Stiftung „Muslimisches Forum Deutschland“ auf Initiative der Konrad-Adenauer-Stiftung gegründet vom 22. April 2015
„Die Zerreißprobe“ 2016 erschien Kaddors Buch Die Zerreißprobe: Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht, in dem es um die Integration von Flüchtlingen in Deutschland geht. Sie gibt darin zu bedenken, nicht nur Einwanderer hätten eine Bringschuld, sondern auch die Mehrheit: Sie müsse Einwanderer und deren Nachkommen auf Augenhöhe respektieren. In der Folge erhielt Kaddor Hassmails mit Drohungen und ließ sich vorübergehend vom Schuldienst beurlauben.Nach Morddrohungen – Kaddor quittiert vorerst Schuldienst. In: tagesschau.de. ARD, 29. September 2016, abgerufen am 29. September 2016.
Parteipolitik und Einzug in den Bundestag Am 8. Oktober 2020 trat Kaddor Bündnis 90/Die Grünen bei und verkündete, dass sie bei der Bundestagswahl 2021 für diese kandidieren möchte. Sie wurde am 9. April 2021 auf Listenplatz 12 der Grünen NRW gewählt und trat für diese zudem als Direktkandidatin im Wahlkreis Duisburg I an. Kaddor wurde über die Landesliste gewähltes Mitglied des 20. Bundestages.Kaddor verpasst Direktmandat: Zieht aber in Bundestag ein. Stern, 27. September 2021. Im Bundestag ist sie ordentliches Mitglied im Ausschuss für Inneres und Heimat, gehört als stellvertretendes Mitglied dem Auswärtigen Ausschuss an und ist Sprecherin ihrer Fraktion für Innen- und Religionspolitik.
Positionen Kaddor nimmt eine vermittelnde Position zwischen säkularen und traditionalistischen Muslimen ein. Sie tritt insbesondere für die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen in deutscher Sprache ein.
Ihre Haltung, kein Kopftuch zu tragen, begründet Lamya Kaddor damit, dass der Hidschab vor mehr als tausend Jahren als Schutz für Frauen innerhalb der damaligen Gesellschaft galt. Unter den Bedingungen einer modernen westlichen Gesellschaft sei eine solche Art und Weise des Schutzes – nicht die Schutzfunktion selbst – obsolet geworden."Warum das Kopftuch obsolet geworden ist.", in: Thorsten Gerald Schneiders (Hrsg.): Islamverherrlichung, wenn die Kritik zum Tabu wird". VS-Verlag, Wiesbaden. Siehe auch Karen Krüger: Der Koran ist eine Idealvorstellung, FAZ, 7. Juli 2007. Der Rheinische Merkur druckte am 22. Oktober 2009 einen gekürzten Vorabdruck Kaddors zum Thema aus dem Buch Islamverherrlichung ab, das im Januar 2010 im VS-Verlag, Wiesbaden, erscheint Kaddor zufolge ist „Die Gleichberechtigung von Mann und Frau [...] auch im Islam verankert [...]. Allerdings gibt es immer noch Muslime, die das nicht ganz umsetzen.“ – 6. Juli 2007