Die Zönästhesie (von griechisch koinos „allgemein“ und aísthēsis „Wahrnehmung“, „Empfindung“) oder das Gürtelgefühl bezeichnet Phänomene der Körperwahrnehmung. Im medizinischen Sinne gelten unklare und schwach ausgeprägte, bisweilen nicht lokalisierbare Empfindungen als Zönästhesien. In Abgrenzung dazu spricht man bei Dysästhesien von Empfindungsstörungen.

Begriff Der Ausdruck „Coenästhesie“ ist abgeleitet von altgriechisch koine aisthesis. Er ist im heute gebräuchlichen medizinischen Sinne als erstes im Jahr 1794 von dem Hallenser Psychiater Johann Christian Reil (1759–1813) und seinem Doktoranden Hübner eingeführt worden. Auch René A. Spitz (1887–1974) hat sich unter entwicklungspsychologischen Gesichtspunkten für die Verbreitung des Begriffs verdient gemacht.Stavros Mentzos: Neurotische Konfliktverarbeitung. Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuerer Perspektiven. © 1982 Kindler, Fischer-Taschenbuch, Frankfurt 1992, ISBN 3-596-42239-6; S. 94 zu Stw. „coenaesthetisch“.René A. Spitz: Vom Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehungen im ersten Lebensjahr. Klett, Stuttgart 1974 Der in Frankreich häufig gebrauchte Begriff geht u. a. auf den französischen Psychiater Ernest Dupré (1862–1921) zurück. – Alternative begriffliche Schreibweisen existieren als Coenästhesie, Koenästhesie oder Zoenästhesie und sind auch unter den Synonymen Vitalgefühl, Lebensgefühl, Leibempfindung, Leibgefühl, Gemeingefühl (sensus communisHans-Dieter Mennel: Daseinsanalyse in der Psychiatrie: Zur Geschichte anthropologischer und biologischer Zugänge in der Nervenheilkunde. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 157–167, hier: S. 162.) und Gemeinempfindung bekannt.

Zwischen Empfindung und Wahrnehmung Betrachtet man Zönästhesien als Erscheinungen des Gemüts, so kann man sie ebenso wie Gefühle auch als sensorische Leistungen ansehen. Eher bewusste Zönästhesien werden nicht nur als Gemeinempfindungen, sondern auch als Körperwahrnehmungen beschrieben. Beispiele dafür sind Hunger, Durst, Müdigkeit, geschlechtliche Erregung. Sie sind nur undeutlich von Organempfindungen abgrenzbar. Hunger kann als allgemeine vitale Leibempfindung, aber auch als unangenehme Wahrnehmung in der Magengrube auftreten. In ähnlicher Weise ist dies bei der Übelkeit der Fall. – Auf die Differenzierungen des Gegenstandsbewusstseins hat Karl Jaspers (1883–1969) hingewiesen. Er unterschied zwischen bildhaften und leibhaften Qualitäten der Auffassung. Bei den bildhaften Qualitäten überwiege der Subjektivitätscharakter, bei den leibhaften der Objektivitätscharakter. Bildhafte Auffassungen seien als Vorstellungen, leibhafte als Wahrnehmungen anzusehen. Durch den Prozess des intentionalen Akts werde die Auffassung beseelt.Karl Jaspers: Allgemeine Psychopathologie. 9. Auflage. Springer, Berlin 1973, ISBN 3-540-03340-8, 1. Teil: Die Einzeltatbestände des Seelenlebens. § 1 Gegenstandsbewußtsein, S. 51 f. Als körpernahe Empfindungen werden Vitalgefühle dagegen häufig als persönlichkeitsfremd bzw. als tieferen Bewusstheitsschichten zugehörig beschrieben.Hans Walter Gruhle: Verstehende Psychologie. 2. Auflage. Erlebnislehre. Georg Thieme, Stuttgart 1956; (a) zu Stw. „Gemeinempfindungen“, S. 39, 42 f., 208, 211; (b) zu Stw. „Schichtenlehre“, S. 41 f.; (c) zu Stw. „Gemütsbewegung“, S. 50; (c) zu Stw. „Lebensgefühl“, S. 43, 410, 482, 486.Max Scheler: Wesen und Formen der Sympathie. 2. Auflage. Cohen-Verlag, Bonn 1923; zu Stw. „Leib- und Lebensgefühle“: Der Autor verwendet diese Begriffe, die auf den Vitalismus zurückgehen. Als persönlichkeitsnahe werden auch die Zustandsgefühle erlebt. Siehe dazu auch das nachfolgend dargestellte und an der Persönlichkeitsentwicklung orientierte Begriffspaar der Re- und Desomatisierung, das 1955 von Max Schur eingeführt wurde.

Neurophysiologie Entsprechend der Wortbedeutung aus altgriechisch koinê aisthêsis (ϰοινὴ αἴσθησις) sind zunächst die nach Aristoteles und der heutigen Wahrnehmungstheorie zu verstehenden höchsten Sinnesleistungen in den tertiären Hirnzentren zu erwähnen als Sinnesleistungen, die „allen Sinnen gemeinsam“ sind, vergleiche auch die Darstellung dieser Theorie anhand des Sehvermögens.Aristoteles: De anima III, 2 S. 425 und 15Friedrich Kirchner: Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, 1907; Artikel sensus communis Diese Form des Sensus communis in sensualistischem Wortverständnis meinte auch Henri Ey mit „Zönästhesie“ als „höchere Leistung“ des Gehirns in seiner organo-dynamischen Theorie.Henri Ey: Bewusstsein. Übersetzt von Karl Peter Kister, 1967, de Gruyter, S. 1. Carl Gustav Jung gebraucht den Begriff Zönästhesie in diesem Sinne als höheren „Vorstellungskomplex“, der mit der Wahrnehmung des Ichs in Verbindung steht.Carl Gustav Jung: Experimentelle Untersuchungen. Gesammelte Werke, Band 2. Walter-Verlag, Düsseldorf 1995, ISBN 3-530-40077-7; Kap. XVIII. Ein kurzer Überblick über die Komplexlehre. § 1352, S. 625. Begriffe wie „höherer“ Vorstellungskomplex oder „tiefes“ Gefühl setzen eine räumliche Metaphorik voraus bzw. gehen von einer Schichtenlehre aus. Andererseits zählen etwa Hunger und Durst zu den stammesgeschichtlich und entwicklungsgeschichtlich ältesten Gemeingefühlen und können daher nach dem phylogenetischen Konzept der Desomatisierung bzw. nach dem psychogenetischen Grundgesetz mit Recht als körpernahe bezeichnet werden. – Im Lehrbuch von Hermann Rein und Max Schneider werden Hunger und Durst als „Gemeingefühle“ bezeichnet. Die Bezeichnung „Gemeingefühl“ leite sich davon ab, dass dieses nicht lokalisierbar sei.Hermann Rein, Max Schneider: Einführung in die Physiologie des Menschen. 15. Auflage. Springer, Berlin 1964, S. 674. Anaklitische Reize, wie sie vielfach im Zusammenhang mit Essgewohnheiten stehen, sind andererseits als Auslöser für gemeinschaftsbildendes Verhalten anzusehen (Internalisierung).René A. Spitz: Vom Säugling zum Kleinkind. Naturgeschichte der Mutter-Kind-Beziehungen im ersten Lebensjahr. 11. Auflage. Klett-Cotta, Stuttgart 1996, ISBN 3-608-91823-X.John Bowlby: Trennung. Psychische Schäden als Folge der Trennung von Mutter und Kind. Kindler, München 1976, ISBN 3-463-02171-4.Sven Olaf Hoffmann, G. Hochapfel: Neurosenlehre, Psychotherapeutische und Psychosomatische Medizin. 6. Auflage. CompactLehrbuch, Schattauer, Stuttgart 1999, ISBN 3-7945-1960-4; zu Stw. „Psychische Entwicklung“, S. 26–35.

Ein literarisches Beispiel

Das „Entbrennen des Herzens“ kann im wörtlich aufgefassten Sinne als Zönästhesie bezeichnet werden. Fraglich erscheint, ob das „Herz“ nur symbolisch gemeint ist, d. h. stellvertretend für Gemüt. Gruhle erörtert dabei den Gesichtspunkt der Objektbeziehung, wie er im Begriff der Sehnsucht enthalten erscheint und auch für andere Gefühle gilt. Auch der Hunger habe z. B. eine solche Objektbeziehung, nämlich die nach Nahrungsmitteln. Weiter stellt sich die Frage, ob das Eichendorff-Zitat eine Gemütsbewegung beinhaltet, die nicht nur sensorische Qualitäten, sondern auch motorische bzw. emotionale Willens- und Handlungskomponenten anspricht. Im Begriff der Gemütsbewegung sei eher der zeitliche Ablauf gemeint, sagt Gruhle. Gemütsbewegung, sei nur ein Bild. Es bewege sich dabei nichts. Andererseits ist diese „Bewegung“ auch als innere Einstellung oder Bereitstellung vorstellbar – einem Modell folgend, das Gruhle nicht berücksichtigt hat.Thure von Uexküll: Grundfragen der psychosomatischen Medizin. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek bei Hamburg 1963; (a) zu Stw. „Bereitstellung“, S. 170 ff., 184 ff., 190 f., 194 ff., 201 ff., 222, 225, 235; (b) zu Stw. „Nausea“: Seiten (173), 175 f., 195 Als gegensätzliches Leibgefühl zum Hunger wäre hier auf den Begriff der Nausea zu verweisen.

Fragen nach der Objektbeziehung von Zönästhesien verdeutlichen gewiss den körpernahen Charakter dieser Gefühle. Im Falle der Sehnsucht ist solch konkreter Objektbezug allerdings nicht zwingend anzunehmen. Sehnsucht kann sich auch auf den unbestimmten Wunsch beziehen, sich von einem ganz bestimmten und festen Ort zu entfernen, an den man sich selbst gebunden oder gar an dem man sich gefangen fühlt (Fernweh). Auch in diesem Falle sind jedoch körperliche „Bewegungen“ zumindest intendiert. Zönästhesien machen in dieser Hinsicht keine Ausnahme von der allgemeinen Ambivalenz, die aller Affektivität eigen ist. Eine zweidimensionale Unterscheidung zwischen aktiven (objektbezogenen) und passiven (frei flottierenden und diffusen) bzw. auch zwischen angenehm (positiv) und unangenehm (negativ) getönten GefühlenNicole Krämer, Stephan Schwan, Dagmar Unz, Monika Suckfüll: Medienpsychologie. Schlüsselbegriffe und Konzepte. Kohlhammer, Stuttgart 2016. erscheint somit zwar zutreffend, bildet aber die Vielfalt ambivalenter Einstellungen noch nicht erschöpfend ab.

Lebensgefühl Im positiven Sinne wird Lebensgefühl häufig als bewusstes Gefühl definiert, am wirklichen Leben teilzuhaben, mitten im Leben zu stehen, als Ausdruck von Vitalität.Duden: Die deutsche Rechtschreibung. Rechtschreibung, Grammatik und Bedeutung eines Wortes. 24. Auflage. Bibliographisches Institut, Mannheim 2006. (online) Lebensgefühl ist somit teilweise synonym mit Vitalgefühl. Diese Definition umfasst Gemeinempfindungen wie Hunger und Durst, stellt aber auch eine eher langfristige und sozial übergreifende Bewertung der Befindlichkeit bzw. eine Grundstimmung dar. Max Scheler bezeichnete das Lebensgefühl als räumliche und zeitliche Ferngefühle.Harald Høffding: Psychologie in Umrissen auf Grundlage der Erfahrung. Reisland, Leipzig 1887; 2. Auflage, S. 126.Harald Høffding: Humor als Lebensgefühl (Der große Humor). Eine psychologische Studie. Teubner, Leipzig 1918. (Nachdruck der 2. Auflage. Müller, Saarbrücken 2007, ISBN 978-3-8364-0814-1)Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. 2. Auflage. 1. Auflage. 2 Bände Historisch-quellenmäßig bearb. v. Rudolf Eisler. Berlin 1899, 1904. Band 1: A–N. Band 2: O–Z.

Im negativen Sinne wird Lebensgefühl erst dann bewusst, wenn grundlegende Bedingungen der Existenz bedroht erscheinen. Emil Lederer hat dies am Beispiel der ökonomisch selbständigen Gesellschaftsschicht nach dem Ersten Weltkrieg im Gegensatz zur Arbeiterschicht hervorgehoben.Emil Lederer: Zum socialpsychischen Habitus der Gegenwart. In: Arch. f. Soz.-Wiss. 46, 1918.

mini|250px|Pieter Brueghel der Ältere Turmbau zu Babel (1563) – Lebensgefühl vor Ausbruch des achtzigjährigen Kriegs

Lebensgefühl kommt insbesondere in der Kunst zum Ausdruck. Es kann etwa am Beispiel der Gotik verdeutlicht werden. Ein unterschiedliches Lebensgefühl ist an verschiedenen Kunstrichtungen der Gotik wie z. B. der Richtung in der Île de France (z. B. Notre Dame de Paris), am Straßburger Münster und am Mainzer Dom zu veranschaulichen. Pieter Brueghel der Ältere hat das Lebensgefühl der niederländischen Bevölkerung vor dem Ausbruch des Achtzigjährigen Kriegs zum Ausdruck gebracht, das sich nicht nur an dem bedrohlichen Schiefstand des Turmes erkennen lässt.

Wolfgang Schmidbauer sieht das moderne Lebensgefühl durch die Angst bedroht. Es werde in eine fatale Abhängigkeit von den Fortschritten der Industriegesellschaft gebracht. Die zunehmende Tendenz zum Single-Dasein etwa trage zu einer erschwerten Entscheidung für eigene Kinder und so zum demographischen Wandel bei.Wolfgang Schmidbauer: Lebensgefühl Angst. Jeder hat sie, keiner will sie. Was wir gegen die Angst tun können. Herder, Freiburg 2005, ISBN 3-451-28615-7; (a) zu „fatale Abhängigkeit von den Fortschritten der Industriegesellschaft“, S. 100; (b) zu „Single-Dasein und demographischer Wandel“, S. 54 Rezension

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