Die fast ein Jahrhundert lang als Wolff & Co. firmierende Fabrik in Bomlitz (mit Sitz in Walsrode) war aus einer 1815 gegründeten Pulverfabrik hervorgegangen und einer der ältesten und größten Chemiestandorte Niedersachsens. Die Wolff Walsrode AG war zuletzt eine Holding im Bayer-Konzern. Ihr gehörten Unternehmen der chemischen Industrie, der Verpackungsindustrie und produktionsbezogener Dienstleistungen an.
Aus dem Werk sind mehrere selbständige Unternehmen und Unternehmensteile hervorgegangen, die den heutigen Industriepark Walsrode in Bomlitz prägen. Ein wesentlicher Teil ist seit 2007 unter dem Namen Dow Wolff Cellulosics GmbHAb 1. Oktober 2015 „Dow Deutschland Anlagengesellschaft mbH, Werk Bomlitz.“ eine Geschäftseinheit der Dow Chemical Company. Ein anderer wesentlicher Teil ist in der Wihuri Packaging Group aufgegangen und darin der größte Standort der Wipak Group.
Lage Die Fabrikanlagen der früheren Wolff Walsrode AG befinden sich im Wesentlichen in Bomlitz, das im Südwesten der Lüneburger Heide zwischen den Ballungsräumen Hannover, Hamburg und Bremen liegt. Hier erstrecken sich im heutigen Industriepark Walsrode die einstigen Werksteile Altwerk und Kiebitzort über fast zwei Kilometer entlang des Bomlitztales, sowie Fuchsberg und Röpersberg oberhalb der nördlichen Talhänge. Die Siedlungsentwicklung von Bomlitz und des benachbarten Benefeld ist räumlich und historisch eng mit der Entwicklung der Werksanlagen verbunden. Als weiterer Standort kam 1996 die ähnlich früh industrialisierte Stadt Bitterfeld in Sachsen-Anhalt hinzu.
Pulverfabrik Bomlitz und Wolff & Co. von 1815 bis 1914 mini|Aktie über 200 Thaler der Deutschen Pulverfabriken AG zu Rönsahl und Walsrode vom 18. April 1873 mini|links|Bomlitztal oberhalb der einstigen Pulvermühle im Altwerk mini|links|Ehemaliges Gutshaus Bomlitz Im Jahr 1814 (als Napoleons Herrschaft zu Ende ging und das Königreich Hannover auf dem Wiener Kongress neu entstand) wurde an der Staustufe der einstigen Bommelser Papiermühle (1681 bis 1812) an der damals noch Bommelse genannten Bomlitz die Pulvermühle Leschen, Urlaub & Wolff errichtet und 1815 in Betrieb genommen. Nachdem der Initiator und erste technische Leiter, Georg Leschen, bereits 1819 aufgegeben hatte und der zweite Mitinhaber, Ludolph Urlaub, 1824 ausgeschieden war, leitete August Wolff kaufmännisch die Pulvermühle August Wolff vom 7 Kilometer entfernten Walsrode aus.
Der Betrieb wuchs zunächst sehr langsam, exportierte aber im Jahre 1818, als erst fünf Mühlen und eine Salpetersiederei in Betrieb standen, nach Übersee. Bis 1855 wurden drei große angrenzende Bauernhöfe aufgekauft, was die Anlage von drei weiteren Staustufen ermöglichte und zugleich den mit 430 ha größten landwirtschaftlichen Betrieb des Kreises Fallingbostel entstehen ließ. 1857 ging die Pulverfabrik Bomlitz mit 10 Pulvermühlen an Wilhelm Wolff über. Die spätere rasche Ausweitung auf 21 Betriebsstätten wurde möglich durch die Umstellung auf Dampfkraft ab 1873. Der Antrieb wurde mittels Drahtseilstrecken (bis 1,85 km) auf die Betriebsstätten übertragen. Die Ausweitung zog ab 1875 die Anlage einer ersten Werkbahn (Feldbahn) nach sich, die bis 1945 Bestand hatte.
Ebenfalls 1873 fusionierte Wolff mit der 4 Kilometer entfernten, erst 1865 gegründeten kleinen Pulverfabrik Fallingbostel und der Rönsahler Pulverfabrik in Westfalen zur Deutsche Pulverfabriken Actien-Gesellschaft zu Rönsahl und Walsrode. 1876 schied die Rönsahler Pulverfabrik bereits wieder aus.
Die verbliebenen Werke in der Heidmark firmierten daraufhin für die folgenden 98 Jahre als Kommanditgesellschaft auf Aktien unter dem Namen Wolff & Co. Im Jahre 1878 begann Wolff, Schießwolle herzustellen, was für die spätere Entwicklung des Unternehmens entscheidend wurde.
Als 1886 Oskar Wolff die Werksleitung von seinem verstorbenen Vater übernahm, hatte das Werk 205 Beschäftigte. In einem Kartellvertrag schloss sich 1887 Wolff & Co. mit der Pulverfabrik Cramer & Buchholz in Rönsahl zusammen und 1889 auch mit den beiden anderen bedeutenden Pulverproduzenten des Deutschen Reiches, aus deren Fusion 1890 die Vereinigte Köln-Rottweiler Pulverfabriken AG als dominierendes Kartellmitglied hervorgingen. Diese Kartellbindung brachte zwar Ertragsvorteile, behinderte allerdings Wolff & Co. als kleinstes Mitglied nachhaltig, die eigenen Entwicklungen rauchloser Militärpulver dem Preußischen Kriegsministerium anzudienen. Die dennoch begonnene Produktion rauchlosen Pulvers ab 1888 sicherte das langfristige Weiterbestehen des Unternehmens und führte zur Gründung des heute größten Werksteils in Bomlitz, des Werks Kiebitzort. (1926 gingen die anderen Kartellmitglieder in der I.G. Farbenindustrie AG auf, wogegen Wolff & Co. eigenständig blieb. Immerhin wurden aber ¾ der Kommanditaktien von der I.G. Farben gehalten.) miniatur|Gutsbezirk Bomlitz mit Werksanlagen Wolff & Co. 1903 und im Ersten WeltkriegDie Karten basieren auf Kataster- und Flurkarten des Gutes Bomlitz von 1903 und 1918 (aufgenommen 1917) und dem Messtischblatt 1529 (heute 3023) Visselhövede von 1899. Die Höhenlinien sind abgeleitet aus dem Messtischblatt und aktuellen topographischen Karten.In den folgenden Jahren wurde die Fabrikation von Nitrozellulose und von Schießwolle ausgebaut und im Jahre 1909 die Produktion von Sicherheitssprengstoffen begonnen, besonders für die Kali-Industrie südlich von Hannover (Bomlit und Kiwit). Mit Errichtung eines Kraftwerkes wurde 1912 die Dampfkraft von elektrischer Energie abgelöst. 1913 begannen für kurze Zeit Versuche zur Herstellung fotografischer Filme.
Wolff & Co. von 1914 bis 1945 miniatur|links|Werkteil Altwerk mit früherer Bahnstation Bomlitz miniatur|links|Verwaltungs- und Laborgebäude aus dem Jahr 1919 Während des Ersten Weltkrieges stieg die Beschäftigtenzahl von 568 auf 2800 an, was wesentlich auf Investitionsfördermaßnahmen des Preußischen Kriegsministeriums zurückging. Die Tagesleistung rauchloser Nitrozellulose-Pulver wurde von 2 auf 15 t. gesteigert. Auch die 3,6 Kilometer lange und steigungsintensive Werkbahn Cordingen-Bomlitz wurde errichtet und 1916 fertiggestellt. Als Ersatz für die 1916 von einer Explosion zerstörten Schwarzpulverabteilung Holland wurde im Bomlitztal, oberhalb der Abteilung Röpersberg, die Schwarzpulverfabrik Haßmoor neu aufgebaut. Erst jetzt wurde das Werksgelände eingezäunt.
Nach dem Krieg mussten infolge des Versailler Vertrages die Produktionsanlagen der Kriegszeit demontiert werden, was von 1920 bis 1925 durch die Interalliierte Militär-Kontroll-Kommission überwacht wurde. Zwischenzeitlich konnten durch geschäftsfremde eisenbahntechnische Aufträge sowie die Glaubersalzgewinnung bis zu 240 von den verbliebenen 660 Beschäftigten gehalten werden. 1919 zog die Werksleitung, die bislang in Walsrode ihren Sitz hatte, in ein neues repräsentatives Gebäude nach Bomlitz um. Durch das hier ebenfalls eingerichtete Forschungslabor entwickelte sich nun vor allem die Produktion von Zellglas-Folien (Transparit), Kunstdarm für Lebensmittelverpackungen (Walsroder Darm) in teilweise selbst gebauten Produktionsstraßen. Die Produktion von Kunststoffen wurde bereits 1940 auf behördliche Anordnung als zu wenig kriegswichtig wieder eingestellt. Erst 1925 lief die Herstellung von Schießwolle und Nitrozellulose-Pulver wieder an. Gleichzeitig begann eine Zusammenarbeit mit der Firma Sander in Bremerhaven, mit der die Entwicklung von Raketentreibsätzen betrieben wurde. 1930 waren bei Wolff & Co. 894 Mitarbeiter in rund 400 Gebäuden an rund 2000 Maschinen tätig.
Nach der so genannten Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 stieg die Produktion militärischer Sprengmittel wiederum stark an. Deren Finanzierung trug die dem Reichswehrministerium angeschlossene Stahl- und Maschinengesellschaft m.b.H. (STAMAG). Auf Wunsch des Reichswehrministeriums errichtete Wolff & Co 1935 auf dem Fuchsbergplateau ein größeres Werk für die Produktion von Nitrozellulose (Anlage Waldhof) und verlegte die dortige Schwarzpulver- und Dosenfabrik. Die Hanglage ermöglichte, dass die gefährlichen Flüssigkeiten nicht gepumpt werden mussten. Im gleichen Jahr wurden bei Wolff die vertraglichen Grundlagen für die Errichtung des Unternehmens Eibia fixiert. Auf Betreiben des Oberkommandos des Heeres wurde eine Versuchsanlage zur Weiterentwicklung von Pulversorten und zur Herstellung von Nitroglyzerin in den Jahren 1937 und 1938 an einem Hang des unteren Bomlitztales errichtet, die Anlage Walo I. Diese und weitere ab 1937 erbaute Anlagen wurden ab 1938 von der Tochtergesellschaft Eibia betrieben, die von Günther Wolff geleitet wurde und direkt dem Reichsministerium für Bewaffnung und Munition (Albert Speer) unterstellt war. Die bei Wolff & Co im Zweiten Weltkrieg weiter laufende Schwarzpulverproduktion hatte untergeordnete Bedeutung.
1940 zählte die Firma Wolff & Co. zu den 78 Mitgliedern der Gemeinnützigen Kasse hannoverscher Industrieller.Gemeinnützige Kasse hannov. Industrieller, Mitgliederliste vom 28. Mai 1940, in: Dieter Tasch (red. Bearb.): Vom Fabrikanten-Verein zum Industrie-Club. Ein Jahrhundert hannoverscher Wirtschaft 1887 1987, hrsg. vom Industrie-Club Hannover e. V. anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Vereins im Oktober 1987, Th. Schäfer, Hannover 1987, S. 124ff.
Wolff & Co. von 1945 bis 1969 miniatur|Werkteil Kiebitzort mit Brücken über die Bomlitz
Am 17. April 1945 besetzten britische Truppen das Werk und legten es still. Bereits wenige Wochen später durfte wieder Trinkwasser gefördert und Strom produziert werden, dann durfte auch die Zentralwerkstatt und die NC-Kunstdarmproduktion wieder arbeiten. 1946 wurde durch Bedarf in der amerikanischen Besatzungszone auch der auf der Reparationsliste stehende Kollodiumwolle-Betrieb wieder angefahren. Die nur teilweise Demontage und die Überbrückung der Kohlenkrise durch drei eigene Kleinzechen im Ruhrgebiet ließen die Zahl der Beschäftigten schon 1948 auf über 1000 steigen. 1950 wurde mit dem Beginn der Carboxymethylcellulose-Produktion („CMC“) ein neues Geschäftsfeld eröffnet, die Mitarbeiterzahl verdoppelte sich. 1954 wurde Wolff dann völlig aus der Kontrolle der Alliierten entlassen. 1956 wurde der bis heute das Bomlitzer Ortsbild prägende, 30 Meter hohe Viskose-Turm in Betrieb genommen. 1960 wurde das neue Geschäftsfeld durch eine Methylcellulose-Produktionsanlage („MC“) erweitert, die Mitarbeiterzahl erreichte die 3000'er Grenze. 1965 wurde die Metzeler-Gruppe, Frankfurt, Alleinbesitzer des Aktienkapitals der nunmehrigen Wolff & Co. AG. Ab 1968 wurde neben MC auch Hydroxyethylmethylcellulose („HEMC“) produziert.
Wolff Walsrode AG von 1969 bis 2007 Im Zuge der jahrelangen schrittweisen Aktienübernahme durch die Bayer AG, die 1974 abgeschlossen war, nannte sich die Firma ab 1969 Wolff Walsrode AG. 1974 wurde nach dreijähriger Bauzeit gemeinsam mit der Gemeinde Bomlitz eine Großkläranlage mit zunächst 190000 Einwohnergleichwerten in Betrieb genommen. 1979 gliederte sich die Firma in die Sparten Chemische Produkte (besonders Produkte der Zellulosechemie, etwa Nitrozellulose als Lackrohstoff) und Folien (veredelte Folien für Lebensmittelverpackungen). 1982–1984 wurden im Werksteil Röpersberg zusätzliche Produktionsbetriebe für CMC und MC in Betrieb genommen.
Wolff nahm 1994 eine neue Produktionsanlage von Methylcellulose in Bitterfeld in Betrieb. (heute Dow Wolff Cellulosics GmbH) und kaufte 1998 das Foliengeschäft von Elf Atochem Deutschland. Versuche, biologisch abbaubare Folien für Lebensmittelverpackungen und zur Müllentsorgung verwendbar zu machen, wurden zunächst aufgegeben.