mini|Hans Heinz Holz mini| Autogramm, 1987

Hans Heinz Holz (* 26. Februar 1927 in Frankfurt am Main; † 11. Dezember 2011 in Sant’AbbondioNachruf im ORF) war ein deutscher marxistischer Philosoph.

Leben

Hans Heinz Holz war der Sohn des Ingenieurs Friedrich Holz und dessen Ehefrau Martha Holz, geborene Kreiss.Hessische Biografie: Vita Holz, Hans Heinz. Abgerufen am 17. Februar 2025. Im Alter von siebzehn Jahr kam er wegen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus mehrere Monate in Gestapohaft. Holz studierte von 1946 bis 1950Homepage Hans Heinz Holz: Biografie. Abgerufen am 25. Februar 2025. die Fächer Philosophie, Kunstgeschichte und Germanistik an den Universitäten Frankfurt und Mainz.Frank Benseler (Hrsg.): Festschrift zum 80. Geburtstag von Georg Lukács. Verlag Hermann Luchterhand, Neuwied / Berlin 1965, S. 615. Der Versuch, an der Universität Mainz bei Otto Friedrich Bollnow mit der Dissertation Die Selbstinterpretation des Seins promoviert zu werden, scheiterte im Jahr 1954: Bollnows Nachfolger Gottfried Martin ließ Holz wegen ungenügender wissenschaftlicher Leistungen durchfallen.Einige Quellen, wie Der Spiegel (1971) unterstellten Gottfried Martin, er sei als DDR-Flüchtling naturgemäß gegen Linksintellektuelle wie Holz voreingenommen gewesen. Beide Philosophen, Martin und Bollnow, sind NSDAP-Mitglieder mit akademischen Karrieren gewesen. Martin setzte sich auch in der Folgezeit mehrfach gegen Holz ein und beide wurden erbitterte politische Gegner.Hans Heinz Holz Die Sinnlichkeit der Vernunft (PDF; 4,2 MB), S. 19

Sein zweiter Versuch zu promovieren – mit der Option auf Habilitation – führte an der Karl-Marx-Universität Leipzig unter dem Philosophen Ernst Bloch zum Erfolg.1955 druckte die von der Deutschen Akademie der Künste herausgegebene renommierte Literaturzeitschrift Hans Heinz Holz' Essay Der Philosoph Ernst Bloch und sein Werk 'Das Prinzip Hoffnung'. Ernst Bloch zum siebzigsten Geburtstag. Sinn und Form 3/1955, S. 415–447. Der Titel seiner Dissertation lautete Herr und Knecht bei Leibniz und Hegel. Bloch bewertete die Arbeit mit Summa cum laude, durfte jedoch 1956 keine Promotionsurkunde mehr ausstellen, weil er bei der DDR-Führung in Ungnade gefallen war und in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurde.Bloch war Mitherausgeber der Deutschen Zeitschrift für Philosophie. Seinem Kollegen Wolfgang Harich wurde wegen „konterrevolutionärer“ Aktionen der Prozess gemacht. Erst 1969 wurde Holz schließlich promoviert.

Nach 1956 war Holz Redakteur bei der Zeitung Deutsche Woche, ab 1960 freier Journalist in der Schweiz und als Redaktionsleiter des Abendstudios beim Hessischen Rundfunk. 1971 erhielt er eine Professur für Philosophie an der Universität Marburg, wo er von 1971 bis 1978 lehrte. 1979 wechselte er an die Universität Groningen (Niederlande) und blieb dort bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1997.

1994 wurde Holz ein Mitglied der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP), an deren Programm er mitarbeitete. Er hatte bereits nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges seit 1946 politische Arbeit für die westdeutsche KPD geleistet. Im Rahmen dieser Tätigkeiten entwickelte Holz frühe Kontakte zu Ernst Bloch, Emil Carlebach, Werner Krauss und Georg Lukács.

Holz war Präsident und späterhin Ehrenpräsident der Internationalen Gesellschaft Hegel–Marx für dialektische Philosophie.

Hans Heinz Holz war seit 1978 mit Silvia Holz, geborene Markun, (1938–2023), verheiratet. Das Ehepaar gründete 1991 die Fondazione centro di studi filosofici.Leibniz-Sozietät: Gedenkveranstaltung. Abgerufen am 24. Februar 2025. Hierbei handelt es sich um eine Stiftung zur Förderung philosophischer Studien, die in Sant’Abbondio im Schweizer Kanton Tessin regelmäßig Seminare veranstaltete. Unsere Zeit vom 24. November 2023. Abgerufen am 24. Februar 2025.

Holz starb im Dezember 2011 im Alter von 84 Jahren an seinem Altersruhesitz Sant’Abbondio. Seine Asche wurde über dem Lago Maggiore verstreut.FAZ, 17. Dezember 2011, S. 38.

Auszeichnungen und Mitgliedschaften

1997–2011: Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin 1997: Ehrendoktorwürde der Universität Urbino Order of Merit des International Biographical Centre, der Legion of Honor und des American Biographical Institute Ehrenplakette des Vereins Deutschen Ingenieure Mitglied der World Academy of Letters

Kritik der Notstandsgesetze

In einem Aufsatz zur Frage „Was ist heute links?“ von 1963 befasste Holz sich mit der Auswirkung des Rechts auf die Gesellschaft in der BRD. Er schreibt: „Wo Gesetzgebung, Rechtsprechung und Exekution von Klassengesichtspunkten durchsetzt sind, haben wir es offenkundig mit einem Klassenstaat zu tun. Nicht zufällig gehört der Kampf gegen die Klassenjustiz zu den ersten Äußerungen der unterdrückten Klassen gegen ihre Unterdrücker“. Es wäre nicht schwer, „die Belege dafür beizubringen, dass die Rechtsordnung der Bundesrepublik eindeutig als Instrument der herrschenden Klasse gebraucht wird, sich mithin als Spiegel der Klassengesellschaft erweist.“Hans Heinz Holz, Die verschleierte Klassengesellschaft, in: H. Krüger (Hrsg.), Was ist heute links? München 1963, S. 69–84, hier S. 75. Damit wird die Grundlage für die in den folgenden Jahren von Holz öffentlich geäußerte Kritik an der Notstandsgesetzgebung, aus rechtswissenschaftlicher und verfassungspolitischer Perspektive, benannt.

Holz geht aus von der Einsicht, dass die herrschenden Klassen in Wirtschaft und Politik gemeinsam versuchten, die formal-demokratischen Rechtsnormen, die sie einst selbst geduldet hatten, durch die Realität des autoritären Staates der Konzerne und der hohen Staatsfunktionäre zu ersetzen. In einem Beitrag von 1966 thematisiert Holz den politisch-ökonomischen Kontext, in dem das Recht in der BRD wirkte und die Rechtsprechung erfolgte: „Privatwirtschaftliche Entscheidungen und privatrechtliche Verpflichtungen, soweit sie von Unternehmen der obersten Größenordnung getroffen und eingegangen werden, präjudizieren die Maßnahmen des Staates im inneren wie nach außen (…) War es nach klassischer bürgerlicher Staatslehre (…) die Aufgabe des Staates, die Rechtsordnung zu erhalten und zu schützen, die ein freies Spiel der Kräfte in der Wirtschaft garantierte, und (…) einseitige Verschiebungen des Gleichgewichts (etwa durch Monopolbildungen) zu verhindern, so (geriet) angesichts der neuen Schwerpunktbildungen in der Wirtschaft (…) der Staat in eine solche Abhängigkeit von den Entscheidungen der ökonomisch stärksten Potenzen, dass er praktisch nur noch diesen dienen kann (…) Die parlamentarische Gesetzgebungsmaschinerie ist nur noch partiell bestimmend für die Geschicke des Gemeinswesens.“Hans Heinz Holz, Intelligenz und Mitbestimmung, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 1966, S. 278–288, hier S. 281.

Bedeutung

In den 1960er und frühen 1970er Jahren gehörte Holz zu den – wenigen – kommunistischen Intellektuellen, die gegen orthodoxe Erstarrungen die Pluralität des marxistischen Denkens im Bewusstsein hielten. Er wies Jahre vor dem Boom des Eurokommunismus auf die Bedeutung der Theorien des italienischen Marxismus hin – Antonio Gramsci und Palmiro Togliatti,Hans-Heinz Holz: Strömungen und Tendenzen im Neomarxismus. München 1972 die die Allgemeingültigkeit des sowjetischen/russischen Weges zum Kommunismus in Frage stellten. Er betonte die Bedeutung der im sowjetischen Kommunismus damals verfemten Philosophen wie Georg LukácsHolz, Kofler, Abendroth: Gespräche mit Georg Lukacs (Hrsg. Theo Pinkus), Reinbek bei Hamburg 1967. und Ernst Bloch.Holz: Logos spermatikos. Ernst Blochs Philosophie der unfertigen Welt, Darmstadt und Neuwied 1975. Und er wollte – nach dem Bruch zwischen der Sowjetunion und dem China Maos und in Abgrenzung gegen alle „Ismen“Holz: Widerspruch in China. Politisch-philosophische Erläuterungen zu Mao Tse-Tung, München 1970, S. 108. und „Dissidenzen“Holz 1972, S. 10. – auch die chinesische Kulturrevolution und das Werk Mao-Tse-Tungs „polyzentrisch“ als einen der vielen nationalen Wege zum Sozialismus verstanden und legitimiert wissen.Holz 1970

Holz veröffentlichte zahlreiche Bücher und Aufsätze zur Geschichte und Systematik der Dialektik, zur Theorie der Kunst und zu Künstlern der Gegenwart sowie zu Problemen der Gesellschaftswissenschaften und Politik. Holz gab mit Domenico Losurdo die philosophische Zeitschrift Topos – Internationale Beiträge zur dialektischen Theorie heraus. Die seit 2012 erscheinende Aufhebung – Zeitschrift für dialektische Philosophie ist Holz gewidmet. Und er war einer der Herausgeber der Marxistischen Blätter.Siehe www.dialektik-salzburg.at

Kritik

Widerspruch erfuhr Hans Heinz Holz bei dem Versuch, die Ontologie wieder in den marxistischen philosophischen Diskurs einzuführen, vor allem im Rückgriff auf Leibniz, bei dem er die Auflösung des klassischen Substanzbegriffs in ein Relationen- und Strukturmodell fruchtbar machen wollte. Hier sehen manche Kritiker die Gefahr eines Abweichens vom konsequent materialistischen Standpunkt.Thomas Collmer: Notizen zu Hans Heinz Holz, Weltentwurf und Reflexion. In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 73 (März 2008). Diese Abweichung werde deutlich in seinem Werk Weltentwurf und Reflexion (2005). Hier entwickele Holz die Kategorie der Widerspiegelung als Metapher einer Seinsstruktur anstatt eines sinnlich-materiellen Vorgangs: Denn Widerspiegelung sollte bei Holz den Wirkungszusammenhang der materiellen Vielheit als universelles Reflexionssystem modellieren und die Besonderheit des menschlichen In-der-Welt-Seins als Moment des allgemeinen Naturverhältnisses begründen.

Veröffentlichungen mini|Utopie und Anarchismus, 1968

Monografien

Jean-Paul Sartre. Darstellung und Kritik seiner Philosophie. Westkulturverlag, Meisenheim am Glan 1951. Sprache und Welt. Probleme der Sprachphilosophie. Schulte-Bulmke, Frankfurt am Main 1953. Leibniz (= Urbach-Bücher, Band 34). Kohlhammer, Stuttgart 1958. Der französische Existenzialismus. Theorie und Aktualität. Dobbeck, Speyer / München 1958. Macht und Ohnmacht der Sprache. Untersuchungen zum Sprachverständnis und Stil Heinrich von Kleists. Athenäum, Frankfurt am Main 1962. Neuausgabe: Macht und Ohnmacht der Sprache. Untersuchungen zum Sprachverständnis und Stil Heinrich von Kleists. Aisthesis, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-89528-864-7. Zusammen mit Paul Neuhöffer: Griff nach der Diktatur? Texte, Kommentare, Stellungnahmen zur geplanten Notstandsgesetzgebung. (= Stimmen zur Zeit, Band 4). Pahl-Rugenstein, Köln 1965. Utopie und Anarchismus. Zur kritischen Theorie Herbert Marcuses. Pahl-Rugenstein, Köln 1968. Widerspruch in China. Politisch-philosophische Erläuterungen zu Mao Tse-tung. (= Reihe Hanser, Band 27). Hanser, München 1970. Vom Kunstwerk zur Ware. Studien zur Funktion des ästhetischen Gegenstands im Spätkapitalismus. (= Sammlung Luchterhand, Band 65). Luchterhand, Neuwied / Berlin 1972. Strömungen und Tendenzen im Neomarxismus. Hanser, München 1972, ISBN 978-3-446-11650-4. Logos spermatikos. Ernst Blochs Philosophie der unfertigen Welt. (= Philosophische Texte, Band 2). Luchterhand, Darmstadt / Neuwied 1975, ISBN 978-3-472-78002-1. Zusammen mit Klaus Peters, Wolfgang Schmidt: Erkenntnisgewißheit und Deduktion. Zum Aufbau der philosophischen Systeme. Descartes, Spinoza, Leibniz. (= Philosophische Texte, Band 3). Luchterhand, Darmstadt / Neuwied 1975, ISBN 978-3-472-78004-5. Die abenteuerliche Rebellion. Bürgerliche Protestbewegungen in der Philosophie. Stirner, Nietzsche, Sartre, Marcuse, Neue Linke. (= Philosophische Texte, Band 5). Luchterhand, Darmstadt / Neuwied 1976, ISBN 978-3-472-78005-2. Dialektik und Widerspiegelung. Pahl-Rugenstein, Köln 1983, ISBN 978-3-7609-0744-4. Alex Sadkowsky. Metamorphose der Wirklichkeit – Metamorphosis of Reality. ABC-Verlag, Zürich 1986, ISBN 978-3-85504101-5. Zusammen mit Jeroen Bartels, Jos Lensink, Detlev Pätzold: Dialectiek als open systeem. Konstapel, Groningen 1985.