Das Gymnasium Petrinum Recklinghausen ist ein humanistisches Gymnasium im Zentrum von Recklinghausen.

Geschichte Das nach dem Apostel Petrus benannte Gymnasium Petrinum ist eine der ältesten Schulen der Region. Das genaue Gründungsdatum ist nicht mehr feststellbar, da das alte Schulgebäude bei einem großen Stadtbrand 1500 vollständig abbrannte. Allerdings wurde das Petrinum schon 1421 im Archiv der Familie Westerholt erwähnt. Es wird vermutet, dass schon einige Jahre nach der Erlangung des Stadtrechts durch Recklinghausen im Jahr 1236 eine Lateinschule entstand. Nach der Gründung des Franziskanerklosters 1642 wurde seitens der Stadt versucht, die Ordensgemeinschaft auch mit der Leitung der städtischen Lateinschule zu betrauen. Denn die Franziskaner waren nicht zuletzt berufen worden, „um die Jugend im Lateinischen und in der Religion zu unterrichten“ („ad iuventutem tam in lingua Latina quam in catechesi instruendam“), wie es in der Stiftungsurkunde des Klosters vom 4. April 1642 heißt.Ludwig Adolf Wiese: Das höhere Schulwesen in Preußen. Historisch-statistische Darstellung. Berlin 1864, S. 307 Die Ordensleute übernahmen jedoch zunächst nur Aushilfstätigkeiten an der Schule. Nach erneuten Verhandlungen mit der Ordensprovinz übernahmen sie 1730 die Leitung und erhielten am 23. August 1730 die Zustimmung des Kölner Kurfürsten und Erzbischofs Clemens August von Bayern, eine „höhere Schule“ einzurichten, die durch eingeworbene Spenden der Franziskaner und städtische Gelder finanziert wurde.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts strebte der Kölner Kurfürst und Erzbischof Max Franz an, die Orden aus dem Schuldienst zu entfernen und richtete 1785 im Vest Recklinghausen eine Schulkommission zur Aufsicht über die Schulen ein. Schuldirektor Anton Wiggermann und der Ortspfarrer Johann Wesener kritisierten die Arbeit mehrerer Lehrer, einige dem Pfarrer missliebige Franziskaner mussten die Schule verlassen. 1797 sollte auf Weisung des Kurfürsten ein Weltpriester die Leitung der Schule übernehmen. Einige Franziskaner blieben jedoch als Lehrer an der Schule – der letzte bis 1824 –, da es schwierig war, andere Lehrer für ein geringes Gehalt von jährlich 200 Reichstalern zu gewinnen.Werner Burghardt: Recklinghausen – Franziskaner. In: Karl Hengst (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch. Band 2: Münster – Zwillbrock. Münster 1994, S. 296–303, hier S. 280f.

Im Zuge der Säkularisation wurde die Schule ab 1820 wieder unter die Aufsicht der Stadt gestellt. Zuerst wurde sie Höhere Stadtschule, dann 1822 Progymnasium. Seitdem ist das Petrinum eine staatliche Schule, die unter anderem auch von dem von Erzbischof Max Franz 1793 gegründeten Gymnasialfonds getragen wurde. Seit dem Jahre 1829 wird am Petrinum als Königlich-Preußischem Gymnasium das Abitur angeboten. Eine prägende Lehrerpersönlichkeit war Wilhelm Caspers, der 52 Jahre am Gymnasium Petrinum lehrte,Theodor Schulte-Coerne: Professor Wilhelm Caspers. Ein Recklinghäuser Lehrerleben im 19. Jahrhundert. In: Vestischer Kalender, Jg. 86 (2015), S. 253–256. und nach dem das Caspersgässchen unweit der Schule benannt ist. Zu den Lehrern der Schule gehörte auch Heinrich Bone (1813–1893), der das Gymnasium Petrinum von 1856 bis 1859 leitete. 1929 stiftete der Unternehmer Carl Still den Carl-Still-Preis, der der wissenschaftlichen Förderung der Schüler dient.

Gegenwart Heute ist die Schule eines von insgesamt fünf Gymnasien in Recklinghausen. Zurzeit besuchen etwa 760 Schüler in den Jahrgangsstufen 5 bis Q2 (12) die Schule. Insgesamt unterrichten etwa 50 Lehrer (s. Kollegiumsliste auf der Schulhomepage). Das Schulgelände am ehemaligen Stadtwall besteht aus einem renovierten Altbau und einem Neubau. Daneben existieren zwei Turnhallen, eine Mensa, ein Sportplatz, ein Schulgarten und eine historische Gymnasialkirche (siehe unten). Als Besonderheit gilt unter anderem die Möglichkeit für die Schüler, bereits ab der fünften Klasse mit Latein anzufangen. Außerdem besteht die Möglichkeit, ab der achten Klasse Altgriechisch zu lernen. Damit folgt das Petrinum bis heute seiner humanistisch-altsprachlichen Tradition.

Standort Während seiner Geschichte hatte das Gymnasium verschiedene Standorte im Zentrum von Recklinghausen. Ursprünglich lag das Petrinum als Lateinschule nahe der Peterskirche. Ab 1797 wurde in der Turmschule (heute Ikonen-Museum) unterrichtet, welche noch aus Mitteln des vom letzten Kurfürsten von Köln eingerichteten Gymnasialfonds für das Franziskanergymnasium erbaut worden war. Nach der Säkularisation entstand 1835 ein größeres Schulgebäude im Bereich des Franziskanerklosters neben der Franziskanerkirche (jetzt Gymnasialkirche). Dieses Gebäude existierte bis zur Zerstörung im Jahr 1944. 1911 wurde am neuen Wallring der Stadt der erste Bauabschnitt eines repräsentativen Neorenaissance-Gebäudes fertiggestellt. Der ab 1915 geplante zweite Bauabschnitt am Herzogswall wurde wegen des Weltkrieges nicht begonnen und nie realisiert. In den Jahren 1949 bis 1951 wurden Unterricht und Unterrichtsmaterialien für zwei Jahre in die Freiherr-vom-Stein-Schule am Westerholter Weg (damals Aufbaugymnasium) ausgelagert, um am Gymnasium Petrinum umfangreiche Sanierungs- und Ausbauarbeiten vornehmen zu können. Erst 1955/56 wurde ein zweiter Baukomplex errichtet, dem ein moderner Neubauteil entlang des Herzogswall 1980 folgte. 2011 wurde der Bereich aufgestockt, um neue naturwissenschaftliche Räume zu erhalten.

Altbau Der heutige Altbau des Petrinums wurde 1911 im Baustil der Neorenaissance neben der Gymnasialkirche errichtet. Darin befinden sich die Klassenräume für die Oberstufe und das Lehrerzimmer. Zudem besitzt er seit 1955 eine große Aula, die für Konzerte und Theateraufführungen genutzt wird. Im Keller sind das Bistro und die Galerie Blauer Hahn untergebracht. Ein Anbau an die Gymnasialkirche, das sogenannte Seminargebäude (hier stand nach dem Zweiten Weltkrieg das erste Studienseminar für die Lehrerausbildung), beherbergt seit 2011 die Mensa.

Neubau Der Neubau wurde 1982 fertiggestellt und beherbergt neben den Klassenräumen der Unter- und Mittelstufe die naturwissenschaftlichen Unterrichtsräume (erweitert 2011). Außerdem ist eine große Sporthalle angeschlossen. Der große Tartanplatz vor dem Neubau dient in der Pause als Schulhof und im Unterricht als zusätzlicher Platz für den Sportunterricht. Altbau und Neubau sind über eine Brücke miteinander verbunden.

Historische Gymnasialkirche (vormals Franziskanerkirche) und Franziskanerkloster mini|Gymnasialkirche Geschichte Nach der Eroberung der Stadt Dorsten durch die Truppen der Landgrafschaft Hessen-Kassel 1633 wurden die Franziskaner aus ihrem dortigen Kloster vertrieben, einige von ihnen kamen auf Wunsch von Pfarrer Dobbelinck nach Recklinghausen, wo sie als Seelsorger tätig waren. Sie blieben auch in der Stadt, als ihr Kloster in Dorsten 1641 wieder bewohnt werden konnte. Der Rat der Stadt Recklinghausen bat durch eine Eingabe an den Erzbischof von Köln, Kurfürst Ferdinand von Bayern, um Genehmigung der Errichtung eines Klosters. Der Erzbischof stellte am 4. April 1642 die Stiftungsurkunde für ein Franziskanerkloster in Recklinghausen aus.Werner Burghardt: Recklinghausen – Franziskaner. In: Karl Hengst (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch. Band 2: Münster – Zwillbrock. Münster 1994, S. 296–303, hier S. 279f.

Die Franziskaner wohnten anfangs in verschiedenen Bürgerhäusern. Ab 1646 erwarben sie Grundstücke zum Bau einer Kirche und eines Klosters, ab 1652 bewohnten sie ein eigenes Haus. Der Bau der Klosterkirche begann mit der Grundsteinlegung am 16. Juni 1658, 1666 war die Kirche fertiggestellt.Johannes Körner (Bearb.): Landkreis Recklinghausen und Stadtkreise Recklinghausen, Bottrop, Buer, Gladbeck und Osterfeld (= Die Bau- und Kunstdenkmäler von Westfalen, Bd. 39). Aschendorff, Münster 1929, S. 41. 1686 zerstörte ein im Kloster ausgebrochener Stadtbrand auch den Großteil der Kirche, jedoch wurde sie mit Hilfe der Bürgerschaft binnen eines Jahres wieder aufgebaut. Die Konsekration der Kirche und dreier Altäre nahm Johann Werner von Veyder, Weihbischof und Generalvikar des Erzbistums Köln, anlässlich einer Firmreise im Vest Recklinghausen am 9. Mai 1706 vor. Die Kirche trug das Patrozinium Maria Immaculata (Unbefleckte Empfängnis Mariens). 1716 wurde der Dachreiter mit zwei Glocken hinzugefügt. Für das Konventsgebäude wurde der Grundstein am 3. März 1676 gelegt. Der Stadtbrand zerstörte auch diesen Bauteil, der wieder aufgebaut wurde. Mit dem Bau von zwei weiteren Flügeln des Klosters begann man 1709, 1748 wurde eine Gebäudeteil bis zur Stadtmauer genehmigt, durch den die Klosteranlage jetzt ein Quadrum um einen Innenhof bildete; in Nebengebäuden befanden sich ein Brau- und Backhaus sowie Schweine- und Kälberställe. Zum Kloster gehörte auch ein Begräbnisplatz für die Franziskaner. Bis gegen Ende des 18. Jahrhunderts war das Kloster fertiggestellt. Gegen den Klosterbau gab es anfangs Einwände seitens des Rates der Stadt, weil die Franziskaner es abgelehnt hatten, die Leitung der Schule zu übernehmen, sondern nur bereit waren, dort aushilfsweise als Lehrer zu arbeiten. Erst 1730 gingen sie auf ein erneutes Angebot zur Leitung der „Höheren Schule“ ein, nachdem der Stadtrat den vom Provinzial der Ordensprovinz gestellten Bedingungen zugestimmt hatte.Werner Burghardt: Recklinghausen – Franziskaner. In: Karl Hengst (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch. Band 2: Münster – Zwillbrock. Münster 1994, S. 296–303, hier S. 280, 282.

Die bis zu dreißig Laienbrüder und Patres umfassende Gemeinschaft der Franziskaner des Conventus Richlinghusanus Ordinis Sancti Francisci Fratrum Minorum ‚Konvent des Minderbrüderordens des heiligen Franziskus zu Recklinghausen‘ gehörte zur Sächsischen Franziskanerprovinz (Saxonia), die ab 1633 wieder restituiert wurden, nachdem sie infolge der Reformation fast ganz erloschen war. Die Brüder waren neben dem Schuldienst vielfältig in der Seelsorge tätig, und zwar nicht nur in den benachbarten Orten des Vestes Recklinghausen, sondern auch in den mehrheitlich protestantischen Gebieten der Grafschaft Mark (z. B. Crange, Eickel), in einigen adeligen Häusern im Vest Recklinghausen, als Beichtväter im Recklinghäuser Schwesternkloster und in der Fürsorge für Kranke und Arme.

Als regelmäßiger Tagungsort der vestischen Landstände (Ritterschaft und die Städte Dorsten und Recklinghausen) besaßen Kirche und Kloster besondere Bedeutung. Der 229 Blatt umfassende Codex „Liber conventus Richlinghusani Ordinis Sancti Francisci Fratrum Minorum Strictioris Oberservantiae…“, das Amtsbuch des Klosters aus den Jahren 1704 bzw. 1768, ist im Stadtarchiv Recklinghausen vorhanden. 1794 wurden kurfürstliche Geschäftsräume und Registratur im Kloster untergebracht, nachdem Kurfürst und Erzbischof Max Franz nach der Besetzung des linken Rheinufers durch die Franzosen aus Bonn fliehen musste; für die Franziskaner blieb nur ein kleiner Teil des Klosters.Werner Burghardt: Recklinghausen – Franziskaner. In: Karl Hengst (Hrsg.): Westfälisches Klosterbuch. Band 2: Münster – Zwillbrock. Münster 1994, S. 296–303, hier S. 280.