mini|Lager der Bündischen Jugend in Berlin-Grunewald (Mai 1933) Bündische Jugend nennt man die in Deutschland mehrheitlich aus dem Wandervogel und den Pfadfindern hervorgegangene und in ihrer Mehrheit völkisch-nationalistisch orientierte Jugendbewegung nach dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik, kurz die Bündischen genannt. Heute begreift sich eine kleine Zahl von Jugendverbänden und -gruppen weiter als bündisch, unterscheidet sich aber in der Regel inhaltlich stark von ihrem historischen Vorbild.
Geschichte Gründungsphase Sowohl Pfadfinder als auch Wandervögel kehrten aus dem Ersten Weltkrieg desillusioniert zurück, darüber hinaus war ein Großteil der bisherigen Führer gefallen. Die überlebenden Mitglieder mit Fronterfahrung gewannen in den Augen der jüngeren, nicht mehr vom aktiven Kriegsdienst betroffenen Jugendlichen an Autorität, während die älteren Funktionäre zunehmend weniger anerkannt wurden. Im Rahmen von Feiern und Zusammenkünften verschiedener Jugendorganisationen nahmen das Gedenken an den Krieg und die Gefallenen breiten Raum ein.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 60f., 63ff. Dadurch veränderten sich die Bünde und die Bündelandschaft. Sie wollten die Gesellschaft von Grund auf verändern. Politische Aktivitäten begannen an Bedeutung zu gewinnen.
In der Nachkriegszeit gewannen Vertreter der Konservativen Revolution Einfluss auf denjenigen Teil der Jugendbewegung, der nicht bereits als Arbeiterjugend politisch links orientiert war. Mit dem Jungdeutschen Bund formierte sich im August 1919 eine ausdrücklich nationalkonservative Vereinigung innerhalb des Wandervogels.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 73. Ähnliche Entwicklungen fanden auch in der Pfadfinderschaft statt. 1921/22 spalteten sich mit dem Bund Deutscher Neupfadfinder und den Ringpfadfindern völkische Strömungen ab, die auch die Vorstellungen von Ritterschaft und persönlicher Gefolgschaft von den sich formierenden Bündischen übernommen hatten.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 102.
Außerhalb der älteren Jugendorganisationen gründete sich im Januar 1919 der Deutsch-Nationale Jugendbund (DNJ), der seine Mitgliedschaft binnen Jahresfrist mit rund 50.000 angab. Die Organisation verband ein breit gespanntes Freizeitangebot mit einer Ausrichtung auf die Wiederherstellung der Gesellschaftsordnung aus dem Kaiserreich.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 78f. Der 1921 vom DNJ abgespaltene Jungnationale Bund legte die monarchistischen Elemente ab und propagierte eine stärker völkisch-nationalistische Weltanschauung. In seiner Arbeit nahmen die Herausbildung von Führerpersönlichkeiten, regelmäßige nachmittägliche Gruppentreffen und Fahrten nach dem Vorbild des Wandervogels eine größere Rolle ein.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 87ff. Ähnlich völkisch positionierte sich der 1920 gegründete Bund der Adler und Falken, allerdings mit einem Selbstverständnis als künftige Führungselite und einer stärkeren Ausrichtung auf Kultur- und Naturerlebnisse.
In den Jahren 1919 bis 1922 erfasste der Wandel hin zum Bündischen auch die älteren Wandervogel-Formationen. Der Alt-Wandervogel schloss auf Betreiben des 1919 gewählten Bundesleiters Ernst Buske fast alle älteren Mitglieder aus und spaltete die Mädchenorganisationen ab. Im größeren Wandervogel e. V. beanspruchten die Landesverbände von 1920 an größere Autonomie. 1922 wurde der Verein aufgelöst. Die nun eigenständigen und sich zum Teil wieder zusammenschließenden Verbände setzten in ihrer Mehrheit ebenfalls die Abspaltung der weiblichen Jugend und eine Ausrichtung von Weltanschauung und Organisation nach bündischen Grundsätzen um.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015. S. 104f. Vergleichbar erfolgte Ende 1919 die Abspaltung der Gruppe Die Geusen / Jungvölkischer Bund von den Fahrenden Gesellen, der Wandervogel-Organisation des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbands. Mit maximal 2000 Mitgliedern blieben die Geusen eine eher kleinere Gruppierung. Sie verstanden sich zwar als Lebensbund, blieben aber koedukativ.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 107.
Politisch linksgerichtete Strömungen blieben innerhalb der Bündischen Jugend eine Ausnahmeerscheinung und erreichten nur eine geringe Gefolgschaft. Eine dieser Gruppen war der Freideutsche Bund unter Knud Ahlborn, der sich auf die Tradition des Ersten Freideutschen Jugendtags von 1913 bezog. Die Entschiedene Jugend wollte bündische Ideen in die Arbeiterjugend einbringen, schloss sich aber nach ausbleibendem Erfolg 1921 größtenteils der Kommunistischen Partei Deutschlands an.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 108f. Auch in der konfessionellen Jugendarbeit des Bundes Deutscher Jugendvereine auf protestantischer und des Quickborn auf katholischer Seite gab es Bestrebungen einer stärkeren Selbstverwaltung der Jugend und der Abwendung von älteren Führungspersönlichkeiten; wegen ihrer konfessionellen Bindung hielten diese Organisationen sich aber von den eigentlichen Bünden fern. Dies galt ähnlich auch für sozialistische und sozialdemokratische Jugendgruppen. Dort nach dem Ersten Weltkrieg vorhandene nationalistische Anklänge wurden spätestens 1925 durch einen kaum umstrittenen Internationalismus verdrängt.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 125f. Unter den konfessionellen Organisationen stand der katholische Bund Neudeutschland den bündischen Ideen und Organisationsformen am nächsten, wurde aber nie Teil der späteren Organisationen der Bewegung.
In ihrer Frühphase verstanden die Bündischen sich in der Regel nicht als gemeinsame Bewegung. Allerdings erkannten viele Protagonisten die ähnlich ausgerichteten Grundsätze und Ideale trotz verschiedener organisatorischer Hintergründe. Wichtig für den Austausch waren Publikationen, die auch über die Grenzen des jeweiligen Bundes hinweg rezipiert wurden, und die verbreiteten Doppelmitgliedschaften von Protagonisten, sowohl innerhalb verschiedener Jugendbewegungen als auch in Parteien, Berufs- und Hochschulverbänden.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 112ff.
Das Entstehen einer Bewegungsidee Nachdem sich die verschiedenen Organisationen und Strömungen gebildet hatten, setzten Versuche einer Koordination ein. Anfang 1922 trafen sich Vertreter verschiedener Pfadfinder- und Wandervogelbünde sowie des Junabu auf Betreiben des Pfadfinderführers Martin Voelkel in Karlshorst. Im April folgte ein Treffen in gleicher Konstellation auf der Wartburg. Zu einem engeren Zusammenschluss kam es dabei nicht, eine Gesprächsplattform war aber geschaffen. Zudem einigten sich die Teilnehmer auf das Balkenkreuz als gemeinsames Symbol und auf Grenzfeuer als gemeinsames Ritual. Aus dem Wartburgkreis ging im August 1923 eine Heerschau bei Weißenstadt im Fichtelgebirge hervor, an der bis auf die Adler und Falken (die sich allerdings kurz darauf dem bündischen Austausch anschlossen) alle größeren Jugendorganisationen und auch die Älterenbünde teilnahmen. Das Treffen war auch als Gegenveranstaltung zu einem gleichzeitigen Erinnerungstreffen zehn Jahre nach dem Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Meißner gedacht. Im Rahmen des Fichtelgebirgstreffens kam der Begriff „bündisch“ erstmals als gruppenübergreifende Selbstbeschreibung auf.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 123f.
Ab 1922 erhielten die bündischen Organisationen zunehmend Aufmerksamkeit durch Behörden: Nach dem Mord an Walther Rathenau durch rechtsextreme Täter am 22. Juni 1922 wurden mehrere von ihnen in einigen deutschen Ländern verboten. Die alliierten Besatzungsbehörden verboten ebenfalls 1922 im besetzten Rheinland alle drei große Pfadfinderbünde, weil sie fürchteten, dass diese der Schwarzen Reichswehr zuarbeiten könnten.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 115f.
Nach dem Fichtelgebirgstreffen etablierten sich neue Aktionsformen in der Bündischen Jugend. Dazu gehörten Grenzlandfahrten. Damit waren Fahrten nach Österreich und in Gebiete gemeint, die Deutschland in der Folge des Ersten Weltkriegs verloren hatte. Vor allem der Schlesische Wandervogel-Jungenbund propagierte diese „Grenzlandarbeit“ und richtete bei Löwenberg ein Schulungshaus zu diesem Thema ein. Ziel war einerseits das Aufrechterhalten des Kontakts zum „deutschen Volkstum“ in diesen Gebieten und andererseits die Herausbildung junger Führer im Rahmen dieser als besonderes Abenteuer verstandenen Fahrten.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 130f. Die 1926 gegründete Gruppe Bund Artam kann mit ihrem Ostsiedlungsprogramm als Fortsetzung und Radikalisierung der Grenzlandfahrten verstanden werden.
Auf das Fichtelgebirgstreffen folgten erneute Initiativen zum organisatorischen Zusammenschluss. Im Rahmen des Treffens selbst verschmolzen Alt-Wandervogel, „Wandervogel, Wehrbund Deutscher Jugend“, Wandervogel-Jungenbund und Schlesischer Wandervogel-Jungenbund zum „Wandervogel, Deutsche Jungenschaft“, der kurz darauf unter Ernst Buske seine Bezeichnung zu „Alt-Wandervogel, Deutsche Jungenschaft“ änderte. Auf der Seite der Pfadfinder blieb ein vergleichbarer Versuch unter dem Namen Hochbund zunächst ergebnislos.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 156f.
Nach Wartburg und Fichtelgebirge fand im August 1924 das dritte große gesamtbündische Treffen auf dem Heidelstein in der Rhön statt. Im Mittelpunkt stand das Gedenken an die Soldaten und Gefallenen des Ersten Weltkriegs, insbesondere die Pflege des sich gerade erst etablierenden Mythos von Langemarck.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 146. Zum bündeübergreifenden Gemeinschaftsverständnis und der ab Mitte der 1920er Jahre verstärkten Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg trug auch die Rezeption und Verehrung bestimmter Autoren bei. Eine herausgehobene Rolle spielte in diesem Zusammenhang Walter Flex mit seinem Werk Der Wanderer zwischen beiden Welten, aber auch Ernst Jünger, Hermann Löns, bei dem Naturerlebnis und Kriegstod gleichermaßen thematisiert wurden, sowie mit Blick auf den Volkstumsgedanken Hans Grimm.Rüdiger Ahrens: Bündische Jugend. Eine neue Geschichte 1918–1933. Wallstein, Göttingen 2015, S. 153.