mini|hochkant|Jean-Baptiste Charcot Jean-Baptiste Étienne Auguste Charcot (* 15. Juli 1867 in Neuilly-sur-Seine; † 16. September 1936 vor der Küste Islands) war ein französischer Wissenschaftler, Arzt und Polarforscher. Er unternahm zwei Entdeckungsfahrten in die Antarktis.
Leben Frühe Jahre und Familie Jean-Baptiste Charcot war ein Sohn des berühmten Neurologen Jean-Martin Charcot. Er besuchte die Pariser École Alsacienne und wurde anschließend, dem Willen seines Vaters folgend, Arzt. Nach dem Tod der Eltern 1893 und 1895 erbte er ein beträchtliches Vermögen, das es ihm erlaubte, seinem Interesse für das Meer und die Seefahrt nachzugehen. Er schloss nach dem Medizinstudium und der vierjährigen praktischen Ausbildung an Pariser Krankenhäusern zwar noch 1895 seine Promotion ab, gab die Medizin aber drei Jahre später endgültig auf. In dieser Zeit spielte er auch auf hohem Niveau Fünfzehner-Rugby: Mit dem von ihm gegründeten Club L’Olympique wurde er 1895 Vizemeister und im Jahr darauf französischer Meister.Samuel Etienne, Maria Fernanda Sanchez Goni: Jean-Baptiste Charcot, in: Dictionnaire prosopographique de l’EPHE. École pratique des hautes études, Stand 10. Juli 2018.
1896 heiratete er Jeanne Hugo (1869–1941), eine Enkelin des Schriftstellers Victor Hugo, die 1895 von Léon Daudet geschieden worden war. Nach einem Streit im Theater kam es zwischen Daudet und Charcot zum Duell, bei dem ersterer leicht verletzt wurde.John Stewart: Antarctica – An Encyclopedia. Bd. 1, McFarland & Co., Jefferson und London 2011, ISBN 978-0-7864-3590-6, S. 306 (englisch) Über seine Ehefrau war Charcot verschwägert mit dem Politiker und zweimaligen Marineminister Édouard Lockroy (1840–1913). Seine Schwester Jeanne (1865–?) war die dritte Ehefrau von Alfred Edwards (1856–1914), dem Eigner der einflussreichen Zeitung Le Matin, und seine Halbschwester Marie Durvis (1854–1936) die Ehefrau des französischen Premierministers von 1899 bis 1902, Pierre Waldeck-Rousseau.Beau Riffenburgh: Charcot, Jean-Baptiste. In: Beau Riffenburgh (Hrsg.): Encyclopedia of the Antarctic, Routledge, New York und London 2007, S. 220 f, ISBN 0-415-97024-5 (englisch)
1898 begleitete Charcot den US-amerikanischen Multimillionär Cornelius Vanderbilt II (1843–1899) auf dessen Yacht Catania auf einer Reise entlang der afrikanischen Mittelmeerküste und auf dem Nil.Head of the Vanderbilts Suffers His Second Stroke of Paralysis. Attack Almost Instantly Fatal, in Los Angeles Herald am 13. September 1899 (englisch) Vanderbilt zahlte ihm dafür ein Arzthonorar von täglich 20 £.Cornelius Vanderbilt Sailes. He Leaves Salins d’Hyeres for Alexandria on the Catania with a Doctor and Guests, in New York Times am 31. Dezember 1897 (englisch) Bei den zweiten Olympischen Spielen der Neuzeit belegte Charcot im Jahr 1900 in zwei Segeldisziplinen jeweils den zweiten Platz.
Erste Antarktisexpedition 1903–1905 mini|hochkant|Die Français 1903 im Hafen von Le Havre mini|Booth-Insel: Port Charcot mit Charcots Steinmann Mit seinen Yachten, die er meistens Pourquoi Pas? () nannte, unternahm Charcot Reisen nach England, Irland, den Shetland-Inseln und Färöer. 1902 segelte er mit der Rose-Marine auch nach Island und Jan Mayen, wo er seine Liebe zur Arktis entdeckte. Mit seinem neuen Schiff, dem Drei-Mast-Schoner Français, wollte er 1903 nach Nowaja Semlja fahren. Das Ausbleiben von Otto Nordenskjölds Schwedischer Antarktisexpedition ließ ihn jedoch seine Pläne ändern und eine Rettungsexpedition in die Antarktis unternehmen.David E. Yelverton: Quest for a Phantom Strait. The Saga of the Pioneer Antarctic Peninsula Expeditions 1897–1905. Polar Publishing Ltd., 2004, S. 41 f (englisch) Den finanziellen Mehrbedarf versuchte er durch eine Spendensammlung unter den Lesern von Le Matin zu decken. Schließlich beteiligte sich auch der französische Staat an der Finanzierung. Als Experten konnte Charcot Adrien de Gerlache de Gomery gewinnen, der von 1897 bis 1899 die Belgica-Expedition geleitet und als Erster in der Antarktis überwintert hatte.
Die Français verließ Le Havre am 15. August 1903 und erreichte Pernambuco am 19. Oktober. Unstimmigkeiten über den Expeditionsplan führten dazu, dass Gerlache und zwei Wissenschaftler das Schiff verließen und nach Europa zurückkehrten. In Buenos Aires musste Charcot in der letzten Novemberwoche erfahren, dass Nordenskjöld bereits von der argentinischen Korvette Uruguay gerettet worden war. Wertvolle Hinweise von Nordenskjöld, dessen Kapitän Carl Anton Larsen und dem Leiter der Schottischen Antarktisexpedition, William Speirs Bruce, halfen Charcot, einen neuen Expeditionsplan aufzustellen, der auf den Entdeckungen der früheren Expeditionen im Gebiet der Antarktischen Halbinsel basierte. Er wollte zunächst die Inseln an der Gerlache-Straße erforschen und so weit südlich wie möglich einen Platz zum Überwintern finden. In der zweiten Saison sollte versucht werden, weiter nach Süden vorzudringen oder, wenn das nicht möglich sein sollte, die Antarktische Halbinsel Richtung Osten zu überqueren.David E. Yelverton: Quest for a Phantom Strait. The Saga of the Pioneer Antarctic Peninsula Expeditions 1897–1905. Polar Publishing Ltd., 2004, S. 42 (englisch) Die argentinische Regierung ließ Charcot großzügige Unterstützung zuteilwerden. Ihm wurde zugesagt, sein Schiff in Ushuaia gratis mit Kohle zu versorgen und ihm die Schlittenhunde zu leihen, die Nordenskjöld seinen Rettern auf der Uruguay übergeben hatte. Zudem wurde die beschädigte Schiffsschraube repariert. Argentinien verpflichtete sich darüber hinaus, im nächsten Sommer ein Schiff zu schicken, um nach Charcot oder Nachrichten von ihm zu schauen.
Am 23. Dezember verließ die Français Buenos Aires und erreichte am 10. Januar 1904 Ushuaia.John Stewart: Antarctica – An Encyclopedia. Bd. 1, McFarland & Co., Jefferson und London 2011, ISBN 978-0-7864-3590-6, S. 589 (englisch) An Smith Island vorbei gelangte die Expedition zum Eingang der Gerlache-Straße, wo sie sich westlich hielt und die seeseitigen Küsten der Inseln Brabant und Anvers kartierte.David E. Yelverton: Quest for a Phantom Strait. The Saga of the Pioneer Antarctic Peninsula Expeditions 1897–1905. Polar Publishing Ltd., 2004, S. 44 (englisch) Nach dem Platzen eines Wasserrohrs wurde die Français am 7. Februar in die Flanders Bay gesteuert, wo die nötigen Reparaturmaßnahmen innerhalb von elf Tagen ausgeführt wurden.David E. Yelverton: Quest for a Phantom Strait. The Saga of the Pioneer Antarctic Peninsula Expeditions 1897–1905. Polar Publishing Ltd., 2004, S. 45 (englisch) Auf der Suche nach einem Ort für das Hinterlegen von Nachrichten – Charcot wählte schließlich die Casabianca-Insel – entdeckte die Expedition Port Lockroy, einen natürlichen Hafen an der Westseite der Wiencke-Insel. Weiter nach Süden vorstoßend geriet die Français in schweres Eis. Die Expedition fand einen geschützten Hafen (Port Charcot) für die Überwinterung auf der Booth-Insel.
Am 24. November begann Charcot mit vier Männern eine elftägige Exkursion mit dem Beiboot. Über die Petermann-Insel kamen sie bis zur Küste von Grahamland und bestiegen einen Berg am Kap Tuxen.Paul Ward: Jean-Baptiste Charcot – Français. French Antarctic Expedition 1903–1905, auf www.coolantarctica.com (englisch) Erst Ende Dezember 1904 kam die Français wieder frei. Bei der Vermessung der Anvers-Insel benannte Charcot deren höchsten Berg nach seinem Schiff Mount Français. Getrieben durch nordöstliche Stürme setzte die Expedition ihren Weg nach Südwesten fort, und am 11. Januar 1905 kam die etwa 100 km entfernte Alexander-I.-Insel in Sicht.David E. Yelverton: Quest for a Phantom Strait. The Saga of the Pioneer Antarctic Peninsula Expeditions 1897–1905. Polar Publishing Ltd., 2004, S. 52 (englisch) Bei 67° 25′ S traf Charcot auf festes Packeis und konnte nicht weiter nach Süden vordringen. In nordöstlicher Richtung fuhr das Schiff weiter bis vor die Küste der Adelaide-Insel, wo es auf einen Felsen lief. Nur mit Not und ständigem Abpumpen des eindringenden Wassers erreichte die Français Port Lockroy am 29. Januar, wo die Crew zehn Tage mit Reparaturarbeiten beschäftigt war. Am 5. März ankerte das Schiff im Hafen von Puerto Madryn und kam am 22. März nach Buenos Aires, wo es direkt ins Trockendock gelegt wurde.David E. Yelverton: Quest for a Phantom Strait. The Saga of the Pioneer Antarctic Peninsula Expeditions 1897–1905. Polar Publishing Ltd., 2004, S. 57 (englisch) Charcot verkaufte die Français an Argentinien und kehrte auf der Algérie nach Frankreich zurück, wo ihm ein triumphaler Empfang bereitet wurde. Die wissenschaftliche Ausbeute der Expedition war beträchtlich. Etwa 1000 km Küstenlinie waren kartiert worden, und die wissenschaftlichen Ergebnisse füllten schließlich achtzehn Bände.Ian R. Stone: French Antarctic (Français) Expedition (1903–1905). In: Beau Riffenburgh (Hrsg.): Encyclopedia of the Antarctic, Routledge, New York und London 2007, S. 419–421, ISBN 0-415-97024-5 (englisch)
Jeanne Charcot hatte bereits im Februar 1905 die Scheidung eingereicht, da Charcot sie verlassen hätte.Mme. Charcot Seeks Divorce. Granddaughter of Victor Hugo Charges Her Husband with Desertion, in New York Times am 16. Februar 1905 (englisch) Am 24. Januar 1907 heiratete er erneut. Seine zweite Frau Marguerite Cléry (1874–1960) war Kunstmalerin. Das Paar hatte zwei Töchter.Jean Baptiste Charcot Le Commandant auf GeneaNet, abgerufen am 24. September 2013 (französisch)
Zweite Antarktisexpedition 1908–1910 mini|Marguerite Charcot 1908 mit Kind auf der Brücke der Pourquoi Pas? mini|links|Route der Pourquoi Pas? 1908–1910 miniatur|Die Pourquoi Pas? am 15. August 1908 mini|Port Circumcision, wo die Pourquoi Pas? 1909 überwinterte Unmittelbar nach der Rückkehr aus der Antarktis begann Charcot mit den Planungen für eine zweite Expedition. Er wollte seine Forschungen dort fortsetzen, wo er sie hatte abbrechen müssen. Insbesondere beschäftigte ihn die Frage, ob Antarktika ein Kontinent oder nur eine Gruppe eisbedeckter Inseln sei.Ian R. Stone: French Antarctic (Pourquoi Pas?) Expedition (1908–1910). In: Beau Riffenburgh (Hrsg.): Encyclopedia of the Antarctic, Routledge, New York und London 2007, S. 421 f, ISBN 0-415-97024-5 (englisch) Die Finanzierung bereitete diesmal weniger Probleme, allein die französische Regierung bewilligte ihm 600.000 Franc.Paul Ward: Jean-Baptiste Charcot – Pourquoi Pas?. Second French Antarctic Expedition 1908–1910, auf www.coolantarctica.com (englisch) Von François Gautier in Saint-Malo, der schon die Français gebaut hatte, bestellte er sich ein neues Schiff, das er wieder auf den Namen Pourquoi Pas? taufte. Die Drei-Mast-Bark mit einer 450-PS-Maschine lief am 18. Mai 1908 vom Stapel.
Die Expedition verließ Le Havre am 15. August. An Bord war auch Marguerite Charcot, die ihren Mann bis Punta Arenas begleitete, das die Pourquoi Pas? am 16. Dezember verließ. Schon sechs Tage später passierte das Schiff die Smith-Insel und lief in den Hafen von Deception Island ein, wo mehrere norwegische Walfänger vor Anker lagen. Nach Übernahme von 30 t Kohle wurde die Fahrt am 25. Dezember fortgesetzt. Vier Tage später erreichte die Pourquoi Pas? bereits Port Charcot, wo die Français 1904 überwintert hatte. Am 1. Januar 1909, dem Tag der Beschneidung Christi, entdeckte Charcot einen geschützten Hafen auf der Petermann-Insel, den er Port Circumcision nannte. Eine auf wenige Stunden angelegte Fahrt mit dem Motorboot zum Kap Tuxen wurde Charcot fast zum Verhängnis, als das Boot im Eis eingeschlossen wurde. Erst nach drei Tagen gelang es, die hungernden und frierenden Männer wieder an Bord zu nehmen. Unmittelbar darauf lief das Schiff auf ein Riff und kam erst nach Stunden bei Flut wieder frei. Obwohl die Pourquoi Pas? Schaden genommen hatte, war sie doch stabil genug, die Reise fortzusetzen.