mini|Mosaik aus dem Mausoleum der Galla Placidia (5. Jahrhundert) mit den vier Evangelien in Codexform in einem verschließbaren Bücherschrank Bücher in der Antike waren entweder als Buchrolle oder als Codex geschrieben. Ob ein Buch, das in einer antiken Quelle erwähnt wird, als Rolle oder als Codex vorlag, ist (wenn überhaupt) in der Regel nur aus dem Kontext erschließbar. Die Rolle aus Papyrus war in der Antike gebräuchlich, der Codex aus Pergament war seit der Spätantike gebräuchlich, jedoch bereits in der römischen Kaiserzeit nicht unbekannt. Die heutige Vorstellung, nach der ein Buch in der Regel einem Titel und einem Band entspricht, galt nicht für den Codex in vormodernen Jahrhunderten.

Buchformen Rolle mini|Rekonstruktion von Papyrusrollen Die Schriftrolle war in der Antike ein Buch mit literarischem Inhalt (im Gegensatz zu Urkunde oder Brief) aus Papyrus und meist einseitig beschrieben. In etwa kann man eine Rolle mit einem Titel gleichsetzen (siehe unten). Die wichtigsten Fundstücke für statistische Angaben über antike Bücher sind die Rollen von Oxyrhynchos, die aus einer antiken Müllhalde stammen. Die Buchrollen unter den Funden von Oxyrhynchos entstanden im 1. bis 7. Jahrhundert. Auf Grundlage dieses Fundes kann die Verbreitung von Literatur in der Bevölkerung sowie deren thematische Gewichtung geschätzt werden. Die Funde aus der Zeit nach 400 sind stark rückläufig. Es gibt keine Funde aus der Zeit vor dem 1. Jahrhundert n. Chr., da vermutlich die in der Tiefe zunehmende Bodenfeuchte an der Fundstelle das tiefere, ältere Material vernichtet hat.

Nach den Daten von William A. JohnsonWilliam A. Johnson: The literary papyrus roll. Format and conventions; an analysis of the evidence from Oxyrhynchus. Yale University Press, New Haven, Connecticut 1992. betrug die durchschnittliche Länge 10,3 m. Dies ist jedoch eine Hochrechnung von Fragmenten, beeinflusst auch durch einige vermutlich große Rollen (19–29 m) Herodot, Platon und Thukydides. Die Existenz solch großer Rollen scheint andernorts belegt. Axon erwähnt eine 120 Fuß (40 m) lange Homer-Rolle, geschrieben mit Goldbuchstaben, als Bestand der Palastbibliothek von Konstantinopel um 400.William E. A. Axon: On the Extent of Ancient Libraries. In: Transactions of the Royal Society of Literature of the United Kingdom. Second Series, Vol. X., London 1874, S. 383–405. Vermutlich war es ein immer ausgebreitet präsentiertes Ausstellungsstück aus einer Schule oder Bibliothek.

Dieter Hagedorn schätzt die durchschnittliche Rolle auf 3–4 m, glaubt aber, „Rollen von 10 m Länge dürften keine Seltenheit gewesen sein.“Dieter Hagedorn: Papyrologie. In: Heinz-Günther Nesselrath (Hrsg.): Einleitung in die griechische Philologie. Teubner, Stuttgart 1997, ISBN 3-519-07435-4. Egert Pöhlmann kommt aufgrund von Literaturrecherchen auf einen Wert von 6 bis 11 m.Egert Pöhlmann: Einführung in die Überlieferungsgeschichte und in die Textkritik der antiken Literatur. Darmstadt 1994, S. 124. Vielleicht kann man von einer durchschnittlichen Länge der Buchrolle von 6 bis 8 m ausgehen. Besonders relevant ist dieser Wert aber nur zur Berechnung der Bestände von Schränken in Wandnischen, wenn nur noch die Gemäuerüberreste von einer antiken Bibliothek vorhanden sind und die Bestandszahlen nicht überliefert sind.

Wichtiger ist die durchschnittliche Anzahl der Buchstaben pro Rolle. Sie betrug bei Johnsons Datensatz von Oxyrhynchos 83.300 pro Rolle. Werte von 150.000 scheinen für 10–12 m lange Rollen großer Werke, etwa Herodot, noch üblich gewesen zu sein. Die durchschnittliche Buchstabenbreite betrug 3,3 mm, konnte aber auch von 5 bis unter 2 mm reichen. Die Anzahl der Buchstaben pro Rolle ist daher unabhängig von der durchschnittlichen Größe der Rolle.

Axon stellte eine Statistik von 14 Werken von sieben überlieferten berühmten lateinischen Autoren auf. Sie sind zwar nur als Codex überliefert, da sich aber die Werke in Rollen („Bücher“, „Volumes“) unterteilten, kann man gut auf die Anzahl der Rollen schließen. Es waren insgesamt 141 Rollen mit zusammen 7.755.903 Buchstaben. Axon erhielt so einen Durchschnittswert von 53.860 Buchstaben pro Rolle. Die Vermutung liegt nahe, dass die Römer, wohlhabender und praktischer veranlagt als die Ägypter, etwas kleinere Rollen bevorzugt haben. Im Folgenden wird der Wert von Oxyrhynchos mit 83.300 Buchstaben pro Rolle verwendet, da er auf einem größeren Datensatz beruht.

Codex mini|Codex purpureus Rossanensis, ein spätantikes illustriertes griechisches Evangeliar aus dem 6. Jahrhundert Der Codex, der unseren heutigen Büchern ähnelt, war bereits im 1. Jahrhundert in Rom auch für Trivialliteratur üblich.Martial macht um 85 n. Chr. in zweien seiner Bücher, im Proömium und im 14. Buch der Epigramme, Werbung für Codex-Editionen von seinem Verleger Secundus und nennt auch gleich dessen Adresse. Er preist sie als handlicher, empfiehlt sie als Reiselektüre, nennt sie aber auch umfangreicher, da sie das Gesamtwerk eines Autors enthalten können, Homers Odyssee oder Ilias in je einem Codex. Secundus Codex-Angebot enthielt außer den berühmten griechischen und lateinischen Klassikern auch Werke von Martial. Meist aus Pergament war der Codex mitunter handlicher, aber immer teurer als die Papyrus-Rolle. Codices mit Papyrusseiten waren ebenfalls üblich. Die meisten antiken Codices sind durch Funde aus Ägypten bekannt und enthielten vom Umfang her etwa vier Papyrus-Rollen. Allerdings änderte sich die Größe des Codex in drastischer Weise in der Spätantike.

Bis zum 3. Jahrhundert ist kein Codex bekannt, der mehr als 300 Seiten (150 Blätter) gehabt hätte, die meisten hatten weniger. Aus dem 5. Jahrhundert sind Codices überliefert, die mindestens 638, 1460, 1600 und 1640 Seiten hatten. Ulpians 35 Rollen „Ars Edictum“ fanden sich zu der Zeit in drei Codices zu je 14, 11 und 7 Rollen. Gregor der Große erwähnt, er habe in sechs Codices den Text von 35 Rollen untergebracht.Colin H. Roberts, Theodore C. Skeat: The Birth of the Codex. London 1983, S. 48. Roberts und Skeat rechnen bis Ende der Spätantike mit durchschnittlich sechs Rollen pro Codex.Colin H. Roberts, Theodore C. Skeat: The Birth of the Codex. London 1983, S. 76.

Die großen Codices der Spätantike waren aber unhandliche, überformatige Monstren von 10 bis 20 kg Gewicht. Ein Wert von vier Rollen pro Codex passt weitaus besser zum lateinisch-mittelalterlichen Codex, der um 800 auch etwa diese Textmenge (4 × 83.300 Buchstaben) und Titelzahl umfasste. Gegen Ende des Mittelalters könnte sich beim Übergang vom Pergament zum billigeren Papier die Titelzahl weiter verringert haben. Mit der Verbreitung des Buchdrucks war nur noch ein Titel üblich. Der Begriff Codex sollte eher handschriftlichen Büchern vorbehalten sein. Es gab sie noch bis ins 18. Jahrhundert, da das Kopieren einzelner Bücher deutlich billiger war als eine Auflage im Druck.

Titelzahl bei Rolle und Codex

In der Antike sehr verbreitete große Werke enthielten einige Rollen pro Titel. Die lateinische Aufstellung Axons (siehe oben), die er für repräsentativ hält, kam bei 14 Titeln (Werken) auf durchschnittlich zehn Rollen pro Titel. Allerdings bezieht sich dieser Wert nur auf überlieferte Bücher. Aus der Antike selbst gibt es für die Zeit um 235 v. Chr. eine deutliche Aussage. Demnach enthielt die Bibliothek von Alexandria damals von 490.000 Rollen 400.000 (81,6 %) mit „gemischtem Inhalt“.Aus der illuminierten Handschrift von Johannes Tzetzes, reproduziert und analysiert bei Edward A. Parsons: The Alexandrian Library. Glory of the Hellenic World. Its Rise, Antiquities, and Destructions. London 1952. Damit könnten nicht nur mehrere Titel, sondern sogar mehrere Autoren pro Rolle gemeint sein. Mehrere Titel auf einer Rolle könnten auch auf ungewöhnlich große Rollen in der Anfangszeit der Bibliothek hindeuten. Unsere Daten zur Größe der Rollen stammen vor allem aus der wirtschaftlich besseren, pragmatischeren römisch-kaiserzeitlichen Periode. Sieht man die Rollengröße der alten griechischen Klassiker (Homer, Herodot usw.) im Verhältnis zu den Werten von Oxyrhynchos oder der Lateiner-Statistik von Axon, so zeigt dies eine Verringerung der durchschnittlichen Größe der Rolle. Dies würde eher auf nur einen Titel pro Rolle führen.

Wie lässt sich die Diskrepanz zwischen dem antiken Wert von einer Rolle pro Titel zu dem überlieferten Bestand von im Mittel zehn Rollen pro Titel erklären? Es könnte mit der Überlieferung durch große spätantike Codices zu tun haben. Die Editionen um 400 werden die berühmtesten (erlaubten) Werke ihrer Zeit enthalten haben. Dies waren vor allem große Werke von Plinius, Titus Livius und Aulus Gellius mit 37, 35 und 20 Rollen. Die drei Titel von Tacitus, die je eine Rolle umfassen, wurden wohl nur überliefert, weil sie mit den Annales (zwölf Rollen) und Historia (fünf) in einem Codex zusammengefasst waren. Bei einer personenbezogenen Titelauswahl mit Neigung zu den berühmtesten und damit meist größten Werken ist beim so erhaltenen Corpus ein deutliches Anwachsen der Rollenzahl pro Titel zu erwarten.

Nach John O. Ward war das im Mittelalter zirkulierende Medium jedoch nicht der Codex, der heute in der Bibliothek steht, sondern das „Booklet“.John O. Ward: Alexandria and its medieval legacy. The book, the monk and the rose. In Roy MacLeod (Hrsg.): The Library of Alexandria. London 2000. Es war vom Umfang her nicht größer als ein bis zwei Rollen. Mehrere Booklets wurden dann im Mittelalter, meist sogar später, zu Codices zusammengebunden.Edward A. Parsons: The Alexandrian Library. Glory of the Hellenic World. Its Rise, Antiquities, and Destructions. London 1952, S. 165. Da ein zirkulierendes Booklet mindestens einen Titel umfassen musste, scheint die typische Titelgröße auch im Mittelalter bei ein bis zwei Rollen gelegen zu haben. Die Größe eines durchschnittlichen Werkes, eines Titels vor der Zeit des Buchdrucks, lag daher eher im Bereich eines größeren Zeitschriftenartikels und nicht in dem eines heutigen Buches. Die Gleichsetzung eines Titels mit einer Rolle dürfte für die Antike zumindest die Größenordnung sicher treffen.

Buchproduktion und Buchhandel

In den schriftlichen Quellen ist Buchhandel erstmalig für das 5. Jahrhundert v. Chr. belegt. Für das antike Griechenland liegen jedoch keine Informationen vor, die eine genauere Rekonstruktion dieses Wirtschaftszweiges ermöglichen. Die Quellen aus der Zeit des Römischen Reiches dagegen ermöglichen Einblicke in die Verbreitung von Büchern. Da es keinen Urheberrechtsschutz gab, konnten literarische Werke beliebig abgeschrieben werden. Die Autoren konnten ihren Lebensunterhalt folglich nicht durch Honorare bestreiten, sondern mussten bereits wohlhabend sein oder sich alternativ einen Mäzen suchen. Trotzdem arbeiteten viele Autoren mit einem Verleger zusammen, der das Urmanuskript durch Schreiber vervielfältigen ließ und dann dem Buchhandel zuführte. Zu den bekannten Verlagsunternehmen gehörten zwei Brüder namens Sosius. Den Handel mit den fertigen Produkten übernahm entweder der Verleger selbst oder ein spezialisierter Buchhändler. Buchhandlungen sind für einige größere Städte der antiken Welt bezeugt.

Buchmalerei

Bibliotheken