mini|Martha Argerich (2015) Martha Argerich (Aussprache des Familiennamens: []; * 5. Juni 1941 in Buenos Aires) ist eine argentinisch-schweizerischeRodrigo Carrizo Couto: Examining a Martha-daughter relationship Interview mit Stéphanie Argerich über ihre Mutter, swissinfo.ch 24. Januar 2013. Pianistin. Sie gehört zu den berühmtesten Klaviervirtuosinnen der Gegenwart.
Leben Martha Argerich wurde als Tochter des Mathematiklehrers Juan Manuel Argerich (1909–2000) und seiner Frau Juana Heller (1920–1989) in Buenos Aires geboren. Ihr Vater war in der Radikalen Partei engagiert, ihre Mutter Sozialistin. Ihr Vater stammte aus einer im 18. Jahrhundert aus Katalonien in die Río-de-la-Plata-Kolonie eingewanderten argentinischen Ärztefamilie. Die Vorfahren ihrer Mutter waren wegen der Judenverfolgungen in Russland aus dem Zarenreich nach Argentinien emigriert. Dort lebte Juanita, wie ihre Mutter genannt wurde, in den ersten Jahren in der Villa Clara, einer Siedlung für jüdische Einwanderer in der Provinz Entre Ríos, die Baron Maurice de Hirsch gefördert hatte, und entfernte sich später vom Judentum.
Zum Klavierspiel kam Argerich beim Besuch eines Kindergartens in Buenos Aires. Hier konnte sie eine den Kindern vorgespielte Melodie am Klavier fehlerlos nachspielen. Daraufhin erhielt sie ihren ersten Klavierunterricht und wurde dann von 1946 bis zum Alter von elf Jahren von Vincenzo Scaramuzza unterrichtet. Als Siebenjährige debütierte sie 1949 mit Mozarts Klavierkonzert d-Moll und Beethovens Klavierkonzert C-Dur zusammen mit dem Orquesta Sinfónica de Radio El Mundo unter der Leitung von Alberto Castellanos. Sie galt als Wunderkind und wurde durchreisenden Pianisten wie Artur Rubinstein, Claudio Arrau, Wilhelm Backhaus und Friedrich Gulda vorgestellt.Ingo Harden, Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Interpreten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter, Kassel 2008, S. 31.
1955 übersiedelte die Familie nach Europa, wo Argerich ihr Studium bei Friedrich Gulda in Wien fortsetzte. Ihre Eltern waren dort auf Veranlassung des argentinischen Präsidenten Juan Perón an der argentinischen Botschaft beschäftigt. Im Jahr 1957 gewann Argerich den 1. Preis beim Internationalen Klavierwettbewerb Ferruccio Busoni in Bozen sowie beim Concours international d’exécution musicale de Genève. mini|Martha Argerich (vorne, zweite von rechts) bei der Verleihung des Kennedy-Preises (2016) Im Alter von etwa zwanzig Jahren zog sie sich nach der Geburt ihrer ersten Tochter infolge einer Lebenskrise vollständig aus dem Konzertbetrieb zurück. Sie nutzte die Zeit für Studien bei Stefan und Anny Askenase sowie bei Arturo Benedetti Michelangeli.Ingo Harden, Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Interpreten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter, Kassel 2008, S. 31. Stefan Askenase konnte sie 1964 davon überzeugen, wieder öffentlich aufzutreten. Im Jahr 1965 wurde sie durch den Gewinn des 1. Preises beim Internationalen Chopin-Wettbewerb weltbekannt und konzertierte als Solistin international mit renommierten Dirigenten und Orchestern. Als Mitglied der Jury des Chopin-Wettbewerbs sorgte sie 1980 für Schlagzeilen: Nachdem Ivo Pogorelich, den sie als Genie bezeichnete, bereits nach der dritten Runde ausgeschieden war, verließ sie die Jury aus Protest.Ingo Harden, Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Interpreten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter, Kassel 2008, S. 571.
Etwa seit 2004 konzentrierte sie sich verstärkt auf Kammermusik. Zudem trat sie mit Musikern wie Nelson Freire, Gabriela Montero, Gidon Kremer, Mischa Maisky, Cristina Marton, Mauricio Vallina oder ihrer langjährigen Duo-Partnerin Lilya Zilberstein auf. Mit dem Geiger Itzhak Perlman und dem Cellisten Mstislaw Rostropowitsch spielte sie ebenfalls und machte Aufnahmen.Ingo Harden, Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Interpreten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter, Kassel 2008, S. 33.
Von 2002 bis 2016 leitete sie das Festival „Progetto Martha Argerich“ in Lugano. Seit 2018 veranstaltet sie mit den Symphonikern Hamburg in der Laeiszhalle, der Elbphilharmonie und weiteren Spielstätten das jährliche Martha Argerich Festival. Argerich engagiert sich zudem für die Förderung junger Klaviertalente und wirkt als Jurorin bei internationalen Wettbewerben.
Bedeutung mini|hochkant|Martha Argerich (1962) Martha Argerich gehört zu den berühmtesten Pianistinnen der Gegenwart. Sie ist für ihr temperamentvolles Spiel bekannt, das weniger analytisch als intuitiv und spontan wirkt. Der seit den 1930er Jahren bestimmenden Ästhetik der Sachlichkeit setzte sie einen Interpretationsansatz entgegen, der vor allem auf musikalischen Ausdruck zielte.So Ingo Harden, Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Interpreten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter, Kassel 2008, S. 32.
Viele ihrer Interpretationen sind mittlerweile legendär; dazu gehören das 3. Klavierkonzert in d-Moll von Rachmaninow, das 1. Klavierkonzert in b-Moll von Tschaikowski sowie das 3. Klavierkonzert in C-dur und die Klaviersonate Nr. 7 op. 83 von Prokofjew. Kritiker zählen die Konzerteinspielungen zum Kreis der Referenzaufnahmen.Ingo Harden, Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Interpreten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter, Kassel 2008, S. 33. Argerich veränderte ihr Repertoire über die Jahre nicht wesentlich, so dass zahlreiche Werke in mehreren Aufnahmen vorliegen. So spielte sie Prokofjews drittes Klavierkonzert 1967 mit Claudio Abbado und dreißig Jahre später mit Charles Dutoit ein, wobei sie ein etwas langsameres Tempo wählte.Ingo Harden, Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Interpreten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter, Kassel 2008, S. 33.
Werke Frédéric Chopins und Robert Schumanns gehören zu den Schwerpunkten ihres Repertoires. Argerichs manuelle Fähigkeiten gestatten ihr sehr rasche Tempi. Dies zeigt sich etwa im schnellen Finalsatz von Chopins zweiter Klaviersonate mit den unisono gespielten Triolenfiguren, im Presto con fuoco des b-Moll-Préludes Nr. 16, dessen rasende Sechzehntel sie zu einem Glissando steigert, sowie im abschließenden Allegro Appassionato in d-Moll. Die beiden Etüdenzyklen op. 10 und 25 spielte sie hingegen nicht komplett ein.
Argerich gilt auch als bedeutende Liszt-Interpretin. 1966 spielte sie neben Chopins Scherzo in b-Moll und den Mazurken op. 24 Nr. 2 und op. 41 Nr. 1 die sechste Ungarische Rhapsodie von Franz Liszt für das Fernsehen ein und beeindruckte mit den rasanten Oktavpassagen am Ende der Komposition. Im Jahre 1981 führte sie unter der Leitung von Christoph von Dohnányi das Es-Dur-Konzert auf, das sie bereits 1968 mit Claudio Abbado für die Deutsche Grammophon aufgenommen hatte. Joachim Kaiser erinnerte die virtuose Interpretation des Konzerts an den jungen Vladimir Horowitz.Joachim Kaiser: Martha Argerich, Bruno Leonardo Gelber, André Watts. In Große Pianisten in unserer Zeit. Piper, München 2004, S. 235. Nachdem sie die Klaviersonate in h-Moll eingespielt hatte, schrieb Bryce Morrison in der Musikzeitschrift Gramophone von „Virtuosität auf einer dämonischen Stufe“.Ingo Harden, Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Interpreten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter, Kassel 2008, S. 32.
Privates Argerich war in erster Ehe mit dem Dirigenten und Komponisten Robert Chen verheiratet, mit dem sie eine Tochter hat: die Bratschistin Lyda Chen Argerich. Die Ehe wurde 1964 geschieden. Von 1969 bis 1973 war sie mit dem Schweizer Dirigenten Charles Dutoit verheiratet, aus der Ehe ging die Tochter und spätere Schauspielerin Annie Dutoit hervor. Durch diese Eheschließung erhielt sie das Schweizer Bürgerrecht. Aus einer kurzen Ehe mit dem US-amerikanischen Pianisten und Dirigenten Stephen Kovacevich entstammt ihre dritte Tochter Stéphanie Argerich.
Auszeichnungen (Auswahl)
1996: Offizier des Ordre des Arts et des Lettres 2004: Kommandeur des Ordre des Arts et des Lettres 2005: Praemium Imperiale 2010: Ehrenbürgerschaft der Stadt Lugano 2014: ECHO Klassik in der Kategorie „Konzerteinspielung des Jahres (Klavier)“ mit dem Orchestra Mozart Bologna unter Claudio Abbado für die Einspielung von Mozarts Klavierkonzerten 20 und 25 2016: Kennedy-Preis 2016: Orden der Aufgehenden Sonne am Band2016 Autumn Conferment of Decoration on Foreign Nationals (PDF, englisch), S. 6. 2025: Benennung eines Asteroiden nach ihr: (56067) Argerich.
Aufnahmen (Auswahl) Johann Sebastian Bach: Toccata BWV 911 – Partita BWV 826 – Englische Suite BWV 807. Ludwig van Beethoven: Klavierkonzerte Nr. 1 und 2 (1949. Edicion Documento, IRCO 285) Johannes Brahms/Sergei Rachmaninov: Music for two pianos. Frédéric Chopin: Klavierkonzert Nr. 1. Charles Dutoit. (1959. Edicion Documento, IRCO 275) Frédéric Chopin: Preludes op. 28, Klaviersonate b-Moll op. 35. Frédéric Chopin: Klaviersonate Nr. 3 h-Moll, op. 58. (Aufnahme von 1965, Warner Classics 5568052) Frédéric Chopin: Klavierkonzert Nr. 2 f-Moll. Orchestre symphonique de Montréal, Leitung: Charles Dutoit Franz Liszt: Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur. London Symphony Orchestra, Dirigent: Claudio Abbado (Aufnahme von 1968) Franz Liszt: Klaviersonate in h-Moll (Aufnahme von 1971, Deutsche Grammophon 447 430-2). Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr. 18 B-Dur „Paradis-Konzert“ KV 456. Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Dirigent: Eugen Jochum (Aufnahme von 1973) Sergej Prokofieff: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 3 C-Dur op. 26. Berliner Philharmoniker, Dirigent: Claudio Abbado Sergej Rachmaninoff: Klavierkonzert Nr. 3. RSO Berlin, Riccardo Chailly (1982) Maurice Ravel: Klavierkonzert. Charles Dutoit (1959. Edicion Documento, IRCO 275) Dmitri Schostakowitsch: Klavierkonzert Nr. 1 c-Moll op. 35. Württembergisches Kammerorchester Heilbronn, Leitung: Jörg Faerber (Aufnahme von 1993, Deutsche Grammophon 439 864-2) Robert Schumann: Klavierkonzert a-Moll (1952. Edicion Documento, IRCO 285) Robert Schumann: Kinderszenen op. 15, Kreisleriana op. 16 Robert Schumann: Klaviersonate Nr. 2 g-Moll op. 22 (Aufnahme von 1971, Deutsche Grammophon 437 252-2)
Dokumentarfilme Georges Gachot: Martha Argerich, Nachtgespräch. Idéale Audience, ARTE France, BR, 2002 (englische Titel: Martha Argerich, Evening Talks). Dieser Film erhält verschiedene Preise, darunter den Prix Italia 2002, den Czech Crystal beim Golden Prague 2002, den Premio Asolo 2003 und den Musikpreis „Citation musique“, der 2002 von der UNESCO verliehen wurde. Stéphanie Argerich: Argerich – Bloody Daughter, Frankreich/Schweiz 2012 (Originaltitel: Argerich)Martin Meyer: Mutter Martha und ihre Töchter nzz.ch, 4. April 2013. Holger Preuße, Philipp Quiring: Martha Argerich in Warschau, sounding images, ZDF, ARTE, 2020
Literatur Olivier Bellamy: Martha Argerich. Die Löwin am Klavier. Aus dem Französischen übersetzt von Susanne Van Volxem. Bertelsmann, München 2011, ISBN 978-3-570-58023-3. Auch als E-Book. Autorisierte Biografie. Ingo Harden, Gregor Willmes: PianistenProfile. 600 Interpreten: Ihre Biografie, ihr Stil, ihre Aufnahmen. Bärenreiter, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-1616-5, S. 31–34.
Weblinks
Martha Argerich Themenseite bei klassikakzente.de Uta Ruscher: Björn Östlund: Martha Argerich Videography (Stand 2009, englisch) ARTE Martha Argerich und Daniel Barenboim in Buenos Aires - Dokufilm 44 Min. verfügbar bis 29. November 2029 BR Argerich – Bloody Daughter 93 Min. verfügbar bis 30. August 2026 Pianistin wird 85. Martha Argerich - ein Star, der keiner sein will von Beate Stender, NDR, am 5. Juni 2026 auf tagesschau.de
Einzelnachweise
Kategorie:Klassischer Pianist Kategorie:Musiker (Argentinien) Kategorie:Ciudadano ilustre von Buenos Aires Kategorie:Ehrenbürger im Kanton Tessin Kategorie:Träger des Ordre des Arts et des Lettres (Offizier) Kategorie:Träger des Ordre des Arts et des Lettres (Komtur) Kategorie:Träger des Premios Konex Kategorie:Träger des Ordens der Aufgehenden Sonne (Kommandeur)