Der Jazz ist eine bedeutende Musikgattung, die in den Vereinigten Staaten entstanden ist. Nach Billy Taylor (und Wynton Marsalis) kann sie als die „klassische Musik Amerikas“ gelten.William Billy Taylor: Jazz: America's Classical Music. In: The Black Perspective in Music, 1986, 14(1), S. 21–25. Kritisch: Jon Pareles Don’t Call Jazz America’s Classical Music. In: New York Times, 28. Februar 1999. Daher wird hier die besondere Entwicklung des Jazz im Mutterland behandelt, die von seiner Rezeption, aber auch den Arbeitsbedingungen für die Jazzmusiker in den USA nicht zu trennen ist.

Wurzeln miniatur|Buddy Boldens Jazzband um 1900

Die Wurzeln des Jazz liegen zum einen im Blues und in den Worksongs, Spirituals und Gospels der afroamerikanischen Sklavenarbeiter in den Südstaaten der USA, zum anderen in den verschiedenen Volksmusiken der europäischen Einwanderer, darunter Tanzmusik und Marschmusik. Aus europäischen Musikstilen und afroamerikanischen Rhythmen hatte sich der Ragtime entwickelt, der neben dem Blues der direkte Vorgänger des Jazz ist. Der Blues hatte während der gesamten Entwicklung bis heute permanenten Einfluss auf den Jazz wie auch auf andere Musikstile, die im Laufe der Zeit neben dem Jazz entstanden sind. Zwischen 1890 und 1915 war der Ragtime die beliebteste Musik in Amerika.

Aus dem Ragtime und dem Blues entstand nach 1900 in der kreolischen Kultur von Louisiana der New Orleans Jazz. Der erste bekannte Bandleader der neuen Jazzmusik war Buddy Bolden mit seiner Blaskapelle. Von ihm gibt es allerdings keine Tonaufnahme, da er 1907 in eine Nervenanstalt eingewiesen wurde, noch vor dem Zeitalter der Schallplattenaufnahmen. Jelly Roll Morton, ein erfolgreicher Barpianist, war ebenfalls ein Mitgestalter des frühen Jazz. Bestimmte Bandleader wie Buddy Bolden sollen markante Instrumentalisten mit einer sehr individuellen Tonbildung gewesen sein.

Die Ära des Jazz

Seit ungefähr 1912 gingen Jazzbands aus New Orleans auf Tour – insbesondere die Gruppen von Bill Johnson, Tom Brown oder Freddie Keppard. Durch die damalige Rassentrennung waren Bands nach Hautfarben getrennt. In New Orleans gab es von Anfang an sowohl afroamerikanische als auch weiße Bands. Letztere spielten den etwas einfacheren Dixieland Jazz. Aus der Begegnung der Musikkulturen entstand eine Reihe neuer musikalischer Ausdrucksformen. Zuerst in New Orleans und entlang des Mississippi River, später in Chicago und anderen Metropolen der USA. Diese Großstädte verbuchten damals eine hohe Zuwanderung, vor allem von Afroamerikanern aus den Südstaaten, was zur Entwicklung des Jazz maßgeblich beitrug. Hinzu kam, dass die Behörden 1917 das Vergnügungsviertel Storyville, in dem viele Jazzmusiker bis dahin gute Auftrittsmöglichkeiten hatten, wegen Zwischenfällen mit der Marine schlossen.

Bekannt wurde die Musikrichtung durch die erste Jazz-Plattenaufnahme von 1917 mit der Original Dixieland Jass Band. Die meisten Amerikaner hatten bis dahin noch keinen Jazz gehört, der allerdings schon längst vielerorts gespielt wurde. Nach dieser ersten Aufnahme nahm der Jazz bald die Rolle der Alles dominierenden Musikrichtung ein, die er bis Mitte der 1950er Jahre behielt. Er verbreitete sich wie ein Flächenbrand.Reinhold Wagnleiter: Jazz - Die klassische Musik der Globalisierung. aurora-magazin.at, 2001. Der Jazz und seine Tänze – zunächst der Shimmy – wurden bald populär.

Es folgten schon bald viele weitere Aufnahmen. Die meisten, besser gesagt fast alle Aufnahmen des New Orleans Jazz bzw. des Dixieland, wurden nicht in New Orleans gemacht, sondern in Chicago, einige auch in New York. Viele Musikprofis aus dem Süden, allen voran Joe King Oliver und sein jüngerer Bandpartner Louis Armstrong gingen nach Norden. Die damalige Prohibition prägte die Kneipenszene in Chicago und damit die dortige Jazzkultur.

Armstrong ging 1924 für zwei Jahre nach New York um in Fletcher Hendersons Band zu spielen. Das veränderte den Jazz für immer. In New York schuf Armstrong den Swing. Seine Aufnahme des Songs Heebie Jeebies aus dem Jahr 1926 gilt als erste Aufnahme, die den Scatgesang nutzt. Zuvor hatte Armstrong die instrumentalen Soli zur Kunstform gemacht. miniatur|hochkant|Glenn Miller Die Swing-Ära von Ende der 1920er Jahre bis Anfang der 1940er Jahre ist die beim Publikum erfolgreichste Zeit des Jazz. Der Jazz hatte sich als Tanzmusik etabliert. Die zugehörigen Swing-Tänze (vor allem der Lindy Hop) waren sehr populär. In den späten 1930er Jahren entstand eine weitere Form des Swing; langsamer, romantischer und mit Gesang. Der Entwickler und erfolgreichste Bandleader dieses Stils war Glenn Miller. Er schaffte es, mit der veränderten Stilrichtung ein Publikum zu erreichen das mit der vorherrschenden Variante noch nichts anfangen konnte. Die Arrangements waren relativ festgelegt. Daher wurde viel diskutiert, ob der Swing den Namen Jazz überhaupt verdient. Auch während des Krieges, sogar an der Front, war diese Musik beliebt. Viele der damaligen Bandleader gingen damals zum Militär und gründeten dort Militärbands.

Mit dem Stomp wurde noch eine Variante des ursprünglichen Swing populär. Er wurde durch Count Basie aus Kansas City bekannt. Im Kansas City Jazz mit seinen robusteren Arrangements, die spontaneres Zusammenspiel erlaubte, wurde die Swingmusik der Bigbands revitalisiert. Lester Young, Herschel Evans, aber auch Coleman Hawkins machten das Saxophon, nach seinem Einsatz im Chicago Jazz, ein zweites Mal zum wichtigen Instrument. Mit Count Basie kam noch eine weitere neue Stilrichtung auf, die damals aber im Schatten der Trends stand. Sie hieß Mitternachtsjazz und ist die Vorläuferin des Bar Jazz. Es war eine sehr langsame und ruhige Musik mit Saxophon und Klavier als wichtige Instrumente.

1939 weigerte sich das Label Columbia, den rassistische Lynchmorde anprangernden Protestsong Strange Fruit aufzunehmen, den Billie Holiday dann bei dem kleinen Label Commodore veröffentlichte. Die Sängerin, die ihr Publikum betören, aber auch verwirren konnte, brachte die Widersprüche der USA zum Klingen.Ulrich Stock Was sie zum Klingen bringt, sind die Widersprüche Amerikas Die Zeit, 6. April 2015 Den Versuch, die Rassendiskriminierung zu durchbrechen, machten Musiker 1935 in Philadelphia mit der Gründung einer afroamerikanischen Gewerkschafts-Ortsgruppe, der Union Local 274, American Federation of Musicians.

Einschnitte miniatur|hochkant|Woody Herman 1976 Anfang der 1940er Jahre, als der Swing noch dominierte, hatten Charlie Parker, Thelonious Monk, Dizzy Gillespie und weitere Musiker eine neue Richtung des Jazz entwickelt, die bald Bebop genannt wurde. Aufgrund eines Streiks der Gewerkschaften gegen die Plattenindustrie (recording ban) und weil er während des Krieges nicht im Radio gespielt wurde, blieb der Bebop zunächst ungehört. Ab 1943 wurde Bebop bekannt und spaltete die Jazzwelt. Es war ein noch schneller gespielter Stil mit noch wesentlich mehr Noten. Bandensembles, Zusammenspiel und Arrangements traten in den Hintergrund, Solisten und freie Improvisationen dominierten. Dieser Modern Jazz beruhte insbesondere auf gegenüber der bisherigen Harmonik „erweiterten“ Harmonien. Kritiker bemängelten unter anderem die fehlende Tanzbarkeit, und die Domäne dieser neuen Musikrichtung waren die aufblühenden Jazzclubs.

In den 1940er Jahren begann mit der Verbreitung von Heroin als Droge eine weitere Entwicklung, die sich fatal auf das Leben und Wirken vieler Jazzmusiker auswirken sollte (früher Tod, Gefängnisaufenthalte). Vielfach hatten Drogendelikte den Verlust der Auftrittslizenz in Clubs zur Folge mit entsprechenden Einkommenseinbußen. Marihuana-Konsum war insbesondere unter den Musikern des New Orleans Jazz weit verbreitet, hatte aber rechtlich ähnliche Folgen. Auch aus diesem Grund kam es in den 1950er Jahren zu einem Exodus wichtiger Jazzmusiker nach Europa, was häufig bedeutete, dass sie aus der Wahrnehmung des amerikanischen Publikums ganz verschwanden.

Durch den Krieg und den sich danach wandelnden Publikumsgeschmack (Sänger waren nach dem Krieg die Zugpferde der Unterhaltung) kam es bis Ende der 1940er Jahre zu einem großen Bigband-Sterben. Eine nicht zu unterschätzende Rolle spielte auch die während des Krieges eingeführte und auch danach fortbestehende 20 % Steuer auf Unterhaltungsveranstaltungen mit Tanz oder Gesang. Einige progressivere Bigbands wie die von Stan Kenton oder Woody Herman schlugen neue Wege mit komplexeren Arrangements ein.

Mit den Konzerten von Jazz at the Philharmonic gelangte der Jazz aus den Tanzsälen und Clubs in die großen Konzerthäuser. Die swingenden, wilden Jamsessions, die der Impresario Norman Granz unter diesem Titel als landesweite Tournee organisierte, wurden ab der zweiten Hälfte der 1940er zu einem wichtigen „Wanderzirkus“, dessen Mitwirkende sich um die Grenzen zwischen Swingjazz und Bebop nicht kümmerte. Musiker wie Oscar Peterson, Stan Getz oder Ella Fitzgerald wurden rasch landesweit bekannt. miniatur|Louis Armstrong mit Willis Conover (rechts) beim Newport Jazz Festival 1958 Insbesondere mit Miles Davis’ Aufnahmen zu Birth of the Cool aus dem Jahre 1949 begann eine Gegenbewegung zum hektischen Bebop; der langsame und verträumt wirkende Cool Jazz entstand. Eine eher auf Unterhaltung setzende Variante des Cool Jazz entstand bei den Musikern, die in den Studios der Filmindustrie in Hollywood beschäftigt waren – der West Coast Jazz. In der Abgrenzung zum West Coast Jazz entwickelten afroamerikanische Musiker Mitte der 1950er Jahre den Hardbop.

Ab Mitte der 1950er Jahre schickte das State Department Jazzmusiker als Jazz Ambassadors, als musikalische Botschafter, in andere Länder. Willis Conover präsentierte den Jazz über die Voice of America auch im Ostblock.

Der größte Einschnitt in der Geschichte des Jazz kam von außen. Während der 1950er Jahre hatte sich aus dem Rhythm and Blues eine weitere Musikform entwickelt und wurde beim weißen Teil des Publikums immer beliebter; der Rock and Roll. Damit war Jazz nicht mehr die alleinige Populärmusik, er ging in der Öffentlichkeit langsam unter. Dies begünstigte, dass insbesondere für afroamerikanische Musiker die Auftrittsmöglichkeiten in den USA immer schlechter wurden. Auch angesichts der weiter bestehenden Rassentrennung ließen sich zahlreichen amerikanische Jazzmusiker wie beispielsweise Bud Powell in Europa, insbesondere in Paris, nieder.

Musiker des Hardbop entwickelten den Soul Jazz, mit dem versucht wurde, wieder eine Nähe zur Musik der afroamerikanischen Jugendlichen herzustellen. 1964 hatten die Beatles auch in den Vereinigten Staaten ihren Aufstieg; mit der Etablierung der Rockmusik war die Erfolgsära des Jazz endgültig beendet. In diesem Jahr landete einzig Louis Armstrong noch einen Hit mit dem Song Hello Dolly, der vor den Beatles auf Platz eins in den Charts stand. Im Laufe der 1960er Jahre schlossen alle legendären Jazzhallen. In den späten 1930er Jahren machten Jazz und Swing 70 % aller verkauften Schallplatten aus, Mitte der 70er waren es weniger als 3 %. 1975 erklärte Miles Davis den Jazz für tot und bezeichnete ihn darüber hinaus als "Museumsmusik".

miniatur|Iridium Jazz Club (New York)