mini|Zimmermannsartel, Russland 1912 Artel () war im Russischen Kaiserreich ein freiwilliger Zusammenschluss von Menschen zur Organisation gemeinsamer wirtschaftlicher Aktivitäten.
Struktur Die Mitglieder des Artels wählten aus ihrer Mitte einen Anführer (Ataman, Starosta), Erlöse wurden nach vereinbarten Regeln gemeinschaftlich aufgeteilt. Häufig trat das Artel auf der Basis kollektiver Solidarhaftung gesamtschuldnerisch für seine Mitglieder ein. Ursprünglich aus Zusammenschlüssen für saisonale Aktivitäten (Jagen, Fischen) und kriegerisch-räuberische Verbindungen entstanden, entwickelte sich das Artel zu einer weitverbreiteten sozialen Institution für die verschiedensten wirtschaftlichen Zusammenschlüsse (Bauhandwerker, Zöllner, Soldaten, Bauern, Mieter und Pächter, Börsenmakler, Hausangestellte, Künstler, aber auch Bettler, Diebe oder Räuber). Die große Zahl dörflich-handwerklicher Saisonarbeiter im ausgehenden 19. Jahrhundert bildeten Artels, die sich kollektiv verdingten, kollektiv bezahlt wurden und in den Städten oder auf den Baustellen auch gemeinsam lebten und wirtschafteten.
In der russischen Nationalökonomie des ausgehenden 19. Jahrhunderts wurde das Artel definiert als „ein auf Vertrag gestützter Verbund mehrerer gleichberechtigter Personen, die zur gemeinsamen Verfolgung wirtschaftlicher Zwecke sich unter Beobachtung solidarischer Haftbarkeit mit Kapital und Arbeitskraft oder nur mit Arbeit allein vereinigt haben.“ mini|„Artells“, russische Handarbeiter-Genossenschaftler, in: Die Gartenlaube, 1870, Heft 31, S. 485–486. Das Artel wird häufig als Frühform von Genossenschaften oder auch Vorform gewerkschaftlicher Organisation angesehen.
In der Sowjetunion wurde im Prozess der Kollektivierung der Landwirtschaft auch die Hauptform der genossenschaftlichen Organisation innerhalb der Kolchosordnung als Artel bezeichnet.
Herkunft des Begriffes Der Duden leitet den Begriff von ab.Duden. Das Fremdwörterbuch. 10. Auflage. 2010, ISBN 978-3-411-04060-5. Dagegen wird der Begriff in der Literatur überwiegend als tatarisches Lehnwort mit dem turksprachigen Wortstamm orta (Gemeinde, Mitte) angesehen (vgl. , ). Auf das Wirken des Pseudosuffixes -el wird der Genuswechsel vom Femininum im Russischen zum Neutrum im Deutschen zurückgeführt.Alexander Pirojkov: Russizismen im Deutschen der Gegenwart: Bestand, Zustand und Entwicklungstendenzen. Weißensee Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-934479-69-3, S. 111.
Geschichte mini|Bericht über Fischerei-Artels von Kosaken. In: Heinrich Storch (Hrsg.): Russland unter Alexander dem Ersten. Band 4. Leipzig/St. Petersburg 1804, S. 33. mini|Die Soldaten der Kaiserlich Russischen Armee (hier beim Einmarsch in Paris 1814) organisierten sich in Artels. mini|Plakat, das um Unterstützung für ein Artel von Kriegsinvaliden des 1. Weltkriegs wirbt
Bereits sehr früh in der russischen Geschichte gibt es Belege für die Bildung kooperativer Zusammenschlüsse zur Verfolgung eines gemeinsamen wirtschaftlichen Zieles. Aus dem 11. und 12. Jahrhundert finden sich Hinweise auf Gemeinschaften Nowgoroder Bürger zum Walrossfang im Weißen Meer. Deutsch-russische Handelsverträge des Mittelalters (Nowgorod 12./13. Jahrhundert) kennen bereits förmliche Organisationen von vorschkerlen, russischer Ruderknechte,Nach anderer Deutung Flößer, Lotsen oder Treidler. die die Waren oder Schiffe der deutschen Kaufleute den Wolchow hinauf nach Nowgorod befördern. Diese vorschkerle stehen unter der Leitung eines ältermannes oder oldermannus und haften für Schäden, die den Kaufleuten entstehen, gemeinschaftlich.Nikolai Michailowitsch Karamsin: Geschichte des russischen Reiches. Band 3. Riga 1803, S. 298.Georg Anton Hugo von Below u. a.: Vierteljahrschrift für Social- und Wirtschaftsgeschichte (VSWG). Band 6. W. Kohlhammer, 1908, S. 196.Leopold Karl Goetz: Deutsch-russische Handelsverträge des Mittelalters. L. Friederischsen, 1916. | Hansischer Geschichtsverein: Hansische Geschichtsblätter. Böhlau, Lübeck 1954, S. 135. | Paul Heinsius: Quellen und Darstellungen zur hansischen Geschichte. Hansischer Geschichtsverein Lübeck, Böhlau Verlag, Lübeck 1956, S. 196.
Vereinigungen von повольники (powolniki) oder ушкуйники (uschkujniki),повольники (powolniki), ушкуйники (uschkujniki) – alte russische Bezeichnungen für freie, unabhängige Menschen, die zu Lande oder zu Wasser Handel und Raub betrieben. D.N. Uschakow (Hrsg.): Wörterbuch der russischen Sprache (russisch), abgerufen am 4. Mai 2011. die sich in der frühen russischen Geschichte zu Unternehmungen kriegerisch-räuberischer Art (набег = Beutezug) in ватаги (watagi = Banden) organisieren, tragen bereits Züge eines Artels: Gleichberechtigte Mitglieder wählen aus ihrer Mitte einen Anführer (атаман – Ataman), Erlös oder Beute werden untereinander geteilt. Ähnliche kriegerische Verbindungen mit deutlich artelartigem Charakter finden sich in späterer Zeit bei den Kosaken. Mit dem Fortschreiten der Besiedlung Russlands, als weniger Raum für derartige räuberische Streifzüge blieb und Landwirtschaft, Jagd, Fischerei, Bergbau und Handel die Grundlage friedlicher wirtschaftlicher Betätigung bildeten, blieb diese überkommene Form erfolgreichen kooperativen Handelns bestehen. Quellen des 13. und 14. Jahrhunderts erwähnen Artels von Jägern und Falknern. In einer Urkunde von 1460 heißt es, dass der Belosersker Fürst Michail Andrejewitsch seine watagi zum Fischfang ausschickt. Im 17. Jahrhundert bilden sich zahlreiche Artels zum Kabeljau-, Walross- und Robbenfang im russischen Norden, insbesondere im Murmansker Gebiet. 1682 sind unabhängige Artels Cholmogorsker Bauern urkundlich erwähnt, die Walrossfang auf Nowaja Semlja betreiben. Im 17. Jahrhundert stieg die Zahl der schiffsziehenden Burlaki an der Wolga. Die Gruppen stammten oft aus einem Dorf.
In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts verdrängt die Bezeichnung Artel den zuvor weitverbreiteten, ebenfalls aus dem Tatarischen stammenden Begriff watag(a) für derartige Vereinigungen. Bei der Gründung der Stadt St. Petersburg im Jahr 1703 war das Artel bereits etablierte Form der Organisation des Handwerks und des Baubetriebes in Russland. Diese Artels wurden geführt von einem Starosta als Meister und Vorarbeiter, der Aufriss und benötigte Materialien aus Erfahrung und in Rücksprache mit dem Bauherren bestimmte und Auftrag und Entlohnung aushandelte.Cornelia Skodock: Barock in Russland. Zum Œuvre des Hofarchitekten Francesco Bartolomeo Rastrelli. Harrassowitz, Wiesbaden 2006, ISBN 3-447-05304-6, S. 49; doi:10.15457/vom_70 Da die Bauhandwerker der Artels ihr Handwerk auch in ihrem jeweiligen Artel erlernten, haftete der Artel-Organisation ein „relativer Konservatismus“Pilavskij, Slavina, Tic: Istorija architektury (2/1994), S. 267 ff. Zitiert nach Cornelia Skodock: Barock in Russland. Zum Œuvre des Hofarchitekten Francesco Bartolomeo Rastrelli. Harrassowitz, Wiesbaden 2006, ISBN 3-447-05304-6, S. 49. Volltext. an, der Peter I. dazu bewog, für seine Vorstellung von einer Stadt westlichen Zuschnitts nicht auf die traditionellen Artels zurückzugreifen, sondern Bautrupps durch die eigens eingerichtete Baukanzlei zusammenstellen zu lassen, denen als Meister jeweils ein Ausländer vorstand.Cornelia Skodock: Barock in Russland. Zum Œuvre des Hofarchitekten Francesco Bartolomeo Rastrelli. Harrassowitz, Wiesbaden 2006, ISBN 3-447-05304-6, S. 49 ff. Volltext.
Im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert erhielt das russische Artel auch in deutscher Literatur zunehmend Aufmerksamkeit. Reisende oder in Russland ansässige Deutsche berichten von der Sitte der russischen Kosaken, sich zum Fischfang in saisonalen Artels zu organisieren.Heinrich Storch (Hrsg.): Rußland unter Alexander dem Ersten. Eine historische Zeitschrift. 4. Band. St. Petersburg / Leipzig 1808, S. 33 ff. Berichte aus St. Petersburg empfehlen in Artels organisierte Dienstboten als besonders zuverlässig, denen man auch Geldgeschäfte gerne anvertraue, da das Artel für ihre Leistung bürge.Friedrich Johann Lorenz Meyer: Russische Denkmäler: In den Jahren 1828 und 1835 gesammelt vom Domherrn Meyer. Band 2. Hamburg 1837, S. 287. Die Eigenart der russischen Soldaten, sich in Artels zu organisieren, um ihre „Menage zu machen“, d. h. ihre militärische Verpflegung zu organisieren bzw. aufzubessern, erhält in den Befreiungskriegen gegen Napoleon den Beifall der österreichischen und deutschen Verbündeten.J. G. Seume: Sämtliche Werke. Band 8. Leipzig 1828, S. 252: „Das Artel, oder die Art der russischen Kompagnien, ihre Menage zu machen, ist bei keiner Armee mit so wenig Kosten so vollkommen.“
Im Zuge der Aufhebung der Leibeigenschaft im Jahre 1861 strömten Millionen Bauern auf der Suche nach Arbeit und Auskommen in die Städte. Hier wurden sie jedoch nicht zu Proletariern, sondern blieben als Bauern dem Lebenszyklus, den Sitten und der Sozialdisziplin des Dorfes verhaftet. Viele Bauern kehrten während der Erntezeit und am Ende ihres Arbeitslebens ins Dorf zurück.Jörg Baberowski, Robert Kindler, Christian Teichmann: Revolution in Russland 1917–1921. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Erfurt 2007, ISBN 978-3-937967-27-1, S. 7. Die überkommene Organisationsform des Artels gab diesen Bauern-Arbeitern in der Stadt den gewohnten dörflichen Halt. Ganze Artels eines Dorfes verdingten sich gemeinsam in einer Fabrik, arbeiteten als Arbeitstrupps im Straßenbau oder auf Baustellen, wohnten und wirtschafteten gemeinsam.Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion, 1917–1991: Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates. C. H. Beck, 1998, ISBN 3-406-43588-2, S. 1184 (Glossar).
In den 1860er Jahren entdeckten auch Anhänger der westeuropäischen Genossenschaftsbewegung unter den russischen Nationalökonomen das Artel als eine natürliche, ohne fremdes Zutun aus dem Volke heraus gewachsene und zugleich den modernen französischen, englischen oder deutschen Arbeiter- und Handwerkergenossenschaften gleichende Erscheinung.Th. G. Thörner, 1860; L. Miloradowitsch 1862. vgl. Georg Staehr: Ursprung, Geschichte, Wesen und Bedeutung des russischen Artels. Dorpat 1890, S. 8, Anm. 1. Da das traditionelle Artel aber in aller Regel nicht einer Rohstoff-, Werk- oder Produktivgenossenschaft im westeuropäischen Sinne entsprach und der allergrößte Teil der Artels wirtschaftlich völlig unselbständig war, wurden „regelrecht organisierte“ Musterartels propagiert und – zum Teil auch durch die deutsche Genossenschaftsbewegung – gefördert. Keinem dieser Schuster-, Schmiede- oder Käsereiartels Schulze-Delitzscher Prägung war jedoch eine lange Lebensdauer beschieden, während allerorten traditionelle Artels aus dem Boden sprossen.Georg Staehr: Ursprung, Geschichte, Wesen und Bedeutung des russischen Artels. Dorpat 1890, S. 8 ff.
Im Russland des beginnenden 20. Jahrhunderts war das Artel als kooperativer, genossenschaftsähnlicher Zusammenschluss von Beschäftigten in den unterschiedlichsten Branchen nicht mehr wegzudenken und hielt Einzug in das russische Sprichwort: „Artelgrütze (schmeckt) besser.“ (артельная каша лучше.) oder „Es ist schwierig für einen, aber leicht für das Artel.“ (трудно одному, да легко артели.).Joseph Bradley: Muzhik and Muscovite: urbanization in late imperial Russia. University of California Press, 1985, S. 27. Ein beredtes Zeugnis der weiten Verbreitung des Artels ist die Tatsache, dass die Hunderttausenden Revolutionsflüchtlinge, die in den 20er Jahren in Berlin Asyl suchten (1923: 360.000), eine Vielzahl von Artels gründeten: Es gab Artels für landwirtschaftliche Arbeit, für Kunsthandwerk, Autoschlosserei, Papirossi-Herstellung, Dampfwäschereien, Schneidereien. Es gab Artels der Balalaikaspieler, das Handelsartel „Trud“ für Landmaschinen, Artels der Bühnenschauspieler usw.Karl Schlögel: Berlin, Ostbahnhof Europas. Siedler, 1998, S. 84, 98 f.
Das Künstlerartel mini|Iwan Nikolajewitsch Kramskoi (1837–1887): Selbstporträt