Das Schleswiger Kaltblut (dänisch: Slesvigsk Koldblod oder Slesviger) ist ein freundliches Kaltblutpferd aus der Region Schleswig (heute nördliches Schleswig-Holstein und südliches Dänemark). Es ist heute vom Aussterben bedroht und steht auf der Roten Liste der gefährdeten einheimischen Nutztierrassen in Deutschland. Es wurde 1988 und 1996 von der Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH) zur „Gefährdeten Nutztierrasse des Jahres“ erklärt.
Exterieur mini|250x250px|KopfstudieIm Allgemeinen ist das Schleswiger Kaltblut ein harmonisch proportioniertes, praktisches Kaltblutpferd gedrungenen, mittelschweren Körperbaus im mittleren Rahmen. Grundsätzlich ähnelt es hinsichtlich Typ und Exterieur dem stammverwandten Jütländer, Rassevertreter sind jedoch leichter und trockener gebaut.
Der in Relation zum übrigen Körper große, aber kurze Kopf mit in der Regel gerader, seltener konvexer Nasenlinie zeichnet sich durch ein markantes Profil sowie eine hohe Trockenheit aus. Einst eher grobschlächtig, weist der heute feinere Kopf einen freundlichen, lebhaften Ausdruck, kleine Augen, lange Ohren und überdies eine breite Stirn, weit geblähte Nüstern sowie ausgeprägte Ganaschen auf. Der wohlaufgesetzte, -gebogene und -getragene, zudem breite Hals besitzt eine kräftige, ausgeprägte Bemuskelung sowie eine eher geringe, aber genügende Länge. Er entspringt einer breiten, gelegentlich etwas kurzen Schulter. Die Brust zeigt eine hohe Breite und Tiefe. Der nur schwach ausgeprägte Widerrist geht in einen kurzen, starken Rücken über. Generell ist der Rumpf breit und tonnig. Eine hervorragende Rippenwölbung aufweisend, kennzeichnet er das Schleswiger Kaltblut als guten Futterverwerter. Die leicht abfallende bis durchaus abschüssige Kruppe, oftmals leicht höher als der Widerrist gelegen sowie einen hohen Schweifansatz gebietend, weist bei guter Länge eine hohe Breite auf und verfügt über eine gute Bemuskelung. Insbesondere die weit hinabreichende Sitzbeinmuskulatur ist lobend zu erwähnen. Die im Verhältnis zum übrigen Körper nicht zu kurzen Extremitäten sind stabil gebaut, nichtsdestoweniger aber von trockener Textur. Starke, breite Gelenke sowie kurze Röhrbeine gebietend, ist das Fundament im weitesten Sinne korrekt gestellt; eine Tendenz zu einer zehenengen Stellung der Vordergliedmaßen gilt als rassetypisch. Bisweilen zu bemängeln sind eine zu geringere Knochenstärke der Vorderarme sowie eine gewisser Schwammigkeit der Röhrbeine. Der Kötenbehang ist bei mäßiger Üppigkeit seidig. Die flachen, rund geformten Hufe sind groß und weisen eine große Härte sowie in der Regel stark entwickelte Trachten auf.
Die Widerristhöhe variiert zwischen 154 und 162 cm. Die durchschnittlichen Werte betragen 154 cm für Stuten sowie 158 cm für Hengste. Der Zuchtverband schreibt als Zielgröße für den Röhrbeinumfang 24 bis 28 cm fest und strebt ferner einen Brustumfang von 200 bis 220 cm an.
Das Körpergewicht eines Schleswiger beläuft sich auf mindestens 650 und maximal 800 kg. Die durchschnittliche Masse beträgt für Stuten 700 kg.
Vorherrschende Fellfarbe sind Füchse mit zumeist hellem Langhaar und oftmals weißen Abzeichen. Vereinzelt treten auch Schimmel, die sich auf Einkreuzungen des Boulonnais zurückführen lassen, sowie Rappen und Braune als Erbteil des Jütländers, bei dem diese Farben allerdings selten geworden sind, auf.
Mechanik mini|Schleswiger Kaltblut, an der Hand vorgeführt Der im Allgemeinen gute Bewegungslauf des Schleswiger Kaltbluts ist eifrig und energisch sowie für einen Kaltblüter aufgrund von Einkreuzungen Englischer Vollblüter und Yorkshire Coach Horses relativ schnell. Die Schrittbewegungen sind raumgreifend. Im bodendeckenden Trab entwickeln Rassevertreter viel Schub aus der Hinterhand. Des Weiteren weist der Schleswiger eine hohe Wendigkeit auf.
Interieur Schleswiger sind von energischem, lebhaften Charakter, dabei aber gutmütig, freundlich, ausgeglichen und unkompliziert im Umgang. Sie zeigen zudem eine hohe Lernwilligkeit und sind überdies anspruchslos und robust in der Haltung und weisen eine hohe Fruchtbarkeit, Langlebigkeit und gute Gesundheit auf. Rassevertreter sind leichtfuttrig und futterdankbar.
Verwendung Das Schleswiger Kaltblut ist ein leistungsfähiges und ausdauerndes Arbeitspferd, das vielseitig einsetzbar ist und sich besonders als Zugpferd im landwirtschaftlichen Bereich eignet. Prädestiniert ist die Rasse im Einsatz auf schwerem Marschboden.
Gerade dieser landwirtschaftliche Einsatz stellte hohe Anforderungen an den Schleswiger, der sich im Geschirr zu ein bis vier Pferden angespannt in schwierigem Gelände, das in Schleswig-Holstein durch die sogenannten Knicks (Wallhecken) bestand, geschickt bewegen und des Weiteren darauf achtgeben musste, Pflanzreihen nicht niederzutreten.
Ursprünglich somit als Arbeitspferd vorwiegend in der Land- und Forstwirtschaft, aber auch in der Industrie sowie im Militär- und städtischen Transportwesen (pferdebespannte Omnibusse, Pferdestraßenbahnen) seinen Dienst getan, wird der Schleswiger heute oftmals als Freizeit- und Allroundpferd seines gutmütigen Charakters wegen eingesetzt, insbesondere für Kutsch- und Planwagenfahrten. Hauptsächlich finden die Kaltblüter heutzutage allerdings in forstwirtschaftlichen Betrieben und im sogenannten alternativen Landbau als Rückepferde zum Holztransport sowie Baumschulen und Gärtnereien Verwendung. Vereinzelt werden Rassevertreter auch im Tourismus sowie von der hamburgischen Holsten-Brauerei in der Werbung und Öffentlichkeitsarbeit eingesetzt. Auch für die Nutzung zur Beweidung für landschaftspflegende Zwecke sind Schleswiger geeignet.
Geschichte Die Zucht des Schleswigers hat einen gemeinsamen Ursprung mit dem stammverwandten Jütländer und Holsteinern des Landschlags der Kimbrischen Halbinsel.
Entwicklung des schleswiger Pferdeschlags Auf dem fruchtbaren Boden des Uferbereiches der Nordsee existierte wohl seit geraumer Zeit ein mittelgroßer, kalibriger Pferdeschlag, der bereits während des 2. und 1. Jahrhunderts vor Christus durch die Römer Erwähnung fand, als diese mit den Kimbern und Teutonen in Berührung kamen. Die Landrasse lieferte im Mittelalter ein seiner Größe und seiner Kraft wegen begehrtes Schlachtross, das nach dem Aufkommen von Schusswaffen sowie der Ablösung schwer gepanzerter Ritterrüstungen durch weniger kalibrige Pferdeschläge aus dem Militärwesen verdrängt wurde, aber weiter als schweres Reitpferd und landwirtschaftliches Arbeitspferd eingesetzt wurde. So erlebte die Zucht im 17. und 18. Jahrhundert ebenso wie die holsteinische eine Blütezeit, der allerdings durch die anschließenden Napoleonischen Kriege ein bedeutender Aderlass widerfuhr.
Um die großen Schaden genommene Zucht wieder zu stärken, führten sowohl Privatpersonen als auch staatliche Institutionen ab 1815 Importe englischer Pferde durch. So veranlasste Herzog Christian August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg im Jahr 1820 die erste Einfuhr Englischer Vollbluthengste. Des Weiteren wurden auch durch das königliche Landgestüt Kolding sowie Privatleute Hengste der Rasse Yorkshire Coach Horse in die Region eingeführt. Äußerst erfolgreicher Vererber war der Hengst Bay Buckingham. 1846 importiert, lieferte er der Landeszucht 500 Nachkommen. Ebenfalls zu erwähnen ist der Begründerhengst der Holsteiner F-Linie, Brillant, der von seinem vierten bis siebzehnten Lebensjahr in Kolding als Beschäler aufgestellt war, bevor der Hengst in die Kremper Marsch verkauft wurde. Auch auf weiblicher Seite spielten die Yorkshire Coach Horses eine Rolle; aufgrund des zahlreichen Imports von Rassevertretern kann man zum damaligen Zeitpunkt das Gebiet um Randers als Zuchtenklave der auch New Cleveland Bay genannten Pferderasse bezeichnen. Die positive Entwicklung, die der schleswiger Landschlag durch diese Einkreuzungen machte, war jedoch keine nachhaltige, da man, anstatt mit den Kreuzungsprodukten weiterzuzüchten, die Hengste kastrierte und zu guten Preisen verkaufte. Unterdessen importierte man nach wie vor Pferde aus England, ließ aber indes die Abstammung außer Acht und erwarb Tiere verschiedenster Rassezugehörigkeiten. Nach dem ersten Band des Zuchtbuchs aus dem Jahr 1900 wirkten seit 1824 insgesamt 70 Beschäler weiterer Rassen in der Zucht (siehe Tabelle). Hinzuzuzählen sind überdies 133 Beschälerhengste des ehemaligen Schleswig-Holsteiner Landgestüts Traventhal, die seit der Errichtung der Zuchtstätte im Jahr 1867 die Zucht prägten und bei denen es sich überwiegend um Warmblüter hannoverscher, mecklenburger, oldenburger und ostpreußischer Herkunft, aber auch Norfolk Roadster, Normannische Cobs Ostfriesen, Shire Horses, Brabanter, Beberbecker und ähnliche Rassen handelte. +RasseAnzahlHannoveraner11Holsteiner11Englisches Halbblut10Oldenburger8Suffolk Punch7Percheron4Frederiksborger2Clydesdale1Ostfriese1Englisches Vollblut1Norfolk Roadster1ohne Rassezugehörigkeit13 An den Zahlen erkennbar hatte sich der schleswiger Landschlag nach 1866 – im Anschluss an den österreichisch-preußischen Krieg und der im Prager Frieden vereinbarten Annexion Schleswig-Holsteins durch Preußen – in eine als „ganz wild“ bezeichnete, planlose Kreuzungszucht verwandelt, unter anderem forciert durch den zunehmenden Import schwerer Kaltblüter (vor allem Clydesdales, Shire Horses, Brabanter), da der Landschlag durch die oben beschriebenen Einkreuzungen zu leicht für den schweren Zug geworden war. Unterdessen bildeten sich jedoch auch erste lokale Vereine zur Verbesserung der Pferdezucht.
Oppenheim Den Wendepunkt brachte erst der Mitte des 19. Jahrhunderts geborenen Hengst Oppenheim, der als Begründerhengst der Rasse gesehen wird und diese stark prägte und verbesserte. Sein Bandmaß belief sich auf 172 cm. Er wurde als mittelgroßes Pferd schweren Kalibers mit tiefer Brust und kurzem Hals beschrieben.
Im Jahr 1862 durch den Hamburger Pferdehändler Louis Oppenheimer nach Deutschland importiert und, nachdem der eigentlich für Mecklenburg angekaufte Hengst aufgrund einer periodischen Augenentzündung dort nicht abgenommen wurde, im Hengstdepot in Redefin aufgestellt, entwickelte er Hufrehe und sollte über Dänemark nach England zurückgeschickt werden. Im dänischen Kolding angekommen, wurde er jedoch nach Robdrup (Randers) gebracht. In der Nähe dieser Ortschaft wurde er von dem Pferdehändler Isac Nathansen als Deckhengst aufgestellt und wirkte von 1865 bis 1872 als Beschäler. Oppenheim lieferte gerade mit den importierten Yorkshire Coach Horse-Stuten gute Nachkommen, weswegen deren Einfluss mittlerweile durchaus positiv bewertet wurde, wurde das Einführen der englischen Pferderasse indessen früher als verhängnisvoll und schädlich bezeichnet. Weniger durchschlagend vererbte der Fuchs sich jedoch mit anderen Kaltblütern.
Aufgrund mangelnder Abstammungspapiere existieren über seine Rassezugehörigkeit lediglich Mutmaßungen. Seiner Fuchsfarbe wegen rechnen ihn einige dem Suffolk Punch zu, für den diese Farbgebung rassetypisch ist. Andere Stimmen führen an, dass der fehlende Pedigree schlichtweg damit zu erklären sei, dass es sich bei Oppenheim um ein zufälliges Kreuzungsprodukt gehandelt habe. Einer anderen Argumentation folgend, soll der Hengst ein Shire Horse oder Clydesdale gewesen sein, wobei Verfechter dieser These auf seine großflächige Blesse im Gesicht und seine weißen Hinterfesseln, die er aufwies, und die Zunahme des vorher kaum vorhandenen Kötenbehangs sowie seine durchschlagene Vererbung, die ein durchgezüchtetes Tier wahrscheinlicher macht, anführen. Sie konkludieren daraus, dass er aufgrund seiner Fuchsfarbe, die insbesondere beim Shire Horse unerwünscht ist, keine Ahnentafel besaß, und da er in seinem Ursprungsland für keinerlei züchterische Verwendung infrage kam, exportiert werden konnte.
Beginn der organisierten Zucht