mini|Ikki Kita, 1935 Kita Ikki (, eigentlich Eintrag im von Shōgakukan und in weiteren Nachschlagewerken bei kotobank.jp, abgerufen am 18. Oktober 2021.; * 3. April 1883 in Ryōtsu-Minato, Landkreis Sado (heute Stadt Sado), Präfektur Niigata; Eintrag im von Nichigai Associates bei kotobank.jp, abgerufen am 18. Oktober 2021. † 19. August 1937) war ein japanischer Autor, Intellektueller und politischer Philosoph der Shōwa-Zeit. Kita war ein bekennender Sozialist, der aus einem eklektischen Spektrum von Einflüssen schöpfte und von Historikern als „ideologischer Vater des japanischen Faschismus“ bezeichnet wird.Masao Maruyama: Thoughts and Behaviour in Modern Japanese Politics (Ivan Morris ed.). London: Oxford University Press. 1956. S. 165.
Gleichzeitig vertritt er in seinen Schriften Ideen des Pan-Asianismus, des Nichiren-Buddhismus, grundlegender Menschenrechte und des Egalitarismus, außerdem engagierte er sich zeitlebens in chinesischen Revolutionskreisen.
Obwohl seine Veröffentlichungen ausnahmslos zensiert wurden und er nach 1919 aufhörte zu schreiben, gilt Kita bis in die 1930er Jahre als Inspiration für rechtsextreme Gruppierungen der japanischen Politik, insbesondere wegen seiner Befürwortung einer territorialen Expansion Japans und seiner Sympathie für Putsche.
Für die japanische Regierung war Kita ein Enfant terrible und seine Ideen wurden als gefährlich angesehen. 1936 wurde er schließlich wegen seiner angeblichen Teilnahme am gescheiterten Februarputsch verhaftet und 1937 hingerichtet. Die juristische Legitimation für seine Exekution ist bis heute umstritten.
Frühes Leben Kita wurde am 3. April 1883 auf der Insel Sado in der Präfektur Niigata unter seinem richtigen Namen Kita Terujiro als Sohn des Sake-Händlers Kita Keitaro geboren. Sein Vater wurde später der erste Bürgermeister seiner Heimatstadt. Sein jüngerer Bruder Kita Reikichi, ein Polit-Philosoph, der fünf Jahre in den Vereinigten Staaten und in Europa studiert hatte, war Mitglied des Shūgiin. Ansonsten hatte er eine vier Jahre ältere Schwester und einen vier Jahre jüngeren Bruder. Wegen einer nicht genauer bekannten Erkrankung an seinem rechten Auge musste Kita der Grundschule für ein Jahr fernbleiben.
Die Insel Sado, lange Zeit eine Strafkolonie, hatte eine Reputation viele Rebellen zu beheimaten und Kita war stolz darauf. In seiner Jugend studierte er chinesische Klassiker und mit 14 fing er an, sich für den Sozialismus zu interessieren.George Macklin Wilson: Radical Nationalist in Japan: Kita Ikki, 1883–1937. Harvard East Asian Series. 37. Cambridge, Mass.: Harvard University Press. 1969. OCLC 11889.
1898, mit 15 Jahren, durfte Kita wegen außerordentlicher Schulleistungen eine Klasse überspringen. Im Folgejahr wurde er wegen einer Augenkrankheit in das Kaiserliche Universitätskrankenhaus eingeliefert. Dort wurde bei ihm im Sommer 1899 Pterygium conjunctivae diagnostiziert, welches trotz Mitwirkung des namhaften Arztes Komoto Jujiro nicht geheilt werden konnte. Auf seiner Erkrankung konnte Kita dem Schulunterricht kaum noch beiwohnen, weshalb er sich entschied, die Schule abzubrechen und seinem Vater im Familienunternehmen zu helfen.Hideki Kondo: Tōten Miyazaki und Ikki Kita. Chūōkōron Shinsha. 1982. S. 34.
1900, mit 17 Jahren, publizierte er Artikel in einer lokalen Zeitschrift, in denen er die Idee des Kokutai (Volkscharakter) kritisierte. Er strebte eher nach einem starken Staat mit sozialer Absicherung nach dem Vorbild des Deutschen Kaiserreiches und der Ideen von Otto von Bismarck und Gustav von Schmoller. Dies führte zu polizeilichen Ermittlungen gegen seine Familie, die später fallengelassen wurden.
1901 wurde Kita für sieben Monate in eine Augenklinik in Niigata eingewiesen. Dort vertiefte er sein Wissen zum Sozialismus, indem er Werke von Kōtoku Shūsui und Sakai Toshihiko las. Als sein Vater im Oktober 1903 starb, benannte sich Terujiro Kita in Ikki Kita um und erfragte bei der Sado High School eine Sondererlaubnis, trotz des Schulabbruchs an den Abschlussprüfungen teilnehmen zu dürfen; im Hinblick auf seine zuvor guten Leistungen wurde es ihm gestattet, sodass er 1904 die High School absolvieren konnte. In der Zeitschrift Sado-Shimbun veröffentlichte er mehrere Artikel, in denen er sich für einen Krieg mit dem Russischen Kaiserreich und eine Stärkung des Tennō aussprach, welcher „für die Japaner wie ein Familienmitglied ist.“ Nur zwei Tage später wurde Kita das Veröffentlichen weiterer Artikel untersagt.
1904, mit 21 Jahren, zog er nach Tokio, um an der Waseda-Universität Politik- und Wirtschaftswissenschaften zu studieren. Dort er traf viele einflussreiche Personen der Sozialistenbewegung des frühen Japans. Seine Kontakte in der Szene führten schnell zu einer Desillusion; die Bewegung war seiner Meinung nach „voll von Opportunisten.“ Besonders die Vorlesungen von Aruga Nagao und Hozumi Yatsuka, die er in einem Nebenkurs belegte, faszinierten ihn. In seiner Freizeit besuchte er fortan regelmäßig die Universitätsbibliothek, um sich Bücher über Rechtswissenschaften und Sozialwissenschaften auszuleihen und auf deren Basis eigene Forschungen anzustellen.
Ideologie mini|hochkant|Ikki Kita in den 1910er Jahren Theorien zur japanischen Nationalpolitik
Nach einem Jahr intensiver Recherche veröffentlichte Kita 1906 im Alter von 23 Jahren sein erstes Buch Kokutairon und reiner Sozialismus; eine massive politische Abhandlung mit über 1000 Seiten. In dem Werk kritisierte er die Meiji-Regierung für ihre Propagierung von Kokutai und warnte vor einer Abweichung des Sozialismus, wegen der Kompromissbereitschaft von kontemporären Sozialisten. Das Werk gilt als Begründung seiner Philosophie des „nationalen Sozialismus.“
Er bezeichnete Marxismus und einen Klassenkampf-orientierten Sozialismus als veraltet. Er erklärt umfassend die Evolution als Basis für das Verständnis von Gesellschaften und Nationen. Seine Idee des Sozialismus beinhaltet einen autoritaristischen Staat nach Vorbild von Platons Politeia. Er betont die enge Beziehung zwischen Konfuzianismus und dem „Von Oben herab“-Konzept des nationalistischen Sozialismus. Mengzi sei der Platon des Ostens und dessen Konzept zur Organisation einer Gesellschaft sei dem von Karl Marx vorzuziehen.
Er weist die shintoistische Sichtweise rechtsextremer Zeitgenossen wie Hozumi Yatsuka ab, nach der Japan ein Ethnostaat sei, begründet durch die Göttin Amaterasu. Er kontert, dass neben der Inkorporation von Chinesen, Koreanern und Russen als japanische Bürger während der Meiji-Zeit, jede Person das Recht haben soll, dem japanischen Volk beizutreten und dieselben Rechte und Obligationen zu tragen, wie ethnisch japanische Personen. Anderenfalls könne das japanische Reich nicht expandieren. Einer seiner religiösen Inspirationen war das Mantra Nichirens Namu Myōhō Renge Kyō.Walter Skya: Japan's Holy War: the Ideology of Radical Shinto Ultranationalism. S. 123–125. ISBN 978-0-8223-4423-0.
Das Buch wurde nach nur fünf Tagen von der Regierung verboten und Kita stand fortan unter polizeilicher Überwachung. Inhaltlich deckt Kita mit seinem Debütwerk ein breites Spektrum verschiedener Themengebiete ab, darunter Rechtswissenschaft, Philosophie, Politik, Wirtschaft und Biologie. Sein Ziel war es mithin die verschiedenen Disziplinen zu vereinheitlichen, anstatt als separate Teilgebiete zu behandeln.
Inmitten seiner Enttäuschung über das Verbot des Buches lernte er Miyazaki Tōten kennen, der ihn mit dem Revolutionsführer Song Jiaoren bekannt machte.
Engagement in der chinesischen Revolution mini|hochkant|Kita Ikki, 1913 Kitas zweites Buch Eine formlose Geschichte über die Chinesische Revolution ist eine kritische Analyse der Xinhai-Revolution 1911 in China.
1911 schloss sich Kita den Tongmenghui unter Führung Song Jiaorens an. Er zog für mehrere Jahre nach China, um sich aktiv an der Revolution zu beteiligen und die Qing-Dynastie umzustürzen.
Gleichzeitig zeigte Kita aber auch Interesse am Rechtsextremismus, darunter an dem rechtsextremen Amur-Bund (Kokuryūkai), gegründet 1901. Kita, der ähnliche Ansichten zu Russland und Korea vertrat wie die Gruppe, wurde als Kurier gesendet, um die Umstände der Xinhai-Revolution via Briefkorrespondenz mitzuteilen.
Am 22. März 1913 wurde Jiaoren am Bahnhof von Shanghai durch einen Attentäter erschossen und die Zeitungen verkündeten, dass sein Freund Sun Yat-sen der Verantwortliche sei. Im April desselben Jahres wurde Kita vom japanischen Generalkonsul in Shanghai angewiesen, China für drei Jahre zu verlassen. In dem Zeitraum beendete er auch die Arbeiten an seinem Werk Eine formlose Geschichte über die Chinesische Revolution, in dem er die japanische Regierung und allen voran Ōkuma Shigenobu für die Einundzwanzig Forderungen gegen China kritisierte.
1916 heiratete er Yasu Mamabuchi, adoptierte den Sohn des verstorbenen Revolutionärs Renfeng Tan und kehrte frühzeitig nach Shanghai zurück. Dort wurde er von den japanischen Diplomaten Yukinosuke Shimizu und Fumio Iwata konsultiert, die japanischen Beziehungen zu China zu stärken. In dem Zuge trat er wenige Monate später der Japanisch-Chinesischen-Freundschaftsgesellschaft bei. Nach über 40 Tagen reiner Arbeit stellte Kita den Entwurf einer Gesetzesreform Japans zur Stärkung der Japanisch-Chinesisch-Beziehung fertig, dessen Verbreitung durch die japanische Regierung untersagt wurde.
Im Januar 1920 kehrte Kita nach Japan zurück. Er war enttäuscht von dem Vorgehen innerhalb der Revolution und der kompromissbereiten Herangehensweise der Putschenden. Zusammen mit Ōkawa Shūmei bildete er die Yūzonsha, eine nationalistische Organisation und widmete seine Zeit forthin politischen Aktivitäten. Allmählich wurde er zum führenden Theoretiker und Philosoph der Rechtsradikalen Bewegung im Japan vor dem Zweiten Weltkrieg.
Vorstellungen eines reorganisierten Japans mini|hochkant|Denkmal Kitas und des Februarputsches Sein letztes bedeutendes Buch über Politik war das fast 2000 Seiten umfassende Ein Plan zur Neuordnung Japans. Zuerst in Shanghai geschrieben, wurde es nur wenige Tage nach seinem Erscheinen 1919 verboten. In Japan veröffentlichte er die überarbeitete Ausgabe 1923 unter Publizierung von Kaizōsha, dem Herausgeber der Zeitschrift Kaizō; auch die Neuveröffentlichung wurde schnell durch die Regierung verboten.
Zentrales Thema ist seine Vorstellung einer nationalen Politik (Kokutai), durch die Japan die Wirtschaftskrise überwinden, ein Großasiatisches Reich führen und alle Völker der Welt durch eine Japanisierung vereinen sollte. Eine japanische Supermacht sei notwendig, um langfristigen Weltfrieden zu garantieren. Er kritisierte Konflikte zwischen den herkömmlichen Advokaten des Kokutai und Advokaten westlicher Ideale dafür, kein Verständnis für den bevorstehenden sozialen Wandel Japans zu haben. In der Einleitung des Buches schreibt er: „Die Japaner müssen die Gerechtigkeit der Nation und die Menschen- und Gleichheitsrechte verstehen.“ Folglich enthält es Aspekte des Pan-Asianismus.James L. McClain: Japan: A Modern History S. 435 ff. ISBN 0-393-04156-5.
Nach seiner Vorstellung war ein Putsch nötig, um einen Ausnahmezustand herbeizuführen, durch den dem Tennō gemäß der Meiji-Verfassung die alleinige Entscheidungsbefugnis zufällt. Da der Tennō innerhalb der japanischen Bevölkerung hohes Ansehen genießt, sah Kita ihn als ideale Person, um die Verfassung abzuschaffen und das Japanische Kabinett und den Kokkai radikal umzugestalten. Deren Vertreter sollen nach dem Konzept der Repräsentativen Demokratie direkt vom Volk gewählt werden, um „böswillige Interessensvertreter“ zu verhindern – nur so könne die damalige Legitimation für die Meiji-Restauration sichergestellt werden.