Ortolf von Baierland, auch Ortolf von Würzburg (geboren in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts im Herzogtum Bayern, möglicherweise im unterfränkischen Weiler „Bayerland“, heute „Wegfurter Baierland“,Manfred Zirkelbach: In: Rhön- und Saalepost: Ein echtes Rhöner Kind. in Bischofsheim an der Rhön;Gundolf Keil: Ortolf von Baierland. In: Neue Deutsche Biographie. Band 19, 1999, S. 605 f. ([Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd119070707.html#ndbcontent). gestorben um 1290, vermutlich in Würzburg)Gundolf Keil: „ich, meister Ortolf, von Beierlant geborn, ein arzet in Wirzeburc“. Zur Wirkungsgeschichte Würzburger Medizin des 13. Jahrhunderts. In: Jahresbericht der Julius-Maximilians-Universität Würzburg über das akademische Jahr 1975/76. Würzburg 1977 (= Würzburger Universitätsreden. Band 56), S. 17–42, hier: S. 25–27 war ein deutscher Arzt und medizinischer Fachautor. Er war ein hochangesehener Wundarzt bzw. Handwerkschirurg mit akademischer Bildung,Gundolf Keil: „ich, meister Ortolf, von Beierlant geborn, ein arzet in Wirzeburc“ […]. S. 28. am Würzburger Domkapitel tätig und um 1280 Verfasser eines volkssprachigenOrtrun Riha: Ortolf von Baierland und seine lateinischen Quellen. Hochschulmedizin in der Volkssprache. Reichert, Wiesbaden 1992 (= Wissensliteratur im Mittelalter. Band 10), ISBN 3-88226-538-8. allgemeinmedizinischen Lehrbuches, das regional bis zum Ende des 16. Jahrhunderts benutzt wurde.

Leben Über die Lebensdaten Ortolfs („von Beierlant geborn“ und „arzet in Wirzeburc“, wie er selbst schreibt) liegen bislang nur zwei direkte urkundliche Zeugnisse vor, die belegen, dass er lange vor 1339 in einem Domherrenhof neben dem Würzburger Dom wohnte und als Arzt („Chirologe“: hier Bezeichnung für einen akademisch ausgebildeten WundarztGundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (1. Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 19–20.) tätig war. Für sein hohes Ansehen spricht neben indirekten Nennungen die Tatsache, dass sein dem Würzburger Dietrichspital gehörendes Wohnhaus (im Bereich des heutigen Kardinal-Döpfner-Platz 3)Hans Dünninger: Wo stand das Haus des Mag. Ortolf, „arzet in Wirzeburc“? In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 125–131. noch 50 Jahre nach seinem Tod als Ortolfs hûs bekannt war. Ortolf von Baierland, der gelegentlich auch Ortolf von Würzburg genannt wird und für das Würzburger DomkapitelGundolf Keil: „Isâk künig Salomons sun machte in Arabia ein buoch, daz Got nie bezzerz geschuof“ – Die Repräsentanz der Schule von Kairouan im Würzburg und Breslau des 13. Jahrhunderts. In: Ex oriente lux? Wege zur neuzeitlichen Wissenschaft. Begleitband zur Sonderausstellung im Augusteum, Oldenburg 2009–2010. Hrsg. von M. Fansa, Oldenburg 2009, S. 212–225 und 495–526, hier: S. 222. tätig war, war ein ausgezeichneter Kenner der lateinischen Fachliteratur und hatte wahrscheinlich an einer Universität – man zieht Salerno und das salernitanisch beeinflusste Paris in Betracht – zumindest zum Teil studiert und sein Studium noch vor 1250 abgeschlossen.Gundolf Keil: Ortolf von Baierland (von Würzburg). In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Auflage. Berlin / New York 1989, Band 7, Sp. 67–82, hier: Sp. 67–68. Über die im Mittelalter bedeutende Würzburger Domschule hatte er möglicherweise Zugriff auf die von ihm verwendeten Quellen.Gundolf Keil (2012/13), S. 19 f. Die Erwähnung in den ältesten Rechnungen des Klosters Aldersbach ist ein indirekter Hinweis auf die hohe Stellung der Würzburger Medizin im ausgehenden 13. und frühen 14. Jahrhundert.Bernhard Lübbers: Die Ersterwähnung von Ärzten in Würzburg. Ein bislang unbekannter Hinweis auf den Wirkkreis Ortolfs von Baierland? In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 26, 2007, S. 250–261.

Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland Der Entstehungszeitraum des in Würzburg im dritten Drittel des 13. Jahrhunderts verfassten ortolfischen Arzneibuches, das sowohl chirurgische Inhalte (wuntarzenîe) als auch internistische (lîparzenîe) sowie fachübergreifende (etwa augenheilkundliche und ohrenärztlicheAndreas Mettenleiter: Das Juliusspital in Würzburg. Band III: Medizingeschichte. Herausgegeben vom Oberpflegeamt der Stiftung Juliusspital Würzburg anlässlich der 425jährigen Wiederkehr der Grundsteinlegung. Stiftung Juliusspital Würzburg, Würzburg 2001, ISBN 3-933964-04-0, S. 567 und 579.) AbschnitteGundolf Keil (2012/13), S. 19–21. enthält, lässt sich nicht genau festlegen. Man geht aber von einer Entstehungszeit um 1280 aus, da als sicher gilt, dass es sich dabei nicht um ein Jugendwerk handelt und dass es auf Grund der fehlenden Pestrezepte vor den großen Pestzügen – und damit vor 1348 – verfasst worden sein muss. Zudem setzte kurz nach 1300 bereits die Überlieferung von Ortolfs Inhalten ein, was für mittelalterliche Verhältnisse ebenfalls für eine Entstehung deutlich vor 1300 spricht.Gundolf Keil: Die deutsche Isaak-Judäus-Rezeption vom 13. bis zum 15. Jahrhundert. Shaker, Aachen 2015 (= Europäische Wissenschaftsbeziehungen. Supplement 2), ISBN 978-3-8440-3933-7; S. 70, Anm. 350, und S. 87

Das Arzneibuch, genannt auch mittelhochdeutsch arzetbuoch, zeichnet sich durch hohe Fachkompetenz auf dem neuesten Stand seiner Zeit aus, seine Konzeption als volkssprachiges Lehrwerk kann als Pioniertat bezeichnet werden, da es bis dahin üblich war, medizinische Lehrbücher in lateinischer Sprache zu verfassen. Ortolfs lässt darauf schließen, dass er ein erfahrener Praktiker war, was für studierte Mediziner des Mittelalters keineswegs selbstverständlich war. Fertig ausgebildete Praktiker, vornehmlich Wundärzte, waren es auch, an die Ortolf sich mit seinem allgemeinmedizinischenGundolf Keil: Der Hausvater als Arzt. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und früher Neuzeit (Vorträge eines interdisziplinären Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn). Mit einem Register von Ralf Nelles, Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 379954156X, S. 219–243, hier: S. 219. Lehrwerk richtete. Ihnen vermittelte er auf humoralpathologischer Grundlage profundes Wissen über Diagnose, Prognose und Therapie (unter anderem AderlassChristine Boot: an aderlaszen ligt grosz gesuntheit. Zur Repräsentanz von Ortolfs Phlebotomie in deutschsprachigen Aderlaßtexten. In: Gundolf Keil, Johannes G. Mayer, Christian Naser (Hrsg.): „ein teutsch puech machen“. Untersuchungen zur landessprachlichen Vermittlung medizinischen Wissens (= Ortolf-Studien. Band 1). Reichert, Wiesbaden 1993 (= Wissensliteratur im Mittelalter. Band 11), ISBN 3-88226-539-6, S. 112–157.Vgl. auch Gundolf Keil: Zur Wirkungsgeschichte von Ortolfs Aderlaß-Kapitel (‚Arzneibuch‘, 73). In: Friedrun R. Hau, Gundolf Keil, Charlotte Schubert (Hrsg.): „Istorgia dalla Madaschegna“. Festschrift Nikolaus Mani. Pattensen 1985, S. 99–114.) für das gesamte breite Spektrum von Krankheiten, das die Wundärzte des Mittelalters behandelten (Allgemeinkrankheiten, Verletzungen, Augenkrankheiten, Frauenkrankheiten bis hin zur Zahnmedizin und Chirurgie). Jenseits seiner medizinischen Qualitäten gilt Ortolfs Arzneibuch, das auch „Einschläge salernitanischer Frühscholastik“ erkennen lässt, als brillantes sprachliches Kunstwerk. Ortolf griff für sein, vor allem aus Quellen des 12. und 13. Jahrhunderts gespeistes Werk in erster Linie auf Salerner Quellen zurück, weiterhin benutzte er aus Parma (Roger Frugardi), Toledo und Paris stammende medizinische Fachliteratur. Zu den wesentlichen, zwischen 1150 und 1240 entstandenen VorlagenGundolf Keil: Ortolf von Baierland (Würzburg). 1989, Sp. 68. bzw. QuellenGundolf Keil (2012/2013), S. 20. gehört etwa das um 1240 fertiggestellte Compendium medicinae von Gilbertus Anglicus.Vgl. auch Ortrun Riha: Mittelalterliche Heilkunst. Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland (um 1300). 2014, S. 11.

Ortolfs Arzneibuch enthält 167 Kapitel, gegliedert in sechs GliederungsebenenGundolf Keil: Ortolf von Baierland (Würzburg). 1989, Sp. 70–73. bzw. sieben Abschnitte:Ortrun Riha: Mittelalterliche Heilkunst. Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland (um 1300). 2014, S. 15–17 (Die Struktur von Ortolfs Arzneibuch), 19 und 23. Grundlagen der Medizin (Elementenlehre, Humoralpathologie, Pathologie, Anatomie, Diätetik, Therapie), aufteilbar in Sex res naturales und Sex res non naturales von Ortolf benutzt: Liber regius ad Almansorum von Rhazes nach Gerhard von Cremona, Liber pantegni von Haly Abbas

Uroskopie (Harnschau)Zur Überlieferungsgeschichte vgl. auch Johannes Gottfried Mayer: „Zwoelf stúcke von dem harne“. Eine Uroskopie aus den Harnschriften des „Elsässischen Arzneibuchs“. In: Konrad Goehl, Johannes Gottfried Mayer (Hrsg.): Editionen und Studien zur lateinischen und deutschen Fachprosa des Mittelalters. Festgabe für Gundolf Keil. Königshausen und Neumann, Würzburg 2000 (= Texte und Wissen. Band 3), ISBN 3-8260-1851-6, S. 193–205, hier: S. 193, 195–196 und 198. benutzt: Liber de urinis von Isaac Judaeus und Carmen de urinis von Aegidius Corboliensis (Gilles de Corbeil) Pulsdiagnostik benutzt: Carmen de pulsibus von Aegidius Corboliensis

Hippokratische Lehren (Aphorismen, Prognosen) benutzt: Aphorismen und Prognosen von Hippokrates von Kos nach Konstantin von Afrika sowie die pseudohippkratische Capsula eburnea Aderlass und Blutschau gemäß De phlebotomia von Maurus von Salern

Krankheiten von Kopf bis Fuß und deren Therapie benutzt: Compendium medicinae von Gilbertus Anglicus

Wundbehandlung (Kopfverletzungen, Blutstillung, Wundbehandlung, Augenleiden) benutzt: Compendium medicinae von Gilbertus Anglicus, „Chirurgie“ von Roger Frugardi.

Überlieferungs- und Wirkungsgeschichte