mini|hochkant=1.3|Jean Starobinski (2004) Jean Isaac Starobinski (* 17. November 1920 in Genf; † 4. März 2019 in Morges, Kanton Waadt; heimatberechtigt in Genf) war ein Schweizer Arzt und Literaturwissenschaftler, Medizinhistoriker und Ideengeschichtler. Er war von 1958 bis 1985 Professor an der Universität Genf.
Leben und Werk Jean Starobinski wurde als Sohn von Aron Starobinski und Szajndla Frydman, beide polnisch-jüdischer Herkunft, geboren. Seit Vater emigrierte 1913 wegen antisemitischer Repressionen, die ihm ein Studium untersagten, von Warschau nach Genf.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie. In: Jean Starobinski: La beauté du monde. La littérature et les arts. Édition établie sous la direction de Martin Rueff. Gallimard, Paris 2016, S. 23 f. Beide Eltern schlossen in Genf ein Medizinstudium ab, der Vater unterhielt seit 1926 eine eigene Praxis.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 25–27.
Starobinski besuchte von 1932 bis 1939 das Collège Calvin und schloss dieses mit der Matura ab.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 44 f. Noch als Gymnasiast besuchte er an der Universität eine Vorlesung über Rousseau von Marcel Raymond, der später sein wichtigster akademischer Lehrer werden sollte.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 47.
Von 1939 bis 1942 studierte Starobinski Französisch, Latein und Griechisch an der Universität Genf.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 53. Er schloss sein Studium mit einer von Marcel Raymond betreuten Arbeit über die Selbsterkenntnis bei Stendhal ab. Durch Vermittlung von Raymond lernte Starobinski den Dichter Pierre Jean Jouve kennen, der seit 1941 in Genf exiliert war. Er war regelmässiger Gast in Jouves Wohnung, wo sich Schriftsteller und Intellektuelle wie Georges Haldas, Maurice Chappaz, Pierre Courthion, Pierre Emmanuel und Jean Rudolf von Salis trafen.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 62–63. Durch Blanche Reverchon, Jouves Ehefrau, kam er in Kontakt mit der Psychoanalyse. Bereits vor Abschluss seines Studiums veröffentlichte Starobinski erste Artikel über Lyrik in den Zeitschriften Lettres, die von Jouve gegründet worden war, und La Suisse contemporaine.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 64. Seine allererste Publikation betraf den Gedichtband Porches à la nuit des saints von Pierre Jean Jouve.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 63.
Von 1942 bis 1948 studierte Starobinski Medizin an der Universität Genf. Es waren vor allem soziale und wirtschaftliche Gründe, die ihn dazu bewogen, seine Laufbahn als Geisteswissenschaftler vorerst nicht weiterzuverfolgen. Eine Karriere als Arzt schien ihm planbarer.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 68. 1948 erhielt er auch die Schweizer Staatsbürgerschaft, die ihm noch 1940 verweigert worden war.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 71. Auch während seines Medizinstudiums war Starobinski publizistisch tätig. Er unterhielt enge Beziehungen zu Intellektuellen und Verlegern, die sich von der Schweiz aus für die Résistance in Frankreich engagierten. 1943 gab er ein in der von Pierre Courthion gegründeten Reihe Le Cri de la France, die den Begriff der Freiheit in verschiedenen Jahrhunderten dokumentieren wollte, einen Band zu Stendhal heraus. 1945 erschien seine Übersetzung von Erzählungen und weiteren Texten Franz Kafkas mit einer umfangreichen Einleitung.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 74–81.
Von 1947 bis 1949 unterrichtete Starobinski als Assistent von Marcel Raymond französische Literatur an der Universität Genf. Von 1948 bis 1953 war er Assistenzarzt am Kantonsspital Genf.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 86. Aus seiner Unterrichtstätigkeit ging 1953 die erste eigene Buchpublikation hervor: ein Porträt Montesquieus in der Reihe Écrivains de toujours.
Auf Einladung von Georges Poulet unterrichtete Starobinski von 1953 bis 1956 als assistant professor an der Johns Hopkins-Universität in Baltimore. Diese Jahre waren entscheidend für Starobinskis intellektuelle Prägung.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 100. Am Institute of the History of Medicine besuchte er die Vorlesungen von Owsei Temkin und entdeckte sein Interesse für medizingeschichtliche Fragestellungen.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 101 f. Regelmässig nahm Starobinski an den Sitzungen des History of Ideas Club teil, wo er mit Arthur Lovejoy, George Boas und Ludwig Edelstein zusammentraf und sein eigenes Verständnis von Ideengeschichte ausbildete.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 103–105. Anregend war auch der Konflikt zwischen Georges Poulet und Leo Spitzer über den richtigen methodischen Zugang zur Literatur.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 105–109. Starobinskis eigene Methode, die er mit dem Ausdruck «relation critique» bezeichnete, lässt sich als Vermittlung zwischen den beiden Positionen Bewusstseinsanalyse und Stilkritik auffassen.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 109. Während dieses Aufenthalts hörte Starobinski auch eine Vorlesung von Alexandre Koyré, aus der 1957 das bedeutsame ideengeschichtliche Buch From the Closed World to the Infinite Universe hervorging.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 104.
Neben seiner Unterrichtstätigkeit hatte Starobinski in Baltimore Zeit, seine literaturwissenschaftliche Dissertation fertigzustellen. Hatte er ursprünglich geplant, eine vergleichende Studie über Maskenverächter und Demaskierer in der französischen Literatur vom 16. bis ins 20. Jahrhundert zu schreiben (Montaigne, La Rochefoucauld, Rousseau, Stendhal, Valéry),Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 60. so hatte sich schliesslich das Kapitel über Rousseau zu einer eigenständigen Arbeit ausgewachsen. 1957 verteidigte Starobinski seine Dissertation, die unter dem Titel La transparence et l’obstacle Berühmtheit erlangen sollte. Doktorvater war Marcel Raymond.
Von 1957 bis 1958 arbeitete Starobinski noch einmal als Arzt an der psychiatrischen Anstalt in Cery (Kanton Waadt). Anschliessend verfasste er auch seine medizinische Dissertation zur Geschichte der Melancholiebehandlung bis 1900, die 1960 erschien. Starobinski wurde zum Doktor der Medizin der Universität Lausanne ernannt.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 117.
Auf Betreiben von Marcel Raymond wurde Starobinski 1958 auf eine eigens für ihn geschaffene Professur für Ideengeschichte an der Universität Genf berufen.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 118–120. Er wurde für zunächst drei Jahre und mit halbem Pensum eingestellt und nahm daher in dieser Zeit (1959–61) auch Lehraufträge an der Universität Basel wahr. Nach der Emeritierung Raymonds 1962 konnte er in Genf zusätzlich eine halbe Professur für moderne französische Literatur übernehmen. Er folgte dabei auf Jean Rousset, der seinerseits den Lehrstuhl von Raymond übernahm.Jean Starobinski: Précisions sur «mes années Johns Hopkins» . In: Bulletin du Cercle d’études Jean Starobinski. Nr. 15. 2022. S. 4. (Starobinski irrt sich hier beim Jahr der Emeritierung Raymonds.) 1964 wurde Starobinski vom ausserordentlichen zum ordentlichen Professor befördert, 1985 wurde er emeritiert. Sein Lehrgebiet umfasste neben der französischen Literatur und der Ideengeschichte auch die Medizingeschichte. Von 1963 bis 1985 hielt er dazu Vorlesungen für angehende Ärzte an der medizinischen Fakultät.
Der Unterricht von Rousset und Starobinski war prägend für eine ganze Generation von (Schweizer) Romanisten.Postérité de l’École de Genève. In: Quarto. Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs. Nr. 15/16. 2001. S. 81–146. Gemeinsam mit Roger Dragonetti (ab 1968), Michel Jeanneret (ab 1971) und Michel Butor (ab 1975) schufen sie ein Institut von internationaler Ausstrahlung, zu dessen Ansehen auch hochkarätige Gastdozenten beitrugen (u. a. Roland Barthes, Yves Bonnefoy, Gérard Genette und Jean-Pierre Richard).
Nach seiner Emeritierung hielt Starobinski als Gastprofessor je eine Vorlesung am Collège de France (1987/88) und an der ETH Zürich (1992/93).
Von 1965 bis 1996 war er Leiter der Rencontres internationales de GenèveMartin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 158. und von 1967 bis 1993 Präsident der Société Jean-Jacques Rousseau in Genf, deren Ziel in jener Zeit in der Herausgabe einer kritischen Ausgabe von Rousseaus Werken bestand.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 156 f.
Ab 1972 war er Redaktionsmitglied der von Jean-Bertrand Pontalis gegründeten Zeitschrift Nouvelle Revue de Psychanalyse. Von 1980 bis 1989 gehörte er auch der Redaktion der von Pontalis herausgegebenen Zeitschrift Le Temps de la réflexion an, die jährlich erschien.Martin Rueff: L’Oeuvre d’une vie, S. 169.
Auch nach seiner Emeritierung blieb Starobinski wissenschaftlich tätig und veröffentlichte bis ins hohe Alter neue Bücher. Die Anerkennung für sein Werk drückt sich zum Beispiel in der Verleihung von insgesamt sechzehn Ehrendoktorwürden aus.
Jean Starobinski verstarb 2019 im Alter von 98 Jahren in Morges, Kanton Waadt.
Das Archiv und die persönliche Bibliothek von Jean Starobinski befinden sich im Schweizerischen Literaturarchiv der Schweizerischen Nationalbibliothek.
Forschung Starobinski erforschte die französische Literatur vom 16. bis zum 20. Jahrhundert in ihrer ganzen Breite und hat zu allen Epochen Studien vorgelegt. Sein Schwerpunkt lag jedoch auf dem 18. Jahrhundert und der Epoche der Aufklärung. Besonders hat er sich mit den Werken Rousseaus (La transparence et l'obstacle, 1958; Accuser et séduire, 2012) und Diderots (Un diable de ramage, 2012) befasst. In Auseinandersetzung mit Werken der bildenden Kunst hat er die Entstehung des aufklärerischen Denkens anhand der Begriffe «Freiheit» und «Vernunft» nachverfolgt (Die Erfindung der Freiheit, 1964; Die Embleme der Vernunft, 1973). Das Verhältnis der Aufklärung zur Täuschung beleuchtet der Band Le remède dans le mal (1989) anhand von Aufsätzen zu u. a. Voltaire und Rousseau.
Ein zweiter Schwerpunkt lag auf medizinhistorischen Fragestellungen, mit besonderer Berücksichtigung der Geschichte der Psychiatrie. Seit seiner medizinischen Dissertation (Geschichte der Melancholiebehandlung, 1960) beschäftigte er sich mit dem Begriff der Melancholie. Unter diesem Gesichtspunkt hat er besonders das Werk Charles Baudelaires gelesen (Melancholie im Spiegel, 1990). Seine kleineren Arbeiten zum Thema fasste er 2012 im Band L’encre de la mélancolie zusammen. Daneben verfasste er eine Einführung in die Medizingeschichte (1963), eine Kleine Geschichte des Körpergefühls (1987) und ein Buch über den Wahnsinn (Besessenheit und Exorzismus, 1974). Seine kleineren Arbeiten zur Medizingeschichte wurden 2020 in dem Band Le corps et ses raisons versammelt.
Ein dritter Schwerpunkt bestand in der eigentlichen Arbeit eines critique littéraire, als der sich Starobinski verstand: der Analyse und Interpretation einzelner literarischer Werke, die jeweils von textimmanenten Beobachtungen ausgingen, anstatt sich von vorgegebenen Themen und Fragestellungen leiten zu lassen.Michel Jeanneret: Starobinski à l’écoute des mots. In: Cahiers pour un temps. Centre Georges Pompidou, Paris 1985, S. 144. In diesen explications de texte wurde sowohl die formale Seite mithilfe von strukturalistischen und stilistischen Methoden berücksichtigt, als auch dem historischen Kontext Rechnung getragen. Als «absolute Höhepunkte von Starobinskis Interpretationskunst» bezeichnet John E. Jackson diesbezüglich die folgenden Aufsätze: «Le dîner de Turin» über eine Episode aus den Confessions von Rousseau, «L’incipit du Neveu de Rameau» über Rameaus Neffe von Diderot, «Les proportions de l’immortalité» über das Gedicht Spleen II von Baudelaire und «L’échelle des températures» über Madame Bovary von Flaubert.