mini|Ostfriesland zur Zeit des Häuptlingswesens

Die ostfriesischen Häuptlinge (friesisch Hovetlinge oder Hovedlinge) übernahmen im Verlauf des 14. Jahrhunderts Machtpositionen im östlichen Friesland, nachdem die alte egalitäre Verfassung aus der Zeit der Friesischen Freiheit zusehends verfallen war.

Vorgeschichte Ostfriesland unterstand, anders als sonst zur Zeit des Lehnswesens üblich, im Mittelalter keiner zentralen Herrschaft. Stattdessen hatten sich bereits im 12. und 13. Jahrhundert die „freien Friesen“, so die Selbstbezeichnung, in genossenschaftsähnlichen Landesgemeinden organisiert, in denen prinzipiell jedes Mitglied gleichberechtigt war. Diese grundsätzliche Gleichberechtigung galt für alle Eigentümer von Hofstellen und zugehörigem Land in ihren jeweiligen Dörfern und Kirchspielen.Heinrich Schmidt: Das östliche Friesland um 1400. Territorialpolitische Strukturen und Bewegungen. In: Wilfried Ehbrecht (Hrsg.): Störtebeker – 600 Jahre nach seinem Tod. Trier 2005, S. 86. Die öffentlichen Ämter der Richter oder „Redjeven“ (lat. consules) wurden durch jährliche Wahlen besetzt. De facto stachen einige nobiles aus dieser universitas hervor: Insbesondere die Mitglieder der großen und reichen Familien bekleideten die öffentlichen Ämter. Statussymbole dieser nobiles waren ab dem 13. Jahrhundert Steinhäuser (Stins, als Vorläufer der späteren Häuptlingsburgen) sowie kleine Söldnerheere.

Entwicklung des Häuptlingswesens mini|hochkant|Häuptling in höfischer Tracht, aus dem 1561 begonnenen Hausbuch des Unico Manninga

Bis 1300 konnte sich diese egalitäre Ordnung, trotz Rivalitäten der mächtigen Familien, erhalten. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts setzte aber ein demographischer Wandel ein: Eine Vielzahl von Krisen (Hungersnöte, mangelnder Absatzmarkt für Waren, Seuchen) führte zu einem Verlust der öffentlichen Ordnung, den Höhepunkt bildete der Ausbruch der Pest 1349/50. Zudem brachen unter Sturmfluten (beispielsweise der zweiten Marcellusflut im Jahre 1362) die während des hohen Mittelalters erbauten Deiche, wodurch bis dahin bewohnte Gebiete überflutet wurden: Es entstanden Ley- und Harlebucht sowie der Jadebusen. Diese Katastrophen zogen eine Neuordnung des politischen Raumes nach sich: Kleinere „Bezirke“ wie Stadland und Butjadingen entstanden im Osten, Bant südwestlich des neu entstandenen Jadebusens.

Auch an der politischen Verfasstheit Ostfrieslands gingen diese Einschnitte nicht spurlos vorüber. Im späten 13. Jahrhundert und bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts verfestigte sich die Macht der nobiles zunehmend und das ostfriesische Häuptlingswesen begann Gestalt anzunehmen: Die hovetlinge lernten rasch, ihre Autorität nicht mehr vom Willen der Gemeinden abzuleiten, sondern als dynastischen Besitz zu verstehen und zu verteidigen.Schmidt (2005), S. 87. Für viele „freie Friesen“ ging es zu dieser Zeit um elementare Fragen des Überlebens, ihre Mitwirkung an den Gemeindeangelegenheiten erlahmte.Heinrich Schmidt: Piraten gern gesehen. In: Damals. Das Magazin für Geschichte und Kultur, 38. Jahrgang, April (4) 2006, S. 32. Die genossenschaftlichen Ideale der Friesischen Freiheit konnten unter diesen Umständen nicht aufrechterhalten werden. Einzelne Familien, ehemals schon als nobiles privilegiert, begannen sich mehr und mehr von den bäuerlichen Hofeignern abzusetzen und die herrschende Schicht zu bilden. Ab der Mitte des 14. Jahrhunderts wurde der Titel „Häuptling“ üblich, seine Träger verstanden ihn nun als Standesbezeichnung.Vgl. Schmidt (2006), S. 32.

Die Macht der Häuptlinge stützte sich vor allem auf ihren dynastischen Besitz. Aus den Steinhäusern der redjeven entwickelten sich nun Türme und Burgen. Auch steinerne Kirchen wurden als Herrschaftszentrum instrumentalisiert.Heinrich Schmidt: Mittelalterliche Kirchengeschichte. In: Rolf Schäfer (Hrsg.): Oldenburgische Kirchengeschichte. Isensee, Oldenburg 1999, ISBN 3-89598-624-0, S. 120ff. Neben ihrem militärischen Nutzen zeugt der (Aus-)Bau von Burgen auch von einem erstarkenden Standesbewusstsein: Die Häuptlinge rückten sich so in die Nähe des Adels, wie er im übrigen Deutschen Reich existierte, und verstärkten damit ein weiteres Mal die Kluft zu den Bauern, die nun als undersaten, als Untertanen, betrachtet wurden.Schmidt (2005), S. 89. Von außerhalb Frieslands gesehen war ein Hovetling bisweilen ein nobilis (Edeling); so wird Sibo Herringa von der Attamansburg in einer 1404 in Bremen ausgestellten Urkunde genannt. Die Häuptlinge konnten es leicht mit den Niederadligen außerhalb Frieslands aufnehmen, was ihren Reichtum betraf, ihre Freiheit und Unabhängigkeit.Almuth Salomon: Führungsschichten im Jeverland (= Oldenburger Schriften N.F. 19). Isensee, Oldenburg 2004, S. 80. Darüber hinaus muss berücksichtigt werden, dass in den berühmten 17 Küren vom Ende des 11. Jahrhunderts in der 7. Küre ausdrücklich festgestellt wird, dass König Karl allen Friesen nobilitatem et libertatem, etheldom and frihels, das heißt Edeltum und Freiheit, verliehen hat. Es galt jeder frei geborene Friese als adelsgleich,Almuth Salomon: Führungsschichten im Jeverland (= Oldenburger Schriften N.F. 19). Isensee, Oldenburg 2004, S. 7. obschon dies dem Gedanken des Adels als einer Minderheitselite an sich widersprach. Im Gegensatz zu den nobiles Frieslands war der niedere Adel im übrigen Reich jedoch meist unfreier Herkunft (Ministeriale). Die Frage, ob sich die Häuptlinge nachträglich als Adel einstufen lassenJ. Ch. H. Gittermann: Beninga. In: J. S. Ersch / F. G. Gruber (Hg.): Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste. Band IX (Bene-Bibeh). Leipzig. 1822. S. 31. oder doch eher dem Nichtadel zugehörig schienen,Carl Woebcken: Die Abstammung Fräulein Marias. In: Jeversches Wochenblatt (Jever). Nr. 205 vom 2. September 1938. S. 7. blieb in der Forschung umstritten. Steuern blieben jedoch unter der Herrschaft der Häuptlinge weiterhin unbekannt, einen großen Teil ihres Lebensunterhalts gewannen die Hovetlinge durch Seeraub.Dieter Zimmerling: Störtebeker & Co. Die Blütezeit der Seeräuber in Nord- und Ostsee. Die Hanse, Hamburg 2000, ISBN 3-434-52573-4, S. 223f. Zudem begannen sich recht bald zwischen den Häuptlingsfamilien Fehden zu entwickeln, die bis zu kriegerischen Auseinandersetzungen anwachsen sollten. Zur Finanzierung dieser Streitigkeiten diente das Kapern von Schiffen ebenso wie das gezielte Strandenlassen von Kauffahrern mittels falscher Leuchtfeuer. Das Strandrecht garantierte den Häuptlingen die Erlaubnis, das Strandgut in Besitz zu nehmen. Weitere Einnahmequellen für die Häuptlinge bildeten bäuerliche Eigenwirtschaft sowie Verpachtung von Höfen und Ländereien, Teilhabe am Fernhandel und zunehmend auch der Verkauf ihrer Schutzgewalt an die undersaten.Schmidt (2006), S. 33.

Häuptlingsfamilien + Die wichtigsten ostfriesischen Häuptlingsfamilien um 1400 Hauptsitz Familie Broke / Marienhafe tom Brok Dornum Attena Emden Abdena Faldern Aildesna Appingen / Greetsiel / Norden Cirksena Innhausen / Östringen Tiarksena / Tiardesna Langwarden / Innhausen / Knyphausen Onneken, später zu Innhausen und Knyphausen genannt Lütetsburg / Pewsum Manninga Neermoor / LeerUkena Norden Idzinga (Burg Lintel), Aldersna (Burg Westlintel) Osterhusen Allena Rüstringen / Bant Wiemken (Papinga) Wittmund / Dornum Kankena Wirdum / Grimersum / Pilsum / Groothusen BeningaRodenkirchen / StadlandDide Lubben

tom Brok

Zu den größten Häuptlingsfamilien in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts gehörten die aus dem Norderland stammende Familie tom Brok, die bereits zur Zeit der Friesischen Freiheit zu den führenden Familien Ostfrieslands zählte. Ihre Machtpolitik übertraf alles bisher in Ostfriesland Gekannte: Durch Heirat erlangten die tom Brok die Herrschaft über das Emsigerland und stellten mit Keno I. tom Brok schließlich den ersten Häuptling im Brokmerland. Die Gebotsgewalt der tom Brok durchdrang zuletzt große Teile des östlichen Frieslands.

Wiemken, auch Papinga genannt, Beninga

Kenos großer Rivale war der Häuptling der Rüstringer Friesen sowie über Bant und Wangerland, Edo Wiemken der Ältere. Dieser errichtete 1383 in Bant die Edenborch, die spätere Sibetsburg. Sie war Vorbild für die Grimersumer Steinbauten der Beninga-Häuptlinge in der Krummhörn, dazu diente die Befestigung ab 1395 mehrfach dem Seeräuberbund der Vitalienbrüder als Zuflucht und Operationsbasis,Hartmut Roder: Klaus Störtebeker – Häuptling der Vitalienbrüder. In: ders. (Hrsg.): Piraten – Herren der Sieben Meere. Bremen 2000, S. 41. weshalb sich eine erste Strafexpedition der Hanse besonders gegen ihn richtete: Er musste am 4. Juli 1398 Lübeck, Bremen und Hamburg zusichern, dass er den Vitalienbrüdern seinen Schutz entziehen und sie aus seinem Gebiet weisen würde.

Tjarksena / Tiardesna

Burg Innhausen wurde um 1350 von Ino Tjarksena, Richter von Östringen, erbaut. Sein Sohn war Popko Inen Tjarksena († 1387), Häuptling zu Innhausen. Popko war ein ehemals loyaler Verbündeter des Edo Wiemken († 1415) und Schwiegervater dessen Sohnes Dodo.Tileman Dothias Wiarda: Ostfriesische Geschichte, Band 1, Aurich 1791, S. 342. Im Laufe von Streitigkeiten nach Dodos Tod wechselte Popko Inen die Seiten und verbündete sich mit Ocko dem Älteren tom Brok, der zu dieser Zeit Ostfriesland unter seiner Herrschaft zu einigen suchte. Edo Wiemken tötete Popko Inen im Streit darüber 1387 und eignete sich dessen Burg Innhausen an.Friedrich Alexander Bran, Johann Wilhelm von Archenholz: Minerva. Ein Journal historischen und politischen Inhalts, Band 2, Jena 1827, S. 222 f.

Onneken, später Innhausen und Knyphausen

1387 gab Edo Wiemken die Burg Innhausen Iko Onneken dem Älteren († 1454), dem Häuptling des benachbarten Sengwarden, der auch die Tochter des früheren Eigentümers Popko Inen Tjarksena, Hilleda Tjarksena, heiratete. Zugleich folgte Iko Onneken seinem Schwiegervater Popko Inen als Häuptling zu Innhausen nach. Iko Onneken war ein Enkel des Onneko (Unico, urkundlich um 1350) auf Burg Gödens, Häuptlings zu Langwarden, Gödens und Syllhues, der ein Stammesverwandter des Edo Wiemken war. Onnekos Sohn war Onneko Grote Onneken († 1405), der wegen seiner Statur den Beinamen Grote, der Große, trug. Er war Häuptling zu Sengwarden, Langwarden, Rodekerken, Gödens und Syllhues. Sein Sohn aus der Ehe mit Tiadera von Oldeborg, Sibeths Tochter, war Iko Onneken der Ältere, Vater Alkos des Bösen († 1474), Häuptlings zu Innhausen. Dessen Sohn, Folef Alksen Onneken († 1531), Häuptling zu Innhausen, erbte 1496 von seinem Vetter, Iko Onneken dem Jüngeren, Häuptling zu Knyphausen, die benachbarte Herrschaft Kniphausen und vereinigte so beide Herrschaften, nach denen sich das Geschlecht der Onneken dann nur noch zu Innhausen und Knyphausen nannte.Bran/Archenholz, Minerva, S. 223, und Genealogisches Handbuch des Adels, Band 28 der Gesamtreihe (= Gräfliche Häuser A, Band 4). C. A. Starke Verlag, Limburg (Lahn) 1962, S. 216 f.

Allena

Kenos I. tom Brok Sohn, Ocko der Ältere, vereinte nahezu ganz Ostfriesland unter seiner Macht. 1381 schwor er Herzog Albrecht von Bayern, Graf von Holland die Treue. Nach einer ergebnislosen Verhandlung mit dem Häuptling Folkmar Allena, der ihn in der Auricher Burg belagerte, wurde er ermordet (1391). In der Folgezeit übernahm seine Frau Foelke, die so genannte Quade Foelke (= „böse Foelke“), die Regentschaft für seine beiden unmündigen Söhne Widzelt und Keno II.

Abdena

Insbesondere die Fehden zwischen den tom Brok einerseits und Folkmar Allena von Groothusen sowie der Familie Abdena aus Emden andererseits bestimmten die ostfriesische Geschichte gegen Ende des 14. sowie zu Beginn des 15. Jahrhunderts. An der Spitze der Abdenas stand Hisko, der Propst von Emden.

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